1610 entdeckte Galileo Galilei (geb. 1564) unter anderem die Jupitermonde mit dem jungen Fernrohr. Er erklärte sie zum himmlischen Monument für das Fürstengeschlecht der Medici. Als Dank wurde er zum toskanischen Hofphilosophen ernannt. Galilei übersiedelte somit nach Florenz und ließ seine Geliebte Marina Gamba in Padua zurück. Die beiden unehelichen Töchter steckte er, viel zu jung, ins Kloster San Matteo. Zumindest die aufgeweckte Virginia blieb ihm dennoch verbunden. Sie nahm 1616 den Namen Maria Celeste an: Da "celeste" im Italienischen "himmlisch" bedeutet, mag die Namenswahl sogar von den Himmelsbeobachtungen ihres Vaters inspiriert worden sein.

Die Nonnen dürfen das Kloster in Arcetri bei Florenz nicht verlassen. Da es bettelarm ist, müssen sie mit dem Nötigsten auskommen. Der Hofphilosoph logiert hingegen seit 1617 in der eleganten Villa dell’Ombrellino an der florentiner Piazza Bellosguardo. Der Maultierritt nach Arcetri fällt dem 67-Jährigen schwer: Auf Wunsch von Maria Celeste bezieht er im Herbst 1631 eine Villa in unmittelbarer Nähe des Klosters. Nun trennen ihn bloß 600 Schritte von seinen Töchtern.

Fataler "Dialog"

Einheimische nennen die im 14. Jahrhundert errichtete Villa "Il Gioiello" (ital., das Juwel), wohl ihrer luftigen Lage am Pian dei Giullari wegen. Hier, auf der "Ebene der Gaukler", lässt es sich vor allem im Sommer besser leben als unten in der Stadt. Im Hof gedeihen Zitrusfrüchte. Hinter einer Mauer erstrecken sich ein Wein- und ein Gemüsegarten, wo unter anderem Salat, Kichererbsen oder Kapern wachsen. Der Hühnerstall und der Taubenschlag ergänzen den Speiseplan mit Eiern und Fleisch. Galilei lässt Körbe mit Lebensmitteln von seiner Villa ins Kloster hinübertragen, repariert dessen Uhr und auch so manchen Fensterladen.

Gäste heißt er im vergleichsweise geräumigen Empfangsraum seines neuen Domizils willkommen. Dann nimmt er mit ihnen im heimeligen Esszimmer Platz. Seine Bediensteten, ein Mann und eine Frau, bringen die Gerichte über eine recht schmale Stiege aus der Küche herauf. An sie schließt ein weiterer Kellerraum an: Hier lagern Weinfässer, Gefäße mit Olivenöl oder Feuerholz. Alles in allem lebt der Hofphilosoph recht bescheiden, sieht man von den oft aus Walnussholz gefertigten Möbeln ab. Um die Wärme des Herds zu nutzen, liegt sein in lichtem Blau gehaltenes Schlafzimmer direkt über der Küche. Die Bediensteten schlafen hingegen im oberen Stockwerk, wo die Fensterrahmen nur mit ölgetränktem Tuch bespannt sind.

Galileo-Statue vor den Uffizien. - © Pinter
Galileo-Statue vor den Uffizien. - © Pinter

In Galileis kleinem Arbeitszimmer versammeln sich ein paar Dutzend wissenschaftlicher Bücher. Hier schließt er jenes Werk ab, das ihm zum Verhängnis geraten wird. Zwischen 1610 und 1616 hat er als lautester Verfechter der kopernikanischen Lehre gegolten. Sie versetzt unsere Erde in mehrfache Bewegung: Unsere Welt soll laut Kopernikus um ihre eigene Achse wirbeln und im Jahreslauf die Sonne umkreisen. Doch Theologen haben Widersprüche zum Wortlaut der Bibel geortet. Die Lehre von einer sich bewegenden Erde ist daher seit 1616 untersagt. Den meisten Zeitgenossen Galileis ist das kirchliche Verbot egal. Sie halten sowieso noch an einer absolut unbeweglichen, im Zentrum des Universums ruhenden Erde fest. Ihrer Überzeugung nach jagen Sonne, Planeten und sämtliche Sterne um uns herum, und das jeden Tag aufs Neue.

Für Galilei ist es, als hätte man ihm "den Mund gestopft". Er darf das kopernikanische Modell fortan nur noch als reine Hypothese oder als Gedankenspielerei erwähnen, es aber nicht als Beschreibung der Wirklichkeit propagieren. Seit langem plant er ein Buch, das die konträren Weltmodelle - das verbotene kopernikanische und das althergebrachte erdzentrierte - miteinander vergleicht. Papst Urban VIII. hat diesem Unterfangen schon zugestimmt; immer vorausgesetzt, das Buch entscheidet sich schlussendlich nicht für die bewegte Erde des Kopernikus. Das in Arcetri vollendete Werk geht 1632 in Druck. Trotz gegenteiliger Beteuerungen und Heucheleien entpuppt sich dieser sogenannte "Dialog über die beiden hauptsächlichsten Weltsysteme" als Plädoyer für die verbotene kopernikanische Lehre. Der Papst fühlt sich getäuscht und hintergangen.

Diskrete Verbündete

Selbst eine dreifach attestierte Reiseunfähigkeit nützt Galilei nichts: Er muss sich bei der Inquisition in Rom einfinden. Am 20. Jänner 1633 verlässt er Arcetri. Eine zweiwöchige, durch die Pest bedingte Quarantäne unterbricht seine Reise. Endlich angelangt, nimmt er in der prachtvollen Villa Medici an der Viale della Trinità dei Monti Quartier. Der toskanische Botschafter und dessen Gemahlin nehmen ihn auf. Sie könnten selbst die eigenen Eltern nicht liebevoller behandeln, hält Galilei fest. Während er auf das erste Verhör wartet, treffen immer wieder Briefe aus Arcetri ein. Maria Celeste berichtet dem "innig geliebten Herrn Vater" vom Geschehen in der Villa: Die Bohnen trügen spärlich, die Artischocken wären im Vorjahr besser gestanden. Die wenigen Orangenblüten würden aufgesammelt und destilliert. Die reifen Zitronen seien aber "wirklich schön und überaus schmackhaft"; Galilei müsse kommen, um davon zu kosten.

Maria Celeste spricht ihrem Vater Mut zu und agiert wohl auch als diskrete Verbündete. Einmal händigt sie zwei Vertrauten Galileis die Schlüssel zur Villa aus: Die beiden entfernen vermutlich belastende Schriftstücke oder verstecken diese. Denn Galilei wird der Ketzerei verdächtigt. Die Inquisition will den berühmten Forscher zum Schweigen bringen, ihn jedoch nicht unbedingt vernichten. Man baut ihm eine "goldene Brücke": Er darf seinen Kopf aus der Schlinge ziehen, falls er der kopernikanischen Lehre öffentlich abschwört. Die Strafe - Kerkerhaft - kann jederzeit nach Gutdünken der Inquisition geändert, verschärft oder aufgehoben werden.

Seit 1843 schaut Galileis Büste von der Hausfassade herab. 
- © Pinter

Seit 1843 schaut Galileis Büste von der Hausfassade herab.

- © Pinter

Rasch wandelt man sie in Hausarrest um, und zwar beim Erzbischof von Siena: Ascanio II. Piccolomini zählt zu Galileis Bewunderern. Auf Wunsch des Philosophen sendet der Monsignore Wein in das Kloster San Matteo; ebenso Mozzarella, Drosseln, Rebhühner, Schnepfen und andere Spezialitäten. Um dem Gelehrten Zerstreuung zu bieten, lädt er außerdem immer wieder vornehme Herren zu Gesprächen in den Palazzo ein. Dem Papst mutet es fast so an, als hielte Galilei "Hof" in Siena! So stimmt er im Dezember 1633 der Rückkehr des Verurteilten ins weitaus stillere Arcetri zu. Sofort fährt Ferdinando II. de’ Medici, der Großherzog der Toskana, in einer kleinen Karosse vor. Er heißt seinen Hofphilosophen persönlich willkommen, verweilt nahezu zwei Stunden in dessen Villa.

Der Gelehrte bleibt im Hausarrest. Lediglich das Kloster darf er aufsuchen. Schon wenige Wochen nach dem Wiedersehen erkrankt Maria Celeste schwer. Sie stirbt am 2. April 1634 - im Alter von 33 Jahren. Unendliche Melancholie umfängt Galilei. "Schließlich höre ich mich unentwegt von meiner geliebten Tochter gerufen", klagt er. Das "Juwel" ist nun zu seinem "Kerker in Arcetri" geworden. Eine Übersiedlung in das nahe Florenz lehnt Rom ab: Weitere Gesuche dieser Art könnten mit der Überstellung ins Inquisitionsgefängnis enden, warnt man ihn.

Galilei widmet sich nun anderen, physikalischen Themen. Hingebungsvoll pflegt er seinen Weingarten. Zu seinen Besuchern zählen der flämische Porträtmaler Justus Sustermans, der englische Poet John Milton oder der Philosoph Thomas Hobbes. Ihnen kredenzt er edlere Tropfen. Etliche stammen aus dem Keller des Großherzogs. Beim Wein will der Hausherr nicht "im Geringsten auf Einsparung von Kosten" achten. Er hielte sich "in allen anderen körperlichen Genüssen" zurück, erklärt er mit Verweis auf die Ackerbaugöttin Ceres und die Liebesgöttin Venus: Daher könne er wenigstens "dem Bacchus ein wenig willfahren".

Weiter, enger Kosmos

Von der holzüberdachten Terrasse im Obergeschoss der Villa richtet Galilei das Fernrohr zum Mond: Dieser wendet uns stets dieselbe Seite, das selbe "Gesicht" zu. Wie Galilei 1637 schreibt, macht er das aber wie eine Person, die mit dem Kopf nickt und diesen ein wenig schüttelt. Dieser Mondlibration wegen zeigt das Teleskop nach und nach mehr als nur die exakte Hälfte der Mondoberfläche.

Von der überdachten Terrasse aus studierte Galilei die Mondlibration. 
- © Pinter

Von der überdachten Terrasse aus studierte Galilei die Mondlibration.

- © Pinter

Doch der Himmelsbeobachter erblindet. Der graue und der grüne Star befallen das rechte, 1638 auch das linke Auge. Einst hat Galilei den Sternhaufen der Plejaden mit dem Teleskop in dutzende Sternchen aufgelöst, das matte Band der Milchstraße sogar in unermesslich viele. Wie er mutmaßt, stehen diese schwachen Lichter stets in deutlich größerer Distanz als die hellen, altvertrauten. Seine Beobachtungen hätten das Universum somit "hundert und tausende Male weiter ausgedehnt (...) als es die Gelehrten aller verflossenen Jahrhunderte gemeinhin schauten". Hingegen sei sein eigener Kosmos nun auf jenen Raum geschrumpft, den der erblindete Leib einnehme. Die Inquisition lässt den alten Mann vorübergehend zu seinem Sohn Vincenzio Galilei an der steil ansteigenden Costa San Giorgio ziehen. Dort ist er den florentiner Ärzten näher. Selbst die nahe, kleine Kirche darf er zu den Festtagen betreten. Vincenzio - ebenfalls unehelich geboren, mit Hilfe der Medici aber längst legitimiert - muss dem Vater dort stets zur Seite stehen: Er hat etwaige Gesprächspartner "schleunigst alle abzufertigen".

1639 wird Vincenzo Viviani zum Schüler, Sekretär und ersten Biografen Galileis. Der junge Mann nimmt die Diktate seines Lehrmeisters auf und liest ihm aus früheren Aufzeichnungen vor. Auch der Physiker Evangelista Torricelli zieht letztlich in die Villa ein. Am 8. Jänner 1642 stehen die beiden gemeinsam mit dem Sohn Vinzencio an Galileis Totenbett. Heute wird das Haus Nr. 42 an der Via Pian dei Giullari von der Universität Florenz betreut. Eine etwaige Besichtigung muss vorab arrangiert werden.