"Während der indonesischen Besatzungszeit wurde hier keine Rupie investiert - und als sie nach unserem Unabhängigkeitsreferendum endlich abzogen, hinterließen sie verbrannte Erde", sagt Bürgermeister da Silva. Nach blutig niedergeschlagenen Protesten und eskalierender Gewalt mit Zehntausenden Toten stimmten am 30. August 1999 fast 80 Prozent aller Wahlberechtigten gegen den Verbleib im indonesischen Staatenverbund. Ein neues Land erschien auf der Weltkarte. Und als es endlich seine volle Souveränität gewonnen hatte, lagen 70 Prozent seiner wirtschaftlichen Infrastruktur am Boden. Zerstört von pro-indonesischen Milizen sowie abziehenden Armeeangehörigen.

Von der schmerzhaften Abnabelung von vor 20 Jahren ist heute wenig zu spüren. Indonesien tritt vielmehr als gewichtiger Geschäftspartner in Erscheinung und liefert dem abtrünnigen Nachbarn fast alles - gegen Bezahlung, versteht sich. Der Jahrhunderte andauernden Fremdbestimmung möchte die Regierung in Dili autonomes Handeln entgegensetzen.

Es geht vor allem um einen ungehobenen Schatz vor der Küste: nämlich gewaltige Gas- und Ölvorkommen. Statt überstürzt die erstbesten Angebote zur Ausbeutung aus dem Ausland anzunehmen, will Timor-Leste die Ressourcen selbst nutzen. Noch ist es nicht so weit, noch mangelt es dem Staat an geeigneten Industrieanlagen.

Schwacher Tourismus

Das spiegelt sich auch in den Straßen der Hauptstadt wider. Rund 230.000 Einwohner zählt sie, viele Leute kennen sich namentlich. Dili wirkt wie ein großes Dorf, in dem es eines von landesweit zwei Postämtern gibt und in dem die Globalisierung einzig in Form von drei US-amerikanischen Hamburger-Restaurants angekommen zu sein scheint. Die Schnellrestaurants sind meist menschenleer und nur die junge Elite der Stadt hat sie als coolen In-Treffpunkt für sich entdeckt.

Rivalisierende Gangs in den Vororten Dilis, die sich über den unkontrollierten Zuzug aus anderen Landesteilen rekrutieren, sind die größte Bedrohung für die Einwohner der Hafenstadt. "Nach Einbruch der Dunkelheit benutzen wir lieber ein Taxi oder bleiben ganz zu Hause", sagt Romaldo da Custo. Etwa 38 Prozent der Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze und von weniger als 1,25 US-Dollar pro Person und Tag.

Der Tourismus, der angesichts exotischer Naturschönheiten viel Potential hätte, wird von der schlechten Erreichbarkeit des Landes gebremst. Eine internationale Fährverbindung gibt es nicht und "die Flüge nach Dili sind einfach zu teuer", klagt Gabriel Selesdra vom staatlichen Tourismusamt am Largo de Lecidere, dem von Palmen gesäumten paradiesischen Strand von Dili. Laut bunter Werbetafeln können Kunden mit der heimischen Air Timor zu zwei oder drei Destinationen fliegen, je nach Jahreszeit. Tatsächlich verkauft die virtuelle Staatsfluglinie lediglich Plätze auf den Jets ausländischer Fluggesellschaften.

Einmal täglich geht es ins aus-tralische Darwin, zweimal täglich heben die Flieger fast leer nach Denpasar im indonesischen Bali ab, zweimal die Woche gibt es eine Verbindung nach Kupang im indonesischen Westteil Timors. Die Tickets kosten je Richtung 200 bis 300 Euro - und damit etwa fünf hiesige durchschnittliche Monatslöhne. Wahrlich kein Pappenstiel und unerschwinglich für die meisten Menschen in Timor-Leste, die nach der gewonnenen Freiheit nun von der wirtschaftlichen Entwicklung träumen.