Ferdinand Kürnberger (1821-1879), Schriftsteller und Publizist ab 1847, war ein bedeutender Vertreter des Wiener Feuilletons in der liberalen Tagespresse. Geradezu idealtypisch verkörpert dieser Mann den unabhängigen Journalisten: Stark in der Recherche, unsentimental beim Erzählen, sarkastisch bis an die Grenze zum Zynismus, skeptisch gegenüber Weltanschauungen.

Kürnbergers Werke, seine Zeitungsbeiträge, Novellen, Romane, auch die vom Wiener Hoftheater abgelehnten Dramen, sind für Germanisten, Publizisten, Historiker und Theaterwissenschafter eine wahre Fundgrube (zehn Dissertationen zwischen 1923 und 1982, eine Diplomarbeit 2008). Weniger beachtet wird hingegen Kürnbergers mehrjährige Zeitungskampagne als unabhängiger Journalist für die Rettung von Teilen des Wienerwaldes. Diese Aktion ging von seinem Freund und Kollegen, dem Reichsratsabgeordneten und späteren Bürgermeister von Mödling, Joseph Schöffel (1832-1910), aus.

 

Neben dem Eingang in das Haus Kaunitzgasse 35 im 6. Bezirk befindet sich eine Gedenktafel mit einem Hinweis auf Ferdinand Kürnberger und dessen literarisches Schaffen. "Von Zeit zu Zeit seh’ ich die Alte gern" ist dort zu lesen. Dieser Satz aus Kürnbergers Feuilletonsammlung "Siegelringe" (1874) soll keine frauenfeindliche Anspielung sein. Vielmehr ist mit "die Alte" seine Geburtsstadt Wien gemeint, zu der er ein zwiespältiges Verhältnis hatte.

Publizist und Poet

Karl Kraus zählte Ferdinand Kürnberger zu den "bedeutendsten Schriftstellern seiner Zeit". Max Weber, Theodor W. Adorno und Ludwig Wittgenstein verwendeten Gedanken aus Kürnbergers Schriften. Als Begründer der "Wiener Kritik" gilt der Publizist und Poet als Vorläufer von Peter Altenberg und Hermann Bahr.

Vor allem aber war Kürnberger ein politischer, scharfsinniger Mensch. Sehr früh erkannte er die inneren Schwächen des österreichischen Staates, mit seinen Verfassungsversuchen und dem Dualismus nach 1848. Der langsame Auflösungsprozess der Monarchie sollte seiner Meinung nach durch die Verschmelzung der Erbländer mit dem Deutschen Reich behoben werden. Kürnberger stand nach der österreichischen Niederlage in Königgrätz, 1866, auf Seite der Preußen. Den deutsch-französischen Krieg von 1870/71 kommentierte er als national gesinnter Deutscher und leidenschaftlicher Gegner der Franzosen.

Eine Tafel in der Kaunitzgasse 35 erinnert an den berühmten Bewohner. 
- © Rudolf Biwald

Eine Tafel in der Kaunitzgasse 35 erinnert an den berühmten Bewohner.

- © Rudolf Biwald

Kürnbergers bewegtes Leben, seine Flucht, die Wanderjahre und sein ständiger Existenzkampf spielten sich vor dem Hintergrund der ereignisreichen Jahre 1848, 1866, 1871 und 1878 ab. "Ich bin von Haus aus Poet und nur durch die Umstände Journalist", schrieb er 1871 an seine Wiener Freundin Isabella Wendelin. Trotz seiner Erfolge als Literat und Journalist wurden seine beim Hofburgtheater eingereichten Dramen abgelehnt. Dadurch wuchs sein Groll auf die Theaterdirektoren. Ein Leben lang wollte dieser Mann seinen Ideen auch auf der Bühne Ausdruck verleihen, was ihm jedoch nicht gelang. Zeitgenossen berichteten von der Verbitterung des Schriftstellers, "überwuchert von griesgrämigen Schrullen".

Ferdinand Kürnberger wurde laut Taufbuch der Pfarre Mariahilf am 3. Juli 1821 auf dem Magdalenengrund Nr. 18 (heute im Bereich Kaunitzgasse 35) geboren. Sein Vater war städtischer Laternenanzünder, seine Mutter betrieb einen Obst- und Gemüsestand auf dem Naschmarkt. Trotz bescheidener Verhältnisse setzte das Elternpaar Kürnberger alles daran, um Ferdinand, dem talentiertesten ihrer fünf Kinder, eine gute Schulbildung zu ermöglichen.

Bei der "Wiener Zeitung"

Nach dem Besuch der Normalschule (1829-1833) trat er mit 13 Jahren in das Piaristengymnasium ein und wechselte dann ins Schottengymnasium (Gedenktafel am Haus Freyung Nr. 6). Schließlich landete er im Akademischen Gymnasium und beendete als 20-Jähriger seine Gymnasialzeit wegen eines "Ungenügend in Mathematik" ohne Reifeprüfung. Daher konnte der junge Mann nur als Gasthörer an der Wiener Philosophischen Fakultät studieren.

In seiner Selbstbiographie (herausgegeben von Constantin von Wurzbach) schrieb Kürnberger vom "langweiligen Betrieb an der Wiener Universität". Lieber bildete sich der ehrgeizige junge Mann auf Grundlage seiner guten Gymnasialbildung autodidaktisch weiter. Er las Hegel, Kant und Schopenhauer und befasste sich mit Kunst- und Naturgeschichte. Aufgrund seiner schwierigen materiellen Lage gab Kürnberger seine philosophischen Studien jedoch auf und begann ab 1847 für das Journal "Die Sonntagsblätter" zu schreiben.

Somit verdiente der fleißige Autodidakt seinen Lebensunterhalt mit dem Verfassen von Artikeln für verschiedene Zeitungen. Unter anderem war er Mitarbeiter der "Presse", der "Constitutionellen Donauzeitung" und der "Wiener Zeitung". Der Zusammenbruch der Revolution zwang ihn, von den Behörden als ehemaliger Akademischer Legionär und "Brandartikelschreiber" verfolgt, zur Flucht nach Deutschland.

In Dresden wurde der rebellische Poet verdächtigt, an der Mairevolution teilgenommen zu haben, und geriet 1849 für neun Monate in Haft. Anschließend lebte Kürnberger in Hamburg, Bremen und Frankfurt am Main. In dieser Zeit verfasste er die "Briefe eines politischen Flüchtlings". Während seiner Frankfurter Jahre (1852-1856) hatte er mit dem das damalige Auswandererfieber satirisch beleuchtenden Roman "Der Amerikamüde" (1856) erstmals literarische Erfolge. Beliebt waren auch seine "Novellen" (1851).

Friedrich Hebbel (1813-1863), in einer Lithographie von Josef Kriehuber (1858). 
- © Public domain / via Wikimedia Commons

Friedrich Hebbel (1813-1863), in einer Lithographie von Josef Kriehuber (1858).

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In Wien war Kürnberger bei seiner Heimkehr im Jahr 1856 immer noch ein gesellschaftlich verfemter Mann. Der 35-Jährige gab nicht auf und versuchte als unerschrockener Publizist, Essayist und Feuilletonist, die öffentliche Meinung zu kritisieren und zu beeinflussen. Er lehnte Mittelmäßigkeit ab, war unbestechlich, machte keinerlei Zugeständnisse und nahm keine gesellschaftlichen Rücksichten. In seinen Polemiken griff er mitunter die Österreicher, vor allem die Wiener Bevölkerung an und bezeichnete deren "Weichheit und Gemütlichkeit" als "Nationalfehler". Wie sein Zeitgenosse Franz Grillparzer schimpfte Kürnberger auch über die Bauten der Ringstraße und bezeichnete die Staatsoper als "Königgrätz der Baukunst". Dennoch zog es Kürnberger immer wieder zu der "Alten", also nach Wien.

Im Laufe seines Lebens hatte sich dieser schwierige, eigensinnige Mann zahlreiche Feinde geschaffen, aber ebenso begleiteten ihn neben seiner "Seelenfreundin" Isabella Wendelin ehrliche Freunde: Das waren stets außergewöhnliche Zeitgenossen, darunter Künstler und Literaten wie Friedrich Schlögl, Moritz Hartmann oder Gottfried Keller. Besonders verbunden fühlte sich Kürnberger mit Friedrich Hebbel, der ähnliche Existenzsorgen und Wanderjahre erlebt hatte. Obwohl Kürnberger seinen berühmten Zeitgenossen Franz Grillparzer bewunderte, kritisierte er dessen bedingungslose Loyalität zur Habsburgermonarchie.

Natur und Stil

Kürnberger lehnte jede Religion mit Schopenhauers Begriff der "Volksmetaphysik" ab, wetterte gegen die Kirche und den Religionsunterricht an Schulen. Er schätzte die Natur und Bergwelt, traf Peter Rosegger, der ihn als "hochmütiges Genie" beschrieb und ihm - neben einem "unwirtlichen Äußeren" - aber "Gemüt und Güte" zusprach. So entstanden in verschiedenen Tagblättern Kürnbergers "Touristische Aufsätze". Andere Beiträge, die er über die "Spachverwilderung der Zeitungsstile" verfasste, sind auch heute noch aktuell.

Der Mödlinger Bürgermeister Joseph Schöffel hatte bei seinem ab 1870 begonnenen Kampf um die Erhaltung des Wienerwaldes seinen Freund Ferdinand Kürnberger an der Seite. Dieser gemeinsame, schließlich erfolgreiche Kampf wird von Germanisten meist nur kurz erwähnt. Kürnberger weist im Vorwort zu den "Siegelringen" auf seine publizistischen Bemühungen rund um die geplante Abholzung hin.

Nach dem Desaster von Königgrätz 1866 war die Staatskasse in Not. Am 12. April 1870 gab daher die Domänenverwaltung ihre gesetzliche Zustimmung zum Verkauf von 54.000 Joch Waldes rund um Wien und bot damit dem Holzhändler Moritz Hirschl die Möglichkeit zu Kahlschlägen. Die Wiener Tageszeitungen stellten diesen "Staatsgüterverschleiß" als "finanzielle Notwendigkeit" dar und erhoben dagegen keine Einwände.

Josef Schöffel, der Retter des Wienerwaldes, in einer Karikatur von 1873. 
- © Public domain / via Wikimedia Commons / Carl Edler von Stur

Josef Schöffel, der Retter des Wienerwaldes, in einer Karikatur von 1873.

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Als Schöffel im Landtag und sein Mitstreiter Joseph Klemm im Wiener Gemeinderat am 20. April 1870 gegen dieses Gesetz auftraten, schwieg man die Debatte tot. Als dies nicht mehr möglich war, begann die Presse beide Männer zu verhöhnen. Joseph Schöffel belegt das in seinen "Erinnerungen" (Wien 1905). Ferdinand Kürnberger war der einzige Wiener Journalist, der die Rechtmäßigkeit dieses Kampfes um die ungeschmälerte Erhaltung des Wienerwaldes sofort erkannte. Unerschrocken stellte sich der "ewige Revoluzzer" auch gleich an Schöffels Seite, der in seinen "Erinnerungen" schrieb:

"Mein unvergeßlicher Freund Ferdinand Kürnberger, dieser Geistestitane, der unentwegt für Freiheit, Wahrheit und Recht gegen die herrschende Lüge, Unredlichkeit und Dummheit, insbesondere aber gegen die Feilheit der Presse kämpfte, sekundierte mir in meinem Kampfe in dem er eine Reihe von wahrhaft klassischen Essays unter dem Titel: ‚Was sich der Kahlschlag erzählt‘, ‚Der Badeplatz der Dummheit‘, (...) ,Diebsein währt am längsten‘ veröffentlichte."

Eine letzte Liebe

Ruhelos pendelte Kürnberger nach 1860 fast zwanzig Jahre zwischen Österreich und Süddeutschland hin und her. Die Jahre 1866 bis 1876 verbringt Kürnberger in Wien. 1877 verlässt er Wien und zieht nach Graz. Der 50-Jährige ist anspruchslos, lebt in billigen Mansardenzimmern, hat nur zeitweise eine gesicherte Existenz. In den Wiener Jahren verliebte sich Kürnberger in die junge Henriette Tauber. Das einseitige Verhältnis ist in den "Liebesbriefen eines Wiener Poeten" belegt ("Neue Freie Presse", April 1903).

Kürnbergers Schwärmereien währten nur kurze Zeit und endeten in Enttäuschungen und Qualen. Im Jahr 1879 erkrankte er auf einer Sommerreise und nahm in München die Gastfreundschaft der Familie des Malers Wilhelm von Kaulbach in Anspruch. Kaulbachs Witwe umsorgte den schwerkranken 58-Jährigen bis zu seinem Tod am 14. Oktober 1879. Kürnbergers Grab befindet sich auf dem Mödlinger Friedhof, in der Nähe seines Mitstreiters Joseph Schöffel.

Aus heutiger Sicht sollte Ferdinand Kürnberger weniger nach seinen literarischen Leistungen, sondern nach seinem großen publizistischen Verdienst hinsichtlich der Rettung von großen Teilen des Wienerwaldes gewürdigt werden. Dazu kommt, dass - damals so wie heute - kurzfristige politische Ziele zu bekämpfen waren. Es war nicht nur Kürnbergers Polemik, sondern sein fundierter Sachjournalismus, der letztlich den Unmut der Öffentlichkeit entfachte und die Rettung des Wienerwaldes gelingen ließ.