Wo sich Krisen häufen, entsteht ein eigenartiges Biotop für Verzerrungen, Vereinfachungen, Verschwörungen. Die Bandbreite reicht von der Infragestellung der Mondlandung bis zur These, Corona sei eigentlich eine Erfindung der Pharmalobby. Die Anschläge vom 11. September 2001 gelten einigen als mediale Chimäre, die, wie Insider wissen, sowieso von den Freimaurern inszeniert wurde. Wem das noch nicht genug ist, findet in der vermeintlichen Islamisierung Europas, die westliche Politiker angeblich vorantreiben, eine ultimative Welterklärung.

Kurzum: Gerade in Zeiten, die uns ein hohes Maß an Abwägung und Urteilsvermögen abfordern, treiben Fake News bizarre Blüten. Warum? Weil sie Komplexität reduzieren und Differenzierungen meiden. Die meisten Nonsens-Theorien mag man schnell erkennen. Andere hingegen erfordern investigatives Geschick, um sie zu entlarven. Akribie und analytischer Sachverstand erweisen sich daher als die Schlüsseltechniken unserer Tage. Nur können wir sie erlernen, wenn wir nicht gerade zur wissenschaftlichen oder journalistischen Community gehören?

Vielleicht hilft ein sehr altes Rezept, nämlich das Lesen. Denn was uns Autoren im Laufe der Literaturgeschichte so alles weisgemacht haben, basierte allzu häufig kaum auf Faktenlagen. Überhaupt gäbe es nicht einmal richtige Literatur ohne die Ingredienzen aus Lug und Trug. Zum einen, weil Literatur oft um das Andere und Fremde kreist und die Realität sowieso in Fiktionalität überführt, zum anderen, weil man nicht jeder Geschichte blind vertrauen kann. Die Rede ist dann vom unzuverlässigen Erzähler, einem Meister in Sachen Flunkern und Faktenverdrehung. Er führt uns zumeist hinters Licht und hilft uns zugleich dabei, ein Sensorium für das Falsche und Richtige zu entwickeln. Literatur kann mithin als Medium der Aufklärung fungieren.

Flunkernder Baron

Man mag es kaum glauben, aber insbesondere die Galionsfigur unzuverlässiger Rede, Baron von Münchhausen, lässt sich als Lehrmeister der Wahrheit begreifen. So beschreibt es zumindest Anna von Münchhausen, eine Nachfahrin des echten Geschichtenerzählers und Militärs, dessen 300. Geburtstag sich nunmehr jährt, in ihrer literarischen Annäherung an den Urahn: "Der Lügenbaron". Gegen die Etikette des notorischen Blendertums "diente", so die Autorin, "das fabulierende Übertreiben einem Zweck. Er wollte Angeber und Aufschneider bloßstellen, sie ausstechen." Gerade junge Rekruten, die im Wirtshaus meinten, sich als Fronthelden zu gerieren, habe er durch aberwitzige Storys mit allerlei Überzeichnungen und Karikaturen demaskieren wollen.

Dabei provozierte Münchhausen seine Zuhörer zum Gebrauch der Vernunft: Sei es die Geschichte vom Ritt auf der Kanonenkugel, jene vom geteilten Pferd oder die Mär vom eigenen Schopf, an dem sich der Abenteurer selbst aus dem Sumpf gezogen haben soll - gerade indem zumindest der literarische Protagonist Widersinnigkeit als Wirklichkeit deklariert, hält er die Menschen zum kritischen Nachdenken an.

Viele Anekdoten sollen der historischen Figur allerdings nur zugeschrieben sein. Denn zu echter Prominenz gelangte der ehemalige Soldat des Russlandfeldzuges erst durch eine von Gottfried August Bürger herausgegebene Geschichtssammlung unter dem Titel "Wunderbare Reisen zu Wasser und zu Lande, Feldzüge und lustige Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen" (1785).

Wie seine Nachfahrin auch im Rahmen ihrer im Buch dargelegten Recherchen und Gespräche mit "Münchhauseologen" (gibt es wirklich!) dokumentiert, hat der Schriftsteller der Aufklärung so manches dem realen Münchhausen zugedichtet. Sicherlich ein Treppenwitz der Geschichte: Ein Freiherr, der die Lügereien anderer offenlegen wollte, wurde im Laufe der Jahrhunderte zum Archetypus narrativen Betrugs.

Mit Nacherzählungen der prominentesten Unsinnsbegebenheiten und Erinnerungen weiterer Nachfahren, denen der Name bei Zollkontrollen oder im Alltag immer wieder auch zur Feuertaufe wurde, legt Anna von Münchhausen ein amüsantes, wenn auch manchmal ein wenig seichtes Buch vor, das sich jedenfalls passgenau in unsere Zeit fügt. Die Causa ihres Vorfahrens mag die fiktionale Kraft der Literatur wohl am Offensichtlichsten veranschaulichen. Doch blickt man auf das vergangene Jahrhundert zurück, lassen sich noch weitaus subtilere, aber nicht minder wirkungsstarke Beispiele unzuverlässigen Erzählens finden.

"Der Prozess" in der Erstausgabe von 1925. - © CC H.-P.Haack
"Der Prozess" in der Erstausgabe von 1925. - © CC H.-P.Haack

Besonders in den Werken des Prager Autors Franz Kafka kommt dessen ganze Tragweite zum Ausdruck. In Prosaschriften wie etwa "Der Prozess" (postum) bindet er den Leser immer wieder an die subjektive Sichtweise seines vermeintlich so aufrichtigen wie unauffälligen Antihelden. Während wir zunächst annehmen, Josef K. sei der Inbegriff von Tugend in den Fängen eines tyrannischen Weltgerichts, das jeden Unschuldigen allmählich zum Sünder erklärt, lässt einen eine genaue Lektüre stutzig werden. Die Wirklichkeit könnte sich, wie das merkwürdige Aufwachen des Protagonisten zu Beginn durchaus nahelegt, eventuell sogar gänzlich als Traum entpuppen. Was Josef K. also wahrnimmt, kann man nicht als gesicherte Fakten ansehen.

Verunsicherte Epoche

Berechtigt fragen sich heutige Rezipienten und allen voran die unzähligen zur Kafka-Auseinandersetzung animierten Schüler, was das Ganze soll. Welcher Anspruch verbirgt sich hinter der erzählerischen Verunsicherung? Sowohl im Fall Münchhausen als auch in den Texten Kafkas schärft die kunstvoll inszenierte Unzuverlässigkeit das Sensorium für Stimmungen und Widersprüche einer Epoche. Als Kafka lebte, befand sich die westliche Hemisphäre auf allen Ebenen im Umbruch. Sigmund Freud verwies den Menschen durch die Entdeckung der Psychoanalyse aus dem eigenen Seelenraum; dass er längst nicht mehr als die Krone der Schöpfung zu gelten habe, machte Charles Darwin mit seiner Evolutionstheorie deutlich; und Friedrich Nietzsche stürzte überdies noch Gott und alles, woran der Mensch glaubte, in den Orkus.

Zwischenfazit: Die zerbrechende Zeit, der rissige Grund einer ganzen Ära spiegelt sich in einem narrativen Konzept aus Paradoxien und Scheinhaftigkeiten. Wo nichts mehr als gesichert gelten kann, lässt sich auch in der Literatur keine Gewissheit mehr finden.

Kafkas Zeugnisse erweisen sich als Paradebeispiele einer spätestens seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert sich immer weiter verfestigenden Skepsis gegenüber der Wahrheit. Von Robert Louis Stevensons "Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde" (1886) bis Max Frischs "Stiller" (1954) reicht die Prosa im Zeichen der Trübung unserer Wahrnehmung und Sinne. Nicht selten kippt Klarheit in Wahnsinn, und mit der Erosion unserer Erkenntnisfähigkeit für die Vorgänge in der Realität verschaffen sich monströse Erscheinungen mehr und mehr Raum in der Literatur. Man denke etwa an Dennis Lehanes Psychothriller "Shutter Island" (2003, 2010 verfilmt) über einen Mörder, der sich aus Selbstschutz in eine krude Verschwörungstheorie verstrickt, in der seine Umgebung von Altnazis infiltriert ist.

Wertefundamente lösen sich auf, Orientierungen werden fragwürdig - das unzuverlässige Erzählen vermittelt uns durch seine Form die teils großen, teils kleinen Erschütterungen in Gesellschaft, Kultur und Politik.

Es macht uns auch wachsam für Manipulationen, wenn es uns die Folgen schleichenden Selbstbetrugs spürbar werden lässt, den wir alle an der einen oder anderen Stelle unseres Lebens vollziehen. Denn ohne ein Quantum Verdrängung ließen sich all die Gewalt und all der Schmerz in der Welt kaum ertragen - ein trügerisch heilsames Versprechen, das beispielsweise auch die tragische Hauptfigur Kazuo Ishiguros Roman "Was vom Tage übrigblieb" (1989) an den Tag legt.

Hierin berichtet ein Mann von seinem Leben als loyaler Butler auf einem Landsitz in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Während sein Dienstherr die Appeasement-Politik gegenüber Hitler verteidigt, bezieht der stets diskrete Hausangestellte keinerlei Distanz zu ihm und wird dadurch zum Sinnbild des verheerenden Wegschauens von den Verbrechen der Faschisten.

Heuchelnder Erzähler

"Lolita" in der Erstausgabe von 1955. - © Archiv
"Lolita" in der Erstausgabe von 1955. - © Archiv

Noch fataler fällt die Ich-Lüge in dem vielleicht prominentesten Beispiel literarischer Täuschung aus: Vladimir Nabokovs "Lolita", einer ingeniösen literarischen Tat, beginnend mit den Worten: "Lolita, Licht meines Lebens, Feuer meiner Lenden. Meine Sünde, meine Seele. (...) Sie war Lola in Hosen, Dolly in der Schule (...). Aber in meinen Armen war sie immer Lolita."

Wer hier schreibt, ist keineswegs eine Figur, die zur Identifikation einlädt, sondern ein sich an einem Mädchen vergehender Päderast. Erst langsam wird dem Leser im Laufe der Lektüre bewusst, dass die "Liebe" des Protagonisten Humbert Humbert sehr einseitig ausfällt. Jahrelang vergeht er sich an seiner Stieftochter, verbirgt jedoch sein Handeln hinter einer schillernd-schönen Rhetorik. Zum Ausdruck kommt das Scheitern eines Intellektuellen an der Kontrolle seiner Triebe, der Sieg der bloßen Leidenschaft über Geist und Moral.

Manche Bücher lehren uns Ethik, andere lassen uns politische Verhältnisse überdenken, viele offerieren uns kurzweilige Unterhaltung oder schlichtweg ästhetischen Genuss. Und wieder andere geben uns Einblicke in die Psyche des Menschen und erfassen Tiefebenen der Conditio humana. Zu Letzteren zählen durchwegs Romane, die das unzuverlässige Erzählen in den Mittelpunkt rücken. Sie bringen unsere Widersprüche zum Vorschein und belegen, wie trügerisch die scheinbare Wirklichkeit und die Annahme gefestigter Wahrheiten sein können.

Negiert werden Letztere allerdings nicht. Es wäre demnach ein Trugschluss, die erwähnten Texte als Vorlage für die Epoche der Fake News anzusehen. Die Wahrheit gibt es schon, man muss sie lediglich aufdecken. Ihr auf die Spur zu kommen, lehrt uns das unzuverlässige Erzählen, das schlussendlich nur die Perfidie sogenannter alternativer Fakten vor Augen führt.