Am 29. Jänner 1972 erschien ein Nachruf auf den am Vortag verstorbenen Autor Dino Buzzati-Traverso im "Corriere della Sera". Der Nekrolog galt einem, der es als Redakteur bis in die Chefetage geschafft hatte und doch den schönen Künsten, vor allem der Malerei und der Literatur, treu geblieben war.

Kalte und trübe Tage beherrschten damals die lombardische Hauptstadt Mailand. Die Berge am Horizont konnte der tumorkranke, hellsichtige Poet im Dunst der pulsierenden Metropole zuletzt nicht mehr ausmachen. Das traf den Alpinisten, der in Jugendzeiten mit großem Ehrgeiz die nadelförmigen und ausgesetzten Erhebungen der Dolomiten erklettert hatte, mitten ins Herz. Wie oft war er in eleganter Cordhose und mit seinem stutzerhaften Hut in die Berge gegangen, am liebsten mit Kletterfreund Brambilla!

Nicht wenige seiner Begleiter in den schroffen Wänden des Nordens waren verstorben, sei es im Krieg, den der Autor als Berichterstatter auf den Schauplätzen des Mittelmeers und Äthiopiens sah, sei es durch Abstürze, wenn die Hanfseile rissen oder Steinschlag die Alpinisten überraschte. Mehr Sicherheit hatte Buzzati jahrzehntelang das Redaktionsgebäude des Mailänder "Corriere della Sera" ("Abendkurier") geboten, wohin es den promovierten Juristen nach einer kurzen Episode bei einer lombardischen Regionalzeitung verschlug. Hier zeigte sich der akribisch recherchierende, jedes Wort wägende Alleskönner. Buzzati war zudem ein begnadeter und detailverliebter Illustrator. Das Kinderbuch "Wie die Bären einst Sizilien eroberten" und eine erotisch-düstere Variante des Orpheus-Stoffes tragen seine Handschrift.

Symbolische Tataren

Buzzatis Dasein auf Erden hatte am 16. Oktober 1906 in einem schönen Gartenpalais in San Pellegrino bei Belluno (Veneto) seinen Ausgang genommen, wo er mit drei Geschwistern spielen konnte. Zeit seines Lebens hatte der Autor über den Tod geschrieben, jetzt kam er leise ins Zimmer und setzte sich an sein Bett, wie es im Finale seines erfolgreichsten Romans, "Die Tatarenwüste", hieß, der 1940 in Mailand erschienen war.

Im Roman besucht der bleiche Gevatter den ausgelaugten Offizier Giovanni Drogo, der einst frohgemut in neuer Leutnantsuniform ausgezogen war, um die Festung Bastiani aufzusuchen. Sein ganzes Leben gilt dem Warten auf den befürchteten Angriff der Tataren, doch als die Feinde endlich auftauchen, muss der bereits kranke Offizier per Kutsche abgeholt werden. Sein Lebenstraum ist geplatzt, wie auch jener von Dino Buzzati, der mit 65 Jahren Abschied nehmen musste.

"Die Tatarenwüste", die in viele Sprachen übersetzt wurde, hat eine bewegte Editionsgeschichte. Auf Deutsch erschien der Roman erstmals 1945, wobei der Titel "Die Festung" lautete. Später kam das existenzialistische Meisterwerk, das von einem zerrinnenden Leben in Uniform und dem sinnentleerten Festungsreglement handelt, unter dem Titel "Das vergessene Fort" heraus. Die Titelei hat etwas für sich, da die Tataren nur symbolisch gemeint sind. Es gibt keine geografischen Anhaltspunkte für das von Krimtataren bewohnte Gebiet, der Leser wähnt sich eher in den Dolomiten oder im Atlasgebirge. Zudem schreibt man die Tataren in den romanischen Sprachen anders, nämlich mit einem zweiten "r" (z.B. "dei tartari", "des tartares").

Nach neuen Übersetzungen und der Verfilmung im Jahr 1976 war der Roman lange vergriffen und erschien dann 1990, wiederum neu übersetzt von Stefan Oswald, bei Klett-Cotta. Aber auch diese Ausgabe ist schon lange vergriffen. Zwischenzeitig kam das Buch erfreulicherweise über den Verlag "Die andere Bibliothek" auf den Markt, noch dazu in einer bibliophil-liebevoll gestalteten Ausgabe. Maike Albath, eine aus Braunschweig stammende Journalistin und Literaturkritikerin, zugleich ausgewiesene Kennerin der italienischen Literatur des 20. Jahrhunderts, hat das Nachwort verfasst, neu bearbeitet wurde das Werk von Julika Brandestini.

Buzzati, der Meister der poetischen, aber nie idyllisch-verklärenden Naturbeschreibung, der Autor, der den Leser in tiefe Abgründe blicken lässt, hat sich diese Mühen verdient. Als Sohn des 1917 mit dem Adelsnamen Traverso ausgestatteten Professors Giulio Cesare Buzzati (1862-1920), eines Venezianers, der in Pavia, Padua, Macerata und an der Mailänder "Bocconi" lehrte, wurden Dino Präzision und ein kritisch wägender Geist förmlich in die Wiege gelegt. Im Internationalen Privatrecht zählt sein Vater immer noch zu den häufig zitierten Experten; ursprünglich stammten die Buzzatis aus Ungarn, Dinos Mutter aber aus einem venezianischen Dogengeschlecht.

Auf Zelluloid, auf das Buzzatis opus magnum vier Jahre nach seinem Ableben gebannt wurde, wirkt das tiefsinnige, im Grunde unmilitaristische Werk viel martialischer als in der durch originell stilisierte Uniformtressen am Einband geschmückten Papierform. Durch die zackigen Dialoge und die stellenweise raue Handlung wird dem Betrachter erst so richtig bewusst, dass Frauen hier, abgesehen von der Mutter, von der sich Offizier Drogo als junger stolzer Leutnant beim Abmarsch zur Festung Bastiani verabschiedet und der er sein Herz in schwachen Momenten brieflich ausschüttet, keine Rolle spielen.

Ins Grauen

Ein Männerdrama, wie es auch die aggressive und fulminant gescheiterte abessinische Expedition Mussolinis einst war, die der sensible Autor mit Bauchweh durchstand. Damals wurde ihm der Militarismus gründlich ausgetrieben, abgesehen von den weißen Tropenuniformen, einer Antilopenjagd und einer lebensgefährlichen Überfahrt auf einem von britischen Kriegsschiffen beinahe versenkten Kreuzer.

Unter der Regie von Valerio Zurlini wurde die Vorlage mit prominenter Besetzung in einer italienisch-französisch-deutschen Kooperation verfilmt: Giuliano Gemma, Max von Sydow, Philippe Noiret und andere Stars besiedelten zu diesem Behufe Mitte der 1970er Jahre eine alte orientalische Trutzburg, um das ewige Ausharren am Rand der "Wüste" in den nach italienischem Muster gestalteten Uniformen glaubhaft zu machen. Auch ein Meisterwerk der Filmkunst, aber nur mit einem Hauch von Existenzialismus, den das Buch in größeren Dosen verstreut.

Kaum ein Autor vermochte die alpine Umgebung so feindselig und so idyllisch zugleich zu schildern wie Buzzati, der die Dolomiten-Bilder seit Jugendzeiten in sich aufgesogen hatte. Schon in frühen Erzählungen wie seiner 1933 erschienen Erstpublikation "Bàrnabo delle montagne" ("Die Männer von Gravetal") über einen gewissen Bàrnabo , der ein Munitionsdepot zu bewachen hat, übte er sich im existenzialistischen Genre. Später baute er diesen Grundgedanken einer langen und vergeblichen Warterei und Enttäuschung um und zog die Leserschaft ins Grauen unheimlicher Kurzgeschichten hinein. Ein Mann klettert aus Mutwillen auf einen aufgelassenen Wohnbaukomplex und bringt mit einem Riss die ganze Siedlung zum Einsturz. Ein anderer erhält eine Wasserstoffbombe direkt an seine Adresse geliefert, die entsetzten Bewohner und besorgte Bekannte verstärken dieses stigmatisierende Erlebnis noch.

Eine weitere, durchaus genial verfilmte Vorlage war "Un Amore", eine Liebes- und Leidensgeschichte mit autobiografischen Zügen. Der alternde Liebhaber junger, schöner Frauen, zugleich ein Architekt (verkörpert von Rossano Brazzi), der sich Zuneigung im Edelbordell erkauft, gerät an eine mit allen Wassern gewaschene Gelegenheitsprostituierte (gespielt von Agnès Spaak), die ihn nach Strich und Faden ausnimmt und demütigt. Diesen Film unter der Regie von Gianni Vernuccio erlebte Buzzati 1965 noch.

Man ist versucht zu glauben, dass der ernste und großgewachsene, stets mit schwarz gefärbtem Kurzhaarschnitt an der Bürstengrenze auftretende Feuilleton-Redakteur und Maler selbst Vergleichbares erlebt hatte. Während seine Geschwister verheiratet waren, lebte Dino lange als Junggeselle. Liebevoll nannte er seine Mutter, der er optisch ähnelte, "la gnoma" (die Zwergin). Erst nach ihrem Tod heiratete der 60-Jährige am 8. Dezember 1966 die deutlich jüngere Almerina Antoniazzi, Fotomodell und spätere Kuratorin, die als seine Muse galt. Sie starb am 22. November 2015 im Alter von 74 Jahren.

In seinem ehemaligen Wohnhaus erinnert eine Gedenktafel an Dino Buzzati. 
- © Davidone96, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

In seinem ehemaligen Wohnhaus erinnert eine Gedenktafel an Dino Buzzati.

- © Davidone96, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Für die aktuell grassierende Pandemie hält Buzzati eine überraschende Lektüre bereit: In der Kurzgeschichte "Die Staatsgrippe" beschreibt er eine Influenzaepidemie, an der angeblich nur Regierungsgegner erkranken. Dies eröffnet ein Denunziant dem Leiter einer Dechiffrierabteilung. Der Schrecken ist groß, als der Chef die ersten Symptome verspürt und trotz Fiebers und Schüttelfrosts eisern im Büro ausharrt, um nicht "entlarvt" zu werden.

Der Autor wurde oft als "Kafka des Südens" bezeichnet, was ihn belastete. Er fuhr in den 1960ern nach Prag, wo noch ein moskautreues Regime herrschte und den illustren Gast auf jedem Schritt begleitete. Der Autor recherchierte auf den Spuren seines Vorbilds, das zu seiner Geißel wurde. In der Tatra hatte er einen vielsprachigen, gebildeten Funktionär der örtlichen Handelskammer kennengelernt, den er vergeblich in Prag zu treffen versuchte.

An der angegebenen Telefonnummer wurde er stets vertröstet; schließlich hieß es, dass Herr K. leider zu einem Treffen mit indischen Gästen gefahren sei - eine wahrlich kafkaeske Wendung. Doch als Buzzati in der Poříčí-Straße vor dem Gebäude der ehemaligen k.k. böhmischen Arbeiter-Unfallversicherungsanstalt allein vor den trüben Fenstern stand, hinter denen einst Kafka Furchtbares unter einem Aktenberg witterte, bemerkte er doch eine gewisse Ähnlichkeit zu seinem Mailänder Redaktionsgebäude.