Es war eine von den Wienern so geschätzte "schöne Leich": Der Sarg wurde auf einem sechsspännigen Wagen transportiert, auf beiden Seiten gingen zwölf Diener mit Fackeln, dahinter folgten zwei weitere Bedienstete, die auf rotsamtenen Polstern die Orden des Verblichenen trugen. Der Trauerkondukt war sehr prominent besetzt, an der Spitze marschierte ein Fürst als Vertreter des Kaisers, ihm folgten der Ministerpräsident und der Finanzminister, danach kamen Schauspieler, Opernsänger und Regisseure. Ziel des Leichenzugs war der Stephansdom, dort sollte die Einsegnung des Leichnams stattfinden, ehe es zum Begräbnis auf den Hütteldorfer Friedhof weiterging.

An diesem Tag, dem 24. Mai 1871, wurde in Wien ein Mann begraben, der zu den bedeutendsten Dramatikern seiner Zeit gehörte, dessen Name heute aber nur noch wenigen Interessierten ein Begriff ist: Eligius Franz Joseph Freiherr von Münch-Bellinghausen. Unter dem Künstlernamen Friedrich Halm war er nicht nur einer der prominentesten Autoren dieser Epoche, sondern brachte es in einer erfolgreichen Beamtenkarriere bis zum Generalintendanten der Hoftheater, die das heutige Burgtheater und die Staatsoper umfassten.

65 Jahre zuvor war Münch-Bellinghausen in Krakau als Sohn eines Juristen geboren worden. Als der Bub drei Jahre alt war, übersiedelte die Familie nach Wien. Ein Biograph schrieb später über den kleinen Eligius, dass ihn "eine strenge Verschlossenheit und ein vorherrschender Hang zur Einsamkeit" auszeichneten, zugleich war er aber auch das, was man heute hochbegabt nennen würde. Die spanische und italienische Literatur interessierten ihn besonders und schon im Alter von dreizehn Jahren hatte er sein Maturazeugnis in der Tasche.

Beamter und Autor

Mit zwanzig schloss er sein Studium - Philosophie und Rechtswissenschaft - ab und trat in den Staatsdienst ein. Es folgte eine Beamtenkarriere, die ihn zunächst in die Finanzverwaltung führte und zum k.k. niederösterreichischen Regierungsrat machte.

Wie bei seinem Zeitgenossen Franz Grillparzer war dies nur der Brotberuf, seine wahre Leidenschaft galt dem Schreiben. 1835 veröffentlichte er unter dem nom de plume Friedrich Halm sein erstes Theaterstück mit dem Titel "Griseldis". Halm versetzte darin eine Erzählung aus Boccaccios "Decamerone" in das frühgeschichtliche Britannien des legendären Königs Artus.

Ein Ritter der Tafelrunde heiratet eine Frau aus einfachen Verhältnissen - eben die Titelheldin Griseldis - und stellt sie wegen einer Wette auf die Probe. Trotz aller Zumutungen, die sie ertragen muss, bleibt sie ihrem Mann treu. Als sich herausstellt, dass ein böses Spiel mit ihr getrieben wurde, ist Griseldis von der Falschheit ihres Gatten dermaßen enttäuscht, dass sie ihn verlässt. Gerade diese Entscheidung der Protagonistin war es, die für Aufruhr sorgte: Eine Frau, die aus eigenem Entschluss ihren Mann sitzen lässt, das war in der damaligen Zeit noch etwas Aufsehenerregendes.

Das Stück war ein großer Erfolg, der umso überraschender kam, weil Halm bis dahin nie als Autor in Erscheinung getreten war, er hatte keine einzige Zeile publiziert und gehörte auch keinem literarischen Zirkel an. Sein Leben zerfiel ab diesem Zeitpunkt in zwei Stränge: Auf der einen Seite steht die berufliche Beamtenkarriere, die ihn stetig bergauf führte, auf der anderen seine künstlerische Tätigkeit, bei der es wie auf einer Hochschaubahn weit nach oben, aber auch nach ganz unten ging.

Literarisches Auf & Ab

Friedrich Halm auf einer Lithographie von Josef Kriehuber (1858). - © Josef Kriehuber, Public domain, via Wikimedia Commons
Friedrich Halm auf einer Lithographie von Josef Kriehuber (1858). - © Josef Kriehuber, Public domain, via Wikimedia Commons

Halm wurde - sehr zum Leidwesen von Franz Grillparzer, der sich ebenfalls um diese Stelle beworben hatte - Kustos der Hofbibliothek und konnte in dieser neuen Position mit zahlreichen Kulturschaffenden seiner Zeit verkehren. 1861 ernannte ihn der Kaiser auf Lebenszeit zum Mitglied des Herrenhauses.

Als Politiker hielt er sich sehr im Hintergrund und trat nur einmal in Erscheinung: Bei der Eröffnung des Reichsrates im Jahr 1864 wurde Halm, ein im politischen Sinne sehr konservativer Mann, auserkoren, die Antwort auf die Thronrede Seiner Majestät zu verfassen. Der von ihm vorgelegte Entwurf fiel aber sehr devot aus und erregte den Unmut einiger Kollegen, die über mehr parlamentarisches Selbstbewusstsein verfügten und ein bestimmteres Auftreten gegenüber dem Kaiser verlangten. Als Beamter stieg Halm in diesen Jahren weiter auf und wurde zum Präfekten der Hofbibliothek ernannt.

Während es in beruflicher Hinsicht stets nur in eine Richtung ging, nämlich nach oben, musste Halm in seiner literarischen Karriere ein dauerndes Auf und Ab ertragen. Auf sein Erstlingswerk folgten produktive Jahre, in denen er mehrere Stücke schrieb, die aber nur sehr mäßigen Erfolg hatten. Für "Griseldis" waren noch Lobeshymnen angestimmt worden: Das Werk wäre "mit wahrer Meisterschaft" geschrieben worden, "der Erfolg war ein über alle Maßen glänzender". Die folgenden Dramen waren hingegen Flops, denn sie wurden nur wenige Male aufgeführt und verschwanden rasch vom Spielplan.

Die amerikanische Schauspielerin Mary Anderson als Parthenia in "Der Sohn der Wildnis" ("Ingomar the Barbarian"). - © Napoleon Sarony, Public domain, via Wikimedia Commons
Die amerikanische Schauspielerin Mary Anderson als Parthenia in "Der Sohn der Wildnis" ("Ingomar the Barbarian"). - © Napoleon Sarony, Public domain, via Wikimedia Commons

Nach einer jahrelangen Durststrecke gelang Halm 1842 mit "Der Sohn der Wildnis" endlich wieder ein großer Wurf. Das Drama kam sowohl bei den Kritikern als auch beim Publikum sehr gut an, doch nach diesem kurzen Höhenflug ging es gleich wieder bergab - es folgten Stücke, die es gerade einmal auf drei Aufführungen brachten.

Es sollte zwölf Jahre dauern, bis Halm seinen nächsten Erfolg präsentieren konnte. Das historische Drama "Der Fechter von Ravenna" wurde mit Begeisterung vom Publikum aufgenommen, allerdings folgte auf die Premiere ein ausgewachsener Skandal. Ein Schulmeister aus dem bairischen Pfaffenhofen hatte nämlich kurz zuvor selbst ein Stück mit ähnlichem Inhalt geschrieben und dem Direktor des Burgtheaters geschickt. Es wurde nicht angenommen, weil es "roh, gemein im Ausdruck, albern in der Technik" war, aber der Schulmeister behauptete, dass Halm die Idee zu seinem "Fechter" von ihm abgekupfert habe, und reichte deswegen eine Plagiatsklage ein.

Tatsächlich steckt eine merkwürdige Geschichte dahinter: Halm hatte sein Drama an einen Bekannten in Dresden geschickt, der es wiederum unter einem Decknamen im Burgtheater einreichte. Wie Halm später zu Protokoll gab, hatte er diesen umständlichen Weg gewählt, um eine mögliche Bevorzugung aufgrund seines Namens zu verhindern. Der Streit sorgte jedenfalls für Aufregung im gesamten deutschen Sprachraum, Halm wurde nach langen Diskussionen schließlich die Autorenschaft zugesprochen.

Private Tragödien

Doch welch ein Mensch steckte hinter dem Autor, der nach seinen Höhenflügen immer wieder lange Durststrecken ertragen musste? Halm galt als einzelgängerisch und mürrisch, seine Ehe verlief nicht glücklich, denn wenige Jahre nach der Hochzeit erkrankte seine Frau schwer und blieb gelähmt. Der Sohn des Paares hatte psychische Probleme, musste in einer Nervenheilanstalt untergebracht werden und beging dort Selbstmord. Halm zog sich immer mehr zurück und ließ sich im damaligen Vorort Hütteldorf ein kleines Haus bauen, in dem er - oft alleine - die Sommermonate verbrachte.

Julie Rettich als Thusnelde in "Der Fechter von Ravenna". - © Carl August Deis, Public domain, via Wikimedia Commons
Julie Rettich als Thusnelde in "Der Fechter von Ravenna". - © Carl August Deis, Public domain, via Wikimedia Commons

Dieses Domizil hatte er allerdings mit Bedacht gewählt, denn es lag gleich neben der Villa der Schauspielerin Julie Rettich, zu der Halm im Lauf der Jahre ein sehr enges Verhältnis entwickelte. Die aus Hamburg stammende Rettich war seit 1835 am Burgtheater engagiert und einer der Stars ihrer Zeit. Die beiden lernten einander bei den Proben zu Halms erstem Stück kennen, in dem Rettich die Hauptrolle der Griseldis spielte. Seit dieser ersten Zusammenarbeit waren die beiden in tiefer persönlicher und künstlerischer Freundschaft verbunden.

Halm band Rettich schon beim Schreiben seiner Stücke ein, sie wurde im Gegenzug seine Beraterin und die bekannteste Interpretin der von ihm geschaffenen Rollen. Ob die beiden mehr als nur eine sehr tiefe Freundschaft verband, lässt sich heute nicht mehr klären, Zeitgenossen sprachen jedenfalls von einem Verhältnis voller "Adel und Reinheit". Die beiden schickten einander mehr als tausend Briefe und einige von ihnen lassen vermuten, dass Halms Zuneigung über eine Freundschaft hinausging. So schrieb er der Schauspielerin etwa: "Sie wissen wohl, dass mein größtes und nicht zu verschmerzendes Leid ist, von Ihnen getrennt zu seyn", und noch poetischer: "Ich kann Ihnen die Farblosigkeit eines Lebens ohne Sie nicht schildern, mir kommt es vor wie ein Herumwandern in winterlichen sibirischen Steppen, ohne Freude und Frieden."

Rettichs Antworten waren auch sehr persönlich, ihnen fehlte aber das Moment der Hingabe, sie schrieb vielmehr von einer "wahren, echten Freundschaft, die nicht nach Mann und Weib fragt".

Zweite Familie

Im Laufe der Zeit entwickelte Halm jedenfalls ein sehr enges Verhältnis zur gesamten Familie Rettich, er fühlte sich auch der Tochter der Schauspielerin sehr verbunden und wurde später ein Reserveopa für Rettichs Enkel.

Rettichs Tod im Jahr 1866 war ein schwerer Schlag für Halm, ab diesem Zeitpunkt veröffentlichte er nichts mehr, sondern widmete sich ausschließlich anderen Aufgaben. Er wurde zum Generalintendanten der Hoftheater ernannt, hatte in dieser Funktion aber wenig Glück. Dazu machten ihm gesundheitliche Probleme zu schaffen und so ersuchte er um Pensionierung, die im November 1870 erfolgte. Ein halbes Jahr später, am 22. Mai 1871, starb Halm in seiner Wohnung auf der Wollzeile, und er, der oft als Griesgram beschrieben worden war, hatte in dem Gedicht "Grabinschrift" eine zufriedenstellende Bilanz seines Lebens gezogen: "Nicht glänzend zwar, doch freundlich war mein Los."

Nach seinem Tod sorgte Halm noch für eine literarische Überraschung. Zu seinen Lebzeiten war er als Autor von Theaterstücken bekannt, in seinem Nachlass fanden sich aber einige Novellen, die posthum veröffentlicht wurden und die durch ihren psychologischen Tiefgang bis heute aktuell geblieben sind. Während das Interesse am Dramatiker Halm im Lauf der Zeit stetig sank, stieg die Wertschätzung für den Prosaautor und heute zählen jene wenigen Germanisten, die sich mit Halm beschäftigen, diese Novellen zu den besten ihrer Zeit.