Es ist tatsächlich schon so lange her: Udo Proksch ist am Mittwoch, 27. Juni 2001 in der Intensivstation im LKH Graz gestorben. Der Ex-Besitzer der Wiener Hofkonditorei Demel, der wegen der Versenkung des Frachtschiffs Lucona eine lebenslange Haftstrafe verbüßte, war von der Justizanstalt Graz-Karlau in das Krankenhaus überstellt worden. Die Ärzte hatten seinen Zustand als sehr kritisch bezeichnet. Der Patient verstarb nach einer Herztransplantation. Er war 67 Jahre alt.

Pistole am Gürtel

"Udo Proksch hat sechs Menschen ermordet. Sechs Besatzungsmitglieder der Lucona, die im Indischen Ozean ihren Tod fanden, als das Schiff am 23. Jänner 1977 gesprengt wurde", schreibt Anna-Maria Wallner in "Die Presse". "Wer sich auf eine Spurensuche nach der vielleicht schillerndsten Persönlichkeit im Wien der 60er, 70er und 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts begibt, sollte das nicht vergessen. Denn einfach ist es nicht, in der Erinnerung an einen Menschen klar zu sehen, der schon zu Lebzeiten über alle Maßen gestrahlt und geblendet, fasziniert und entsetzt hat."

Udo Proksch. Ein wilder Hund. Ein kreativer Kopf. Ein faszinierender Kerl. Sein Hirn: immer in Bewegung, fabriziert tausende Ideen. Viele macht er zu Geld. Seine Feinde nennen ihn "ein kriminelles Gesamtkunstwerk". Ich habe ihn im legendären Club Gutruf in der Milchgasse kennengelernt. Schuhe mit dicken Sohlen, graue Stoffhose, rotes Lacoste-Leiberl. Er verströmt starken Patschuli-Duft und trägt eine Pistole am Gürtel. Sein kariertes Sakko hängt hinter ihm am Haken. Mit Helmut Qualtinger und Teddy Podgorski sitzt er an einem Tisch. Löffelt schmatzend eine Rindsuppe. Nein! Tischmanieren hat er keine. Ihm sind andere Themen wichtig.

Weil Tote, die auf Friedhöfen horizontal begraben werden, zu viel Platz brauchen, hat er den Verein für Senkrecht-Bestattung gegründet. Qualtinger ist von dieser Idee begeistert. Mir gefällt das auch. Und mit ihm nachts durch die Innenstadt zu ziehen und eines Tages Fallschirm springen zu gehen. Im Club 45 spannende Menschen zu treffen.

Udo Proksch (nach Gesichts-OP) mit Autor Georg Biron 1988 in Manila. - © privat
Udo Proksch (nach Gesichts-OP) mit Autor Georg Biron 1988 in Manila. - © privat

Einmal brutzelt er im Morgengrauen Bratwürstel mit Rösti und bringt einen Zeitungsherausgeber und einen Innenminister zusammen, um in der von Umweltschützern besetzten Au von Hainburg ein Blutbad zu verhindern. Später trinken wir Champagner und reden über Politik, Liebe und Anarchie. Und über den Untergang der Lucona. Hat er oder hat er nicht? Das Schiff versenkt. Er sagt: "Nein!" Als er nach Manila flüchtet, reise ich ihm nach. Als er zwei Jahre später in Wien im Gefängnis sitzt, besuche ich ihn. Als er schließlich stirbt, zünde ich eine Kerze an. Seine Freunde kann man sich nicht aussuchen.

Anlässlich seines 20. Todestags erscheint mein sehr persönliches Porträt, das vor dem Hintergrund eines politischen Kriminalfalls einen emotionalen Blick auf das Österreich von gestern wirft. Und ich freue mich, einen Verleger gefunden zu haben, der dieses Buch herausbringt. Denn auch nach so vielen Jahren sorgt der Name Udo Proksch immer noch für heftige Reaktionen. Und vielen wäre vermutlich auch noch 20 Jahre nach seinem Tod der sprichwörtliche "Mantel des Schweigens" lieber.

Wie im "dritten Mann"

Mir geht es nicht um die Causa Lucona, sondern um meine persönlichen Erinnerungen an die turbulenten Jahre zwischen 1982 und 1992, in denen ich sehr viel Zeit mit Udo und seinen Trabanten verbringe - zuerst als investigativer Journalist, der herausfinden will, was nicht in den Zeitungen steht, später dann als faszinierter Freund, der zunächst von Udos Unschuld überzeugt ist und sich am Ende komplett beschissen fühlt wie der Abenteuerschriftsteller Holly Martins im berühmten Film "Der dritte Mann". Holly will nicht glauben, dass sein alter Haberer Harry Lime aus reiner Habgier mörderische Geschäfte im zerbombten Wien der Nachkriegszeit macht.

Und irgendwann ist mir klar: Ein Satz aus dem berühmten Film könnte durchaus auch von Udo sein: "In Italien, in den 30 Jahren unter den Borgias hat es nur Krieg gegeben, Terror, Mord und Blut. Aber dafür gab es Michelangelo, Leonardo da Vinci und die Renaissance. In der Schweiz herrschte brüderliche Liebe, 500 Jahre Demokratie und Frieden. Und was haben wir davon? Die Kuckucksuhr", sagt Orson Welles zu seinem enttäuschten Freund.

Okay: Udo hätte gewusst, dass Kuckucksuhren nicht in der Schweiz gebaut werden, sondern im deutschen Schwarzwald. Aber auch er hält den Krieg für den "kreativen Vater aller Dinge", eine männliche Domäne, befeuert von einem unausrottbaren Tötungstrieb.

Szenen fürs Kopfkino

Stellen Sie sich vor, wir realisieren einen Kinofilm miteinander. Das Drehbuch habe ich geschrieben. Sie nehmen es und führen Regie. Sie bestimmen, wo die Kamera und die Scheinwerfer stehen. Alle warten auf Ihre Anweisungen für die Szenen. Sie machen Ihren Film und packen meine Story in phantasievolle Bilder für das Kopfkino: Action!

Die Wiener City. Ein Maserati Indy. Schnell, laut, dynamisch. Mit Speziallackierung: gefleckte Military-Camouflage-Optik. Es ist Abend. Dunkel. Es hat geregnet. Der italienische Sportwagen rast durch schmale nasse Gassen, wie wir sie aus dem Film "Der dritte Mann" kennen. Die breiten Reifen schmatzen in den Lacken. Am Steuer sitzt Udo Proksch, mit Military-Kampfanzug und einer Carrera-Sonnenbrille auf der Nase. Der Maserati driftet um eine Ecke und hält mit laut schlitternden Reifen hinter der Staatsoper vor dem Eingang ins Hotel Sacher.

Udo springt aus dem Sportwagen und beginnt, die Internationale zu singen: "Völker! Hört die Signale, auf zum letzten Gefecht / Die Internationale erkämpft das Menschenrecht..." Er stürmt das Hotelrestaurant im Sacher und zieht seine Pistole aus dem Gürtel: "Wacht auf, Verdammte dieser Erde, die stets man noch zum Hungern zwingt!"

Bumm. Bumm. Bumm. Er schießt den Kronleuchter von der Decke. Glas splittert. Geschockte blasse Gesichter. Offene Münder. Er schreit: "Ich bin’s, der Udo!" Und lacht. Das Lachen wird ihm schon bald vergehen. Schon bald ist er selbst im Fadenkreuz. Schon bald steht er selbst unter Feuer. "Seit ich auf der Welt bin", hat der Udo einmal gesagt, "trainiere ich das Sterben!"

"Ich bin ja nicht nur eines. Ich bin ja vieles!": Udo Proksch in der Hofzuckerbäckerei Demel in Wien, 1972. 
- © ullstein bild / Horowitz (Ausschnitt)

"Ich bin ja nicht nur eines. Ich bin ja vieles!": Udo Proksch in der Hofzuckerbäckerei Demel in Wien, 1972.

- © ullstein bild / Horowitz (Ausschnitt)

1987 ist der in Los Angeles lebende österreichische Filmregisseur Robert Dornhelm zu Gast in der Konditorei Demel am Kohlmarkt, um Udos Okay für einen Film zu bekommen: Er möchte die Udo-Proksch-Story unter dem Titel "Blue Danube Cowboy" verfilmen. Wer könnte ihn spielen?

Stellen Sie sich den Schauspieler Jack Nicholson im Film "Die Hexen von Eastwick" vor. In dieser Horrorkomödie gibt Nicholson den Frauenverführer Daryl Van Horne - einen Mephisto, wie er im Buche steht. Er schaut zwar nicht gerade blendend aus, aber es geht ein ganz eigener Zauber von ihm aus.

Goethe lässt seinen Mephisto im "Faust" sagen: "Ich bin der Geist, der stets verneint! / Und das mit Recht; denn alles was entsteht / Ist wert, dass es zu Grunde geht; / Drum besser wär’s, dass nichts entstünde. / So ist denn alles, was ihr Sünde, / Zerstörung, kurz das Böse nennt, / Mein eigentliches Element."

"Nicholson hat bereits zugesagt!", flüstert Dornhelm, der dem Hollywood-Star quick & dirty erklärt hat, wer Proksch ist: "Ein Designer, Schweinehirt, Waffenhändler, Frauenheld, Lebemann, Politiker-Einflüsterer und Schwerverbrecher."

"Na, was meinst du zu Dornhelms Filmprojekt?", fragt mich Udo.

Ich zucke mit den Schultern: "Wie soll der Film enden?"

Für den Regisseur ist alles klar: "Nicholson verlässt die alte K.u.K. Zuckerbäckerei und wird davor auf der Straße erschossen."

Als Proksch das hört, zieht er blitzschnell seine Pistole und sagt: "Bist deppert, Dornhelm-Bua? Der Nicholson ist okay. Aber so stelle ich mir mein Ende nicht vor."

Puppenspieler

Frustriert fliegt Dornhelm wieder zurück nach Hollywood. Erst 2010 veröffentlicht er seinen Udo-Film, "Out of Control", eine Dokumentation, ohne Nicholson, in der mehr als 20 Interviews das politische und soziale Panorama einer Gesellschaft abbilden, die dem Puppenspieler Udo Proksch hörig war. Mich filmt Dornhelm in den Prunkräumen des Demel, und ich erzähle von meinen Besuchen in der Justizanstalt Josefstadt und wie ich langsam den Glauben an Udo verloren habe.

Ich kann es nicht fassen, dass ich jahrelang an seine Unschuld geglaubt und dabei nicht erkannt habe, nicht erkennen wollte oder nicht erkennen konnte, dass er doch tatsächlich "Der dritte Mann" ist und ich ein naiver Schreiberling bin, ein gefährlicher Romantiker.

Vielleicht hätte ich ihm manchmal besser zuhören sollen - wenn er zum Beispiel gesagt hat: "Auf dem Schiff war das drauf, was drauf war!" Oder: "Ich würde am liebsten von Österreich und auch von diesem ganzen Schiffsuntergang nichts mehr hören und sehen. Ich will am liebsten in Asien bleiben und von mir aus auch sterben, weil ich ja eh nichts mehr tun kann." Und: "Ich bin ja nicht nur eines. Ich bin ja vieles!" Vor allem aber auch: "Manche Leute glauben, wenn sie fünf Seiten eines Würfels kennen, dass sie auch die sechste Seite kennen. Aber das stimmt nicht immer..."

Bereits 1972 ist Udo Proksch der Besitzer der Hofzuckerbäckerei Demel und Gastgeber des dort gegründeten Club 45, in dem sich VIPs aus Politik, Wirtschaft und Kultur treffen. Udo gilt als potenter Liebling der Damenwelt und erfolgreicher Unternehmer, der weiß, wie man glamouröse Feste feiert, über die noch Wochen später begeistert berichtet wird. Udo ist "Millionär". Und will so mächtig sein "wie Napoleon". Ohne Waterloo natürlich. Außerdem träumt er davon, "Würfeln in Kugeln zu verwandeln".

Joachim Riedl schreibt in "Die Zeit": "In Wien, das damals im kleinbürgerlichen Dämmer schlummerte, hatte ein kreativer Kopf und bunter Hund leichtes Spiel, für Furore zu sorgen. Proksch war ein Frauenfreund und Männerbündler, ein Militärfreak mit Adelstick, Charmeur, Schwerenöter und Teufelskerl (...) Im Hinterzimmer des neuen Demel-Herren wurden rauschende Feste gefeiert, bizarre Projekte geschmiedet, Seilschaften geknüpft, krumme Geschäfte ausgehandelt, Provisionen vereinbart. Geschmeidig bewegte sich Proksch in diesem merkwürdigen Gemisch aus offiziellen Amtsträgern und inoffiziellen Nutznießern. Er war ein Meister-Manipulator, der davon ausging, dass jedermann korrumpierbar sei, und in allen, die ihn umschwirrten, potenzielle Opfer sah."

Auch Frauen umschwärmen ihn wie Motten das Licht. Obwohl er Sätze sagt wie: "Die Frau ist die Ebene, der Mann will zum Gipfel." Oder: "Ein Huhn ist kein Vogel, eine Frau ist kein Mensch." Ihn zieht es nicht zu den einfachen Vorstadtkellnerinnen und Friseusen, er liebt schöne hochgestellte Frauen, schnelle Wagen und Musik. Blaues Blut. Manch eine ist so überwältigt, dass sie sich aus Udos abgefeuerten Pistolenkugeln Ohrgehänge fertigen lässt.

Erika Pluhar und Udo Proksch in frühen Jahren. 
- © imago images / Viennareport

Erika Pluhar und Udo Proksch in frühen Jahren.

- © imago images / Viennareport

Im "Magazin" der "Süddeutschen Zeitung" erinnert sich Erika Pluhar an den Mann, den sie mit 23 geheiratet hat: "Der war ein ganz faszinierender Kerl, ein sprühender Mensch, der mich mit seiner Ideenfülle und Unbekümmertheit anzog. Obwohl er ein kleiner, klobiger Mann mit breitem Gesicht war, sind ihm die Frauen nachgerannt. Diesen seltsamen, leicht verrückten Menschen habe ich sehr geliebt. Er war immer unterwegs und hat mich ständig beschissen. Und er wurde Alkoholiker. Das war das Schlimmste. Im Alkohol hat er mich zweimal verprügelt. Ich habe seinen Abstieg in die totalen Alkoholverwüstungen miterlebt und wie er sich da wieder rausgerappelt hat."

Private "Luftwaffe"

Staunend stellt das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" fest: "Waffennarr Proksch, dem sein Waffenpass Nr. 008216 bis zu seiner Flucht nie entzogen wurde, obwohl er nachweislich in aller Öffentlichkeit sturzbetrunken mit seiner Pistole herumballerte und dabei Menschen gefährdete, durfte beim Bundesheer in Kampfflugzeugen mitfliegen und selbst Panzer fahren (einen steuerte er mal im Suff von Baden nach Wien und stellte ihn mitten in der Stadt ab). Der Kuchenbäcker kaufte dem Bundesheer zu Discountpreisen Kriegsmaterial ab oder erhielt es als Leihgabe, sodass seine private ‚Luftwaffe‘ Mitte der siebziger Jahre aus acht zum Teil noch voll einsatzfähigen Maschinen bestand."

Trautl Brandstaller analysiert in "Die Furche": "Die erotische Wirkung von Uniformen und Waffen, gepaart mit Gewalt- und Alkohol-Exzessen, ist ein typisches Kennzeichen rückständiger Gesellschaften. Daher fanden auch Österreichs größte Medien, Kronen Zeitung und ORF, in denen überall Proksch-Freunde saßen, nichts an Waffentick, Saufgelagen und Prügelorgien ihres Haberers auszusetzen."

In den Katakomben

Ich habe noch nie jemanden kennengelernt, der so exzessiv die Nähe des Todes gesucht hat wie Udo Proksch. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass er mir eines Tages vorschlägt, der Hitze des Sommers zu entfliehen und in die Michaelerkirche zu gehen. Aber nicht einfach in die Kirche, sondern in die darunter liegende Gruft.

Ich weiß nicht, warum, aber Udo hat einen eigenen Schlüssel und kann rund um die Uhr an sieben Tagen in der Woche die Nähe zu Gebeinen, Totenschädeln und alten Särgen suchen. "Oft schlief ich unten in der Michaelerkirche, wenn ich allein sein wollte", sagt Udo. "Die Schönheit der Michaelerkirche zwang mich immer wieder, zu ihr zurückzukehren. Das Gefühl, das mich in dieser Kirche umgab, konnte ich an keinem Ort finden, ja nicht einmal in den Armen einer geliebten Frau."

Wir sind einige Male zu zweit und ungestört da unten und reden über das Leben. Umgeben von den schauerlichen Mumien, die mit schrecklich verzerrten Gesichtern aus leeren Augenhöhlen bei mir eine Zeitlang für beklemmende Träume sorgen. Während solcher Gespräche bin ich oft sehr überrascht, was für ein aufmerksamer Zuhörer er sein kann und wie freundschaftlich, fürsorglich und behutsam er seine Worte an mich richtet. Er ist hilfsbereit und feinfühlig, empathisch und rücksichtsvoll, sentimental und humorvoll.

- © Wieser
© Wieser

In den Wandnischen der Gruft liegen Knochen und Schädel. Vor 1784 wurden in der Michaelergruft bis zu 4.000 Tote bestattet, danach waren Bestattungen in Grüften aus hygienischen Gründen verboten. Der Boden der 19 Gruftkammern ist ein festgestampftes Gemisch aus Erde, Moder und menschlichen Knochen, ungefähr eineinhalb Meter dick. Udo und ich gehen also in der Michaelergruft im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen.

"Sag einmal, Udo, warum hast du denn diese Tätowierung?", frage ich ihn. Er hat drei Punkte auf dem linken Handrücken und lächelt: "Nichts sehen. Nichts hören. Nichts sagen. Das bedeutet: Verrat ist keine Option."

Danke für Ihren spannenden Film! Das haben Sie gut gemacht. Wir sehen uns bei der Oscar-Verleihung.