"Adolf Schmal-Filius tot! Diese erschütternde Hiobsbotschaft, die uns der Draht gestern aus Salzburg zutrug, wird die automobilistische Gemeinde Deutschösterreichs und der Sukzessionsstaaten mit tiefer Trauer erfüllen."

Völlig überraschend endete am 28. August 1919 im Salzburger Bahnhof der nur 47 Jahre währende Lebensweg eines Vielbeschäftigten: Reisejournalist, Herausgeber früher Radsport- und Automobilzeitschriften, Fotograf, Fachbuchautor, Sportsmann. Und in den Nachrufen 1919 erinnerte man sich nun auch wieder, dass Schmal-Filius einer der ersten Olympiasieger Österreichs war.

Adolf Schmal stammte aus einer Familie mit breit gestreuten Interessen. Sein Vater, Johannes Adolf Schmal, war ein vielbeschäftigter deutscher Journalist, der als Berichterstatter Europa und Kleinasien bereiste. Die Familie übersiedelte um 1880 nach Wien. Vater Schmal schrieb in der Folge für das "Neue Wiener Tagblatt" sowie verschiedene Reise- und Sportzeitschriften. Sein Sohn Adolf, der am 18. September 1872 in Dortmund geboren wurde, begeisterte sich von Jugend an für den Sport. Seit 1893 Mitglied im akademisch-technischen Radfahrverein in Wien, unternahm er zahlreiche Radfernfahrten, etwa Berlin-Wien, Rom-Wien oder Paris-Wien. Letztere Strecke bewältigte er in nur sechs Tagen. Zudem war er Turnierfechter und ein früher nordischer Skiläufer.

Sportexperte

Schon bald trat er in die journalistischen Fußstapfen seines Vaters. Um nicht mit diesem verwechselt zu werden, publizierte er unter dem lateinischen Pseudonym Filius (Sohn). Später änderte er seinen Namen in Schmal-Filius. Seine Sportbegeisterung und seine journalistische Begabung machten ihn zu einer tragenden Säule der "Illustrierten Allgemeinen Radfahrer-Zeitung" sowie des "Centralblatts für Radsport", deren Herausgeber er war. Zudem schrieb er Sportberichte im "Neuen Wiener Tagblatt" sowie für verschiedene deutsche und französische Sportzeitschriften.

Ein sportliches Multitalent: Adolf Schmal-Filius (1872–1919). 
- © apa / Repro aus: "Österreichs Sportidole"

Ein sportliches Multitalent: Adolf Schmal-Filius (1872–1919).

- © apa / Repro aus: "Österreichs Sportidole"

Interessiert verfolgte Filius die Diskussionen um die Wiederbelebung der Olympischen Spiele. Diese hatten aufgrund eines Verbots des oströmischen Kaisers Theodosius seit dem Jahr 393 n. Chr. nicht mehr stattgefunden. Bis sich der französische Historiker Pierre de Coubertin der Olympischen Spiele erinnerte und vorschlug, anlässlich der Pariser Weltausstellung 1900 ein großes internationales Sportfest abzuhalten. Auf sein Betreiben hin wurde am 16. Juni 1894 das Internationale Olympische Komitee in Paris gegründet. Da man nicht sechs Jahre zuwarten wollte, schlug Coubertin Athen als Austragungsort für die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit vor.

Doch Griechenland war ein armes, politisch instabiles Land und die Finanzierung der Spiele schien lange unmöglich. Schließlich sprang der griechische Kronprinz Konstantin in die Bresche und seine Begeisterung wirkte ansteckend auf das griechische Königshaus sowie zahlreiche private Sponsoren. Sogleich begann man, auf den Grundmauern des antiken Athener Stadions das Panathinaikon-Stadion mit 50.000 Sitz- und 19.000 Stehplätzen zu errichten. Gegen die große Idee regte sich auch engstirniger Widerstand. So stand in deutschen Zeitungen zu lesen, dass sportliche Höchstleistungen ungesund, unästhetisch und asozial seien. Auch Kaiser Franz Joseph zeigte sich am Sport wenig interessiert, das Österreichische Olympische Komitee wurde erst 1906 gegründet.

Trotz mancher Widrigkeiten war es am 6. April 1896 dann so weit und die "Wiener Abendpost" des folgenden Tages berichtete ausführlich über das Ereignis:

"Unterer dem Enthusiasmus der Bevölkerung nahm das Nationalfest seinen Anfang. Die Stadt Athen ist beflaggt. In der Kathedrale fand ein Te-Deum statt, welchem die königliche Familie und Sr. Hoheit Großfürst Georg Michailowitsch beiwohnten. Der erste Tag der Festlichkeit verlief in glänzender Weise. Der Kronprinz übergab Sr. Majestät dem König das Stadion, von welchem dieser im Namen Griechenlands Besitz ergriff. Sodann wurde die olympische Hymne intoniert, worauf die Spiele begannen."

262 Sportler aus bis zu 15 Nationen - die Angaben dazu sind widersprüchlich - waren zur Eröffnung im Stadion versammelt, die feierlichen Worte des griechischen Königs Georg I., mit denen er die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit eröffnete, sind nicht überliefert. Es gab auch noch keine Olympische Flamme, diese wurde erst bei späteren Spielen entzündet, ebenso fehlte der feierliche Einmarsch der Athleten.

Keine Athletinnen

Zu den Wettbewerben waren nur männliche Amateure zugelassen, sieht man von den professionellen Fechtmeistern im Offiziersrang ab, die gesondert um olympische Ehren kämpften. Frauen durften an den Spielen nicht teilnehmen. Im Gegensatz zur Antike konnten sie aber zuschauen. Neben Leichtathletik-, Ring-, Turn-, Gewichthebe-, Tennis-, Schwimm- und Laufbewerben fanden auch Radrennen und Fechtkämpfe statt. An den beiden Letzteren nahm Adolf Schmal-Filius teil. Dies mag verwundern, in der "Illustrierten Allgemeinen Radfahrer-Zeitung" (1895) findet sich vielleicht eine Erklärung dafür: "Erstens besitzt der Radfahrer bekanntermaßen fast immer eine große körperliche Gewandtheit, zweitens hat er einen durch viel Uebung geschärften Blick und ist im Erfassen des richtigen Moments Meister. Alles Dinge, die für einen Fechter unerlässlich sind. Andererseits soll auch das Fechten einen vortheilhaften Einfluss auf das Radfahren ausüben."

Im Stadion und an den anderen Wettkampforten verfolgte eine große Zuschauermenge die Spiele, die Sieger wurden mit großem Beifall empfangen. Dabei hatte Filius im Fechtwettbewerb großes Pech. Nachdem er bereits zwei starke Gegner überwunden hatte, schien der Sieg zum Greifen nahe, als der griechische König die Zappeion-Halle betrat. Da er den ganzen Wettbewerb sehen wollte, wurden die Fechtkämpfe neu ausgetragen. Filius erreichte dabei nur den undankbaren vierten Rang.

Der siegreiche Schwimmer Paul Neumann. 
- © Public domain / via Wikimedia Commons / Urheber unbekannt

Der siegreiche Schwimmer Paul Neumann.

- © Public domain / via Wikimedia Commons / Urheber unbekannt

Erfolgreich war er hingegen bei den Radrennen. Filius gewann auf einem Swift-Steyr-Fahrrad das 12-Stunden-Rennen, wobei er 315 Kilometer zurücklegte. Im 10-Kilometer-Bahnrennen und im 333-1/3-Meter-Zeitfahren belegte er jeweils den dritten Rang. Somit zählt Adolf Schmal-Filius mit dem Schwimmer Paul Neumann, der den 500-Meter-Freistilwettbewerb gewann, zu den ersten österreichischen Olympiasiegern.

Der dritte erfolgreiche österreichische Teilnehmer, Otto Herschmann, erkämpfte im 100-Meter-Freistil-Schwimmwettbewerb den zweiten Platz. In der Nationenwertung belegte Österreich hinter Ungarn den siebten Platz - auch Sport war in der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn keine gemeinsame Angelegenheit. Alle Olympiasieger erhielten 1896 vom griechischen König eine Silbermedaille und einen Olivenzweig aus dem heiligen Hain von Olympia überreicht, Zweitplatzierte eine Bronze- oder Kupfermedaille - die Quellen sind hier widersprüchlich - und einen Oliven- beziehungsweise Lorbeerzweig. Die Drittplatzierten gingen leer aus. Bei der Siegerehrung am Schlusstag regnete es in Strömen, was der Begeisterung allerdings keinen Abbruch tat.

Glänzten die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit auch nicht mit Weltrekorden, waren die allgemeine Begeisterung, die beeindruckende Teilnahme von Athleten zahlreicher Nationen sowie die Anwesenheit von geschätzten 300.000 Besuchern ein richtungsweisender Erfolg. Von Filius begeistert waren seine Journalistenkollegen: "Das ist das Richtige: ein Sportjournalist, der nicht nur hinter dem Schreibtische seine Weisheit auskramt, sondern auch im Kampfe zeigt, dass er nicht von Pappe ist. Theorie und Praxis ergänzen sich da auf glänzende Weise. Alle Achtung!"

Erste Ausgabe vom 7. Jänner 1900. 
- © Österreichischer Automobil-Club / CC0 / via Wikimedia Commons

Erste Ausgabe vom 7. Jänner 1900.

- © Österreichischer Automobil-Club / CC0 / via Wikimedia Commons

Adolf Schmal-Filius blieb dem Radsport auch nach seinem Olympiasieg aktiv erhalten, seine Interessen verlagerten sich jedoch zunehmend hin zum noch jungen Motorsport. Im Jahr 1900 gründete er gemeinsam mit Felix Sterne die "Allgemeine Automobil-Zeitung" (AAZ), deren Herausgeber und wichtigster Redakteur er bis zu seinem Tod 1919 blieb. Die AAZ lebt bis heute in der Clubzeitung "auto touring" des ÖAMTC weiter. Sein technisches Fachwissen bewies Filius mit einem frühen Standardwerk der Automobilliteratur, die Zeitung "Sport am Montag" vom 29. August 1919 würdigte das Fachbuch in einem Nachruf auch noch Jahre später:

"Den Grundstein seiner Popularität legte das klassische Werk ,Ohne Chauffeur‘, dessen Erscheinen im Jahr 1904 gleich einer Offenbarung wirkte. (...) Die ungeheure, weit über die Grenzen der ehemaligen Monarchie hinausreichende Verbreitung dieses Werkes kann kaum trefflicher illustriert werden, als durch Zitierung des sprichwörtlich gewordenen Fragesatzes: Was sagt Filius zu dieser Situation?"

Früher Automobilist

Filus war jedoch auch ein vielbeschäftigter Automobilist und Reiseschriftsteller, der in der AAZ regelmäßig über landschaftlich wie automobilistisch interessante Strecken in Österreich-Ungarn und im Ausland berichtete und seine Artikel mit anschaulichen Fotografien illustrierte. Er war immer gleich zur Stelle, wenn ein neuer Alpenübergang oder eine Panoramastraße, etwa die atemberaubenden Hochstraßen in den Dolomiten, eröffnet wurden.

Für seine erste Alpenfahrt im Jahr 1901 wählte Filius allerdings vorsichtshalber ein 1 3/4 HP Laurin & Klement Motorrad, "weil man es, wenn man auf einem steilen Paß stecken bleibt, jederzeit nach Abnahme des Riemens in ein Fahrrad verwandeln und dann bergab rollen lassen kann. Kurzes Pedalieren in der Ebene bringt einen zur Eisenbahn, die in diesem Falle ein wohlwollender großer Bruder ist."

Über vier seiner großen Automobiltouren schrieb Filius Reisebücher und gleich die erste führte ihn in ein Land, "wo die Leute mit Turban und Fez, mit weiten Kniehosen und mit dem Messer im Gürtel herumgehen". Filius benützte für die Fahrt durch Bos-nien-Herzegowina und Dalmatien im September 1907 einen Gräf & Stift 28/32 HP Doppel Phaeton. Es war dies übrigens das gleiche Modell, in dem Thronfolger Franz Ferdinand sieben Jahre später mit seiner Gattin in Sarajewo von einem serbischen Attentäter erschossen wurde. 1912 bereiste Filius mit einem Mercedes das Königreich Ungarn.

Filius wurde auch nach seinem frühen Tod viel gelesen. Seine Fachbücher erschienen in zahlreichen Neuauflagen bis in die späten 1930er Jahre. Motorradfahrer und Automobilisten veranstalteten noch Jahre nach seinem Tod Filius-Fahrten. Umso erstaunlicher ist es, dass eine derart markante und vielseitige Persönlichkeit in Vergessenheit geriet und erst jetzt, nach dem Olympiasieg der Radfahrerin Anna Kiesenhofer, wieder in Erinnerung gerufen wird.