Helmut Qualtinger hatte keine Lust, ein strammer Luftwaffenhelfer zu sein. Ihn interessierte nicht die Reichweite der Funkmessgeräte 39 T, sondern wie er einen Saal für eine Theateraufführung mieten könnte. Zunächst stand aber militärischer Schliff auf dem Spielplan, unbedingter Gehorsam und befohlene Kameradschaft. Es war eine blutige Erfahrung. Direkt neben ihm starben vier 15-jährige Kameraden. Ein anderes Mal musste er zusehen, wie ein Offizier eine Gruppe junger Luftwaffenhelfer ungeschützt ins "Feindfeuer" laufen ließ.

Helmut reagierte auf die Symphonien des Krieges mit Panik. Andauernd war er nervös, bekam stechende Magenschmerzen, sobald die Sirenen heulten. Wenn es rundherum zu krachen begann, zog er einen Nestroy-Band aus der Tasche und versank darin. Im Schülertheater des Gymnasiums Stubenbastei hatte er - begünstigt von seinem Deutschlehrer - Nestroys "Judith und Holofernes" gespielt. Die Rolle des Holofernes hatte er in eine Hitlerparodie umfunktioniert.

Schutzengel Nestroy

Insgeheim liebäugelte er bereits damit, Schauspieler zu werden: "Ich bin während eines Luftangriffs allein im Wienerwald spazieren gegangen und hab’ Nestroy gelesen." Seine Neigung zum Übersinnlichen ließ ihn Nestroy sogar als seinen Schutzengel sehen: "Am 10. September 1944 rettete mir ein Spaziergang mit Nes-troy das Leben!" Helmut war nicht in der Wohnung, als das Haus, in dem die Qualtingers wohnten, von einer Fliegerbombe getroffen wurde. Man übersiedelte geschockt zu Bekannten, doch schon wenig später fielen auch dort Bomben.

Und ein weiteres Mal wurde das Haus zerstört, in dem die Familie Unterschlupf gefunden hatte. "Der Helmut zieht die Bomben an", ätzten die Freunde. Um dieser Gefahr zu entgehen, wollte die Mutter mit dem Sohn zu Bekannten in die Provinz fahren, aber Helmut blieb in Wien.

Irgendwie war es ihm gelungen, eine Nestroy-Inszenierung für Angehörige und Soldaten zu verwirklichen. An seiner Seite war der Luftwaffenhelfer Walter Kohut, der Jahre später als Schauspieler mit Qualtinger im Fernsehfilm "Geschichten aus dem Wienerwald" brillierte. Die Akteure hatten Lampenfieber, und ein junger Maler und Anstreicher gab dem Bühnenbild den letzten Schliff. Es war Kurt Sowinetz, der später als Schauspieler auch am Wiener Burgtheater Erfolge feierte. Das Premierenpublikum strömte in den Turnsaal der Komenski-Schule, um Nestroys "Nur keck" zu sehen - mit Helmut Qualtinger in der Hauptrolle.

Fast schon 20: Helmut Qualtinger im Jahr 1948. - © Privatarchiv Vera Borek-Qualtinger
Fast schon 20: Helmut Qualtinger im Jahr 1948. - © Privatarchiv Vera Borek-Qualtinger

Der Kampf um Wien verhinderte weitere Experimente am Theater. In Wolfgang Kudrnovskys Buch "Vom Dritten Reich zum Dritten Mann" erinnerte sich Regisseur Gustav Manker: "Kennengelernt habe ich ihn während des Krieges. In einem Tunnel des Türkenschanzparks, der als Luftschutzkeller diente. Immer, wenn Alarm gegeben wurde, flüchteten hunderte Menschen in die ‚Türkenschanze‘. Eines Tages saß ein mageres, blondes Bürscherl neben mir. Der vor Angst zitternde junge Mann las ein Buch von Rainer Maria Rilke - es war Helmut Qualtinger. Später hat er immer bestritten, jemals Rilke gelesen zu haben."

Als die Sowjets Wien besetzten, war der Krieg endlich vorbei. Helmut Qualtinger war 16 Jahre jung und wanderte durch das zerbombte Wien. Er trug eine rote Armbinde und auf der Brust einen großen Sowjetstern. Er suchte die Nähe von Schauspielerinnen und Schauspielern und erzählte, dass er vom kommunistischen Bürgermeister von Wien zum Theaterkommissar ernannt worden sei.

Eulenspiegel von Wien

Im Mai 1945 wurde er verhaftet. Drei Monate lang saß er in einer dunklen Zelle in der Roßauer-Kaserne. Als es seiner Mutter Ida gelang, den verschollenen Sohn, über dessen Verbleib niemand etwas zu wissen schien, endlich ausfindig zu machen und freizubekommen, wog er bloß noch 48 Kilo.

Jahre später erzählte Qualtinger, dass er damals aus politischen Gründen verhaftet worden wäre. Nachdem ihn während des Krieges die Nazis gejagt hätten, wäre er "nach der Befreiung" von den Sowjets verfolgt worden.

Im September 2003 veröffentlichte "Der Standard" ein Interview mit Qualtingers Jugendfreund, dem Regisseur Michael Kehlmann, der sich daran erinnerte, dass Helmut eines Abends ins Foyer des Volkstheaters kam, sich mit "lautem, improvisiert russischem Kauderwelsch" als sowjetischer Theaterkommissar ausgab und das Haus kurzerhand zusperren ließ. Freche Aktionen wie diese begründeten Qualtingers Ruf als "Till Eulenspiegel von Wien", blieben für ihn aber ohne juristische Folgen. Was hat also zu Qualtingers Verhaftung geführt? Akten aus dem Archiv der Kommunistischen Partei Österreichs, die bis zum Jahr 2002 unter Verschluss waren, dokumentieren, wie es dazu kam.

Im Auftrag der Bezirksstelle 18 der KPÖ-Abteilung "Information und Kultur" schreibt "Genosse Heribert Kuchenbuch" am 2. Mai 1945 eine Nachricht an das Zen-tralkomitee der KPÖ, in der es heißt: "Ein Jüngling namens Qualfinger oder Qualtinger läuft mit dem Sowjetstern auf der Brust herum und gibt sich für einen russischen Zivilkommissar aus und behauptet, in dieser Eigenschaft ermächtigt zu sein, eine links gerichtete Theatergründung auf die Beine zu bringen. Er wirbt nicht nur unter den jungen Schauspielern, sondern sucht Größen des Burgtheaters, um, wie er sagt, mit ihnen Kontrakte zu schließen.

Er interessiert uns deshalb vor allen Dingen, weil wir selbst ein Volkstheater aufzustellen im Begriffe sind und besagter Jüngling Unruhe in die Kreise unserer Interessenten bringt. Er ist mir überdies dadurch bekannt, dass er wegen Talentlosigkeit und höchst auffälligem Benehmen bei der vorjährigen Prüfung unseres Reinhardt-Seminars, der früheren Schauspielschule des Burgtheaters, die jetzt provisorisch von mir geleitet wird, gänzlich durchgefallen ist. Ich bitte, uns über diesen Mann zu informieren. Rotfront!"

Die Antwort der Bezirksstelle lässt nicht lange auf sich warten: "Der junge Mann soll Hellmuth Qualtinger heißen und hat erzählt, dass er zuerst im Hochhaus wohnte und jetzt eine Villa in Währing beschlagnahmt hat. Er scheint von irgendeiner unserer Bezirksstellen legitimiert zu sein. Rotfront!"

ZK-Rundschreiben

Das Zentralkomitee nahm diese Causa offenbar ernst und verfasste am 10. Mai 1945 ein Rundschreiben an alle Wiener Bezirksleitungen, das die Genossinnen und Genossen aufforderte, "in allen Bezirksstellen und Sektionen nachzuforschen, ob ein Mann namens Helmuth Qualltinger oder Qualtinger registriert ist, gegebenenfalls seine Wohnadresse bekannt zu geben und anzuführen, welche Belege ihm seitens der KP ausgestellt worden sind".

Weitere Nachforschungen ergaben, dass Qualtinger im Büro der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik vom Geschäftsführer, Genossen Schlee, kostenloses Verlagsmaterial für ein neues kommunistisches Theater verlangt hatte. Zufällig war ein hoher Parteigenosse anwesend, und Qualtinger wurde zur Rede gestellt.

Der Parteigenosse schickte am nächsten Morgen eine Meldung an die KPÖ Stadtleitung: "Gestern Nachmittag war ich bei der Vorstandssitzung der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik. Plötzlich läutet es, der Leiter des Verlages, Gen. Schlee, wird hinausgerufen und erzählt bei seiner Rückkehr, dass gerade ein junger Mann namens Qualtinger bei ihm gewesen sei, um Material aus dem Verlag für das von ihm zu gründende kommunistische Theater zu holen. Ich konnte den Genannten noch erreichen und habe ihn gefragt, wieso er zu einer derartigen Tätigkeit legitimiert sei, etc. Er gab an: Er gehöre der Bezirksleitung XVII. Bezirk, Bez.Leiter Grusch an, (...) habe die Schauspielschule Niederführ in Schönbrunn absolviert und dort die Abschlussprüfung der Reichstheaterkammer bei Volters abgelegt. (Gen. Prof. Kuchenbuch hat schon berichtet, dass er nicht einmal die Aufnahmeprüfung bestanden hat.) Sein Freund sei ein gewisser Hofrichter, XVIII. Währingerstrasse 147, der ihn mit der kommissarischen Leitung eines Theaters und Kabaretts der KP betraue. Hofrichter sei ebenfalls KP. Dann wies er die Beilage vor, aus welcher er entnommen haben will, dass Bürgermeister Steinhardt ihm am 2. Mai 1945 Ermächtigungen erteile. (...) Von dem Rundschreiben gegen ihn hatte er schon durch den Unterbezirksleiter Holly Kenntnis, der ihm geraten haben soll, sich zu verstecken, da gegen ihn etwas im Gange sei. Er trägt eine rote Armbinde, auf die mit gelben Faden in russischer Sprache und Schrift ‚Theater-Kommissar‘ eingestickt ist."

Gründliche Befragung

Am 26. Mai erschien Qualtinger in der Abteilung für Agitation und Propaganda in der KPÖ-Stadtleitung und wurde dort gleich einmal gründlich befragt: "Wie aus den Akten hervorgeht, hat sich der Jugendliche Helmuth Qualtinger heute bei mir eingefunden. Er gibt an, dass ein Mann namens Hofrichter Leopold, wohnhaft Wien XVIII. Währingerstr. 147, der sich als Freund des Bürgermeisters Steinhardt ihm gegenüber ausgegeben hätte, und auch gesagt hätte, dass er für den Bürgermeister als sein Freund zeichnungsberechtigt sei, ihn beauftragt hätte, ein kommunistisches Theater zu gründen. Ich ließ den genannten Hofrichter rufen, der wieder erklärt, Qualtinger sei ein Schwindler, der verhaftet gehöre, allerdings erklärte er, dass die Unterschrift auf Beilage 6 seine eigene sei. Nur wisse er nicht mehr, wieso er dazu gekommen sei, für Bürgermeister Steinhardt zu zeichnen. Ich habe beide Männer dem Wachkommando Wasa-gasse 10 übergeben."

Die Befragungen in der Wasa-gasse brachte noch ein interessantes Detail ans Licht - nämlich "dass Qualtinger die in seinem Wehrpass unter Nachträge angeführte Untersuchungshaft von einem Monat KZ wegen politischen Vergehens als Fälschung zugegeben hätte, nachdem er sich vorher als früher politisch verdächtiger Kommunist bezeichnet hat, der eingesperrt gewesen wäre".

Am 30. Mai 1945 wurde Helmut Qualtinger in die Roßauer Kaserne überstellt. Ein Jahr später spielte er in Kellertheatern und auf Kleinbühnen und war im "Lieben Augustin" unter der Direktion von Carl Merz tätig. Es sprach sich in Wien schnell herum, dass da jemand agierte, der zugleich geistreich, witzig und faszinierend war; einer, der die Sympathien der Zuschauer gewinnen konnte.