Vor einigen Jahren las ich zum ersten Mal von einem Gebiet in Ungarn, das die Leute die Schwäbische Türkei nennen. Der geheimnisvolle Klang zog mich an: Schon hatte ich einen schwäbischen Muezzin, der mich mit seinen Rufen, einer Mischung aus orientalischen islamischen Formeln und heimeligen alemannischen Diminutiven, vom Minarett einer Moschee aus gründlich gefertigtem Fachwerk in das unbekannte Land lockte, vor meinem inneren Auge. Da musste ich schmunzeln. Bevor ich noch zu erahnen versuchte, wie die Schwäbische Türkei zu ihrer Bezeichnung gekommen sein mochte, hatte ich mich entschieden, einmal dort hinzufahren.

Auf einer offiziellen Landkarte ist die Schwäbische Türkei nicht zu finden. Allerdings in den Geschichtsbüchern. Ich mache mich auf den Weg.

Nach der erfolglosen Belagerung Wiens 1683 und dem darauffolgenden Großen Türkenkrieg (1683-1699) mussten die Türken, deren Herrschaft über das Gebiet rund 150 Jahre währte, Schritt für Schritt aus Ungarn zurückweichen. Weite Ländereien fielen den Habsburgern in die Hände, deren kaiserliche Truppen in der Schlacht bei Mohács (deutsch Mohatsch) 1687 einen wichtigen Sieg gegen das osmanische Heer errungen hatten. In jenem Winkel, den die Drau im Süden, die Donau im Osten bilden und der im Nordwesten vom Plattensee zu einem Dreieck geschlossen wird, der Schwäbischen Türkei, waren freilich weite Landstriche verwüstet, verödet, versumpft und entvölkert worden.

Südtransdanubien

Der Begriff "Schwäbische Türkei" spiegelt die starke Verbundenheit der Deutschen mit dem Gebiet wider, das im 17. Jahrhundert, als es von den Türken besetzt war, als "Törökország", also Türkei, bezeichnet wurde. Das Adjektiv "schwäbisch" kam später nach der Einwanderung, vorwiegend aus Südwestdeutschland bis zur Rhön, hinzu. Auch Schwaben kamen in dieses Gebiet, das heute mit einer Fläche von rund 15.000 Quadratkilometern die Komitate Tolna (Tolnau), Baranya (Branau) und Somogy (Schomodei) umfasst, an. Die Schwäbische Türkei, deren Grenzen historisch nicht konstant waren, ist die größte deutsche Sprachinsel im heutigen Ungarn.

Hauptmotiv für die Auswanderung der deutschen Migranten, häufig arme Häusler, Handwerker oder Kleinbauern, für deren Rekrutierung Werber ausgeschickt wurden, war nach Missernten und Kriegsfolgen in der Heimat, stets das Vertrauen in eine bessere Existenz, die Aussicht auf eine Verbesserung der persönlichen Lebenssituation, denn man konnte die Zuteilung von Grund und Boden, allerhand Privilegien, einen Arbeitsplatz oder den sozialen Aufstieg erwarten.