Friedrich Noack hatte mehrmals Glück im Leben: 1858 in Gießen geboren, studierte er Deutsch und Geschichte und trat zunächst in den höheren Schuldienst. Doch zufrieden war er damit nicht. Seine Hobbys - die Malerei, halbwissenschaftliche Recherchen, die er auch in Zeitungen veröffentlichte, sowie die Beschäftigung mit einer seltenen Art der Kurzschrift, in der er es zur Perfektion brachte - interessierten ihn weit mehr.

Da kam im Jahr 1886 ein unverhofftes Angebot der "Krefelder Zeitung" für die vakante Chefredakteursstelle gerade recht, um die ungeliebte Lehrtätigkeit aufzugeben. Und ein paar Jahre später, 1891, passierte der nächste Glücksfall: Die angesehene "Kölnische Zeitung" suchte einen Korrespondenten für Rom und trug Noack die Stelle an.

Seine Liebe zu Italien hatte er schon einige Jahre zuvor auf einer privaten Italienreise entdeckt. Viele junge Menschen aus dem Großbürgertum oder Künstler träumten von einer Grand Tour ins gelobte Land der Bildungsbürger. Goethe und andere hatten es seinerzeit vorgemacht, Zehntausende waren in den Jahrzehnten danach gefolgt. Berichte aus Italien erfreuten sich demgemäß beim Lesepublikum großer Beliebtheit. Noack konnte nun mit Frau und Kindern nach Rom übersiedeln und wurde auch fürstlich dafür bezahlt, denn damals hatten die Zeitungen noch Geld ...

Italienische Lebensart

Noack berichtete mehrmals wöchentlich aus Rom: Politisches, Allfälliges, Kurioses und in den Wochenendbeilagen immer wieder über das Leben in Italien, das vielen Menschen in Deutschland damals noch sehr exotisch vorkam. Kurioserweise unterzeichneten die Autoren der "Kölnischen Zeitung" ihre Artikel meist nicht mit Namen, sondern mit einem Zeichen: Noack mit einem dreiblättrigen Kleeblatt. Zusätzlich zu seinen Berichten aus Rom gab es auch kurze Meldungen der Agentur WTB (Wolffs Telegraphisches Bureau), einer der ersten Nachrichtenagenturen.

Friedrich Noack (1858-1930) in einem Selbstbildnis von 1884. - © Nachlass Noack, Privatsammlung
Friedrich Noack (1858-1930) in einem Selbstbildnis von 1884. - © Nachlass Noack, Privatsammlung

Das Treiben auf der Straße, beschrieb Noack in den 1890er Jahren, wäre ganz anders, als es seine Leser gewohnt seien: "Während für den Bewohner einer deutschen Großstadt die Straße in erster Linie nur ein Verkehrsmittel ist, welches seinen Ausgangspunkt mit dem Ziele verbindet, ist sie für den Italiener vor allem ein Aufenthaltsort." Dieser Aufenthaltsort leide aber dadurch, dass die Passanten ständig ausspeien, alles einfach wegwerfen und nächtens die Straße oft als Latrine benutzen - Ognuno fa il comodo suo (Jeder tut, was ihm passt).

Auch die Osterie, die einfachen Speiselokale, werden von Noack durchaus differenziert betrachtet. Sie seien zwar billig, servierten guten Wein, die Kellner hätten aber sehr eigene Hygienevorstellungen: Setzt man sich zu Tisch, "so wird über den rohen Holztisch ein Tischtuch gebreitet, welches gleich den Servietten (...) zahlreiche rote Flecken zeigt, die Erinnerungen an Rotwein und Maccaroni" der Gäste zuvor.

Während die bessere Gesellschaft so gut wie nie eine Osteria besucht, kommen die Reisenden manchmal aus Neugier. Stammgäste sind neben Einheimischen auch weniger begüterte deutsche Künstler, denen es in Rom anders ergeht als ihren Kollegen einhundert Jahre zuvor, als Goethe seinen nicht so wohlhabenden Landsleuten, die es auch damals schon in Rom gab, öfters die Osteria-Rechnung bezahlt hat.

Auch beim Einkaufen unterschieden sich die Italiener sehr von den Mitteleuropäern. Während in unseren Breiten damals wie heute der Vorratseinkauf überwiegt, kauften die Italiener immer nur tageweise ein, was seinerzeit mangels Kühlmöglichkeiten durchaus verständlich war, sich aber heute natürlich geändert hat.

Landschaftsbilder

Da Noack seine Kinder auf italienische Schulen schickte, gewann er auch im Bildungsbereich eigene Erfahrungen. Nachdem er sich bei der Anmeldung der Kinder an mehreren Amtsdienern vorbeigearbeitet hatte, kam er endlich zumPreside (Direktor), der in formvollendeter, gebieterischer Strenge seine Schule und sein Personal beherrschte und den Aufnahmeakt vollzog. In den Klassenzimmern dominierte dagegen "eine glückselige Anarchie". Außer Italienisch und Latein würden die Kinder, meinte Noack, nicht allzu viel lernen, was er auch auf die chronische Unterbezahlung der Professoren und Professorinnen zurückführte.

"Blick auf Ischia", 19.8.1896. 
- © Nachlass Noack, Privatsammlung

"Blick auf Ischia", 19.8.1896.

- © Nachlass Noack, Privatsammlung

Immer wieder unternahm die Familie Noack Reisen und ausgedehnte Wanderungen in Italien, woraus sehr einfühlsame Artikel entstanden, die seine Verbundenheit mit dem Land zum Ausdruck brachten. Seit seiner Jugend hatte Noack gemalt, meist Aquarelle, und in Italien fertigte er eine große Zahl an Landschaftsbildern und Städteporträts an. Er selbst bezeichnete sich bescheiden als "Dilettant" und stellte seine Arbeiten nie aus. Seine Bilder können aber durchaus mit den Werken bekannter Künstler mithalten und ergeben zusammen mit seinen Texten ein vielschichtiges Bild des Landes, das ihm so sehr ans Herz gewachsen war.

Doch Malen und Schreiben war für Friedrich Noack nicht genug. Er engagierte sich im Deutschen Künstler-Verein in Rom, brachte Bücher heraus (darunter "Deutsches Leben in Rom", 1907, und "Das Deutschtum in Rom", 1927). Für seine Recherchen fertigte er weit über zehntausend "Zettel" mit Informationen über deutschsprachige Rom-Besucher an. Sie beinhalteten Informationen über Ankunfts- und Abreisedaten, Wohnort in Rom, Begleitung sowie Sinn und Zweck der Reise. Mit unseren heutigen Datenschutzvorstellungen wären sie freilich nicht sehr kompatibel.

Diese "Zettel", eigentlich Karteikärtchen, beschriftete er in der heute beinahe ausgestorbenen "Gabelsberger Stenografie". Der Wiener Parlamentsstenograf Andreas Kloner ist einer der wenigen, die diese Schrift noch lesen können. Er befasste sich in einem Projekt mit diesen Kärtchen.

Eines von Noacks Karteikärtchen, mit einem Eintrag über den Rom-Aufenthalt der Malerin Angelika Kauffmann. 
- © Wolfgang Ludwig

Eines von Noacks Karteikärtchen, mit einem Eintrag über den Rom-Aufenthalt der Malerin Angelika Kauffmann.

- © Wolfgang Ludwig

Basierend auf diesen Zetteln, befindet sich im zweiten Band von "Das Deutschtum in Rom" ein Eintrag über einen gewissen Oskar Justinus, "Schriftst. aus Berlin; in R. Mitgl. des DKV [= Deutscher Künstlerverein], Winter 1890/91." Über diesen Herrn dürfte Noack möglicherweise nicht so erfreut gewesen sein, denn Justinus veröffentlichte ein Jahr danach, ausgerechnet in Noacks Zeitung, eine mehrteilige Artikelserie unter dem Titel "Lukullus", in der er dem damals der italienischen Küche noch fernstehenden deutschen Publikum ausführlich die Vorzüge und Besonderheiten der italienischen Kochkunst nahebrachte. Das hätte Noack allerdings auch schreiben können ...

Für die Goethe-Forschung leistete Noack einen wichtigen Beitrag: Er durchstöberte kirchliche Meldedaten und konnte so beweisen, in welchem Haus Goethe bei seinen Rom-Aufenthalten zwischen 1786 und 1788 gewohnt hatte, nämlich in der Via del Corso 18. Dieses Haus beherbergt seit 1997 das einzige deutsche Auslandsmuseum, die sehr besuchenswerte Casa di Goethe, in der neben Erinnerungen an die "Italienische Reise", den Maler Tischbein und einem Porträt Goethes von Andy Warhol immer wieder auch Sonderausstellungen gezeigt werden. Bis Mitte April 2022 gibt es in der Casa eine Schau über Friedrich Noack zu sehen, bei der auch zahlreiche seiner Bilder zum ersten Mal ausgestellt werden.

Mit dem Kriegseintritt Italiens auf Seiten der Entente im Jahr 1915 mussten Deutsche und Österreicher Italien verlassen. Die "Kölnische Zeitung" schickte Noack im Jahr 1918 nochmals für kurze Zeit ins Ausland, und zwar vom Februar bis September nach Wien. Im Gegensatz zum unbeschwerten Leben in Rom erlebte Noack in Wien das Ende des Krieges, den Niedergang des Staates sowie die Not der Bevölkerung. Auch aus Wien schrieb er neben kurzen Meldungen öfters längere, sehr klare Kommentare zur Aussichtslosigkeit der Lage und machte die Sinnlosigkeit des Krieges deutlich. In Österreich hätten diese Texte wegen der Zensur nie erscheinen können.

Österreich am Ende

Bemerkenswert ist ein Text, der am 28. April 1918 in der "Kölnischen Zeitung" erschien: Unter dem Titel "Deutsche und Österreicher" beschreibt er die chancenlose Situation Österreichs, da die nichtdeutschen Bevölkerungsteile kein Interesse an diesem Krieg hätten und in den deutschsprachigen Landesteilen die Kriegsbegeisterung keineswegs überall vorhanden sei und stark nachlasse. Und er demaskiert die so beliebte Phrase zur habsburgischen Heiratspolitik ("Bella gerant alii, tu felix Austria nube") als endgültig überholt: "Glücklich kann man den Staat gewiss nicht nennen, von dem die Feinde des Deutschtums in ganz Europa steif und fest glauben, er sei ohne große Mühe in Trümmer zu schlagen."

Die Casa di Goethe in Rom, wo zurzeit eine Ausstellung über Noack gezeigt wird. 
- © Wolfgang Ludwig

Die Casa di Goethe in Rom, wo zurzeit eine Ausstellung über Noack gezeigt wird.

- © Wolfgang Ludwig

In einem Feuilleton am 2. Juni 1918 evoziert Noack den Gegensatz zwischen dem lebensspendenden Frühling in der Stadt und dem todbringenden Krieg: "Während die Völker nun schon im 4. Kriegsjahr noch nicht müde geworden sind, Leben auszurotten und Güter zu vernichten, fährt die Erde unverdrossen fort, zu erschaffen, zu gebären (...)"

Im Oktober 1918 tritt Noack in den Ruhestand, lebt zunächst in München, später bei der Familie seiner Tochter Gisela in Freiburg im Breisgau. Er betätigt sich als Sprachlehrer und Schriftsteller, schließt sein in Rom mit den tausenden Karteikärtchen begonnenes Werk "Das Deutschtum in Rom seit dem Ausgang des Mittelalters" ab (1927 erschienen), wandert und malt viel. Friedrich Noack stirbt am 1. Februar 1930. Den intensiven Recherchen der kurz vor Ausstellungseröffnung verstorbenen Kuratorin Dorothee Hock ist es zu verdanken, dass sein Werk wiederbelebt wurde und nicht in Vergessenheit geraten ist.