Als Beno Pascal am Morgen des 19. September 2017 vor sein Haus im Roseau-Valley trat, traute er seinen Augen nicht: Seine Nachbarschaft war völlig verändert. Dicke Schlammlawinen waren von den umliegenden Bergen herabgekommen und hatten alles unter sich begraben. Stromleitungen waren gekappt und es gab kein Fließwasser. Die Fahrt in die knapp 15 Autominuten entfernte Hauptstadt Roseau war nicht mehr möglich.

Was Pascal, der mit seinem Auto Touristen über und um die Insel führt, zu diesem Zeitpunkt nicht wusste, war, dass mindestens 30 Menschen in dieser Nacht ihr Leben verloren und 90 Prozent der Infrastruktur des knapp 750 km2 großen Eilands mit seinen rund 74.000 Einwohnern völlig vernichtet wurde. Vor dem Kontakt mit der Insel hatte der Wirbelsturm "Maria" innerhalb weniger Stunden so massiv an Intensität zugenommen, dass er mit einer Geschwindigkeit von 260 km/h auf die Küste traf. Die Schäden wurden auf etwa 1,4 Mrd. US-Dollar geschätzt.

Was nach dem Wirbelsturm von einem Schulbus übrig blieb . . . - © Weitlaner
Was nach dem Wirbelsturm von einem Schulbus übrig blieb . . . - © Weitlaner

"Maria" zerstörte 4500 und beschädigte 24.000 Gebäude. Zudem wurde die gesamte Ernte vernichtet und viele Fischer verloren ihre Boote. Auf den Bergflanken wurden Jahrhunderte alte massive Bäume wie Streichhölzer geknickt. Die Sturmböen waren im Tal hinter der Hauptstadt allerdings nicht so stark spürbar gewesen, daher konnte Pascal nichts vom Ausmaß der Katastrophe ahnen.

Im Juni 2019 sieht man nur an manchen Stellen noch die Spuren von "Maria". Die gesamte Infrastruktur wurde komplett wiederhergestellt. Das Hoffen auf einen schnellen Neustart hat sich in erstaunlich kurzer Zeit erfüllt. Ein Großteil der Wiederauferstehung ist dem umsichtigen und vorausdenkenden Premierminister Roosevelt Skerrit zu verdanken. Er schaffte das Unmögliche und blieb selbst während der schwersten Stunden ein direkter Ansprechpartner seines Volkes.

"Dass kleine Inselnationen wie Dominica besonders anfällig für Naturkatastrophen sind, ist den Siedlern seit vielen Jahrhunderten bewusst", meint der Historiker Lennox Honychurch, der die Geschichte seiner Heimat wie aus der Westentasche kennt. Gerne verweist er auf einige der ältesten Gebäude, etwa das Fort Shirley im Cabrits Nationalpark, das um 1770 nahe der Hafenstadt Portsmouth errichtet wurde.

Naturereignis Dschungel - © Weitlaner
Naturereignis Dschungel - © Weitlaner

Honychurch hat sich eigenhändig um die originalgetreue Wiederherstellung des Haupthauses gekümmert. "Diese Gebäude haben den Wirbelsturm ,Maria‘, ebenso wie alle anderen Hurrikans in den Jahrhunderten zuvor, überstanden", so der Historiker. "Aus den Aufzeichnungen der Vergangenheit lässt sich viel für die Zukunft ableiten: Eine Schlussfolgerung davon ist, wie man nachhaltig und vor allem auch richtig baut."