Wir kennen das fast alle: Der Postbote bringt ein Päckchen und streckt uns ein Tablet entgegen, damit wir den Empfang quittieren - mit unserer persönlichen Unterschrift als Nachweis dafür, dass wir der legitime Empfänger sind. Mancher Bote hat einen Stift dabei, aber oft habe ich das schon mit dem Fingernagel unterschrieben, und es ist bemerkenswert, was da als Name akzeptiert wird.

Bei Bewerbungen für eine Arbeitsstelle soll der Lebenslauf mit der Hand geschrieben sein, weil Schlüsse über eine Persönlichkeit daraus zu ziehen sind. Da hat die Handschrift noch eine würdevolle Bedeutung, sie ist etwas wert. Gelernt hat man sie vom ersten Tag an in der Schule, und ihre Schönheit wurde mit einer eigenen Note bewertet, wie Religion und Betragen. Das ist aber lange her.

Um sich der Bedeutung der Handschrift zu vergegenwärtigen, muss man gar nicht weit in die Geschichte zurückgehen und Zeugnisse für ihren kulturellen und wirtschaftlichen Nutzen von der Heiligen Schrift bis zur Stenographie aufrufen. Es genügen aktuelle Unterschiede zwischen einem Screen-Touch und dem Führen einer Feder. Die Bewegung der Finger am Computer ist für jeden Buchstaben die gleiche: kurz von oben nach unten. Mit der Feder in zusammenhängenden Rundungen ganze Wörter zu schreiben, löst hingegen Bewegungen kleinster Knochen der Hand in verschiedenste Richtungen aus.

Kalligrafie-Kurse

Der Körper ist gefordert, und noch bevor ein Inhalt entsteht, ist es auch der Geist. Das Gehirn muss sich für jede dieser kleinen Bewegungen der Hand entscheiden und wird dabei zugleich aktiviert, das Geschriebene anschließend zu speichern, den Inhalt nicht zu vergessen. Im Alltag soll es nun damit weitgehend vorbei sein, und die Handschrift selbst wäre vom Vergessen bedroht, würden ihre Geschichte, ihr Handwerk und die daraus vor Jahrhunderten erwachsene Kunst der Kalligrafie nicht von der Wissenschaft bewahrt und von Liebhabern aufbewahrt.

Ihnen ist zu verdanken, dass immer mehr junge Frauen und Männer heute Kurse in künstlerischem Schreiben belegen und twitternde Jugendliche nebenher wieder Briefe mit der Hand schreiben. In einem Saal mit Tischen, Bänken und der Anmutung von Erich Kästners "Fliegendem Klassenzimmer" lernen Schulkinder die Grundzüge der Kalligrafie, der Kunst des schönen Schreibens. Dieser Saal findet sich im ersten Stock eines alten Bauernhauses im oberösterreichischen Almtal, das der 1993 verstorbene Schriftkünstler Leopold Feichtinger vor Jahrzehnten für sich erworben und später umgewidmet hat in ein sogenanntes Schriftmuseum, das in Europa seinesgleichen sucht. Inzwischen kommuniziert über Global Calligraphy Vienna die Crème der Schriftkunst aus aller Welt, und zu Ausstellungen, Austausch und Workshops trifft man sich, so das eine Pandemie nicht verhindert, regelmäßig in Pettenbach.

Aufbewahrt sind dort Beispiele atemberaubender künstlerischer Schriftgestaltung aus mehreren Jahrhunderten, von deren geballter Existenz über die Fachwelt hinaus oft nur Schulklassen und Wanderer erfahren, die sich an einem nasskalten Wochenende im Almtal ins Museum verirren. Sei es ein handgeschriebener "Faust" von Goethe oder die künstlerisch gestaltete Postkarte aus einer Kriegsgefangenschaft in Ägypten, seien es Haikus im Gedenken an den (2016 verstorbenen) deutschen Publizisten Roger Willemsen oder Exlibris eines jüdischen Apothekers aus Wien - immer führt bei den leicht altertümlich wirkenden Formen der kunstvoll gestalteten Buchstaben ein Stück Zeitgeschichte bis in die Gegenwart. Und leicht kann man sich in den Geschichten und Spuren hinter den kostbaren Lettern gänzlich verlieren. Auf eine solche Spur setzt mich Gottfried Kahr, der engagierte Obmann des Museums, mit wenigen Worten.

Kleine Schrift-Tafeln

Die Geschichte des Sammlers Marco Birnholz, geboren 1885 bei Czernowitz in der Bukowina als Mordechai Birnholz, beginnt in Wien auf der Meidlinger Hauptstraße, wo der studierte Pharmazeut 1923 die Witwe des Apothekers Heinrich Sternberg heiratete und im Jahr darauf das Geschäft übernahm, das heute noch in einem Neubau an derselben Stelle als "Schutzengel"-Apotheke existiert. Viele der in seinem Auftrag geschaffenen Exlibris-Blätter hatten Motive aus dem Berufsleben von Birnholz aufgegriffen, und auch der aktuelle Hinweis auf ihn ist der Pharmazie zu verdanken.

"Exlibris" beschreibt man am besten als kleine Schrift-Tafeln, die graphisch gestaltet und zur Identifizierung des Eigentümers auf die ersten Seiten von Büchern geklebt wurden. In ein freies Feld wurde jeweils handschriftlich der Name eingetragen. Ursprünglich hatten damit nur wohlhabende Leser ihre Bibliothek in Ordnung gehalten, aus der sie immer wieder Bücher an weniger Vermögende ausleihen mussten - und gerne wiederbekommen wollten. Obmann Kahr reißt die Geschichte kurz an und sagt dann: "Wenn Sie mehr erfahren wollen, gehen Sie nach Steyr zur Frau Magistra Wimmer, die hat ihre Birnholz-Blätter neulich hier ausgestellt."

Eva Wimmer und ihre Exlibris-Sammlung. - © Tumler
Eva Wimmer und ihre Exlibris-Sammlung. - © Tumler

Die junge Pharmazeutin Eva Wimmer kam 1965 zusammen mit ihrem Mann nach Altmünster am Traunsee. In das neue Geschäft des jungen Paares am See war bald ein Dr. Horowitz, Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten, mit der Bitte getreten, ihm sämtlichen Bedarf an Medikamenten und Verbandsstoffen in seine Praxis außerhalb des Ortes zu liefern, da, wie sich herausstellte, seine erste Ehefrau im KZ ermordet worden war und er alteingesessene Apotheker für Nazis hielt.

Während sich Herr Wimmer um die Kundschaft in der Apotheke kümmerte, übernahm seine Frau die Lieferungen an Dr. Horowitz und freundete sich dabei mit dessen zweiter Ehefrau an. Als der Arzt Jahre später gestorben war, übergab Frau Horowitz der treuen Apothekerin als persönlichen Dank ihres Mannes einen Karton voll mit altem Papier. Damit begann Eva Wimmers Leben als Sammlerin. Der Haufen Papier waren die schönsten Exlibris-Exemplare ihres ehemaligen Kollegen Birnholz aus Wien, und Dr. Horowitz hatte sie zeit seines Lebens gesammelt.

Neben der namentlichen Kennzeichnung von Büchern hatten sich die Exlibris nämlich bald zu einem gestalteten Medium der Mitteilung von Ereignissen entwickelt und zu einer selbstständigen Kunstgattung mit angeschlossener Tauschbörse. Von bedeutenden Künstlern wurden zu allen möglichen Anlässen immer raffiniertere Exlibris entworfen, in Kupferstich, Radierung oder Holzschnitt ausgeführt und in zahlreichen Exemplaren gedruckt.

Über die Präsentation zum Anlass hinaus gerieten die vervielfältigten Blätter so zu Tauschobjekten einer wachsenden Gemeinde von Sammlern untereinander. Solange der Name des Auftraggebers zum Inhalt der Gestaltung gehörte, war damit auch der Kreis der Sammler weitläufig miteinander bekannt. Sie gründeten Vereine und zählten im Wien der Zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts bald zur Spitze der bürgerlichen Gesellschaft. Dem Vorstand der Exlibris-Gesellschaft, deren Kassier Birnholz wurde, gehörte laut einem zeitgenössischen Handbuch "die geistige Elite Österreichs" an.

M. Rosenberg: Exlibris des Apothekers Marco (Mordechai) Birnholz, 1913. - © Tumler
M. Rosenberg: Exlibris des Apothekers Marco (Mordechai) Birnholz, 1913. - © Tumler

Standesgemäß durfte die erste große Ausstellung von Exlibris-Blättern denn auch 1928 im Prunksaal der Nationalbibliothek stattfinden, deren Bedeutung in den Jahren darauf noch sehr ambivalent für Birnholz werden sollte. Erst 2003 breiteten zwei Historikerinnen, Marianne Jobst-Riedler und Claudia Karolyi, mit einem Vortrag in der Bibliothek des Wiener Rathauses das ganze Schicksal von Marko Birnholz und seiner Sammlung vor einem Fachpublikum wissenschaftlich aus.

Schon als Schüler in Czernowitz hatte sich Birnholz, der damals mit Vornamen noch Mordechai hieß, erste Stempel mit seinen Initialen MB machen lassen, krude Vorläufer dessen, was als "Exlibris" Eingang in die Kunstgeschichte fand. Drei solcher Exlibris-Zeichen, die seine Sammlung begründeten, hatten Mitgefangene im sibirischen Lager dem 1915 in russische Gefangenschaft verbannten Birnholz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs geschenkt - zum Dank für seinen medizinischen Rat.

Neben einem frommen jüdischen Leben im Alltag von Wien und dem erfolgreichen Führen seiner Apotheke hatte Birnholz nach und nach eine beachtliche Bibliothek und eine riesige Sammlung von Exlibris-Blättern aufgebaut. Die Sujets reichten von Pharmakologie über Alchemie bis zu erotischen Phantasien, und seine Aufträge trugen zum Überleben österreichischer Künstler in den Dreißiger Jahren bei. Immer mehr spielte auch seine jüdische Identität in die Auswahl der Motive hinein.

So unterstützte Birnholz etwa die Zionismusbewegung mit einem Gedenkblatt für Theodor Herzl in dessen Todesjahr 1929, und das zunächst nur dräuende Unheil des Nationalsozialismus wurde zum Thema von Neujahrsgrüßen. "Die Zeit heilt alle Wunden. Wer heilt die Zeit?", ließ er schon 1935 texten, als im benachbarten Deutschland die Nürnberger Rassengesetze erlassen wurden, und 1937 zeigte die "Welt in Flammen" einen Putto mit Davidstern hoch auf dem Baum, während unten die Welt brannte.

Flucht und Arisierung

Mit dem "Anschluss" 1938 verlor Mordechai Birnholz alles. Es nütze ihm nichts, dass er sich als Marko äußerlich zu assimilieren versucht hatte. Sein Wohnhaus in Hietzing und die Apotheke in Meidling wurden nach dem bekannten verbrecherischen Muster der Nationalsozialisten zu Spottpreisen verkauft und arisiert. 6.000 Bände seiner Bibliothek und rund 30.000 Blätter seiner Exlibris-Sammlung wurden beschlagnahmt und in die Nationalbibliothek verbracht. Nur Fritz Trenkler, einem seinerzeit dort umsichtig und geschickt im Stillen wirkenden Bibliothekar, ist es zu verdanken, dass Bücher und Sammlung von da aus nicht vollständig auf dem Kunstmarkt der Nazis verramscht wurden.

Noch 1939 gelang Birnholz die Flucht in die USA, und er gehörte nach 1945 zu den ersten Österreichern, die erfolgreich von Amerika aus eine Restitution ihres Eigentums betrieben. Es gelang ihm, den Anteil seiner Frau am Gebäude der Apotheke in Meidling zu verkaufen, und seine Schwester Freda, die zu Ostern 1947 als Journalistin mit der US-Armee nach Wien gekommen war, nahm Kontakt zur Nationalbibliothek auf.

Die dort aufbewahrten Konvolute von Büchern, Druckstöcken und Blättern wurden, soweit sie noch auffindbar waren, schon 1950 restituiert und fünf Jahre später zurückgegeben. Aussagen und Briefe des 1982 verstorbenen Bibliothekars Fritz Trenkler waren dabei nach der Rettung der Schätze im Dritten Reich ein weiteres Mal die entscheidende Unterstützung.

Was sich Hans von Bourcy, ein faschistischer Exlibris-Sammler, den Birnholz nur den "Baron" nannte und dessen Spur sich in sowjetischen Lagern verliert, und sein Freund Paul Heigl, der NS-Direktor der Nationalbibliothek von 1938 bis 1945, widerrechtlich privat angeeignet hatten, blieb aber mangels brauchbarer Beweise endgültig verloren. Und zu allem Unglück fand Mordechai Birnholz nach der Freude über das Eintreffen der kostbaren Fracht 1955 in New York bis zu seinem Tod zehn Jahre später nicht mehr die Zeit und die Kraft, sie auszupacken.