Kurt Bardos: Herbst_Drachen, 1930er Jahre 
- © Privatsammlung, Repro: Do Laura Heneis

Kurt Bardos: Herbst_Drachen, 1930er Jahre

- © Privatsammlung, Repro: Do Laura Heneis

Plötzlich, nach vielen Jahrzehnten, tauchte er wieder auf, der Fotoschatz aus Brünn, der so viele Bezüge zu Österreich aufweist. Eigentlich war diesen Fotografien das Schicksal des Vergessens beschieden, so wie dem Fotografen, der in die Vernichtungsmaschinerie des Nationalsozialismus geriet und den Krieg nicht überlebte.

Die Bilder aber überlebten, trotz allem. Sie berichten, wenn man sie genau betrachtet, von einem jungen, unbeschwerten, sportlichen Leben in der Zwischenkriegszeit, das abrupt endete. Sie erzählen aber auch von einem sensiblen Fotokünstler, einem begabten Autodidakten, der die moderne Bildsprache seiner Zeit begierig aufsaugte und künstlerische Bilddokumente von bleibendem Wert hinterließ. Und schließlich erzählen die Bilder von den Wegen und Umwegen der Überlebenden und Nachgeborenen und von ihrem Wunsch nach Erinnerung.

Albtraum und Alben

Wir können diese Geschichte Ende Juni 1941 beginnen lassen. Kurt Bardos, ein junger Medizinstudent aus Brünn, heiratet die junge Zdenka Fischl. Die beiden wissen, dass ihre Zukunft düster ist. Denn schon gut zwei Jahre zuvor, im März 1939, hatte Hitler die Tschechoslowakei zerschlagen und das unter NS-Kuratel stehende Protektorat Böhmen und Mähren ausgerufen. Der Alltag der jüdischen Bevölkerung war damit zum Albtraum geworden.

Selbstporträt, 1930er Jahre. - © Privatsammlung, Repro: Do Laura Heneis
Selbstporträt, 1930er Jahre. - © Privatsammlung, Repro: Do Laura Heneis

Im Dezember 1941, kurz nach ihrer Heirat, wurden Kurt Bardos und seine Frau nach Theresienstadt deportiert, später, 1944, wurden sie nach Auschwitz überstellt. Kurz bevor Bardos Ende 1941 abgeholt wurde, übergab er seine Fotoalben einem Freund, der sie über die Kriegszeit rettete. Kurt Bardos starb am 19. März 1945, wenige Wochen vor Kriegsende. Seine Frau, Zdenka, überlebte den Holocaust, ebenso seine Mutter Käthe und seine jüngere Schwester Ilse, die nach der Befreiung nach Brünn zurückkehrten.

Der Zufall will es, dass der Verwahrer der Bilder eines Tages nach 1945 Ilse Bardos auf der Straße ansprach. Er hatte sie aufgrund eines Fotos aus dem Album wiedererkannt. Auf diese Weise kehrten die Alben in den Familienbesitz zurück. Und sie legten weitere Wege zurück: 1951 nahm sie die Familie nach Jablonec in den Norden Tschechiens mit, 1964 in die Emigration nach Is- rael, 1967 kamen sie nach Wien, ein Teil reiste dann 2005 nach Los Angeles weiter, der andere verblieb in Wien.

Dass dieser Fotoschatz, nach so vielen Jahren, nach so vielen Reisen, nun den Weg in die Öffentlichkeit findet, ist Susanne Eiselt zu verdanken, der Nichte von Kurt Bardos und der Tochter von dessen Schwester Ilse. Sie bewahrt in Wien einen Großteil der überlieferten Bilder auf.

Medizinstudium

Als Kurt Bardos am 16. Mai 1914, wenige Wochen, bevor der Erste Weltkrieg begann, in Brünn geboren wurde, war er Österreicher. Damals ahnte noch niemand, dass die Monarchie schon Wochen später in den Krieg schlittern und wenige Jahre danach in sich zusammenstürzen würde. 1919 lag Brünn plötzlich im Ausland, doch das Leben ging zunächst ohne große Erschütterungen weiter. Die gutbürgerliche Familie jüdischer Herkunft wohnte in einer Jugendstilvilla im Stadtteil Tivoli.

Bild von Kurt Bardos aus den 1930er Jahren: Autorennen. - © Privatsammlung, Repro: Do Laura Heneis
Bild von Kurt Bardos aus den 1930er Jahren: Autorennen. - © Privatsammlung, Repro: Do Laura Heneis

Bardos entschied sich nach der Matura für ein Medizinstudium an der "Lekárska Fakulta" in Brünn, er verfolgte dieses allerdings mit eher mäßigem Eifer. Viel lieber trieb er sich im Freien herum, besuchte das in funktionalistischem Stil errichtete Freibad in Židenice, verfolgte Autorennen am Masaryk-Ring, erkundete die städtische Umgebung und unternahm immer wieder lange Ausflugsfahrten in die Hohe Tatra und in die österreichische Bergwelt, auf die Rax, aber auch nach Tirol und Kärnten. Seine Leidenschaft waren der Sport, die Natur, die Berge, das Skifahren.

Die Kamera führte er stets mit sich. Das Fotografieren hatte sich Kurt Bardos selber beigebracht, schon bald fotografierte er mit einer Rolleiflex. Der junge Mann wurde zum leidenschaftlichen Lichtbildner, mit durchaus künstlerischen Ambitionen. Vielleicht wäre aus ihm nicht ein Arzt, sondern ein großer Fotograf geworden, wenn er nicht so jung, mit knapp 31 Jahren ums Leben gekommen wäre. Er selber sah sich nicht als Mediziner, sondern als Fotograf. Noch im Oktober 1944, als in Auschwitz eine Karteikarte über ihn angelegt wurde, wurde neben dem Geburtsdatum und der Häftlingsnummer auch der Beruf "Fotograf" vermerkt.

Wenn wir die Bilder von Kurt Bardos, die überliefert sind, Revue passieren lassen, begegnet uns ein faszinierendes Oeuvre im modernen Stil der Zwischenkriegszeit: Stillleben, Landschaftsbilder, Sportaufnahmen, Sachfotografien. Unverkennbar sind die Anleihen der Moderne, die Bardos offenbar mit großer Offenheit aufgenommen hat.

Zentrum der Avantgarde

Während in Österreich die Jahre des experimentellen Aufbruchs um 1930 nur von kurzer Dauer waren, um danach einem neuen Konservativismus Platz zu machen, währte die tschechische Avantgarde deutlich länger. Bis weit in die 1930er Jahre hinein entstanden im Nachbarland zahlreiche Fotoarbeiten, die Experimentierfreude, Neugierde und spielerische Bildlösungen miteinander verbanden. Insbesondere die anspruchsvolle Amateurfotografie, der sich Bardos verbunden sah, nahm in der tschechischen Zwischenkriegszeit einen enormen Aufschwung; neu gegründete Fotoclubs begannen fieberhaft damit, Laienfotografen zu unterweisen, und neu entstandene Zeitschriften gewährten der Fotografie noch nie da gewesene Publikationsmöglichkeiten.

In Bratislava und Prag entstanden in diesen Jahren unter dem Einfluss von Karel Teige, Zdeněk Rossmann, Josef Vydra, Jaromír Funke und anderen Schulen, die sich am Bauhaus orientierten und die ebenfalls der Fotografie einen wichtigen Stellenwert einräumten. Aber auch Brünn wurde zu einem wichtigen Zentrum der Avantgarde. 1928 fand eine Ausstellung zeitgenössischer Kultur statt, die auch in Österreich auf großes Interesse stieß.

Wir können sicher sein, dass Bardos die Schau besucht hat, denn die Neuigkeiten der Kultur- und Fotoszene interessierten ihn. Unter seinen Medizinbüchern, so wird in der Familie berichtet, hatte er des Öfteren Fotozeitschriften und -bücher liegen, die ihn weit mehr in den Bann zogen als die trockenen medizinischen Wälzer.

Markante Diagonalen

Bild von Kurt Bardos aus den 1930er Jahren: Stillleben (mit Zwiebeln). - © Privatsammlung, Repro: Do Laura Heneis
Bild von Kurt Bardos aus den 1930er Jahren: Stillleben (mit Zwiebeln). - © Privatsammlung, Repro: Do Laura Heneis

Wie sehr Bardos mit der Fotoszene der Moderne persönlich in Berührung kam, wissen wir nicht. Unverkennbar ist aber, dass er ihre Stilmittel, die Neue Sachlichkeit und das Neue Sehen, übernahm und in präzise komponierte Bilder übersetzte. In seinen Stillleben zeigte er die Dinge des Alltags, etwa eine Handvoll Zwiebel, in ihrer schlichten Einfachheit - und zugleich in einem ganz neuen Licht . Aber auch in seinen Landschafts- und Freizeitszenen wählte er ungewöhnliche Perspektiven, starke Untersichten, Blickpunkte aus der Vogelschau, markante Diagonalen.

Kurt Bardos habe sich, so erinnerte sich seine Mutter später, bei gemeinsamen Sonntagsausflügen oft ganz flach in eine Wiese gelegt, um aus dieser Froschperspektive zu fotografieren. Und dennoch, bei allem Enthusiasmus, Neues, Ungewohntes zu sehen: Ein Vertreter der radikalen Avantgarde war der junge Brünner Fotograf nicht. Die Stilmittel der scharfen Kanten, der radikalen Brüche und der überraschenden Fotomontagen blieben ihm fremd. Das Neue Sehen war bei ihm kein stilistischer Selbstzweck, am Ende versuchte er, seine Aufnahmen stets in ein harmonisches Gleichgewicht zu bringen.

Was wäre aus all diesen Bildern geworden, wenn Kurt Bardos überlebt hätte? Welche Bilder hätte er noch aufgenommen, wäre ihm eine Karriere als großer Fotograf offengestanden? Es ist, nach den traumatischen Ereignissen des vergangenen Jahrhunderts, müßig, all diese Fragen zu stellen. Was da ist, sind die Bilder. Lange Zeit waren diese Fotos, eingebunden in Alben, ein wichtiger Anker der Familienerinnerung, das Wenige, was von Kurt Bardos nach dem Holocaust blieb. Als solche wurden sie jahrzehntelang sorgsam gehütet.

Nun, über acht Jahrzehnte nach dem Beginn der Verfolgung, sollten diese Fotografien auch als gültiges fotokünstlerisches Werk wiederentdeckt werden. Nach einer ersten Präsentation in Brünn wartet das Werk von Kurt Bardos darauf, auch in Österreich erstmals gezeigt zu werden - in jenem Land, dem sich der Fotograf emotional am meisten verbunden fühlte.