Lange Zeit kannte man Milena Jesenská (1896-1944) nur als Briefpartnerin und Freundin von Franz Kafka, ehe Biografin Margarete Buber-Neumann ihr bewegtes Leben und Alena Wagnerová ihr journalistisches Werk der Öffentlichkeit offenbarten. Hier zeigte sich der Leserschaft eine aufgeschlossene und stilsichere Autorin, welche Wiener Stimmungsberichte lieferte, düstere Prager Hinterhöfe beleuchtete und böhmische Landstriche literarisch perfekt skizzierte.

Milena publizierte über Mode- und Literaturfragen, huldigte früh dem Kino ("Tribuna", 15.1.1920), verfasste Filmkritiken (Chaplins "Nächte einer schönen Frau", "Národní listy", 22.2.1924) sowie einen empathischen Nachruf auf Kafka ("Národní listy", 6.6.1924). Sie empfahl eine selbstbewusste Neuorientierung der Frauen in der ČSR und wurde zur gefragten Ratgeberin, heute würde man sagen, Influencerin.

In einer späteren Phase zeigte sich ihre seit langem vorhandene politische Sensibilität. Sie setzte erfolglos auf die Versöhnung der moderaten deutschen und tschechischen Kräfte. Als Prag 1939 von der Wehrmacht besetzt wurde, herrschten Fassungslosigkeit und Angst, die Mehrheit schwieg und fürchtete um ihre Existenz. Diese Stimmung fing Jesenská literarisch in der Zeitschrift "Přítomnost" (Gegenwart) ein.

Für ihre Mitmenschen

Sie zögerte keinen Augenblick, der Verfolgung rassischer und politischer Art ihr Engagement entgegenzusetzen, half den aus Wien emigrierten Freunden mit Publikations- und Wohnmöglichkeiten. Dabei wurde ihre elfjährige Tochter Jana (genannt "Honza") zur Helferin, als sie verdächtige Schriften und Briefe vor der Gestapo in einem Wäschehaufen versteckte.

Milena hatte zeitlebens mit ihrem gestrengen Vater Jan Jesenský, einem Kieferorthopäden, Zahnarzt und Professor an der Prager Karls-Universität, Auseinandersetzungen. Aber in ihrer produktiven und gereiften Lebensphase ab den Zwanzigerjahren zeigten sich charakterliche Ähnlichkeiten. Vor allem was ihren Mut, den fürsorglichen Humanismus und ausgeprägten Gerechtigkeitssinn betraf, ähnelte sie dem Vater. Sie wollte trotz ihrer Sehnsüchte keine bürgerliche Existenz aufbauen, sie ging ihre eigenen Wege, näherte sich der Avantgarde und der tschechischen Moderne an. Zweimal verheiratet, hatte sie wechselnde Partnerschaften und entwickelte sich zu einem Ankerpunkt für Intellektuelle im Prag der Jahre 1926 bis 1938.

Nach der deutschen Besetzung wurde sie als eines der ersten Nazi-Opfer zunächst wegen angeblicher konspirativer Aktivitäten angeklagt, dann nach einem Freispruch in Dresden von der Gestapo festgesetzt und - nach einem kurzen, bitteren Abschied in Prag von Tochter und Vater - ins KZ Ravensbrück deportiert, wo sie im August 1944 nach einer missglückten Nierenoperation starb. Diese vier harten Jahre beschrieb Margarete Buber-Neumann, ihre Leidensgenossin, eindrucksvoll. Bewundernd zeichnete sie die positive Ausstrahlung nach, die Milena selbst in der Todeszone des KZ ausstrahlte und mit der sie ihren Leidensgefährtinnen Mut einhauchte.

Beruflich wurde die vielseitige Autorin und Übersetzerin als Journalistin von einer zunächst desorientierten, ja "verstoßenen" jungen Ehefrau zu einer selbstbewussten und stilsicheren Vertreterin der Avantgarde. Jesenská begann in einer Phase großer Not als Feuilleton-Mitarbeiterin bei der "Tribuna" um 1919, der sie vor allem Berichte über das darbende Wien lieferte. Diese Texte sind bereits mehr als bloße Talentproben, denn sie zeichnen ein klares und empathisch modelliertes Bild der grauen republikanischen Hauptstadt nach dem Ersten Weltkrieg.

Sie schildert die deklassierten Beamten, die sich in Gemeinschaftsküchen um ein Mittagessen bemühen, die einseitige Kost (Kohl, Brot, Suppen), aber auch ihre Hausmeisterin Frau Köhler, die sich um sie sorgte, sie aber auch regelmäßig bestahl. Doch für die Autorin war die Freundschaft mit der Hüterin des Haustors und Reinigungskraft wichtiger als die geringen Mengen an Kaffee, Zucker oder Strümpfen, die sie als Tribut "abgeben" musste.

Die Wiener Jahre (1918-1925) zeigten sich für die bürgerlich aufgewachsene Absolventin des Prager "Minerva"-Gymnasiums als Phase voller Entbehrungen und gesundheitlicher Krisen. Milena Polak lebte mit Ehemann Ernst, einem klein gewachsenen, aber dynamischen Literaturkenner und Bankbeamten, zunächst im neunten Bezirk in der Nußdorfer Straße und dann in der Lerchenfelder Straße unweit des Gürtels.

Zeitungsfeuilletons

Obwohl sie von anderen Frauen des damaligen Literatenkreises um Musil, Werfel, Blei und Doderer als "verloren" wirkend, wenig eloquent und sogar als gehemmt bezeichnet wurde, schlug sie sich - auf sich gestellt und zunächst ohne Einkommen - mit eisernem Willen durch und war sich nicht zu schade dafür, als Kofferträgerin am Westbahnhof zu arbeiten. Auf diese Weise konnte sie das Leid ihrer Mitbürgerinnen und -bürger ebenso authentisch erkennen wie sie Themen fand, die sie später in Artikel verwob.

- © Wallstein
© Wallstein

Ein großartiges Beispiel dafür ist der Text "Das Fenster" (erschienen am 27.9.1921 in "Národní listy"), der auch in der neuen Feuilletonsammlung abgedruckt ist, welche Alena Wagnerová im Vorjahr vorgelegt hat. Fenster können einen Menschen, wie Milena ausführt, anstarren und zur Verzweiflung bringen, aber sie können auch ein Hoffnungsanker für Leidende werden und eine positive Überraschung ankündigen, wenn sie die müde Heimkehrende hell erleuchtet vorfindet. Wer wird in der ansonsten stets quälend leeren Wohnung ihrer harren?

Dieses Feuilleton, in dem Milena auch die traurigen Augen eines Häftlings hinter einer vergitterten Scheibe und den auf das Fenster zum Tod starrenden, potentiellen Selbstmörder thematisierte, enthält (auch) autobiografische Elemente. Ehemann Ernst, der täglich sechs Stunden in der Länderbank als Devisenhändler arbeitete und dann ins nahe Café Central oder in den Herrenhof wechselte, um seine Literatenfreunde oder junge Frauen zu treffen, weilte so gut wie nie zu Hause oder kam polternd spätnachts, oft mit Begleitung, heim.

Einerseits entfremdete die bohemienhafte Lebensweise die Ehepartner der kinderlos gebliebenen Beziehung allmählich, andererseits blieb Milena ihrem Gatten auch nach der Trennung und Scheidung 1924 lebenslang im Geiste sowie in Freundschaft verbunden und half ihm auch, nachdem er Wien 1938 Richtung London verlassen musste, mit einem journalistischen Auftrag in der Emigration auf die Beine. Aber Anfang der Zwanzigerjahre litt sie unter dem Alleinsein in der für sie fremden Stadt Wien.

Franz Kafka (1923). 
- © Public domain / via Wikimedia Commons / Urheber unbekannt

Franz Kafka (1923).

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In dieser Phase begegnete sie Franz Kafka, den sie flüchtig kannte und dessen "Heizer" sie ins Tschechische übertrug. Zunächst wurden die Briefe und Karten aus Prag und dann aus Südtirol zum Hoffnungsanker, der sich für Milena Polak fast in eine suchtartige Pilgerreise zum nahegelegenen Postamt Bennogasse im achten Bezirk entwickelte, wo sie die Sendungen des Autors postlagernd unter einem Alias-Namen erwarteten. Obwohl Milena ihrem Gatten Ernst sogar manche Briefe vorlas, kann man diesen postalischen Verkehr des Frühjahrs 1920 als ihr Lebenselixier interpretieren, das ihr auch wichtige Anregungen und einen Energieschub für weitere literarische Projekte verlieh.

Kafka, der im Frühjahr 1920 in Meran zur Kur weilte und sich dann spontan entschloss, Ende Juni über Wien heimzufahren, um Milena zu besuchen, erwies sich als schwieriger, neurotischer, aber auch als herzlicher und zeitweise sogar fröhlich ausschreitender Gefährte, der mit ihr in Neuwaldegg den Wienerwald erkundete und selbst die lange Straßenbahnfahrt mit dem "43er" und den schädlingsreichen Aufenthalt im Hotel "Riva" am Südbahnhof noch lange in seiner Erinnerung bewahrte.

Doch das Glück währte kurz, nach einer abenteuerlichen Heimfahrt mit einem abgelaufenen Visum und seiner befürchteten "Entlassung" in der Arbeiter-Unfallversicherungsanstalt, die dann aber nicht stattfand, kam es zu einem letzten Treffen in Gmünd Mitte August 1920. Später reduzierte sich die Beziehung Kafkas zu Milena auf Briefe, aber er zog sie auch ins Vertrauen und half ihr mit einer Inseraten-Serie in der "Neuen Freien Presse" weiter, mit der er sie als Sprachlehrerin für Wiener Wirtschaftsschulen anpries; zudem übergab er ihr wertvolle Texte wie den "Brief an den Vater" und die "Tagebücher" zur Aufbewahrung, die sie nach seinem Tod im Juni 1924 an Max Brod als den Nachlassverwalter Kafkas ausfolgte.

Die besten Jahre

Nach einem Intermezzo in Dresden 1925, wohin Milena von Wien aus mit ihrem neuen Gefährten, dem "Grafen" Xaver Schaffgotsch, reiste und wo sie ein halbes Jahr bei Alice Gerstel und ihrem kommunistischen Ehemann verbrachte, begann sie in der Frauen- und Moderedaktion der "Národní listy". Dort scharte sie ein kreatives, dem Zeitgeist (Avantgarde, Bauhaus, Emanzipation, freier Lebensstil) huldigendes Frauenteam um sich, das sich hauptsächlich aus ehemaligen "Minerva"-Schülerinnen zusammensetzte.

Die Jahre als Redakteurin wurden zu den produktivsten und glücklichsten in ihrem Leben, die mit dem aus Hundsheim in Niederösterreich stammenden Architekten Jaromír Krejcar eine zweite Ehe einging. Aus dieser Beziehung stammte Tochter Jana (genannt "Honza"), die sie nach einem Sommeraufenthalt auf dem Spitzberg im Böhmerwald am 14. August 1928 auf die Welt brachte.

Mit dem kurzen Familienglück war Milena ein Lichtstrahl des Schicksals vergönnt. Bereits als die Wehen einsetzten, litt sie unter einer Gelenksentzündung und schrammte an einer Amputation vorbei; der vom verzweifelten Ehemann Jaromír mobilisierte Vater half ihr ärztlich, ehe er wieder auf Distanz ging. Der Architektengatte aber entschwand zu einem erfolglosen Bauprojekt in die Sowjetunion.

Doch Milena gab nicht auf, und selbst als ihr 1937 der Vater das Haus verbot und als sie zwei Jahre später in die Fänge der NS-Verfolgung geriet, bewahrte sie jenen Geist der Wahrheitsliebe und der Hilfsbereitschaft, für den ihr Name bis heute steht. 1994 verlieh ihr die Holocaustgedenkstätte Yad Vashem den Ehrentitel einer "Gerechten unter den Völkern".