Ob die altgriechischen Anachoreten oder Ägyptens frühchristliche Wüstenväter, ob Styliten und Dendriten auf hohen Säulen und Bäumen, die Beginen und Begarden des Mittelalters, Inklusen in ihren zugemauerten Zellen oder auch Eremiten der Neuzeit: Sie alle zogen sich radikal aus der Gesellschaft zurück. Was sie in der Einsamkeit suchten? Schwer zu sagen - speziell für uns Spätgeborene.

Zumal die asketische Absonderung solche Extremisten der Verweigerung unweigerlich nicht nur mit dem eigenen Ich, sondern mit physischen Plagen und Entbehrungen, auch Betörungen, Zweifeln konfrontierte. Nicht ohne Grund war die "Versuchung des Heiligen Antonius", von Bosch und Brueghel bis Dalí und Kubin, ein klassisches Thema der Kunst.

Die Frage nach Sinn und Zweck dauerhafter Selbstisolierung ist auch im Falle jenes Mannes nicht einfach zu beantworten, der heute im Ruf eines der ganz wenigen "geistlichen Meister" des Christentums aus neuerer Zeit steht. Jenes Mannes, der sich, ein Vorbild an opferbereiter Anspruchslosigkeit und auch in Sachen christlich-muslimischer Dialog, selbst Frère Charles de Jésus taufte und nun am 15. Mai die Kanonisierung erlangt.

Ohne Zweifel zählt dieser Charles Eugène Vicomte de Foucauld zu den außergewöhnlichsten Erscheinungen, die Frankreich an der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert hervorgebracht hat.

Operetten-Offizier

1858 in Straßburg in eine der ältesten und reichsten Adelsfamilien der Grande Nation geboren, wird er mit sechs schon Vollwaise, kommt in die Obhut des Großvaters und flieht 1870 mit den Seinen vor den deutschen Truppen nach Nancy. Am dortigen Gymnasium hat er, daheim in fromm-katholischem Geist erzogen, Montaigne, Voltaire, Rabelais zu lesen. Es ist das Frankreich der Dritten Republik, des Laizismus und Liberalismus, der Rationalität. Es ist freilich auch ein nach der "Schande von Sedan" und der Pariser Kommune verunsichertes Land - ein Kolonialreich, das nach Revanche auf dem Schlachtfeld dürstet und in dem Klerus und Legitimisten weiterhin großen Einfluss üben.

Gemäß Familientradition entscheidet sich Charles für eine militärische Laufbahn. Er besucht die berühmte "Spezial-Militär-Schule" von Saint-Cyr. Doch als Soldat in spe macht er eine alles andere als gute Figur. Nicht nur mangelt es ihm an Sportsgeist und, gerade 163 Zentimeter groß, an Elitemaß.

Charles de Foucauld in seiner Zeit als Soldat. 
- © Babouba / Public domain / via Wikimedia Commons

Charles de Foucauld in seiner Zeit als Soldat.

- © Babouba / Public domain / via Wikimedia Commons

Er distanziert sich, kapselt sich ab, leidet unter den Konventionen der in Kasernen üblichen Kameraderie. "Interesselosigkeit" und einen "schlappen Charakter" konstatieren seine Vorgesetzen, und sein Äußeres betreffend "Fettsucht und Muskelschwund". In der Kavallerieschule von Saumur, in die er überwechselt, kompensiert er dann seinen Frust durch exzessive Vergnügungen. Galadiners, Glücksspiel, fürstliche Trinkgelder, Affären sonder Zahl, dazu ausgesucht elegante Toilette, ein eigener Hausdiener samt Kutsche mit Pferd ... Ein Dasein wie die Parodie eines leichtlebigen Operetten-Offiziers. Derart ungeniert verprasst er sein immenses Erbe, dass die Familie ihn kurzfristig sogar unter Vormundschaft stellt.

Ein ebenfalls blaublütiger Kumpan indes schwärmt: "Wer Foucauld nicht gesehen hat, lässig ausgestreckt auf seinem Kanapee im weißen, tressenverzierten Flanell-Pyjama, wie er eine raffinierte Gänseleberpastete mit Trüffeln verzehrt und Champagner dazu, der hat keine Ahnung, was ein Lebemann ist." Unter den Kellnern und leichten Damen des Montmartre hingegen kennt man den pomadigen Dickwanst unter dem Spottnamen "das Schweinchen". Er selbst wird später resümieren: "Zwölf Jahre lang lebte ich damals ohne jeden Glauben", in "schmerzlicher Leere und Langeweile", "stummer Verachtung" und "Traurigkeit".

Die radikale Wende kündigt sich gegen Mitte zwanzig an: Da erlebt Foucauld, inzwischen bei der Armee und in Algerien gegen eine vom vehement antikolonialen Geist der sufistischen Senussi-Bruderschaft befeuerte Guerilla kämpfend, erstmals die Wüste. Ihre grandiose Öde erweckt in ihm ungeahnte Erfahrungen von Transzendenz. In den Bann schlagen ihn aber auch seine Begegnungen mit den Arabern und Berbern. Fasziniert beobachtet er ihre Gebärden, wenn sie abends niederknien, die Stirn in den Sand drücken und gegen den grenzenlosen Horizont ihr Gebet verrichten. "La ilaha illallah." ("Es gibt keinen Gott außer Gott.")

Das Bild der Betenden unter dem gestirnten Wüstenhimmel, wird er später bekennen, "rief eine mächtige Umwälzung in mir hervor. Zu sehen, wie diese Menschen glauben und beständig in Gottes Nähe sind, ließ mich etwas ahnen, das größer und echter war als alles, was ich bisher gesehen hatte."

Am Ende wieder angeödet in der Kaserne, demissioniert er und unternimmt 1883 eine Studienreise nach Marokko. Über ein Jahr lang sammelt er, als russischer Jude getarnt, unterwegs durch das unerforschte, für Christen weitgehend verbotene Land, unter enormen Strapazen eine Fülle wertvoller wissenschaftlicher Erkenntnisse. Für seine 500-seitige Publikation hierüber wird er berühmt. Doch anstatt in den Akademien und Salons den Status des "Afrikahelden" auszukosten, intensiviert er - inzwischen des Arabischen kundig (und auf Fotos merklich schmäler und nachdenklicher) - seine spirituelle Suche.

Wechselvolle Jahre

Zurück in Paris, lebt er äußerlich auf "arabische Art", mutiert aber parallel zum regelmäßigen Kirchgänger. Im Herbst 1886, er ist 28 Jahre alt, erlebt er im Zuge einer Generalbeichte eine tiefgreifende Bekehrung. "Im selben Augenblick", schreibt er, "war mir klar, dass ich für nichts anderes mehr leben konnte als für Gott." Foucauld verschenkt seinen gesamten irdischen Besitz und sagt Angehörigen und Gefährten für immer adieu.

Es folgen wechselvolle Jahre: sieben, nach einer ersten Pilgerreise ins Heilige Land, in Syrien als Trappistenmönch; danach die Weihe zum Priester, theologische Studien in Rom, dazwischen, erneut in Palästina, ein eher sonderliches Dasein als Hausknecht in einem Nonnenkloster. Dort, in Nazareth, fühlt er auch endgültig die Berufung, fortan als "Vermittler und demütiger Bruder der Orientalen und Afrikaner" das arme Leben seines Heilands nachzuahmen - still, gehorsam, sehr einfach, arbeitend, betend, für andere verfügbar. Krasser könnte der Gegensatz zum Zeitgeist der Belle Époque nicht sein.

De Foucaulds Einsiedelei auf dem Assekrem-Plateau in Süd-Algerien. 
- © Albert Backer / CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) / via Wikimedia Commons

De Foucaulds Einsiedelei auf dem Assekrem-Plateau in Süd-Algerien.

- © Albert Backer / CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) / via Wikimedia Commons

Im Jahr 1900 geht er wieder in die algerische Sahara - zunächst, nahe der Grenze, nach Béni Abbès. Erklärtes Ziel: "... zu verhindern, dass unsere Soldaten dort, wo viele dem Fieber erliegen und kein Priester vorhanden ist, unversehen sterben". Aber auch und vor allem "... der so zahlreichen und vernachlässigten moslemischen Bevölkerung so viel wie möglich Gutes zu tun". 1904 lässt er sich zur Teilnahme an einer militärischen Erkundungstour in den tiefen Süden, das Land der Tuareg, animieren. Das Kalkül der Armee: Ein Geistlicher, barmherzig zu allen, mildert das Negativimage des Franzosen als brutalen Eroberer.

Foucauld geht zwar zeitbedingt mit Frankreichs Kolonialpolitik konform. Um den Völkern Afrikas zu Entfaltung, Wohlstand und höherer Moral zu verhelfen, gelte es, so auch seine Denkschablone, die "zeitraubende und undankbare Aufgabe" ihrer Zivilisierung auf sich zu nehmen. Auch versorgt er seine Landsleute regelmäßig mit militärischen Lageberichten. Freilich prangert er schonungslos Missstände an. Man müsse, schreibt er einem Seelenverwandten nach Paris, den Menschen daheim darlegen, was in den Kolonien wirklich geschieht. Denn statt christlicher Brüderlichkeit legten viele Franzosen Abneigung und Gewalttätigkeit an den Tag.

In Tamanrasset, dem Hauptort des Südens, baut er sich eine Einsiedelei, und 80 Kilometer nördlich, auf dem Bergplateau Assekrem, 2.700 Meter über dem Meer, eine zweite. Hier, im Hoggar-Gebirge, wird Foucauld kurz nach seiner Ankunft als Dolmetscher des Treffens Zeuge, wie man mit dem stolzen Oberhaupt der Ahaggar-Tuareg zunächst auf Augenhöhe ein Abkommen zur friedlichen Koexistenz trifft, um es Knall und Fall in eine militärische Unterwerfung zu verwandeln. Dennoch wird ihm der Stammesfürst zum Vertrauten und Gönner. Ihrer Freundschaft und Foucaulds Schlichtungskünsten verdankt sich, dass die Nomaden der Region sich von dem überall im Land lodernden Aufstand gegen die Europäer fernhalten. General Laperrine, Militärkommandant der "Territoires du Sud", wird ihn als "wesentlichen Agent der Befriedung der Touareg" bezeichnen.

Freund der Tuareg

Das letzte Foto von Charles de Foucauld zu Lebzeiten (ca. 1915). 
- © Public domain / via Wikimedia Commons / Urheber unbekannt

Das letzte Foto von Charles de Foucauld zu Lebzeiten (ca. 1915).

- © Public domain / via Wikimedia Commons / Urheber unbekannt

Rasch wachsen dem Priester die Einheimischen ans Herz. Er berät sie bei Garten- und Brunnenbau, betreut Kranke, sorgt für Impfungen und Medizin, schlichtet Streite, wirkt der Sklaverei und den häufigen Scheidungen entgegen.

So trachtet er, ihnen das Evangelium durch helfendes Handeln nahezubringen, versucht freilich nie, sie aktiv zu bekehren. Zugleich bringt er ihrer Kultur höchste Wertschätzung entgegen. Lernt die Tuareg-Sprache Tamascheq und die Schrift Tifinagh, verfasst ein 2.000-seitiges Wörterbuch, bis heute ein Standardwerk, und eine Grammatik, sammelt Gedichte, Lieder, Legenden. Kein Wunder, mögen auch sie ihn, verehren ihn als christlichen Marabut. Und retten ihrem "Heiligen" mehrmals, bei einer Hungersnot etwa, das Leben. Nur einmal versagt ihr Schutz: Am 1. Dezember 1916 wird Foucauld bei einem Angriff aufrührerischer Senussi im Tumult "versehentlich" erschossen.

Auf kurze Sicht mag sein äußerlich armseliges Leben im Verborgenen als totales Scheitern wirken. So hat sich sein sehnlichster Wunsch, Mitbrüder zu gewinnen, nicht erfüllt. Er selbst, der heute in der Oase El Meniaa beigesetzt liegt, stellte in seinem Todesjahr lakonisch fest, er könne keinen einzigen bekehrten Tuareg vorweisen. Und, als Indiz der Vereinsamung: "Wenn ich wenigstens fühlen könnte, dass Gott mich liebt. Aber er sagt es mir nie."

Doch sechs Jahre später erscheint in Frankreich seine Biografie und löst eine Dynamik aus, die in der Folge unter anderem die Arbeiterpriester-Bewegung und das Zweite Vatikanische Konzil inspirieren wird. 1933 gründen vier junge Priester im Sahara-Atlas in Anlehnung an die von Foucauld formulierten und vorgelebten Ordensregeln eine erste Bruderschaft, die späteren "Kleinen Brüder Jesu". Bald darauf entstehen die "Kleinen Schwestern".

Der beiden Credo: klein sein - und Mitmensch sein. Sie leben ohne Rangstufen und Besitz, suchen sich Arbeit und Lohn und verbinden sich in Freundschaft mit den Armen. Und zwar ungeachtet, ob diese Christen oder Muslime, "Heiden" oder Atheisten sind. Als Foucauld 2005 seliggesprochen wird, besteht die sich auf ihn berufende "Geistliche Familie" bereits aus zwanzig Gemeinschaften von Laien, Ordensleuten, Priestern und Säkularinstituten. Ihre 13.000 Mitglieder sind heute in 44 Ländern präsent.