Er war, obgleich der ältere, stets der leichtfüßigere der beiden schreibenden Brüder. Leichtfüßig, aber nicht leichtfertig. Im Gegenteil: Es blieb Heinrich Mann nicht erspart, vom Erfolg zeitlebens weniger verwöhnt zu werden als sein Bruder Thomas, der bereits mit 26 Jahren als Verfasser der "Buddenbrooks" arriviert war. Der Ältere hingegen hat sich die Anerkennung als Autor über weite Strecken hart erkämpfen müssen.

Gemeinsam hatten sie Kindheit und Jugend. Auch Heinrich ist im Lübecker Großbürgertum aufgewachsen. Und auch er erlebte, nach dem Tod des Vaters, den Abstieg aus der Beletage des Lebens, zog mit Mutter und Geschwistern nach München ins beträchtlich eingeschränktere soziale Milieu.

Die Konkurrenz der Brüder blieb eine lebenslange Konstante, bei beiden. Heinrich Mann lebte als Schriftsteller immer wieder aufs Neue im Schatten des vielerorts hochgeehrten jüngeren Bruders. Und das, obwohl er in der Mitte ihrer beider Leben - in und nach dem Ersten Weltkrieg - in der moralischen Einschätzung der politischen Umstände und ihrer sozialen Konsequenzen ein ungleich realistischeres Verständnis für die deutschen Verhältnisse bekundet hatte als Thomas Mann.

Heinrich Manns literarische Anfänge waren holprig und unausgereift. Sein von überfeinertem Schönheitskult und juvenilem Pomp erfülltes Frühwerk meint, von einem rückwärtsgewandten Standpunkt aus in der Gesellschaft überall nur Dekadenz entdecken zu können. Genüsslich wird etwa im Roman "Die Göttinnen" (1902) im Gefolge von Gabriele D’Annunzios Fin-de-Siècle-Kult ein farbenprächtiges Pseudo-Renaissance-Gemälde ausgemalt.

Klarheit und Gewissen

Die Brüder Heinrich (stehend) und Thomas Mann, circa 1902. - © Atelier Elvira, München, Public domain, via Wikimedia Commons
Die Brüder Heinrich (stehend) und Thomas Mann, circa 1902. - © Atelier Elvira, München, Public domain, via Wikimedia Commons

Nach der Jahrhundertwende indes erfasste eine neue Welle satirischer Klarheit Manns Literatur. "Mit Flaubert begann seine Abwendung vom Ästhetizismus, mit Zola seine Hinwendung zum Politischen", schreibt sein jüngster Biograph Günther Rüther treffend.

Manns Absage an den von der Lektüre Nietzsches beflügelten Ästhetizismus der Jugend wurde nun klar formuliert: "Literatur ist niemals nur Kunst; eine bei ihrem Entstehen schon überzeitliche Dichtung gibt es nicht. Sie kann so kindlich nicht geliebt werden wie Musik. Denn sie ist das aus der Welt hervorgehobene und vor sie hingestellte Gewissen. Es wirkt und handelt immer."

Der Autor langte nicht mehr bei der Gesellschaftskritik an, sondern ging von ihr aus. Mit dem Roman "Professor Unrat" lieferte er 1905 das krasse Abbild eines selbstherrlichen wilhelminischen Zuchtmeisters, der vom Katheder herab vor Moral triefende Ermahnungen auf seine Schüler niederprasseln lässt, abends indes in den Bann einer lasziven Varieté-Sängerin und schließlich aller Ehre ledig ins Gefängnis gerät. Von Josef von Sternberg nach dem Drehbuch von Carl Zuckmayer mit Emil Jannings und Marlene Dietrich auf Zelluloid gebannt, errang die Geschichte 1930 unter dem Titel "Der blaue Engel" als einer der ersten Tonfilme einen cineastischen Welterfolg.

Der schärfste Zwist mit seinem Bruder Thomas entzündete sich an dessen bellizistischen deutschnationalen Schriften gleich zu Kriegsbeginn 1914. In seinen "Betrachtungen eines Unpolitischen" hatte der "Buddenbrook"-Autor den Krieg später als einen Kampf zwischen (deutscher) "Kultur" und (britisch-französischer) "Zivilisation" dargestellt, bei dem er und sein Bruder die Antipoden abgaben. Demgemäß schalt er seinen Bruder Heinrich für dessen im vielbeachteten Essay über Zola (1915) bekundetes westlich-demokratisches Engagement einen "Zivilisationsliteraten". Die Versöhnung kam erst 1923 zustande, nach Thomas Manns demokratisch-liberaler "Bekehrung".

Mit dem bereits 1914 fertiggestellten Roman "Der Untertan", der zensurbedingt erst knapp nach dem Krieg erscheinen konnte, erzielte Heinrich Mann seinen größten Bucherfolg. Darin wird, wie es ein Kritiker ausdrückte, in einem großen satirischen Lebensbild die "strukturelle Demokratiefeindlichkeit" im Obrigkeitsstaat Wilhelms II. gegeißelt. Manns Protagonist Diederich Heßling erscheint als der Prototyp des autoritären Charakters, der seinen Aufstieg zum mächtigsten Mann der fiktiven Kleinstadt Netzing der zeittypischen Doppelmoral aus Befehlsgewalt und Unterwerfung verdankt.

"Diederich Heßling war ein weiches Kind, das am liebsten träumte, sich vor allem fürchtete und viel an den Ohren litt." Mit diesem Satz eröffnete der Autor sein Porträt dieses ebenso anpassungsfähigen wie gemeingefährlichen Exponenten des hochgerüsteten Wilhelminismus. Im Lauf der Entwicklung vom "Weichling" zum brutalen Fabrikbesitzer wird die mehrmalige Begegnung mit dem militanten Preußenherrscher Wilhelm II. für Heßling der Höhepunkt seines devoten Untertanenlebens.

Im Essayband "Macht und Mensch" folgte dann 1919 die Abrechnung: "Das großbürgerliche Zeitalter Deutschlands hatte für die sittlichen Verpflichtungen im Leben eines Volkes nur Achselzucken. (...) Höchste Aufgabe und Pflicht war: reicher werden, härter werden, Weltmacht sein." Zugleich wird die Ablöse des alten Untertanentyps durch einen mittelständischen "Citoyen" gefordert und hellsichtig vor der Gefahr eines Totalitarismus gewarnt, der von rechten Scharfmachern ebenso drohe wie von linken: "Sprache und Methode gleichen sich hier wie dort."

Deutschlands Absturz

Heinrich Mann hat in den Abgrund der deutschen Gesellschaft geblickt und doch trotz heftigem publizistischem Engagement deren tiefen Absturz nicht aufhalten können. In einem Brief an den Reichskanzler Gustav Stresemann hatte er 1923 vor den großindustriellen "Enteignern des Nationalvermögens" gewarnt: Sie "hatten im Parlament das Chaos organisiert, das nächste Mal tun sie es auf der Straße. Die reichen Empörer bezahlen Banden und Neben-Reichswehren, sie haben die meisten Zeitungen... Was sind denn Nationalsozialisten? Leute, die ihre Geldgeber schonen müssen, sonst wären sie nicht nur gegen jüdische Ausbeutung."

1931 war Heinrich Mann zum Präsidenten der Sektion Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste gewählt worden, ein Amt, das er zwei Jahre später auf Druck der Nationalsozialisten niederlegen musste. Seine Werke waren denn auch die ersten, die die Nazis 1933 unter Geifer und Gegröle ins Feuer warfen. Sein Name fand sich unter dem stets wohlfeilen Verdikt "Volksverräter" auf der allerersten Ausbürgerungsliste des Hitler-Regimes. Da war der Autor bereits eilends nach Frankreich entwichen. Das Land, in dem er sich um die Jahrhundertwende bereits lange Zeit aufgehalten hatte, war für ihn geistige Heimat geworden, "das zweite Geburtsland des Europäers".

11. Mai 1933: Studenten verbrennen sogenannte "undeutsche Schriften und Bücher" auf dem Opernplatz in Berlin. - © Bundesarchiv, Bild 102-14597 / Georg Pahl / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en, via Wikimedia Commons
11. Mai 1933: Studenten verbrennen sogenannte "undeutsche Schriften und Bücher" auf dem Opernplatz in Berlin. - © Bundesarchiv, Bild 102-14597 / Georg Pahl / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en, via Wikimedia Commons

Von Nizza aus entwickelte Mann eine Vielzahl von publizistischen Initiativen, um den antinazistischen Widerstand im Ausland zu unterstützen. Ein streitbarer Humanismus von links war die Parole. Dazu zählte auch der Versuch, von Paris aus 1936 eine deutsche Volksfront-Bewegung zu etablieren, die an der Uneinigkeit der linken Gruppierungen, vor allem am Kreml-Abgesandten Walter Ulbricht, scheitern musste.

Nach dem Einmarsch der Deutschen in Frankreich war im September 1940 abermals Entkommen das höchste Gebot. Unter dem Geleit des US-Fluchthelfers Varian Fry gelangten die Ehepaare Heinrich und Nelly Mann, Franz und Alma Werfel sowie Manns Neffe Golo in beschwerlichem Fußmarsch über die Pyrenäen nach Spanien. Von dort ging es weiter bis Lissabon. Am 13. Oktober 1940 erreichte die Gruppe auf dem griechischen Dampfer "Nea Hellas" schließlich New York. Dort, am Quai in Hoboken, erwartete Thomas Mann den Bruder.

Die Jahre in Kalifornien bis zu seinem Tod 1950 in Santa Monica waren für Heinrich Mann geprägt von Vereinsamung, Armut und Bitternis. Seine Frau Nelly war 1944 aus dem Leben geschieden. In seinen immer kleiner werdenden Wohnungen war der Alternde auf Zuwendungen von Thomas und Katia Mann angewiesen.

Die stärkste Schmach im Verhältnis zum stets gut situierten Bruder war indes dessen Weltgeltung. Während Thomas, als Repräsentant des exilierten Deutschlands, allseits herumgereicht und von Präsident Roosevelt im Weißen Haus empfangen wurde, setzten Heinrich und seine linken Mitstreiter Brecht, Feuchtwanger, Alfred Kantorowicz und andere auf Sowjet-Russland und seinen Gewaltherrscher Stalin. Was dessen Terrorregime betraf, ließ sich Mann durch Tatsachen und Berichte (wie etwa die alarmierenden Reiseeindrücke von André Gide 1937 oder Arthur Koestlers "Sonnenfinsternis" 1940) nicht beirren. Er hielt sich an Moskau, von wo er eine Zeit lang für sein Werk auch Tantiemen erhielt.

Posthum vereinnahmt

Die heftigsten Avancen kamen nach Kriegsende aus Ostdeutschland, wo auch seine Bücher wieder verlegt wurden. Der Einladung einer Übersiedlung nach Ost-Berlin kam er indes beharrlich nicht nach: Er kannte die Lügenhaftigkeit des Genossen Ulbricht und wusste ihr bis zuletzt auszuweichen. Den posthumen Beweis erbrachte 1961 die Übersiedlung der Urne auf den Dorotheenstädter Friedhof in Berlin. "Heinrich Mann ist unser", rief Ulbricht kurzerhand. "Mit diesen Worten fügte er ihm einen Schaden zu, von dem sich der Autor aller Deutschen und deutschen Europäer bis heute nicht erholen konnte", resümiert Rüther.

Die beiden Bände des "Henri Quatre", Original-Verlagsumschläge der Erstdrucke. - © Foto H.-P.Haack (H.-P.Haack), CC BY 3.0, https://creativecommons.org/licenses/by/3.0, via Wikimedia Commons
Die beiden Bände des "Henri Quatre", Original-Verlagsumschläge der Erstdrucke. - © Foto H.-P.Haack (H.-P.Haack), CC BY 3.0, https://creativecommons.org/licenses/by/3.0, via Wikimedia Commons

Etliches aus dem an Titeln reichen Gesamtwerk des Vielschreibers Heinrich Mann ist heute nur mehr schwer lesbar. Umso heller leuchtet das späte Meisterwerk "Die Jugend und Vollendung des Königs Henri Quatre", das er zwischen 1934 und 1938, beflügelt von Dankbarkeit für Frankreich, im Exil in Nizza schrieb. In zwei Bänden entwickelt Mann mit betörender epischer Warmherzigkeit und stilistischer Feinschärfe die Romanbiographie des wagemutigen wie klugen Königs Heinrich IV. von Navarra, der es als "guter König von Frankreich" vermochte, mit dem Edikt von Nantes 1598 den blutigen Glaubenskrieg in seinem Land zu beenden.

Güte und Strenge sind hier in einem Herrscherporträt vermählt, das einen ersten "Abgesandten der Vernunft und des Menschenglücks" vorstellt, der als früher Demokrat und Volkskönig ein historisches Kontrastbild zur finsteren politischen Gegenwart des Autors abgeben soll. "Ein Stück Traumwelt Heinrich Manns", urteilte der Kritiker Willy Haas, "ein Werk der ganz extremen Vision", gelungen "vielleicht nur, weil Heinrich Mann in dieser Lebensstunde ein so großer Gestalter und Erzähler, ein so großer Dichter war."