Der Tod von Mizi Reinhard lastete schwer auf dem Gewissen Arthur Schnitzlers. - © Deutsches Literaturarchiv Marbach (Ausschnitt)
Der Tod von Mizi Reinhard lastete schwer auf dem Gewissen Arthur Schnitzlers. - © Deutsches Literaturarchiv Marbach (Ausschnitt)

Der 18. März war für Arthur Schnitzler (1862-1931) lebenslang ein Tag der Trauer und des Gedenkens. Dieses Datum hatte für den Autor etwas Vergiftetes an sich und es barg mehr an Erinnerungspotenzial als die Todestage seiner Eltern. Jahr für Jahr ist das Tagebuch am 18. März mit einem Eintrag wie "heute vor .. Jahren" und dem Kürzel "MR" (für Marie Reinhard) versehen worden, auch im annus horribilis 1921, als die Scheidung von Olga, geborene Gussmann, im Juni in München anstand.

Bei Olga, mit der Arthur Schnitzler zwei Kinder aufzog, hatte Schnitzler all das anders gemacht, was bei Mizi I (Mizi II war die Schauspielerin Maria Chlum alias Glümer, die später unweit von Schnitzlers Scheidungsort in München lebte) und bei dutzenden anderen Mizis der 1880er und 90er Jahre schiefgelaufen war. Allerdings war auch Olga "vor der Zeit" schwanger geworden, wie es bei Marie Reinhard 1896 und 1899 (vermutlich) der Fall gewesen war; Olga gebar Sohn Heini unauffällig in der Hinterbrühl, erst später erfolgte die Hochzeit, rechtlich und gesellschaftlich war damit alles im Lot.

Später (1909) kam Lili ehelich zur Welt, fast alles schien perfekt, bis sie mit 19 Jahren in Venedig nach einem Selbstmordversuch an Sepsis starb - wie Mizi I drei Jahrzehnte davor. Heinrich, der Überlebende, entwickelte sich zu einem angesehenen Schauspieler und Bühnenbildner, wirkte erfolgreich in der Weimarer Republik, war mit attraktiven Kolleginnen liiert. Er entkam Hitlers Verfolgung, indem er emigrierte, hatte selbst zwei Söhne, ließ sich wie der Vater scheiden - eine bunte Familiengeschichte.

Die Schnitzlers heute

Der "offizielle" Zweig der Schnitzler-Familie reicht in die Gegenwart und, kurz zusammengefasst, waren und sind alle Schnitzler-Nachkommen beeindruckende Menschen, denen soziales und kulturelles Engagement am Herzen liegt. Vor allem Michael, Schnitzler-Enkel, Musiker und Regenwaldretter, wäre hier zu nennen, auch seine Urenkelin Giuliana, die in Wien Reformrabbinerin ist. Jutta Jacobi hat die "Familien-Saga" schon 2014 nach amerikanischem Vorbild flüssig verfasst und im Residenz Verlag ein schönes Buch vorgelegt, das gut angenommen wurde, gleichwohl aber auch aufzeigt, dass in Beziehungsangelegenheiten nicht alles im Lot war.

"Lieutenant Gustl" in der Buch-Erstausgabe von 1901. - © Moritz Coschell, Public domain, via Wikimedia Commons
"Lieutenant Gustl" in der Buch-Erstausgabe von 1901. - © Moritz Coschell, Public domain, via Wikimedia Commons

Nicht jeder Autor war und ist aber Arthur Schnitzler gegenüber neutral bis positiv eingestellt wie die Saga-Autorin Jutta Jacobi oder die Biografin Renate Wagner, die beide auch über Mizi Reinhard schrieben. Ginge es nach dem 1944 in Wels geborenen, in Baden-Württemberg unweit von Rottweil wohnhaften Autor, Privatgelehrten und Germanisten Rolf-Peter Lacher, dann wäre Schnitzler um 1901 gar nicht mehr Vater geworden; er wäre auch nicht wegen des "Lieutenant Gustl" vor das Ehrengericht der k.k. Landwehr zitiert worden (wo er nie erschien, aber sein Offizierspatent verlor), sondern hätte sein Leben schon am Galgen im Straflandesgericht ausgehaucht.

Er war ein Mörder, davon ist Lacher so überzeugt, dass er bereits zwei Bücher verfasst hat, in denen Schnitzler als skrupelloser und eiskalter Anatol dasteht, als ein dämonischer, junger Mann, der nicht nur mit Sexualität oder Hypnose experimentiert, sondern mit den Gefühlen und der Seele junger Frauen, vor allem der ehrbaren, bürgerlichen. Und, was am schwersten wiegt, ein Unmensch ist, der eine junge Frau zweimal schwängert, sie zu einem Abortus nötigt, an deren Folgen sie stirbt: Mizi Reinhard, begraben am Zentralfriedhof, vor der Zeit verstorben wie ihr Bruder Carl.

Stimmbandprobleme?

Damit wären wir bei Schnitzlers Opfer (so meint es zumindest Lacher) Marie Reinhard angelangt, die am 13. März 1871 das Licht der Welt erblickte, in jenem Jahr, in dem sich Bismarck am Höhepunkt der Macht befand und die Deutschen das "Reich" wiedergegründet und Frankreich gedemütigt hatten. "Maria Theresia" dürfte kaum jemand zur kleinen Marie gesagt haben, eher das in Wien als Rufname beliebte "Mizi".

Das Schicksal nahm seinen Lauf, als die Tochter des Vizesekretärs der Montanwerke den fast neun Jahre älteren Arzt Dr. Arthur Schnitzler in seiner "Praxis" aufsuchte. Vermutlich hatte die Gesangslehrerin Probleme mit den Stimmbändern oder mit dem Kehlkopf. Vielleicht wollte sie auch nur den feschen Arzt kennenlernen, der im Garnisonsspital sein Zimmer hatte.

Grabstein der Familie Reinhard am Zentralfriedhof. - © Wellano18143, CC0, https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de, via Wikimedia Commons
Grabstein der Familie Reinhard am Zentralfriedhof. - © Wellano18143, CC0, https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de, via Wikimedia Commons

Auch am schwarzen Marmorstein des historischen, von der Gemeinde Wien 2014 übernommenen Grabs ist "Marie" eingraviert - und jene Marie wurde eine von Schnitzlers frühen Geliebten. Der Laryngologe holte den Spiegel hervor und untersuchte sie, so wie er noch viel später in der Sternwartestraße ausnahmsweise sein Werkzeug hervorkramte, wenn ihn Freunde um medizinischen Rat baten.

Die junge Frau von 23 Jahren war attraktiv, ihr Vater arbeitete, bevor er Vizechef der Montanwerke wurde, als Beamter. Wenn es stimmt, was "Adolph Lehmann’s allgemeiner Wohnungs-Anzeiger" 1885 ausspuckt, dann lebte die Familie von Carl/Karl Reinhard in einem Wohnhaus für Beamtenfamilien unweit vom Schlickplatz.

Die Familie Reinhard hatte wenig Glück, wie der Grabstein berichtet: Mizi starb mit 28 Jahren, ihr Bruder Carl wurde nicht viel älter, der Vater musste vor seinem Tod mit 75 Jahren gleich zwei Kinder zu Grabe tragen, nur Mizis Schwester Caroline, verehelichte Burger, erreichte ein hohes Alter (90) und starb erst 1959.

Lacher berichtet in einem Essay, den das Museum für Verhütung online gestellt hat, dass Schnitzler Mizi Reinhard als "Märzgefallene verspottet" habe, weil sie am 13. März 1895 ihre Jungfräulichkeit verlor.

In der Tat war "Märzgefallene" ein unschönes Wort, ein grausames Wortspiel und eine böse Verdrehung. Die Märzgefallenen der bürgerlichen Revolution waren am 13. März 1848 ums Leben gekommen und später unweit der Schmelz beerdigt worden, wobei bemerkenswerterweise die Zeremonie interkonfessionell ablief.

Aber man muss fairerweise auch konzedieren, dass sich Schnitzler den Code "Gefallene" auch literarisch immer wieder zurechtlegte, wenn er etwa Varianten von Tragödien rund um die rächenden Brüder von "gefallenen" Mädchen komponierte (das hat Hartmut Scheible in der "Neuen Rundschau" bereits vor 40 Jahren (!) dargelegt).

Also ist die Wortwahl in seinem Tagebuch zwar hässlich, aber kein Indiz für einen eiskalten Mörder; aber dass Marie an einer Blinddarmentzündung verstarb, dürfte eine Schutzbehauptung und Faktenverdrehung, wenn nicht noch schwerer Wiegendes sein, hier ist Lacher nach seinen Analysen im Deutschen Literaturarchiv Marbach (dort liegen 140 Briefe, die einst zwischen den beiden Liebenden oszillierten) Recht zu geben.

Indizien der Schuld

Die genauen Umstände sind ungeklärt, aber es existieren düstere Theorien über die Ursache der Sepsis, welche letztlich den Tod bewirkte. Es gibt Anzeichen dafür, dass es sich um die Folgen eines nicht sachgemäßen Abortus handelte. In diesem Punkt haben die Recherchen Lachers viel für sich. Es passt ein Puzzleteil an den anderen, eine regelrechte Indizienkette schließt sich um den Hals des zugleich etwas pummeligen, aber auch sportlichen und attraktiven Dichters.

Der Jungautor agierte panisch, aber nicht skrupellos, er sorgte für Hilfe, allerdings zu spät. Am Sterbebett Mizis standen und berieten zwei Vertraute, Arthurs Bruder Julius, damals auf dem Weg zum angesehenen Chirurgen, und der erfahrene Arzt Lajos Mandl, ein Verwandter. Man kann sie förmlich vor sich sehen, wie sie traurig den Kopf schütteln ob des hoffnungslosen Zustands der jungen Frau, die vermutlich fieberte und an Schmerzen litt.

Arthur Schnitzler, porträtiert von Ferdinand Schmutzer (1912). - © Ferdinand Schmutzer, Public domain, via Wikimedia Commons
Arthur Schnitzler, porträtiert von Ferdinand Schmutzer (1912). - © Ferdinand Schmutzer, Public domain, via Wikimedia Commons

Ist Schnitzler nun als Mörder anzusehen? Hat ein Titel wie "Sterben lassen ist manchesmal auch morden", abgesehen von seiner Holprigkeit, eine juristische Berechtigung?

Reinhard Urbach hat 2014 in einer Besprechung von Lachers erstem Werk ("Der Mensch ist eine Bestie", über Schnitzlers Beziehungen) dessen Engagement als "rührend" bezeichnet. Lachers Recherchen haben Tiefe, wenn auch seine Schlussfolgerungen zu radikal sind.

Hermann Schlösser meinte damals in der "Wiener Zeitung" zu Recht, dass sie Schnitzlers Werk nicht entwerten; zudem wäre er auch nach der neuen Faktenlage vom Vorwurf des Mordes freizusprechen. Er hat die Sterbende nicht im Stich gelassen oder Hilfe unterlassen, wie es heute im Strafgesetzbuch heißt. Im Gegenteil, er war selbst vor Ort und wollte alles, nur nicht ihren Tod.

"Morden" ist also deutlich zu hart. Womöglich nahm aber der Autor in Kauf, dass Mizi starb, als sich eine "Engelmacherin" oder jemand anderer in ungeeigneter Umgebung an der jungen Frau chirurgisch betätigte. Die Straffreiheit des Eingriffs im ersten Drittel der Schwangerschaft gilt erst seit 1975.

Strafrecht und Moral

Kein Freispruch also, wenn es evident wäre, dass Mizis Embryo auf Schnitzlers Veranlassung abgetrieben wurde. Schnitzler drängte förmlich auf den verbotenen Abortus. Als Beitragstäter war er strafrechtlich "fällig". Damit geriet er aber in eine schwierige Situation, denn ein Spitalsarzt hätte den Eingriff nicht durchführen dürfen.

Moralisch ist alles klar: Schnitzler hat 1899 gefehlt, und zwar schwer. Die Geschichte hätte ihn, wäre sie aufgeflogen, ins Gefängnis gebracht. Es hätte rechtmäßige Alternativen gegeben, die er als junger Arzt kannte und hätte organisieren können: Vor allem eine Entbindung in aseptischer Umgebung, nicht ein (verbotener) Schwangerschaftsabbruch. Er hätte sich zu seiner Vaterschaft bekennen müssen. Arthur hätte Marie und ihrem Kind Unterhalt geschuldet. Womöglich hätte er 1910 die Villa in Währing nicht kaufen können.

Doch so lebte der Autor bis zu seinem Ende mit der Schuld, die ihn belastete. Und zwar jedes Jahr, wenn der 18. März heranrückte. Schnitzler ließ Mizi als Philomena Bejer im "Professor Bernhardi" als Sterbende auftreten, wie Lacher meint. Philomena ließe sich als die Schutzpatronin der Schwangeren deuten und Bejer habe Anklänge an "Plebejer".

Im Ergebnis teile ich Lachers Schlussfolgerungen nicht: Schnitzer entwickelte sich paradoxerweise zum Anwalt der entrechteten Frauen seiner Zeit, indem er deren Schicksale aufzeigte und in ein spannendes Format brachte.