"Der Tag bricht an. Ich trete hinaus auf ein Dach beim Hotel und sehe auf einem leeren Feld vor zartrosa Bergen sieben himmelblaue Säulen, auf die das Morgenlicht blassgoldene Reflexe wirft. In ihrer Mitte steht eine leuchtendblaue, oben abgeschnittene Melonenkuppel. Diese Schönheit ist nicht bloß malerisch, abhängig von Licht oder Landschaft. Bei näherer Betrachtung erkennt man, daß jede Fliese, jede Blume, jede Ranke des Mosaikdekors mit ihrem besonderen Charakter zum Ganzen beiträgt. Eine solche Architektur berichtet noch in verfallenem Zustand von einem Goldenen Zeitalter."

So beeindruckt zeigt sich der 28-jährige Engländer Robert Byron, als er die Minarette und das Mausoleum der westafghanischen Stadt Herat erstmals am 20. November 1933 in ihrer vollen Pracht erblickt. Vor drei Monaten ist er in den Mittleren Osten aufgebrochen, um die zentralasiatischen Bauformen der islamischen Architektur zu studieren und stilbildende Meisterwerke aus Lehmziegeln und Tonfliesen zu dokumentieren. Die Route führt ihn mit Schiff, Automobil und Pferd von Italien über Zypern, Palästina, Syrien und den Irak bis nach Persien und Afghanistan. Ziel seiner elf Monate dauernden Forschungsreise ist Oxanien, eine überwiegend turksprachige Region rund um den in der Antike als Oxus bekannten Amudarja; den Fluss im afghanisch-russischen Grenzgebiet wird er jedoch niemals erreichen.

Autor und Globetrotter

Robert Byron, fotografiert für seinen Reisepass (1923). 
- © United Kingdom of Great Britain and Ireland / Public domain / via Wikimedia Commons

Robert Byron, fotografiert für seinen Reisepass (1923).

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Robert Byron (1905-1941) ist bereits ein erfahrener Schriftsteller mit ausgeprägten Vorlieben und Vorurteilen, als er nach Persien und Afghanistan reist. Im Laufe der Schulzeit am Eton College ist sein Interesse an der byzantinischen Kultur erwacht, und als Student an der University of Oxford hat er sich weitreichende Kenntnisse über die islamische Architekturgeschichte angeeignet. Nach Abschluss des Studiums hat er einige europäische und asiatische Länder besucht und insgesamt sieben Bücher verfasst.

Während seine abenteuerlichen Reiseberichte persönliche Eindrücke aus Griechenland, Indien, Russland und Tibet versammeln, befassen sich seine gelehrten Architekturstudien mit der künstlerischen Entwicklung im Oströmischen Reich.

- © Eichborn Verlag
© Eichborn Verlag

"Der Weg nach Oxiana" ist erstmals 1937 im Macmillan-Verlag erschienen. Der fünfteilige Bericht beruht im Wesentlichen auf den chronologischen Einträgen des Reisetagebuchs, das der Autor zwischen August 1933 und Juli 1934 geführt hat. An der schriftstellerischen Nachbereitung hat er über drei Jahre lang abwechselnd bei den Eltern in Savernake und bei einem Freund in Peking gearbeitet. Das Ergebnis ist ein literarischer Reisebericht in Tagebuchform, der unterschiedliche Textsorten und Tonlagen zu einer vielschichtigen Collage verbindet. Neben den narrativen Passagen sind darin zahlreiche politische Notizen, komische Dialoge und sardonische Kommentare sowie eine Fülle architektonischer, topografischer und ethnologischer Beschreibungen in poetischer Sprache enthalten.

Bereits im Oktober 1933 erreicht Byron in Begleitung seines Reisegefährten Christopher Sykes Teheran. In der Stadt am Fuße des Elburs-Gebirges regiert seit 1925 der persische König Reza Schah Pahlavi, der das Land gegen den Widerstand des Volkes nach westlichem Vorbild modernisieren will.

Auch wenn Teheran - den dortigen Gulistan-Palast beschreibt Byron abschätzig als "ein Phantasiegebilde aus eigenwilligen modernen Fliesen und Glasstalaktiten" - ihn wenig beeindruckt, wird die iranische Hauptstadt zum Ausgangspunkt für weitere Erkundungsfahrten in die Provinzen Aserbaidschan, Fars und Chorasan. Voll Neugier besichtigt er das verfallene Mausoleum des Mongolenfürsten Uljaitu in Sultaniya, den weitläufigen Palast des Sassanidenkönigs Ardeschir in Firuzabad und die farbenprächtige Moschee der Timuridenherrscherin Gauhar Schad in Meschhed.

Höhepunkt der Forschungsreise durch das schiitische Persien ist Isfahan. Byron befindet sich auf dem Weg zu den Ausgrabungsstätten des antiken Persepolis, als ihn die Herrlichkeit der ehemaligen safawidischen Residenzstadt überwältigt:

"Die Schönheit Isfahans teilt sich einem ganz unbewußt mit. Man fährt auf Straßen umher, die von weißstämmigen Bäumen gesäumt sind, unter Baldachinen aus schimmernden Zweigen; vorbei an türkisblauen und frühlingsgelben Kuppeln in einem hellen veilchenblauen Himmel, den Fluß entlang, in dessen trüb-silbrigen Stromschnellen sich das Blau fängt, vorbei an lichten Gärten, in denen alles sprießt, über Brücken aus hellbraunen Ziegeln, Bogen um Bogen zu Pavillons erweitert, in der Ferne die violetten Berge, der höckerförmige Kuh-i-Sufi und die anderen Höhenzüge, die sich zu einer Linie schneeweißer Brandung verbinden."

Der Meidan-e Schah (heute Meidan-e Emam) in einer modernen Aufnahme. Links die Scheich-Lotfollah-Moschee, in der Mitte die Königsmoschee, rechts der Ali-Qapu-Palast. 
- © Arad Mojtahedi / CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/) / via Wikimedia Commons

Der Meidan-e Schah (heute Meidan-e Emam) in einer modernen Aufnahme. Links die Scheich-Lotfollah-Moschee, in der Mitte die Königsmoschee, rechts der Ali-Qapu-Palast.

- © Arad Mojtahedi / CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/) / via Wikimedia Commons

Insbesondere bezaubern ihn die prunkvollen Bauwerke rund um den Meidan-e-Schah, einen fast neun Hektar großen Platz im historischen Stadtzentrum. Die Königsmoschee, der Ali-Qapu-Palast, die Scheich-Lotfollah-Moschee und der Basar, so lautet Bryons bewunderndes Urteil, stellen Isfahan "in eine Reihe mit jenen wenigen Orten, die, wie Athen oder Rom, die ganze Menschheit bereichern".

In Zentralasien

Die Grenze ins sunnitische Afghanistan überschreitet Byron im November 1933. Schon bei seiner Ankunft in Herat ist er von der günstigen Lage der Stadt - "Herat liegt in der Mitte zwischen Per-sien und Oxanien, den beiden Teilen von Timurs Imperium" - und ihrer reichen Geschichte angetan: "Aus geographischer Sicht war Herat also weitaus geeigneter als Samarkand, Hauptstadt des Reiches zu werden, und nach Timurs Tod im Jahr 1504 wurde Herat von Schah Rukh dazu gemacht."

Mehr noch als die Zitadelle Ikhtiyar-ad-Din und die Freitagsmoschee Masjid-i-Jami fasziniert ihn die Musalla, ein architektonischer Komplex aus Moschee, Medresse und Mausoleum, der im frühen 15. Jahrhundert unter timuridischer Regentschaft entstanden ist. Über das Mausoleum von Gauhar Schad gerät Byron regelrecht ins Schwärmen:

"Rings um den Tambour sind hohe rechteckige Felder angeordnet, die mit sechseckigen lilafarbigen Mosaikwaben gefüllt sind, aus denen sich jeweils ein weißer dreiflügeliger Stuckstern erhebt. Die Kuppel ist türkisfarben, und die Rippen sind, wie die des Timur-Mausoleums in Samarkand, mit schwarzen und weißen Karos bedeckt."

Die nächste Etappe führt Byron und seinen Reisebegleiter im Mai 1934 ins afghanische Turkestan. Schon in der Stadt Bala Murghab bemerken sie die kulturelle Andersartigkeit der Region: "Hier beginnt Zentralasien. Tatarische Laute drangen an unser Ohr, Unterhaltungen schlitzäugiger und zottelhaariger Männer, die gestreifte und geblümte Kaftane trugen."

Wenige Tage später begegnen sie auf dem Marktplatz von Maimena nicht nur usbekischen Händlern, sondern der ganzen ethnischen Vielfalt Afghanistans: "Außerdem drängen sich auf dem Basar: Afghanen aus dem Süden, persisch sprechende Tadschiken, Turkmenen und Hazara. Die Turkmenen kommen aus der Oxus-Region und unterschieden sich von den westafghanischen Stämmen durch die Kopfbedeckung: statt der schwarzen Fellmütze tragen sie eine spitz zulaufende Lammfellkappe mit braunem Pelzbesatz."

Kurz vor den Ruinen von Balch beobachten sie die Bewohnerinnen eines turkmenischen Zeltlagers: "Die jüngeren Frauen, die Abstand wahrten, waren ein wunderbarer Anblick, wie sie in hellrot-weißen Gewändern zwischen den schwarzen Bienenkörben hin und her eilten, schamhaft verborgen hinter langen safrangelben Schleiern, die von ihren hohen rosaroten Hüten fielen."

Mazar-i-Scharif, das Zentrum von Afghanisch-Turkestan, wird zum Wendepunkt der Forschungsreise. Wochenlang bemüht sich Byron um eine offizielle Genehmigung, den afghanisch-russischen Grenzfluss Amudarja überqueren und die gräko-baktrische Stadt Termez besichtigen zu dürfen. Da die lokalen Behörden Byron der Spionage verdächtigen und keinen Konflikt mit dem mächtigen Nachbarstaat riskieren wollen, wird ihm die Weiterfahrt in den Norden untersagt.

Die größere der beiden monumentalen Buddha-Figuren von Bamiyan, fotografiert von Robert Byron. 
- © Public domain / via Wikimedia Commons / Robert Byron

Die größere der beiden monumentalen Buddha-Figuren von Bamiyan, fotografiert von Robert Byron.

- © Public domain / via Wikimedia Commons / Robert Byron

Enttäuscht reist er ab und stößt im südlichen Hazaradschat auf die Buddhastatuen von Bamiyan, welche die Taliban im März 2001 zerstören werden: "Ungefähr zweitausend Meter waren wir nun über der Oxus-Ebene, und die Farben dieses außergewöhnlichen Tals - das Rhabarberrot der Felswände, das Indigoblau der Berge unter glitzernden Schneekappen und das harte, metallische Grün des jungen Getreides - leuchteten in der klaren Bergluft doppelt so intensiv. In den Seitentälern erblickten wir Ruinen und Höhlen, die Felsen schienen blasser. Und plötzlich sahen wir die beiden kolossalen Buddhafiguren und ringsum die unzähligen wespennestartigen Felshöhlen der buddhistischen Mönche."

"Werk eines Genies"

So wenig die vorislamischen Statuen Byron künstlerisch überzeugen, so sehr erfreut ihn die letzte Station seiner Reise: "Kabul hat eine angenehm unprätentiöse Atmosphäre, etwas Balkanisches im positiven Sinne. Die Stadt verteilt sich um ein paar kahle Felshügel, die unvermittelt aus der grünen Ebene aufragen und als Verteidigungsanlage fungieren. Schneebedeckte Berge schmücken den Horizont, das Parlament steht in einem Getreidefeld, lange Alleen führen in die Stadtmitte." Am 19. Juni 1934 verlässt Byron die afghanische Hauptstadt, um über Indien auf dem Seeweg nach England zurückzukehren.

Mehr als achtzig Jahre sind seit der Erstveröffentlichung von "Der Weg nach Oxiana" vergangen. Längst ist Robert Byrons Bericht über seine Forschungsreise durch Persien und Afghanistan zum modernen Klassiker der englischsprachigen Literatur geworden. Während der britische Reiseschriftsteller Bruce Chatwin das Buch als "Werk eines Genies" bezeichnet hat, ist ihm vom amerikanische Literarhistoriker Paul Fussell ein ähnlich hoher Stellenwert für die Literatur der Zwischenkriegszeit zugeschrieben worden wie James Joyces Roman "Ulysses" oder T.S. Eliots Gedicht "Das Wüste Land".

Auch wenn der 1941 an Bord eines torpedierten Schiffes umgekommene Autor gegenwärtig wegen orientalistischer Vorstellungen in der Kritik steht, so kann Byrons erzähltechnisch gelungener Bericht noch heute als Wegbereiter der zeitgenössischen Reiseliteratur gelten.