"Schriftstellerin und Mutter." Das war meine Antwort, als mich Mira Lobe in der zweiten Klasse Volksschule fragte, was ich denn einmal werden wolle. Nachdem sich kein anderes Kind mit derselben Begeisterung und einem annähernd so großen Stapel Bücher zum Signieren auf die Autorin gestürzt hatte, erkannte sie mich wie das Mitglied einer Geheimsekte.

Geheimgesellschaft

Die Schriftstellerei hat sich für mich dann tatsächlich als Geheimgesellschaft entpuppt - eine, die mir leider den Zutritt verwehrte. Das Losungswort änderte sich ständig. Manch eine Lektorin zeigte sich ob des eingesandten Manuskripts an weiteren Kapiteln interessiert, wechselte dann aber das Genre, den Arbeitsplatz oder es wurde just gerade ein Roman zu einem ähnlichen Thema veröffentlicht. Meistens kamen meine eingeschickten Manuskripte nach Monaten wieder retour, die Absagebriefe waren unverbindlich freundlich, verwiesen auf "die Fülle der eingehenden Manuskripte, die es unmöglich macht..." Eh klar. Ist nicht persönlich gemeint, wenn es auch genau dort ankommt.

In meinen Anfängen wusste ich nichts von Literaturagenten und versuchte mein Glück im Alleingang. So, wie ich meine ersten Manuskripte mit der Hand verfasste, mit der Schreibmaschine abtippte und den dick gehefteten Stapel zur Post brachte. Ist ja auch schon ein Weilchen her.

Ein wenig zermürbt ließ ich mich schließlich ködern, als sich endlich doch einer interessiert zeigte. Das war zwar ein auf Musik spezialisierter Verlag, aber. Zwar dämpfte der "leider heutzutage unumgängliche" Druckkostenzuschuss meine Eitelkeit, aber. Was für Vorteile würde ich aus der Selbstvermarktung ziehen können!

Also gut, wozu hat man Ersparnisse, wenn nicht dazu, sich Träume zu erfüllen? Andere kauften sich ein Auto, ich mir eine Veröffentlichung. Es folgten Lesungen im Literaturhaus, im Amerlinghaus, in der Alten Schmiede, yeah!

Einmal das eigene Buch in der Auslage einer Buchhandlung sehen . . . 
- © APA / dpa / unbekannt

Einmal das eigene Buch in der Auslage einer Buchhandlung sehen . . .

- © APA / dpa / unbekannt

Mein heimlicher Traum - das Buch in der Auslage - oder, okay, auf einem Tisch - einer Buchhandlung wiederzufinden, blieb unerfüllt. Bald wurde das Büchlein (aus Kostengründen hatte man mir den Inhalt auf ein Drittel zusammengestutzt) nicht mehr aufgelegt, war nicht einmal mehr zu bestellen. Dumm gelaufen. Und ja, klar, freilich: Selber schuld. Die Eitelkeit ist ein Hund.

Irgendwann war mir klar, dass ich keine junge Neuentdeckung werden würde. Gut, dann eben eine ältere. Und wenn nicht? Inzwischen schaffe ich ein Achselzucken, denn ich habe erkannt, dass das Wichtige für mich sowieso nur das Schreiben ist. Eine Veröffentlichung wäre das tolle Extra. (Welches mir freilich weiteres Schreiben, vor allem unbeschwertes Schreiben, erlauben würde. Und natürlich würde es mir Anerkennung bringen. Und einen Platz in einer Buchhandlung.)

Worauf es wirklich ankommt, ist jedoch der Prozess selbst. Schreiben. Ich sehe ein Lächeln, beobachte einen Blick, eine Körperhaltung, einen Armschlenker, ich höre ein halbes Gespräch - und in mir beginnt es zu rattern. Warum lächelt sie so verhalten? Warum wirft er beim Gehen die Arme nach vorne? Warum verändert er in jedem Satz die Lautstärke? Wer ist dieser Mensch? Was treibt ihn? Was hat ihn so werden lassen? Was verbindet diese beiden, und was trennt sie?

In meinem Kopf entstehen Szenen und es formen sich Dialoge. Ein großartiges Gefühl ist das!

Die Genres finden sich von selbst und variieren. Eine Zeitlang veröffentlichte ich meine Kurzromane über Amazon im Kindle Verlag (unter anderem Namen). "Um was geht’s?", fragen die Leute gerne. Beim Antworten tue ich mir immer noch schwer und rette mich in Verneinungen. Ja, Unterhaltung, aber nein, nicht seicht. Ja, oft eine Liebesgeschichte, aber nein, keine Klischees. Ja, Spannung, aber nein, keine Explosionen oder dramatischen Wenden. Und weiter geht’s rechtfertigend: Ja, Amazon, aber hier kann ich mich entfalten. Und ja, mir fehlt die konstruktive Kritik eines Lektorats, aber dafür pfuscht mir keiner drein.

Worauf es wirklich ankommt, ist jedoch der Prozess selbst: Schreiben . . . 
- © WZ-Illustration

Worauf es wirklich ankommt, ist jedoch der Prozess selbst: Schreiben . . .

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Auch das gebe ich zu: Gelegentlich ist da ein unschönes Hintergrundrauschen. Vor allem, wenn Romane gehypt werden, die den meinen ähnlich sind und in denen ich dann Banalitäten lese, bei denen sich mir die Haare aufstellen. Schlechte Recherche. Wenn in Dialogen ständig "geschmunzelt" wird. Wenn die Haare allzu blond sind und das "Lächeln die Augen nicht erreicht". Platte, vorhersehbare Charaktere. Realitätsfremde Dialoge. Bei Romanen, die zu Beginn hinken und erst später in Schwung kommen, frage ich mich immer: Wie hat es die/der geschafft, das Lektorat zu passieren?

Wenn es mich zu arg zwickt, lasse ich das Schreiben für eine Weile sein, denn Verbitterung ist kein guter Motor. So eine will ich nicht sein.

Fakt ist: Der Verkauf meiner Romane über Amazon tröpfelt seit zehn Jahren stetig dahin (manchmal gab es sogar ein vorübergehendes Fließen), ich verkaufe fast täglich, und es trudeln ganz schön viele Rezensionen ein. Immer noch.

Diese zu 99 Prozent positiven Reaktionen sind wirklich ein großes Geschenk (auch wenn das eine Prozent die Macht hat, mich tagelang zu verunsichern). Da nimmt sich jemand die Zeit, ein Lob auszuformulieren. Wow. Danke.

Lebensnahe Themen

Was meinen Leserinnen und Lesern gefällt? Genau das, was das eine negative Prozent als "langweilig" bekrittelt: Dass es lebensnahe Themen sind, keine spektakulären Dramen. Dass die Dialoge realistisch sind, dass um Verstehen gerungen wird und dass Menschen manchmal auch aneinander vorbeireden. Mir geht es ums Alltägliche, um die Sprengkraft der kleinen Alltagsverletzungen. Manchmal gehen Geschichten "gut" aus, manchmal nicht. Leben halt. Meine Rezensentinnen und Rezensenten, die keine anerkannten Kritiker oder Verlagsmenschen sind, sagen, es trifft ihr Leben und bringt sie weiter.

Und doch habe ich seit rund fünf Jahren nicht mehr im Kindle Verlag veröffentlicht. Es ist eine Zeitfrage, und wenn ich zum Schreiben komme, arbeite ich gerade an zwei anderen Projekten. Da ist eine Sammlung von Kurzgeschichten, die stetig wächst, und da ist auch ein größerer, mehrteiliger Roman. Ja, ja, ich schiele immer noch auf die Buchhandlungs-Vitrine. Irgendwann!

Außerdem habe ich einen Job, bei dem sich auch alles ums Schreiben dreht. Und ...

Und: Schundheftln. Groschenromane. Trivialliteratur.

Angefangen hat es vor zehn Jahren mit einer Wette. Mein Freund Paul, ebenfalls immer schreibend, forderte mich heraus. "Probieren wir ein Schundheftl? Wer ist schneller?" Er schrieb einen Heimatroman, ich entschied mich für eine Adelsgeschichte. Der Kelter-Verlag griff bei mir sofort zu, ich durfte mir ein Pseudonym ausdenken und schrieb in drei Wochen meinen ersten Heftroman fertig.

Die Konsequenzen waren mehr als Spaß und eine gewonnene Wette. Ich stellte beeindruckt fest, wie viel Handwerk hinter so einem Stück "Trivialliteratur" steckt. Kreativität ist freilich eine Voraussetzung, aber genauso wichtig sind der exakte Aufbau von Struktur und Spannungskurve. Beim Heftroman sind viele Elemente strikt vorgegeben. Man könnte meinen, dass dies das Schreiben einfacher macht. Ist aber nicht so (zumindest am Anfang). Gedanken müssen klar ausgedrückt, Dialoge auf das Wesentliche beschränkt, Sätze kurz gehalten werden.

Gerade diese Vereinfachung in Handlung und Stil hat wohl zum schlechten Ruf der Heftromane beigetragen. Was in Filmen und Netflix-Serien kommentarlos als Unterhaltung geschluckt wird, wird von der Literatur verstoßen. Triviales ist verpönt.

Wie jede Form der Arroganz ist jedoch auch diese Überheblichkeit fehl am Platz.

"Junge schöne Frauen schnappen sich etwas ältere, attraktive und vor allem reiche Männer . . ." - © imago / Schöning
"Junge schöne Frauen schnappen sich etwas ältere, attraktive und vor allem reiche Männer . . ." - © imago / Schöning

Die Leserinnen und Leser von Romanheften sind einfach gestrickt, meist jenseits der 70 und unendlich treu. Es sind oft Menschen, die sich mit dem Lesen schwertun und deshalb auf die Lektüre mit dem absehbaren Happy End, den kurzen Sätzen zurückgreifen. Aus der Kultur-Blase sind sie längst herausgefallen. Aber das wissen sie gar nicht, weil sie in anderen Kategorien denken. Deshalb verstecken auch nur wenige von ihnen ihre Heftln hinter Buchrücken mit anspruchsvollen Titeln. Wenn ich eine von ihnen in der Straßenbahn sehe, freut mich das.

Kult-Serien

Anspruchslos sind die Leser von "Groschenromanen" aber bei weitem nicht. Viele Heftroman-Serien haben längst Kult-Status: "Perry Rhodan", "Jerry Cotton", "Lassiter", "Dr. Stefan Frank", "Der Bergdoktor".

Manche Serien erscheinen seit den 1970er Jahren - und das meist wöchentlich. Alle Genres werden bedient: vom Krimi über den Western zum Heimat- und Adelsroman. Es geht um Helden, um Liebe, um Schicksale.

Die - oft österreichischen - Autoren hinter dem jeweiligen Sammel-Pseudonym bekennen sich stolz zu ihrer Arbeit. (Unter anderem schreibt der Kabarettist Leo Lukas seit Jahren für die Science-Fiction-Serie Perry Rhodan.) Für die meisten von ihnen ist das Schreiben der Heftromane ein vergnügliches Nebengeschäft.

Wenn man einmal an Bord ist, folgt man einem eingespielten Ablauf. Man überlässt dem Verlag sein Produkt, und dieser darf damit anfangen, was er will. Da kann sich schon einmal der Titel ändern oder der Name einer handelnden Person. Verkauft werden die Hefte unter anderem in Supermärkten, vor allem in ländlichen Regionen. Natürlich in Krankenhäusern und Bahnhöfen, an Kiosken und im Zeitschriftenhandel. Ein Roman kostet um die zwei Euro.

Natürlich Happy-End

Zugegeben: Der Unterschied zwischen Schreiben und Lesen ist nirgends so groß wie bei Heftromanen. Fürs Einarbeiten in meine Romanfigur musste ich mich durch einige Hefte "durcharbeiten", und das war anstrengend, nicht nur, weil ich nebenbei auf Karteikärtchen sämtliche Infos über die Protagonisten und die Umgebung notierte. Die Geschichten interessieren mich halt nur schreibend. Und da gibt es durchaus Herausforderungen.

Was sich leicht liest, kann beim Verfassen nämlich ganz schön piesacken. Die meisten Vorgaben sind jedoch durchaus sinnvoll. So wird etwa empfohlen, den handelnden Personen möglichst unterscheidbare Namen zu geben. Es sollte also kein Martin vorkommen, der mit einer Manuela flirtet, während sein Rivale Markus mit der Widersacherin Marion ein böses Komplott schmiedet. Dass ein Tolstoi über solch banalen Entscheidungen stand, ist verständlich. Bei der sogenannten Unterhaltungsliteratur stolpere ich jedoch immer wieder über solch völlig unnötige Erschwernisse. Das sind elementare Hindernisse, die manche Personen vielleicht ganz vom Weiterlesen abhalten.

Kurze Sätze sind nun einmal verständlicher. Der Verzicht auf unnötige Attribute hat übrigens schon Hemingway zum modernen Autor gemacht.

Und natürlich gibt’s im Heftroman ein Happy-End. Allen Widrigkeiten zum Trotz fällt das Liebespaar einander auf den Seiten 70-72 in die Arme. Punktlandungen sind beim Schreiben von Heftromanen übrigens Voraussetzung: Die Zeichenanzahl ist (+/-) klar vorgegeben.

Zwei Jahre nach meinem ersten Adelsroman nützte ich die durch die Absage eines meiner Kunden gewonnene Zeit und verfasste einen weiteren Heftroman: Diesmal bewältigte ich das Manuskript in zwei Wochen.

Als ich ein paar Jahre darauf wieder eine Lücke hatte, versuchte ich mich bei "Romana". Immerhin liegen Taschenbücher dieser Serie sogar in meinem Bobo-Supermarkt neben der Kasse auf. Cora heißt der Verlag, gehört zum renommierten amerikanischen Harper-Collins-Unternehmen und fährt auf mehreren, ganz unterschiedlichen Schienen. Entsprechend der jüngeren Zielgruppe ist die Handlung der Romane in mondänen Gegenden der USA und Englands angesiedelt. Die Personen gehören zur Kaste der Schicki-Mickis und sind entsprechend hohl. Junge schöne Frauen schnappen sich etwas ältere, attraktive und vor allem reiche Männer.

"Hot & sexy"

Weil ich auch diese Herausforderung meistern wollte, wettete ich diesmal gegen mich selbst. Wenn schon, denn schon, verfasste ich einen Roman für die Reihe "Tiffany, Hot & Sexy". Eine herausragende Hamburger Lektorin, gebürtige Wienerin, nahm das Exposé an und unterstützte mich auch noch bei einem zweiten Roman dieser Serie.

Aber mit der Szenerie war ich dann doch sehr unglücklich. Das war mir zu viel reich, zu viel schön und zu wenig intelligent, um einen ehemaligen Finanzminister etwas kreativ zu interpretieren.

- © Bastei-Lübbe
© Bastei-Lübbe

Wenn schon Heftroman, dann wollte ich an einer Serie mit Kultcharakter mitarbeiten. Also wandte ich mich bei der Lockdown-bedingten beruflichen Flaute an den Bastei-Verlag in Köln. Ob ich Lust hätte, für den "Bergdoktor" zu schreiben?, wurde ich gefragt. Ja, hatte ich. Diese liebenswerte Figur, der medizinische Kapazunder aus dem Zillertal, ist eine Legende und Vorbild für die gleichnamige ZDF/ORF-Figur. Seit 1980 löst Doktor Burger medizinische Rätsel und verhilft Liebespaaren zu ihrem Glück.

Seit einem knappen halben Jahr schreibe ich nun also nebenbei für die Serie "Der Bergdoktor". Und so läuft das ab: Die Idee für den Plot kommt mir irgendwann beim Spazierengehen mit dem Hund. Ich recherchiere (mit großem Interesse) die medizinischen Details, verfasse ein Exposé von ein bis zwei Seiten und schicke dieses an den Verlag.

25 Stunden Arbeit

Die freundliche Rückmeldung kommt nach wenigen Stunden (!). Kleinigkeiten werden abgeklärt, dann wird mir "grünes Licht" erteilt. Einen Tag brauche ich, um die Kapitelstruktur zu erstellen. Dabei zerlege ich die Handlung in Einzelszenen und überschlage pro Kapitel die jeweilige Seitenanzahl.

Natürlich verschätze ich mich bisweilen um ein bis zwei Seiten, aber mit Landschaftsbeschreibungen und kleinen Anekdoten aus dem Doktorhaus kann ich wunderbar jonglieren. Ab Tag 3 geht’s ans Schreiben. Das mache ich am liebsten im Kaffeehaus und maximal zwei Stunden pro Tag. Ich bin schnell: In zwei bis drei Wochen bin ich fertig. (Ich hab es ausgerechnet: Es sind rund 25 Stunden von der Idee bis zur Abgabe.) Wenn es länger dauert, spielt das aber auch keine Rolle.

Einen Tag nehme ich mir zum Korrekturlesen, dann schicke ich den Roman an die Lektorin. Drei Tage später liegt der Vertrag im Postkastl, den ich unterschrieben zurückschicke. Kurz darauf ist das Geld auf dem Konto. - Und hier sind wir bei den Abstrichen, denn das Honorar ist wahrlich bescheiden.

Aber. Ich hab die Zeit, ich kann’s, und es macht Spaß!

Zum Beispiel in der kroatischen Bar. Vor mir das Meer, neben mir ein Campari Soda, hinter mir tönen alte Elvis-Hits, und auf dem Bar-Tisch steht mein Laptop. Oder in einem Café in Paris. Wer würde ahnen, dass hier ein neuer Bergdoktor-Roman entsteht? Die Reisekosten sind allemal drin.

Und ja, Mutter bin ich in diesem Leben auch geworden. Nicht nur Schriftstellerin.