Das Aufheben, das die Medienwelt 2008, drei Jahre vor seinem Tod, zu seinem Fünfundachtzigsten machte, war ihm wohl selbst ein bisschen gar viel. Da standen die Edelfedern des deutschen Feuilletons Spalier, um dem Meister, der sein Leben lang das leise Lächeln dem lauten Applaus vorgezogen hatte, in glänzenden Hommagen zu huldigen. Fernsehanstalten rückten reihenweise "Best of"-Sendungen ins Programm. Und sein millionenfaches Publikum herzte den Jubilar mit einer nicht endenwollenden Woge hemmungsloser Zuneigung.

Natürlich dürfte Vicco von Bülow, der als Spross eines alten mecklenburgischen Adelsgeschlechts die französische Bezeichnung für dessen Wappentier, den Pirol (französisch Loriot), zum Künstlernamen gemacht hat, im Innersten damals nicht wirklich überrascht gewesen sein. "König der Komik", "Grandseigneur des Unfugs" oder "Karl Valentin des Cartoons"... Solche Beinamen bekommt man nicht von ungefähr verliehen. Erstaunlich ist höchstens die Uneingeschränktheit seiner Popularität.

Stilvoll & skandalfrei

Oder auch nicht: Der Aristokrat unter Deutschlands Humoristen, der stets höflich, zurückhaltend, korrekt gekleidet auftritt und seit 1951 gänzlich skandallos mit ein und derselben Frau, Romi, verheiratet ist, kam immer ohne Häme aus. Nicht einmal andeutungsweise hat er jemals mit grellen Dummheiten und Nuditäten, affig-wirkungsgeilen Witzeleien kokettiert. Vielmehr pflegte er die delikaten Dimensionen des (allzu) menschlichen Miteinanders mit feinsinniger Beobachtungsgabe bloßzulegen.

Man kann denn auch noch so tief in den Archiven graben: Für Loriots Arbeit waren immer nur huldvolle Vokabel wie genial, nobel, geistreich, stil- und würdevoll reserviert. Von niemandem, weder trashigem Entertainer noch ignorantem Intellektuellen oder schnoddrigem Bildungsverweigerer, finden sich despektierliche Urteile überliefert. Ob unter Rechten oder Linken, Armen oder Reichen: Vicco von Bülow hat nur Anhänger.

Interessenkonflikt in der Badewanne. - © dpa / WDR / Loriot
Interessenkonflikt in der Badewanne. - © dpa / WDR / Loriot

Leben und Leistung des Verstorbenen lassen sich auf mehreren Betrachtungsebenen würdigen. Zunächst natürlich, vordergründig, anhand seiner längst Kult gewordenen Kunstfiguren: Loriot hat den vielleicht bekanntesten Rentner und Lottogewinner der Fernsehgeschichte geschaffen - "Erwin Lindemann", der seit 66 Jahren nicht mehr arbeitet und mit seiner Tochter und dem Papst in Wuppertal eine Herrenboutique eröffnen will. Nicht minder legendär sind Hund Wum und Elefant Wendelin, sind Lieselotte, Walter und Opa Hoppenstedt, das rote Nashorn Reinhold und die gesetzten Herren Schmoller und Hallmackenreuther, die als Staubsaugervertreter, Verliebte, pedantische Konzert- oder Restaurantbesucher von Fettnapf zu Fettnapf stolpern.

TV-Kult sind das sagenhafte Badewannen-Duell der beiden knollennasigen Herren um eine Gummi-Ente oder der Streit um das Frühstücksei mit dem Schlusssatz "Morgen bringe ich sie um!" Viele Bonmots aus seinem unerschöpflichen Sketch-Repertoire sind zwischen Konstanz und Kiel längst im Alltag als geflügelte Worte in Gebrauch: "Das Bild hängt schief", "Früher war mehr Lametta", "Wo laufen Sie denn?" oder das knappe und doch alles umfassende "Ach was?!" ...

Ganz zu schweigen von jenen Mini-Dramen, die mit unnachahmlicher Lakonik ("Hildegard, warum sagen Sie denn nichts?", oder: "Wie findest Du mein Kleid?" - "Welches?") dramaturgisch besonders heikle Engführungen des Lebens auf den Punkt bringen.

Mediales Multitalent

Enorm weit gespannt war Loriots berufliches Curriculum Vitae - von den Anfängen in der Wirtschaftswunderzeit als Zeichner bei "Quick" und "Stern" und dem ersten eigenen, 1954 im Schweizer Diogenes Verlag veröffentlichten Cartoonband ("Auf den Hund gekommen") bis zu den beiden Kinokassenknüllern, "Ödipussi" (1988) und "Pappa ante Portas" (1991); von seiner in den späten Sechzigern begonnenen Arbeit fürs Fernsehen als Moderator und Darsteller, Zeichner, Autor und Co-Regisseur, die im Teamwork mit der hinreißend trockenhumorigen Evelyn Hamann gipfelte, über seine Operninszenierungen und insgesamt 35 Bücher bis zum wohligen Lorbeerregen der späteren Jahre mit all seinen Bambis und Goldenen Löwen, Verdienstorden und -kreuzen, Preisen und Ehrendoktoraten.

Loriot und seine brillante Bühnenpartnerin Evelyn Hamann auf dem Sofa ihrer TV-Sketche. - © dpa / Ruddies
Loriot und seine brillante Bühnenpartnerin Evelyn Hamann auf dem Sofa ihrer TV-Sketche. - © dpa / Ruddies

All diese biographischen Wegmarken rücken freilich in den Hintergrund angesichts jenes mentalitätsgeschichtlichen Wunders, zu dem Vicco von Bülow mit seinem Gesamtwerk maßgeblich beigetragen hat: der Katharsis der Deutschen nämlich nach der großen Katastrophe und der dauerhaften Lockerung ihres Humors.

Geht man davon aus, dass die Fähigkeit zur Selbstironie zu den wichtigsten Errungenschaften der westlichen Zivilisation zählt und das Lachen zu den Grundlebensmitteln der Demokratie, so glich das Deutschland von 1945 einem dem Todernst verfallenen Patienten auf der seelischen Intensivstation - zum beträchtlichen Teil bevölkert von trotzig vereinsamten Imperialisten, denen, dem kritisch-europäischen Geist auf das Entsetzlichste entfremdet, nichts ferner lag als sich selbst belächelnd in Frage zu stellen. Diesen im Kollektiv erstarrten Gefühlspanzer aufzuweichen, war eine Herkulesarbeit nicht nur für die politischen Volksbildner mit ihren Reeducation-Programmen.

Auch die Pioniere einer neuen deutschen Populärkultur betätigten sich als wirkkräftige Moderatoren des Wertewandels. Und ausgerechnet der Sohn eines preußischen Polizeimajors, eines Aristokraten, sollte bei diesem psychohygienischen Großreinemachen eine führende Rolle spielen.

Mentalität der BRD

Schreitender Waldmops in Bronze. 
- © CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0 / Ymblanter / via Wikimedia Commons (Ausschnitt)

Schreitender Waldmops in Bronze.

- © CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0 / Ymblanter / via Wikimedia Commons (Ausschnitt)

Seine ursprünglichen, gleichsam in die Wiege gelegten Pläne für eine Karriere als Offizier oder Gutsherr hat die Weltgeschichte gründlich vereitelt. Also beginnt der zu Kriegsende gerade 22-Jährige, eben erst von drei Jahren an der Ostfront zurückgekehrt, in Hamburg Kunst zu studieren. Doch statt in den ästhetischen Elfenbeinturm zu entschwinden, richtet er sein Augenmerk - eine ererbte Standestugend seiner Familie? - auf Gesellschaft und Politik.

Mit dem kühlen Blick eines Ethnologen nimmt Loriot, wie er sich nunmehr nennt, die Zeitungen, Parlamentsreden und Tarifverträge, die Benimmbücher, Gruß- und Demoadressen der jungen Bundesrepublik unter die Lupe. Solcherart seinen Landsleuten den mentalen Puls messend, diagnostiziert er eine seltsame Mischung aus Katzenjammer, Verdrängung und "Wir sind wieder wer"-Rausch. Also verabreicht er ihnen, ganz Aufklärer in der menschenfreundlichen Tradition eines Busch, Morgenstern, Ringelnatz und Freiherr von Knigge, eine massive Gegendosis Ironie.

Und siehe da: Die genialischen Pinselstriche und lakonischen Worte des Multitalents entfalten nachhaltig entkrampfende Wirkung. Genau darin liegt Loriots enormes Verdienst, genau das macht ihn zu einem großen Europäer: dass er, indem er die Deutschen das Lachen lehrte, ihre rasche Wandlung zu in der überwiegenden Mehrheit rundum entspannten und friedlichen Geschäften nachgehenden Demokraten vorantrieb.