Auf der südlichen Seite des Flusses Esk, an dessen Mündungshängen die Stadt aufsteigt, nur einige Gehminuten vom Cook Memorial entfernt, stehen hoch über dem Meer die Ruinen von Whitby Abbey. Gut achthundert Jahre lang behauptete sich die Abtei als spirituelles Zentrum Nordenglands, bis sie unter König Heinrich VIII. dem Verfall überlassen wurde; zumindest das Skelett des Kirchenschiffs steht dank einer Restaurierung in den 1920ern noch heute majestätisch im Wind. Ein Mann namens Caedmon träumte hier im 7. Jahrhundert die ältesten erhaltenen Verse in englischer Sprache. Eine Bildsäule unweit der Abtei, gleich neben den 199 Stufen, die vom Esk hinaufführen, erinnert an den Hirten und Laienbruder.

Die Ruinen von Whitby Abbey über der Stadt. - © Andreas Tesarik
Die Ruinen von Whitby Abbey über der Stadt. - © Andreas Tesarik

Sie markiert auch den Eingang zum Friedhof von Whitby, rund um die Kirche Saint Mary’s. Windschief stehen die Grabsteine auf dem sattgrünen Rasen. "The memory of Henry Bennison, Master-Mariner, who departed this life November the 20th 1824", steht darauf zu lesen, oder: "Edward Spencelagh, Master-Mariner, murdered by pirates off the coast of Andros, April 1854".

Darüber können manche aber nur spotten. "All die Steine, die aus Stolz den Kopf hoch tragen, stehen schief - fallen einfach um unter dem Gewicht der Lügen, die auf ihnen stehen. ‚Hier ruht‘ oder ‚Dem geheiligten Andenken‘ steht auf allen, und dabei liegt nicht einmal unter der Hälfte davon auch nur eine Leiche begraben; und um ihr Andenken schert sich keiner auch nur einen Deut und heilig ist es ihnen noch weniger. Alles Lügen, nichts als Lügen, so oder so!"

Die beiden Besucherinnen sind erstaunt. Der alte Mann, an die hundert soll er sein, teilt sehr nachdrücklich seine Erinnerungen und seine Wut mit den jungen Damen aus London. Lucy Westenra hat ihre Freundin Mina Murray zu sich eingeladen, während Minas Verlobter Jonathan Harker im tiefsten Osteuropa ein Immobiliengeschäft abwickelt.

Epischer Seesturm

Die beiden Freundinnen logieren am Crescent auf der anderen, nobleren Seite des Flusses, doch sie kommen gerne auf den Friedhof, um die Aussicht zu genießen. Ihre liebste Sitzbank liegt ausgerechnet über dem Grab eines Selbstmörders. Und es ist auch diese Bank, auf der Mina, spätnachts im Mondenschein, die somnambule Lucy finden wird, bleich und dem Tode nah. War nicht eben noch eine dunkle Gestalt über die Unglückliche gebeugt?

Ein makaberer Aussichtplatz: der Friedhof bei der Kirche Saint Mary’s. - © Andreas Tesarik
Ein makaberer Aussichtplatz: der Friedhof bei der Kirche Saint Mary’s. - © Andreas Tesarik

7. August, in einem der letzten Jahre des 19. Jahrhunderts: Ein Sturm, wie man ihn noch nicht erlebt hat, peitscht die Nordsee. Boote und Schiffe haben sich in Whitbys schützenden Hafen gerettet. Alle bis auf eines: Weit draußen kämpft sich ein Schoner durch das Unwetter. Doch plötzlich nimmt er Fahrt auf, schießt unter vollen Segeln zwischen den beiden Molen hindurch in das Hafenbecken und setzt den Kiel auf das sandige Ufer gleich unterhalb von Lucys und Minas Aussichtsplatz. Ein riesiger Hund springt von Bord, läuft zum Friedhof hinauf und verschwindet in der Dunkelheit. An Bord der "Demeter" wird keine Menschenseele gefunden; der Kapitän hängt festgebunden und tot am Steuerrad, sein Logbuch berichtet von Todesfällen, Angst, Wahnsinn und einem "Teufel oder Ungeheuer" an Bord.

Erstausgabe von Bram Stokers Vampirroman (1897). - © Archiv
Erstausgabe von Bram Stokers Vampirroman (1897). - © Archiv

So meldet es ein Korrespondent des "Daily Telegraph"; doch sein Bericht ist erfunden. Er stammt, wie auch Mina, Lucy und der polternde Hundertjährige, aus Bram Stokers Roman "Dracula", womit wir, nach Caedmon und James Cook, beim dritten berühmten, nun ja, nicht gerade Sohn der Stadt wären, denn geboren wurde dieser irgendwo in Transsylvanien. Zumindest haust er dort, dieser Graf Dracula, als ihm Jonathan Harker ein Grundstück in London verkauft. Nach England gelangt Dracula in einer Kiste, gebettet auf heimatliche Erde, an Bord eben jenes Schoners "Demeter", dessen Mannschaft nach und nach seinem vampirischen Hunger zum Opfer fällt. An Land springt er in Hundsgestalt (Vampire können das), und bevor es nach London geht, rastet Dracula noch ein wenig in einem Grab des Friedhofs von Whitby, auf dem sich nachts die Schlafwandlerin Lucy Westenra einfindet.