Ghettoliteratur - unter diesem literaturgeschichtlichen Begriff versteht man all jene Werke des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die das oft komplizierte Verhältnis zwischen der jüdischen Minderheit und der christlichen Mehrheitsgesellschaft zum Thema haben. Gemeinsam ist ihnen, dass ihre Autoren, um es mit der Literaturwissenschafterin Gabriele von Glasenapp zu sagen, eine "dezidiert jüdische Perspektive auf das Geschehen" vertreten und "immer Partei für die jüdischen Figuren" ergreifen.

Die Geschichte dieses Genres endete mit den Schrecken des Holocaust, begonnen hatte sie etwa ein Jahrhundert davor in den 1840ern mit einem Autor namens Leopold Kompert, dessen Geburtstag sich dieser Tage zum zweihundertsten Mal jährt. Zu seinen Lebzeiten war er ein angesehener und bekannter Schriftsteller, heute ist sein Name nur mehr wenigen Interessierten ein Begriff.

Kompert wurde am 15. Mai 1822 im nordböhmischen Münchengrätz, dem heutigen Mnichovo Hradiště, geboren. Er war der Sohn eines nicht sehr erfolgreichen Wollhändlers, konnte aber trotz aller finanziellen Probleme das Gymnasium besuchen und begann danach, in Prag Philosophie zu studieren. Nachdem sein Vater Bankrott gemacht hatte, musste Kompert das Studium abbrechen und zog nach Wien. Bei einem Ausflug nach Ungarn beeindruckte ihn die Weite der Puszta dermaßen, dass er seine Empfindungen niederschrieb und der "Preßburger Zeitung" zur Veröffentlichung anbot. Sein Text wurde angenommen - und damit fiel der Startschuss für eine literarische Karriere.

Unstete Laufbahn

Kompert schrieb Gedichte, Novellen sowie Theaterkritiken und wurde als aufstrebender Autor mit dem Grafen Andrássy, einem der bedeutendsten ungarischen Magnaten, bekannt, der ihn als Erzieher seines Sohnes anstellte. Neben dem Unterricht blieb noch genug Zeit zum Schreiben und Kompert verfasste eine Reihe von Erzählungen, in denen er das Leben der jüdischen Gemeinden in Böhmen schilderte und die ihn einem größeren Publikum bekannt machten.

1847 kehrte Kompert nach Wien zurück, um Medizin zu studieren, aber in der aufgeheizten Stimmung dieser Zeit trat das Studium bald in den Hintergrund. Der Ausbruch der Revolution im folgenden Jahr beeindruckte ihn zutiefst und weckte sein Interesse an Politik und Journalismus. Kompert wurde nun Journalist, musste aber nach einigen Jahren aus, wie es in einer zeitgenössischen Biographie hieß, "körperlicher Übermüdung und geistiger Abspannung diesem aufreibenden Berufe wieder entsagen". Er kehrte zur Pädagogik zurück und fand eine Anstellung als Erzieher, diesmal beim Prokuristen des Bankhauses Rothschild. Nach einigen Jahren wechselte er wieder den Beruf und verdiente als Bankbeamter sein Geld.

Während all dieser Jahre hatte Kompert zahlreiche journalistische und literarische Texte publiziert und war zu einem angesehenen und bekannten Autor aufgestiegen. Dies ermutigte ihn, ab 1861 als freier Schriftsteller zu leben. Nach einigen Jahren trat er in den öffentlichen Dienst ein, wurde Regierungsrat, Bezirksschulrat und schließlich Landesschulrat für Niederösterreich.

Leopold Kompert, gemalt von Wilhelm Hecht für das "Kronprinzenwerk". 
- © ÖNB-Bildarchiv / picturedesk.com / Wilhelm Hecht

Leopold Kompert, gemalt von Wilhelm Hecht für das "Kronprinzenwerk".

- © ÖNB-Bildarchiv / picturedesk.com / Wilhelm Hecht

Neben all diesen beruflichen Aufgaben hatte er noch Zeit für die Politik: 1873 wurde er in den Wiener Gemeinderat gewählt und nahm diese Aufgabe acht Jahre lang wahr. Daneben hatte er noch ein weiteres öffentliches Amt inne, denn er engagierte sich auch im Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien. Es überrascht nicht, dass er seine Position in der Schulverwaltung und seine politischen Tätigkeiten kombinierte und zu einem Spezialisten für das jüdische Bildungswesen in Wien wurde.

Mit zunehmendem Alter zog sich Kompert immer mehr zurück, seine angeschlagene Gesundheit - vor allem ein Herzleiden - machte ihm zu schaffen. Kuraufenthalte in Meran und Baden brachten nur vorübergehende Besserung und am 23. November 1886 starb Leopold Kompert in Wien. Heute ist er vergessen, doch in den Nachrufen auf ihn wird klar, welche bedeutende Rolle er zu seinen Lebzeiten spielte. So wird er in der "Wiener Zeitung" ein "hervorragender Dichter" genannt - und anderswo heißt es über den Autor: "Man kann wol sagen, daß mit ihm einer der vornehmsten Schriftsteller Österreichs zu Grabe getragen wird. Nennt man einst die besten Namen der deutschen Literatur, so wird auch noch in künftiger Zeit der seine genannt werden."

Welche Nationalität?

Komperts Lebensthemen waren das Judentum, die Identität der Juden in Österreich und ihre Stellung im Staat. Prag, wo er seine Jugend verbrachte, war schon seit Jahrhunderten eine der bedeutendsten jüdischen Gemeinden Europas gewesen. Noch zur Zeit von Komperts Geburt waren die Juden in Österreich zahlreichen gesetzlichen Einschränkungen unterworfen, die sie von der Mehrheitsbevölkerung trennten, und der Kampf um die Gleichberechtigung dauerte lange. Die Aufklärung, die Industrialisierung und der mit ihnen einhergehende soziale Wandel führten zu immer mehr Konflikten zwischen den traditionsbewussten Mitgliedern der jüdischen Gemeinde und denen, die für eine Anpassung an die christliche Bevölkerungsgruppe eintraten.

Dazu kam, dass ab den 1830ern die jüdischen Gemeinden in Böhmen und Mähren in den Strudel des immer heftiger werdenden Nationalitätenstreits gerieten. Jene Gemeindemitglieder, die sich für die Assimilation entschieden, standen vor der Entscheidung, ob sie sich in die deutsche oder die tschechische Bevölkerungsgruppe integrieren wollten. In diesem Zwiespalt entschied sich der Großteil der Prager Juden für die Anpassung an die deutschsprachige Bevölkerung, denn sie war in der Stadt kulturell und wirtschaftlich dominant.

Dieses Spannungsfeld zwischen den Religionen und Nationen stellt eines der zwei großen Themen dar, welche die Schriften Komperts durchzogen. Sein größtes Anliegen war aber, die Gleichstellung der jüdischen Bevölkerung zu erreichen. Große Hoffnung setzte er dabei in die Revolution des Jahres 1848, die sich die Freiheit auf die Fahnen geschrieben hatte. Umso enttäuschter war er, als es gerade im Zuge der Revolution zu antisemitischen Ausschreitungen kam. Kompert zog daraus den Schluss, dass es für die Juden in Österreich keine Akzeptanz und kein dauerhaftes Leben in Frieden geben könne.

Die Akademische Legion in der Aula der alten Universität Wien. Bei manchen 48er-Revolutionären schlug die Liebe zum Deutschtum in Antisemitismus um. 
- © Yelkrokoyade / CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) / via Wikimedia Commons

Die Akademische Legion in der Aula der alten Universität Wien. Bei manchen 48er-Revolutionären schlug die Liebe zum Deutschtum in Antisemitismus um.

- © Yelkrokoyade / CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) / via Wikimedia Commons

Noch im März 1848 verfasste er daher einen Aufruf mit einem vielsagenden Titel: "Auf, nach Amerika!" Darin brachte er seine enttäuschte Hoffnung zum Ausdruck und schrieb, dass "in der Stunde, die uns die Freiheit ins Land gebracht, kein anderer Wunsch in uns ist, als: dieser - der Freiheit aus dem Weg zu gehen!" Für ihn war die Emigration nach Amerika der einzige Weg, um den "Flammen des Hasses, des Vorurtheils und der Beschränktheit" zu entgehen. Mit geradezu religiösem Eifer beschrieb er ein Paradies, das er für die Ausgewanderten in Amerika sah: "Über euch wird der Gott Eurer Väter wachen! Mit Euch wird der Gott der Freiheit sein!"

Doch Kompert sollte ein schlechtes Beispiel für die Angesprochenen sein, denn er selbst verließ Europa nicht. Lag es daran, dass trotz seiner Enttäuschung die Revolution schließlich erfolgreich war und vorerst die Gleichstellung der jüdischen Bürger mit sich brachte? Es war eine Gleichstellung, die zum Teil nach der Niederschlagung der Revolution wieder rückgängig gemacht wurde, schließlich aber doch wieder durchgesetzt werden konnte. Kompert schien mit der Monarchie versöhnt und sah seit dieser Zeit die große Aufgabe, die er mit seinen literarischen Werken erfüllen wollte, darin, das Verhältnis zwischen Christen und Juden zu verbessern.

Um dieses Ziel zu erreichen, wollte er der christlichen Bevölkerung der Monarchie das Leben in den jüdischen Landgemeinden näherbringen. Er wurde dadurch zum Chronisten einer untergehenden Welt, denn, wie schon erwähnt, gerade in Böhmen waren die jüdischen Gemeinschaften einem tiefgreifenden sozialen und kulturellen Wandel unterworfen.

Zugleich kritisierte Kompert all jene seiner jüdischen Mitbürger, die an einer traditionellen und orthodoxen Lebensweise festhielten, er wollte ihnen vielmehr die Assimilation an die christliche Mehrheitsbevölkerung nahelegen.

Gerade aus diesem Grund waren Liebesbeziehungen zwischen Christen und Juden ein immer wiederkehrendes Thema in Komperts Werken. Hier konnte er im Kleinen und anhand zweier Menschen zeigen, wie sie als Paar alle Widerstände überwanden, um ihr Glück zu finden. Kompert bewies sich in diesen Geschichten als feinfühliger Darsteller des Zwiespalts, in dem sich die betroffenen Personen wiederfanden. Sein Traum war, wie er in der Erzählung "Die Verlorene" schrieb, ein Land, "wo Christen und Juden sich nehmen dürfen, und braucht keines der beiden seine Religion zu wechseln".

Ein weiteres Thema, das bei Kompert im Zusammenhang mit der Assimilation der Juden immer wieder behandelt wurde, war die Landwirtschaft. Ein Jude, der den typisch christlichen Beruf des Bauern ergreift, das war für Kompert der Paradefall einer gelungenen Integration. Nicht umsonst trägt ein Roman den Titel "Am Pflug" und darin ruft der Protagonist, der sein kleines Geschäft in der Stadt aufgibt: "Aufs Dorf müsse man hinaus und Bauer werden!"

Macht der Tradition

Dass das Spannungsfeld zwischen der Bewahrung des Judentums und der Anpassung an die christliche Umgebung auch in der Literatur nicht immer aufgelöst wird, zeigt die wohl bekannteste Erzählung Komperts, die den Titel "Der Dorfgeher" trägt. Ein junger Mann hat seine jüdische Familie verlassen und in einer fernen Stadt Glück und Liebe gefunden. Vor der Konversion zum Christentum und der folgenden Hochzeit kehrt er noch einmal zurück, um von seinem früheren Leben Abschied zu nehmen. Der Verlobten schreibt er über seine Familie: "Ich habe sie alle gesehen, ehe die Wogen des alten Glaubens über meinem Haupte zusammenschlagen, und ich wieder am Gestade eines neuen auftauche."

Doch es soll anders kommen, denn das Treffen mit den Eltern und Geschwistern weckt alte Erinnerungen. Die Hauptperson muss sich schließlich eingestehen, dass der jüdische Glaube und die tief verankerten Rituale der Kindheit stärker sind als die Liebe zur Frau in der fernen Stadt. So wird just die bekannteste Erzählung Komperts zu einem Beweis dafür, dass sein Wunsch nach Anpassung auch scheitern kann.

Manche der Texte Komperts wirken heute ein wenig bieder und nostalgisch, sie sehen oft mit einem verklärenden Blick auf das Ghetto. Dass diese Texte dennoch lesenswert sind, liegt vor allem an der allgemeingültigen Thematik, wie sehr sich eine Minderheit an die Mehrheit anpassen soll oder sogar muss und wie sie dies gerade in einer Zeit des Umbruches, in der alte Traditionen ins Wanken kommen, tun soll. Eine zeitlose Frage, die bis heute aktuell geblieben ist.