"Houston, wir haben ein Problem." Diese Worte sind in die Historie der bemannten Raumfahrt und in die Filmgeschichte eingegangen. Apollo 13 war am 11. April 1970 in Cape Canaveral gestartet und 55 Stunden danach 300.000 Kilometer von der Erde entfernt, als ein Sauerstofftank explodierte. Bei den drei Astronauten war unmittelbar danach die Enttäuschung über die dadurch unmögliche Mondlandung "größer als die Sorge, wie und ob sie überhaupt zur Erde zurückkehren könnten".

Diese Sorge war freilich angebracht. Die lebensnotwendigen Ressourcen der Kommandokapsel verpufften im Zeitraffer. Die drei Astronauten mussten sofort in die Mondlandefähre umsteigen. Und in Houston mussten schnell schwierige Entscheidungen getroffen werden: Sollte man das Haupttriebwerk zünden und sofort umkehren? Oder den Mond umrunden und den dabei gewonnen Schwung zum Rückflug benutzen?

"Apollo 13"

Da nicht klar war, ob bei einer Zündung des Haupttriebwerks das Raumschiff explodieren würde, entschied man sich für die Umrundung des Mondes - bei der sich Apollo 13 weiter von der Erde entfernte als jemals davor ein bemanntes Raumschiff. Dabei wurde die Luft an Bord knapp. Pausenlose Improvisation war nötig, um die drei Männer lebend aus dem All wieder zurück zur Erde zu bringen. Und dazu auch noch eine sehr große Portion Glück.

1995 verfilmte Ron Howard diese Geschichte. Er hielt sich dabei eng an die dokumentierten Fakten, wich aus dramaturgischen Gründen in einigen Punkten aber von ihnen ab. Im Film gibt es nur einen Flugdirektor. In der Realität wurde in Houston in 6-Stunden-Schichten gearbeitet. Verstärkt wurde auch die Rolle jenes vierten Astronauten, der ursprünglich mit Apollo 13 fliegen sollte, aber wegen des Verdachtes einer Infektion - der sich als unbegründet erwies - kurz vor dem Start ausgetauscht wurde. Im Film sieht sich der frustrierte Leider-Nein-Mondfahrer das Abheben von Apollo 13 in Cape Canaveral an, in der Realität war er zu diesem Zeitpunkt in Houston.

Regisseur Ron Howard. 
- © David Shankbone, CC BY 3.0 , via Wikimedia Commons

Regisseur Ron Howard.

- © David Shankbone, CC BY 3.0 , via Wikimedia Commons

Künstlerische Freiheit nahm sich Howard auch bei der Szene, in der sich die Astronauten vor dem Flug von ihren Familien verabschieden. Diese Zeremonie findet im Film nachts auf freiem Feld statt, und es wird dabei ein großer Abstand eingehalten. Tatsächlich wurde diese Maßnahme zur Vermeidung von Infektionen bei der NASA erst Jahre später eingeführt.

Idealisieren diese Änderungen das Bild der Astronauten zu sehr? Eher nein, denn diese wirken zwar sehr sympathisch, aber erscheinen keineswegs in jeder Lebenslage souverän. Auch die Ingenieure und Wissenschafter im Kontrollraum in Houston sind nicht perfekt. Aber viele von ihnen laufen in der Krise zu Hochform auf. Und sie halten, das ist die zentrale Botschaft dieses Filmes, zusammen.

Ron Howards melodramatischer Film steht in der Tradition der Erzählkunst Hollywoods. Schon am Beginn, wenn der von Tom Hanks gespielte Kommandant der Astronauten sehnsüchtig zum Mond aufschaut, den Neil Armstrong gerade betritt, wird dies deutlich. Wie weit darf man der von Howard erzählten Geschichte also glauben? Weit genug, um daraus Lehren für die Bewältigung von akuten Krisen - zum Beispiel einer Pandemie - zu ziehen? Und, ganz grundsätzlich gefragt, wie faktentreu muss eine Geschichte überhaupt erzählt werden, damit sie Orientierung über die Wirklichkeit gibt?

"Andrej Rubljow"

Während zwischen den USA und der Sowjetunion der Wettlauf zum Mond in Gang war, gab der russische Regisseur Andrej Tarkowskij eine bemerkenswerte Antwort auf diese Frage. Er drehte einen Spielfilm über den berühmtesten Ikonenmaler Russlands, Andrej Rubljow. Im Unterschied zum Kosmonauten Juri Gagarin, dem damals größten lebenden Held der Sowjetunion, war über diesen malenden Mönch, der an der Schwelle vom 14. zum 15. Jahrhundert gelebt hat, allerdings fast gar nichts bekannt.

Filmszene aus "Andrej Rubljow" (mit Anatolij Solonizyn, r., der den Ikonenmaler darstellt) 
- © ullstein bild - United Archives

Filmszene aus "Andrej Rubljow" (mit Anatolij Solonizyn, r., der den Ikonenmaler darstellt)

- © ullstein bild - United Archives

Wie kann man das Leben eines Menschen, von dem man nicht einmal das genaue Geburtsdatum weiß, überzeugend verfilmen? Und warum - ebenfalls eine interessante Frage - durfte man in der UdSSR überhaupt einen Film über einen Mönch drehen?

Das Drehbuch von 1962 hätte jedenfalls ein Monumentalwerk von sieben Stunden ergeben, der 1966 fertige Film war nach Budgetkürzungen nur mehr halb so lang - und freigegeben wurde er erst 1971, nachdem Tarkowskij weitere Kürzungen vorgenommen hatte. Die Hartnäckigkeit und der Mut des Filmers, der sich in der Tradi-tion Dostojewskijs sah, hatten sich aber gelohnt. Ingmar Bergmans Urteil über "Andrej Rubljow": "Das ist der beste Film, den ich je gesehen habe."

Andrej Tarkowskij auf einer russischen Marke, 2007. 
- © gemeinfrei, via Wikimedia

Andrej Tarkowskij auf einer russischen Marke, 2007.

- © gemeinfrei, via Wikimedia

Charakteristisch für den fast zur Gänze in Schwarz/Weiß gedrehten Film ist, dass der bescheidene und an sich zweifelnde Titelheld nur selten im Vordergrund agiert. Meist ist er am dramatischen Geschehen nur am Rande, als passiver Zuschauer, beteiligt. Als handlungsunfähiger Passagier einer von Gefahren und Gewalt geprägten Geschichte. Und beim Malen sieht man Rubljow im immerhin dreistündigen Film keine Sekunde. Erst am Ende, im Epilog, werden seine Ikonen in Farbe gezeigt. Der Film gewinnt durch seinen "dezentrierten Helden" einen allgemeineren Wahrheitsanspruch als jenen, der sich bloß auf die - oft unverfügbaren, nicht selten verfälschten - Fakten über eine einzige historische Person stützen würde.

Als eigentlicher Held des Films erscheint auch nicht Rubljow selbst, sondern ein ihn inspirierender junger Mann aus einem von der Pest entvölkerten Dorf, der kühn verspricht, eine Glocke zu gießen. Es ist ein Höhepunkt des Films, wenn sich das einfache Volk und die berittene Obrigkeit auf einem Hügel über der Stadt einfinden, um zu hören, wie die Glocke klingt. Und ob sie überhaupt klingt. Der Erwartungsdruck ist dabei so hoch, als ginge es bei dieser Frage um Leben oder Tod. Und genau darum geht es für den Glockengießer in dem Moment, in dem der Klöppel nach endlosen Minuten an die Glocke schlägt, auch. Tarkowskij hat in den drei Stunden, die dieser Szene vorausgehen - in denen er auch den Despotismus des Fürsten gezeigt hat -, keinen Zweifel daran gelassen.

"Ist das Leben nicht schön?"

Um Leben oder Tod geht es auch in Frank Capras Film "Ist das Leben nicht schön?" aus dem Jahr 1946. Anders als in "Apollo 13" und "Andrej Rubljow" ist der Protagonist fiktiv und keine Berühmtheit. George Bailey kommt in seinem Leben nicht einmal aus der Provinzstadt Bedford Falls hinaus, in die er vor dem Ersten Weltkrieg und der Spanischen Grippe hineingeboren wurde. Der Höhepunkt seines gut geglückten Lebens ist, dass er, vereint mit Familie und Freunden, am 24. Dezember 1945 unter dem Weihnachtsbaum steht und fröhlich singt.

Warum ist dieser Film, der anfangs kein großer Erfolg war, im Laufe der Jahre so berühmt geworden? Und wer war Frank Capra? Dessen Bedeutung während der Ära des New Deals von Franklin D. Roosevelt, als es noch kein Fernsehen gab und in den USA pro Woche 90 Millionen Kinokarten verkauft wurden, beschrieb John Cassavetes einmal so: "Es war nicht Amerika, an das wir geglaubt haben. Es waren die Filme von Frank Capra."

Wie bei Chaplin zeichnen sich auch die Filme von Capra durch Phantasie, Humor, präzise Beobachtung und engagierte Sozialkritik aus. Und mit der Figur des George Bailey, der nach und nach all seine hochfliegenden Träume opfert, um seinen Mitmenschen zu helfen, ist der Typ der Helden von Capras Filmen am eindrücklichsten charakterisiert. Dieser sympathische Held des Alltags will seinem Leben am Weihnachtsabend ein Ende setzen, nachdem er nach einer Serie von Missgeschicken bankrott und obendrein auch noch Opfer eines skrupellosen Bankiers (einer zynischen Variante von Dickens’ Scrooge) geworden ist.

"Ich wünschte, ich wäre nicht geboren." So drastisch bringt George seine bodenlose Verzweiflung auf den Punkt. Ein hoffnungsloser Fall? Capra war genau gegenteiliger Ansicht. Und er bediente sich des Wunders, um seinen Helden von seiner Lebensmüdigkeit zu heilen. Denn der kauzige alte Mann, den der hilfsbereite George - naturgemäß - aus dem eiskalten Fluss zieht, statt sich selbst darin zu ertränken, ist ein Schutzengel.

Ein unbeholfen wirkender Schutzengel zwar - sein Name ist Clarence und seine Flügel muss er sich erst verdienen -, aber einer mit unbestreitbar großem therapeutischen Talent: Clarence erfüllt George seinen unbedachten Wunsch. Er zeigt ihm - der die Existenz von Engeln übrigens so vehement abstreitet wie die Gegner von Galilei das heliozentrische Weltbild - die Welt, wie sie wäre, wenn er, George, darin nicht geboren wäre.

Zuerst zeigen sich kaum Unterschiede. Aber nach und nach wird die Szenerie für George zu einem Albtraum, der Dantes Inferno gleicht: Das Haus, das George gerade eben noch mit seiner Frau und seinen Kindern bewohnt hat, ist eine leere Ruine. Seine Freunde halten ihn für einen Verrückten, seine Frau für einen Sittenstrolch. Und seine Mutter? Sie weist den panischen George, der bei ihr um Einlass bettelt, brüsk ab. Wie könnte sie den Mann, der nie geboren wurde, auch erkennen?

Eine der Schlussszenen aus Frank Capras Weihnachtsklassiker "Ist das Leben nicht schön?", mit James Stewart in der Hauptrolle. 
- © Corbis via Getty Images / Herbert Dorfman

Eine der Schlussszenen aus Frank Capras Weihnachtsklassiker "Ist das Leben nicht schön?", mit James Stewart in der Hauptrolle.

- © Corbis via Getty Images / Herbert Dorfman

"Seltsam", sagt Clarence, der George auf seinem schrecklichen Weg durch das ungeheuerliche Paralleluniversum begleitet, "jedes Leben berührt so viele andere, und wenn einer nicht da ist, dann entsteht ein riesiges Loch." Das begreift, schlagartig, auch der starrsinnige George - und wünscht sich sein Leben sofort zurück.

Ob man alleine mit Wissenschaft alle Probleme der Menschheit lösen kann? Da ist Skepsis geboten. Auf den großen Wert des gesellschaftlichen Zusammenhalts, den die drei erwähnten Filme betonen, beschwören und besingen, sollte man bei der Suche nach Lösungen jedenfalls nicht vergessen. Und dass Capras Meisterwerk "Ist das Leben nicht schön?" - im Jahr 2006, 60 Jahre nach seinem Debüt - zum "inspirierendsten Film aller Zeiten" gewählt wurde, darf man als frohe Botschaft empfinden.

Als finale Pointe liegt in diesem Film übrigens Mark Twains "Tom Sawyer" auf dem weihnachtlichen Gabentisch. Und jemand hat hineingeschrieben: "Niemand, der Freunde hat, ist ein Versager." Egal, wen oder was man anbetet: Diesen weisen Worten - die übrigens bereits, so wie auch Capras gesamter Film, gegendert worden sind - kann man getrost glauben.