Wenn ein Mann in ein bestimmtes Alter kommt, dann sollte er sich einen Tempel zulegen. Meiner hat zwei Räder und Lichter vorne und hinten. Manche Leute glauben, es ist ein Motorrad. Aber ich weiß es besser. Ich setze mich fast jeden Tag drauf, um hinter die Geheimnisse zu kommen, die das Rad des Lebens laufen lassen. Dann gibt es nur noch den zerrenden und dröhnenden Wind, den rauen Sound des Motors und die Fliehkräfte in den Kurven, wenn ich eins bin mit dem Eisen und in Schräglage meine Kür absolviere.

Ich bin hinlänglich für meine Extra-Touren bekannt, auch weil der Weg das Ziel ist, und so nehme ich für einen Ausflug statt der langweiligen Autobahn lieber die Triester Straße, die schon vor langer Zeit genutzt wurde, als die alten Römer noch junge Römer waren. Und als der alte Biron noch ein junger Biron war, der mit seinen Eltern in einem roten R4 auf der 17er Bundesstraße Richtung Italien fuhr.

Um mich auf die Tour einzustimmen, geriet ich flugs ins Googeln. Ich tippte den Suchbegriff "Triester Straße" ein und bekam den Vorschlag "Triester Straße McDonalds Öffnungszeiten". Da beschloss ich, die Gegenwart hinter mir zu lassen, das Eisen als Zeitmaschine zu verwenden und eine Reise in vergangene Jahrhunderte ohne Internet-Unterstützung zu unternehmen.

Der luftgekühlte Motor schob mit beeindruckender Potenz an, und ich verließ den Matzleinsdorfer Platz mit einem guten Gefühl. Je schneller ich nach vorne fuhr, umso mehr kam ich der Vergangenheit entgegen. Die Farben änderten sich - und die Gerüche. Ich cruiste vorbei an der Spinnerin am Kreuz am Wienerberg und sah die Galgen, an denen ein paar Gehenkte zur Abschreckung baumelten. Hier wurde vor dreihundert Jahren die erste Frau öffentlich hingerichtet.

Verlorener Highway

Ich zog den Berg hinunter, vorbei am McDonalds - und ließ auch all die Motorrad- und Autohändler links liegen, die Sonnen- und Nagelstudios, die Night-Bars, Garten-Center, Shopping Malls und die Event-Pyramide.

Bald war ich in der Neunkirchner Allee, das ist eine lange Gerade mit traurigen Kreuzen und verrosteten Tankstellen am Straßenrand, ein verlorener Highway, der durch die nahe Südautobahn seine Wichtigkeit verloren hat. Und hier wurde ich auf einmal von Ferdinand Porsche überholt, der bei der Daimler-Motoren-Gesellschaft in Wiener Neustadt einen Rennwagen konstruiert hatte und ihn in der Neunkirchner Allee ausprobierte. Auf dem Beifahrersitz grinste Porsches Chefmechaniker, der schon bald danach weltberühmt wurde - unter dem Namen Josip Broz Tito.