Nikolaus Schwarz: Rast in der Sonne (1932). 
- © Archiv Holzer

Nikolaus Schwarz: Rast in der Sonne (1932).

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Eine Frau und ein Mann liegen im Sand. Wie alt mögen sie sein? Wir wissen es nicht. Der Fotograf hat seinen Apparat zu ihren Füßen, also ganz nahe am Boden, positioniert. Die Schuhe und Beine ragen groß ins Bild, die beiden Oberkörper verschwinden in der gestauchten Darstellung. Ein schwarzer Regenschirm spannt sich über die Köpfe. Seit langem schon begleitet mich dieses ungewöhnliche Bild, das Anfang der 1930er Jahre entstand. Eine Zeit lang hatte ich es, ausgedruckt, vor meinem Schreibtisch hängen. Vor Jahren verwendete ich es als Umschlagbild für eine Geschichte der österreichischen Fotografie im 20. Jahrhundert.

Einfach Liebe

Was mich an der Szene so fasziniert, kann ich schwer sagen. Vielleicht liegt das Berührende daran, dass die Liebe, die hier zum Thema gemacht wird, so klischeelos gezeichnet wird, abseits der Schablonen, die dafür in der Sprache der Fotografie oft bereitstehen. Kein Kuss, kein jugendlicher Übermut, kein Spiel mit Haut und Entblößung.

Wie alt mögen die beiden Menschen sein? Gewiss sind sie nicht mehr ganz jung. Die Frau trägt wollene Strümpfe, der Mann einen Anzug. Das Wetter dürfte schon etwas kühler sein, die Sonne scheint aber noch kräftig herabzubrennen. Vielleicht ein Spätsommer- oder ein früher Herbsttag.

So rätselhaft wie diese Szene ist auch die Lebensgeschichte des Fotografen, der diese Aufnahme im Jahr 1932 machte. Der Lichtbildner lebte in den 1930er Jahren in Wien und publizierte seine Aufnahmen in zahlreichen österreichischen Zeitschriften. In den Jahren nach 1930 gehörte er zweifellos zu den originellsten und innovativsten Fotografen des Landes. Er war viel unterwegs, zahlreiche Fotos nahm er im Ausland auf, in München, Hamburg oder Prag, aber auch die ländlichen Gegenden Osteuropas bereiste er mit seiner Kamera.

Lange habe ich mich bemüht, Licht ins Dunkel seiner Biografie zu bringen. Aber viel konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Weder sein Geburts- noch sein Todesjahr ließ sich ermitteln, nur einige wenige verstreute Mosaiksteine konnte ich aus den Angaben zu den publizierten Bildern rekonstruieren.

Mit Sicherheit war er kein angestellter hauptberuflicher Fotograf, sondern ein Amateur, denn in den Gewerbearchiven taucht sein Name nicht auf. Immer wieder wird er in den Bildangaben als "Dr. Nikolaus Schwarz" bezeichnet, er verfügte also über einen akademischen Abschluss - über welchen, wissen wir nicht. Vielleicht war er ein höherer Angestellter, der nebenbei fotografierte?

Straßenfotografie

Ein einziges "Selbstporträt" hat er uns hinterlassen, das die Rätselhaftigkeit seiner Biografie noch eher verstärkt als auflöst. Wir sehen einen Schatten im Schnee, zwei Skistöcke und die Skispitzen. Die Aufnahme verbirgt von der Person mehr, als sie zeigt. Aber immerhin: Bei genauerem Hinsehen können wir aus der niedrigen Armhaltung des Mannes erahnen, dass er den Apparat nicht auf Augenhöhe, sondern im Brustbereich hielt. Offenbar arbeitete er mit einer Rolleiflex.

Weiters wissen wir, dass sich Nikolaus Schwarz in den frühen 1930er Jahren im Umkreis der Wiener Arbeiterfotografie bewegte und bis 1934 regelmäßig im sozialdemokratischen Magazin "Der Kuckuck" veröffentlichte. In seinen Bildern aber verfolgte er kein explizites politisches Programm.

Nikolaus Schwarz: Schatten im Schnee, 1930er Jahre. 
- © Archiv Holzer

Nikolaus Schwarz: Schatten im Schnee, 1930er Jahre.

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Er war vielmehr ein aufmerksamer Beobachter des Alltags, mit seiner Kamera fing er ungewöhnliche Schnappschüsse auf Wiens Straßen ein, immer wieder zog es ihn in den Wiener Prater, der als Eldorado des populären Vergnügens ein dankbarer Schauplatz für viele Fotografen der Zeit war.

Aufmerksam registrierte er um 1930 die neuen Strömungen der Fotografie, die vom Neuen Sehen und der Neuen Sachlichkeit inspiriert waren. Wie viele andere experimentierte auch Schwarz mit ungewöhnlichen Kameraperspektiven und Ausschnitten, aber zum Verfechter einer radikalen Avantgarde wurde er dennoch nicht. Im Gegenteil: Als in den 1930er Jahren das ländliche Leben populärer wurde, folgte auch er diesem Trend, aber seine Bilder entsprachen nie einer heimattümelnden Mode.

Leben in Palästina

Es gibt noch einen letzten Hinweis zu seiner Lebensgeschichte: Eine kleine Bilderserie von ihm erschien 1935 in der österreichischen Wochenillustrierten "Der Sonntag", und zwar in einer Schwerpunktnummer zum Thema Palästina. Darin finden sich Texte bekannter Schriftsteller und Reisejournalisten, unter anderen von Richard Arnold Bermann (publizistisch bekannt unter dem Namen Arnold Höllriegel), die sich mit dem Thema der zionistischen Siedlungspolitik im damaligen britischen Mandatsgebiet beschäftigen.

Das Titelfoto (weitere Bilder finden sich im Innenteil) zeigt eine jüdische Arbeiterin aus der Siedlung Nahalal, die 1921 nach den Entwürfen des deutschen Architekten Richard Kaufmann im Jordantal gebaut wurde. Berichte über dieses sternförmig angelegte und genossenschaftlich betriebene Modell der jüdischen Siedlungspolitik wurden in der Zwischenkriegszeit in Europa aufmerksam und fasziniert aufgenommen.

Nikolaus Schwarz: Die Kärntner Straße in Wien, 1930er Jahre. 
- © Archiv Holzer

Nikolaus Schwarz: Die Kärntner Straße in Wien, 1930er Jahre.

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Als nach 1933 Antisemitismus und Verfolgung in Deutschland zur staatlichen Maxime geworden waren, veränderte sich die Situation noch einmal grundlegend: Die Auswanderung nach Palästina war nun nicht mehr bloß ein gesellschaftliches Experiment, sondern galt als realistische Flucht- und Überlebensmöglichkeit. Wann genau und unter welchen Bedingungen die Palästina-Reportage von Nikolaus Schwarz entstand, ist nicht bekannt. Auch nicht, ob er - so wie alle Autoren des Palästina-Themenhefts des "Sonntag" - jüdischer Herkunft war; anzunehmen ist es aber.

Erstaunlicherweise verlieren sich nach dieser Publikation, also nach 1935, die Spuren des Fotografen. Blieb er in Palästina? Kehrte er nach Wien zurück? Wurde er 1938 aus Wien vertrieben? Fragen über Fragen, auf die es bisher keine Antworten gibt. Was bleibt, sind die Bilder eines neugierigen Fotografen, der die Kamera nicht so sehr als dokumentarisches, sondern als poetisches Medium verwendete.

Im Grunde war Nikolaus Schwarz ein Flaneur, vielleicht ein Träumer, der von der wunderbaren Beiläufigkeit des Lebens mehr angetan war als von Politik und Zeitgeschehen. Das allein sollte reichen, um sich an ihn und sein Werk zu erinnern.