Sein Wort war Gesetz, göttlicher Richtspruch, das Urteil, das Blitz, Donner oder Feier und Weihe sein konnte. Kein anderer hat das Bild des gefürchteten wie charismatischen Literaturkritikers derart geprägt wie Marcel Reich-Ranicki. Mit seinem Geburtstag am 2. Juni 1920, der sich nun zum 100. Mal jährt, begann nicht nur ein bewegtes Leben, sondern bald schon die Blütezeit des deutschsprachigen Feuilletons. Doch was war das Geheimnis dieses Mannes, dessen Maßstäbe und rhetorisches Raffinement samt dem typbildenden Sprachfehler so vielen im Gedächtnis geblieben sind?

Klar ist zunächst einmal: Er hat alle Chancen genutzt und wichtige Positionen, die er sich durch Genauigkeit, Stilsicherheit und gewiss preußische Disziplin erarbeitete, besetzt, um im Laufe der Zeit sein Kritiker-Pontifikat aufzubauen. Sein Tempel wurde die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", wo Reich-Ranicki als Literaturchef des damals wichtigsten Feuilletons die Diskurse bestimmen konnte. Während er Autoren wie Wolfgang Koeppen, Siegfried Lenz, Hermann Burger und Ulla Hahn fast heiligsprach, stürzte er andere wie Hubert Fichte, Alexander Kluge oder Peter Handke in den Orkus. Weder konnte er der Avantgarde etwas abgewinnen noch sich für Literatur mit theoretischen Ambitionen begeistern.

Dabei wird bei dem bald schon als "Literaturpapst" Betitelten jenseits vermeintlich dogmatischer Einstellungen eine markante Entwicklung offensichtlich. Verschrieb er sich zunächst der von Jean-Paul Sartre propagierten "littérature engagée", bezog Reich-Ranicki spätestens mit den Revolten der 68er zunehmend eine Position gegen die Politisierung der Literatur. Sein Wettern galt den vermeintlichen Kunstfeinden, jenen, die den belletristischen Text allein für Zwecke der Überzeugungsarbeit zu nutzen versuchten.

Vorliebe für Bernhard

Stattdessen richtete sich sein Augenmerk auf das Allzumenschliche, auf tragische Figuren, die sich mit den Härten des Schicksals konfrontiert sehen. Dies erklärt mithin auch seine Vorliebe für die Texte Thomas Bernhards, dem er im Gegensatz zu dessen Landsfrau, der späteren Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, großen Respekt zollte: Dessen "Arbeiten sind Berichte eines Leidtragenden, Konfessionen eines Besessenen. Und was immer er erzählt hat, sind Krankheitsgeschichten. Seine bohrende und hartnäckige Teilnahme galt den Gefährdeten und den Verlorenen, den Menschen, die vom Sog der Abgründe erfasst werden. Verbrecher und Wahnsinnige bevölkern seine Szene, Psychopathen und Neurastheniker, Mörder, Selbstmörder und Sterbende."

Was Reich-Ranicki forderte, waren reiche, vielgestaltige Charaktere. "Ihre Leiden", so der Gelehrte, "sprechen (...) von unser aller Leiden." Literatur als Medium der Selbstsuche und -erprobung stellte für ihn ein Ideal dar. Gerade Werke, die das Leiden an sich und an der Welt als anthropologische Grundkonstante ins Zentrum rücken, standen bei dem Literaturvermittler immer hoch im Kurs.

Blutarme Protagonisten hingegen, entworfen am Reißbrett, als Transporteure politischer Botschaften, waren ihm ein Graus, was auch Günter Grass zu spüren bekam. Nachdem sich die Wege beider lange Zeit immer wieder kreuzten, etwa bei verschiedenen bilateralen Treffen oder Zusammenkünften im Rahmen der Gruppe 47, wo der Journalist sich als Spontankritiker einen Namen machte, distanzierte sich Reich-Ranicki in seinen Rezensionen zunehmend von dem Autor, der neben Heinrich Böll für viele das moralische Gewissen der jungen Bundesrepublik Deutschland verkörperte. Etwa dessen Roman "Örtlich betäubt" setze bei den Figuren lediglich auf "Schemen" und "primitive Demonstrationsobjekte". Auch "Ein weites Feld" fiel aus ähnlichen Gründen bei Reich-Ranicki durch.

Nur selten gemeinsam auf einem Bild: Reich-Ranicki und Günter Grass, hier beim Literaturforums im jüdischen Gemeindezentrum Frankfurt (25.4.1995). - © dpa/Frank Kleefeldt
Nur selten gemeinsam auf einem Bild: Reich-Ranicki und Günter Grass, hier beim Literaturforums im jüdischen Gemeindezentrum Frankfurt (25.4.1995). - © dpa/Frank Kleefeldt

Ob überschwängliche Lobeshymnen oder die populären und unverwechselbaren Verrisse - die Proklamationen des Journalisten waren oft in aller Munde und erlangten insbesondere in der Spätphase seines Schaffens Berühmtheit, als Reich-Ranicki, schon im Ruhestand, die 1988 im ZDF ins Leben gerufene Sendung "Das literarische Quartett" zu seiner Bühne erklärte. Nun konnte man ihn sehen, wild gestikulierend, tobend oder bisweilen auch ganz verzückt. Selbst wenn Autoren hier aufs Schafott gerieten, war dies nur beste Werbung. Indessen hat sich der Kritiker nicht nur Freunde gemacht.

Martin Walser, der seine Wortklingen zu spüren bekam, schrieb mit seinem berüchtigten Roman "Tod eines Kritikers" (2002) einen chiffrierten Rachefeldzug gegen den ihn niederschmetternden Großrezensenten. Neben den Autoren musste auch Reich-Ranickis Mitdiskutantin Sigrid Löffler anlässlich eines Streits über "Gefährliche Geliebte" von Haruki Murakami im Sommer 2000 den harschen Zorn des Allmächtigen über sich ergehen lassen, woraufhin sie die Sendung verließ.

Sowohl die unbarmherzigen Tiraden als auch die Preisungen trugen zum nachhaltigen Erfolgskonzept Reich-Ranickis bei. Indem er die Literaturkritik aus ihrem intellektualistischen Korsett befreite, gelang ihm - in Nachfolge weniger heute noch bekannter Rezensenten wie Friedrich Sieburg, Alfred Polgar oder Alfred Kerr - eine zunehmende Popularisierung seines Metiers. Das Feuilleton sollte ein Forum der Aufklärung, der zugespitzten Debatten bieten. Noch mehr sollte es aber einen unterhaltsamen Zweck erfüllen. Gute Literatur begänne, wie Reich-Ranicki 1986 in einem Gespräch mit Peter von Matt äußerte, "beim Vergnügen, bei der Lust. Ich entscheide mich also für die epikureische Definition".

Mitreißende Kritik

Genau in der Komposition aus Unterhaltung, scharfzüngiger Argumentation und dem Gespür für existenzielle Fragen bestand das Rezept des Marcel Reich-Ranicki, der manches ertragen konnte, nur bloß keine Langeweile! Und während er die Leserinnen und Leser mitzureißen vermochte, leistete der mit 29 Preisen und neun Ehrendoktorwürden ausgezeichnete Kritiker den möglicherweise öffentlichkeitswirksamsten Beitrag zur kulturellen Selbstvergewisserung im Deutschland der Nachkriegszeit.

Mit Schriften wie "Der Fall Heine" (1997), "Goethe noch einmal. Reden und Anmerkungen" (2002) und allen voran der ab 2002 erscheinenden Reihe "Der Kanon. Die deutsche Literatur" erneuerte er in Teilen unsere Sichtweisen auf die Klassiker, wodurch er auch den traditionellen Graben zwischen Literaturwissenschaft und Feuilleton zu überwinden suchte. Jenseits seiner häufig frischen, unbedarften, historischen Einordnungen zeigte sich Reich-Ranicki unter anderen mit "Deutsche Literatur in West und Ost" und "Entgegnung. Zur deutschen Literatur der siebziger Jahre" (1981) als Kartograf der Gegenwartsliteratur. Legendär und unvergessen sind natürlich seine beiden Kritikerbücher "Lauter Verrisse" (1970) sowie "Lauter Lobreden" (1985).

An Selbstsicherheit mangelte es dem vor nichts und niemandem zurückschreckenden Kritikerpapst der deutschen Literatur somit nicht. Ob er sie aus seinem jüdischen Glauben zog? Wohl eher unwahrscheinlich. Mehrfach betonte er, sich das Judentum nicht ausgesucht zu haben. Was es bedeutete, im 20. Jahrhundert in diese Religion geboren worden zu sein, musste Reich-Ranicki schmerzlich am eigenen Leib erfahren. Nachdem er mit seiner Frau Teofila das Warschauer Ghetto überlebt hatte, kam in ihm zeit seines Lebens immer wieder die Frage auf: Warum ich? Und nicht der eigene Bruder, der die Gräuel der Nationalsozialisten nicht überlebte?

Plastik von Wolfgang Eckert (2005). - © CC/Figurator
Plastik von Wolfgang Eckert (2005). - © CC/Figurator

Das Judentum war ihm kein Fluch, aber ebenso wenig ein Segen. Und doch prägte es den säkularen Denker, wenn man sich die Bedeutung der Schrift im Judentum vergegenwärtigt. "Von Heine stammt das schöne Wort, die Juden hätten sich im Exil aus der Bibel ihr portatives Vaterland gemacht. Und so bin auch ich schließlich weder ein heimatloser noch ein vaterlandsloser Mensch. Auch ich habe ein portatives Vaterland - es ist die deutsche Literatur, die deutsche Musik."

Die Aussage verdeutlicht, dass der Kritiker die Metaphysik letztlich in die Literatur verlagerte und dort eine Art spirituellen Halt fand. Die Angst vor dem Tod sollte allerdings auch sie ihm bis zu seinem letzten Tag, dem 18. September 2013, nicht nehmen.

An ein Jenseits glaubte Reich-Ranicki nicht. Ein Nachleben ist ihm dennoch beschert. Mit seinem Tod ging vielleicht nicht nur die streitbarste und lauteste Stimme der Literaturkritik verloren, sondern fand mithin auch die Ära der Feuilletongötter ihr Ende. Die Krise des Printmarktes und die "Vertickerung" der Nachrichtenwelt, die dem kurzatmigen Zeitgeist der Aufmerksamkeitsgesellschaft Rechnung trägt, führten im Laufe der letzten beiden Dekaden zu einer veritablen Legitimationskrise der journalistischen Kulturkritik.

Pointierte Leidenschaft

Um sich Gehör zu verschaffen, haben sich mehr und mehr Teile des Feuilletons von einer Skandalisierungsökonomie infizieren lassen, welche intensive Lektüre, besonnenes Urteil und intellektuelle Begleitung sozialer, politischer und kultureller Prozesse kaum noch zulässt. Neigt die ereignisgetriebene Rezensentenzunft zum Aufbauschen, so ist dies nicht mit Reich-Ranickis Hang zur Pointierung zu verwechseln. Ihm ging es stets um eine emotional verdichtete Beziehung mit dem Gegenstand - entweder in aversiver Weise oder in höchster Liebe. Er hatte keine Likes oder "Klickzahlen" vor Augen, sondern sah sich als Beschützer des Guten und Wahren. Er schrieb dabei nie für oder gegen die Autoren, sondern stets mit Klarheit für die Leserinnen und Leser.

Neben unbezweifelbaren Verdiensten wie dem Hochschreiben bestimmter, von uns heute noch verehrter Autoren, der Einrichtung der prominenten "Frankfurter Anthologie" 1974, gewichtigen Anthologien und kanonischen Einführungen in die Literaturgeschichte, neben seiner kaum zu unterschätzenden Prägung des Buchmarkts und neben all den anekdotischen Auftritten - darunter seine legendäre Weigerung, den Deutschen Fernsehpreis entgegennehmen zu wollen -, neben all diesen Erinnerungen im kollektiven Gedächtnis bleiben zuletzt Reich-Ranickis unverwechselbarer Habitus, sein Mut zum Anecken, seine Souveränität, die sich, so ist zu hoffen, für das Gegenwartsfeuilleton als einer eigentlich wesentlichen Meta- und Reflexionsinstanz unseres Zusammenlebens wiederzuentdecken lohnen würde.

Lest, urteilt und lasst euch mitreißen: In dieser Trias besteht das Vermächtnis des Hohepriesters der deutschsprachigen Literaturkritik.