Im damaligen Theatersaal der Kolmannskuppe, einem der größten des kolonialen Südafrika, stehen heute ausgestopfte braune Hyänen und verstaubte Barren und Böcke für Bodenturner; vergilbte Zeitungsartikel und Fotos künden von eiserner Disziplin in Reih und Glied. Pioniere, Pracht und Macht: Eine eigens angelegte Bahnlinie sorgte wochentags für Wassernachschub, und am Wochenende wurde Lüderitz zur Partyzone der Bergarbeiter, für die Deutschland ein eigenes Freibad und sogar ein modernes Spital baute. Heute haben sich die Wüstenwinde das Gelände zurückerobert, mit Sanddünen bis zur Decke im früheren Operationssaal, zerborstenen Fensterscheiben und morschen Stiegen, denen nicht mehr zu trauen ist. Und der Pool ist leer, was sonst.

1914 war die deutsche Ära Geschichte: Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde Lüderitz von südafrikanischen Truppen besetzt und mit Kriegsende Teil des von Südafrika verwalteten Mandatsgebiets Südwestafrika. Die Diamantenfelder gehören mittlerweile dem Konzern De Beers, der im südlichen Afrika eine Monopolstellung hält. Doch Deutschland, das sich seit 2016 offiziell zu seinem Völkermord an den heimischen Bevölkerungsgruppen der Nama und Herero bekennt und Reparationen in Aussicht gestellt hat, ist im Straßenbild weiterhin allgegenwärtig, auch wenn längst keines der Schulkinder mehr Deutsch lernt und weiße Namibier eine Minderheit darstellen.

"We stay Lüderitzbucht"

Im Selbstverständnis des jungen afrikanischen Staates Namibia (Unabhängigkeit 1990) soll das deutsche Erbe rasch verschwinden, wie Sebastian Geisler - Blogger und Journalist der Namibian Broadcasting Corporation - in TV-Beiträgen auf OneAfrica berichtet. Der namibische Präsident Hifikepunye Pohamba forciert seit 2013 die Umbenennung der abgelegenen Stadt am Atlantik in !NamiNus ("Umarmung" in der Sprache der Nama), um die deutsche Kolonialhistorie der Region zu überwinden. Doch nach massiven Protesten der Lüderitzer Bevölkerung (Parole: "We stay Lüderitzbucht") kam es nur zur Umbenennung des Wahlkreises, der Ortsname selbst bleibt für die rund 12.000 Einwohner erhalten.

Man lebt von Austernzucht und Export von Seegras, wartet auf einen weiteren Ausbau des Hafens und die endgültige Inbetriebnahme der neuen Eisenbahn, deren Schienenkörper längst fertig ist. Doch der erste Zug, der 2014 tatsächlich in Lüderitz einfuhr, sollte der bisher letzte bleiben - die dauernden Verwehungen draußen vor der Stadt erfordern teilweise Untertunnelungen, sagt Lore. Und die können dauern.

Zumindest eine Reduzierung der russischen Fischfangquoten wird erhofft, die Moskau für seine Unterstützung der Unabhängigkeitsbewegung Swapo erhalten hat. "Wir sind in erster Linie Buchter", sagt Lore, "die Hautfarbe spielt heute keine große Rolle mehr - egal ob Damara oder Deutsche, Schwarz oder Weiß". In Deutschland war sie noch nie - auch nicht ihre Kinder -, zu viel Regen dort, wie man hört, zu viel Lärm, zu viel Unruhe.

In der Pension Waterkant in der Bremerstraße spielt NBC gerade Peter Alexander, wieder einmal. Und Lüderitz, losgelöst von historischen Scharmützeln, ist heute bezaubernd, Dankeschön: Wenn dann der Abend kommt, und wenn es dunkel wird, dann ist Lüderitz wieder allein - eine adrette Bastion stramm-deutscher Historie am Ende der Welt, zwischen Nebelbänken und Diamantengruben, Springböcken und Sandhosen.