"Die erste Aufführung schuf so dichte Atmosphäre, dass ich zum Schluss innerlich völlig aufgelöst war und nicht wusste, wo mein Gesicht verstecken. Die gefallenen Freunde standen auf, und die vergangenen Leiden; uns natürlich bewegte auch das Zusammensingen mit dem begnadeten Peter Pears."

Am 30. Mai 1962 waren in der neu errichteten Kathedrale von Coventry soeben die letzten Töne von Benjamin Brittens "War Requiem" verklungen. Der bewegende Moment nach dem Ende des vom Chor getragenen "Requiescant in Pace", den der Bariton Dietrich Fischer-Dieskau in seiner Autobiographie "Nachklang" beschreibt, ist auch fünf Jahrzehnte später noch nachvollziehbar.

Den Grundstein für diesen, mit Brittens Meisterwerk nunmehr eingeweihten und so auf alle Zeit verbundenen Bau hatte Queen Elizabeth II. am 23. März 1956 neben den Ruinen der mittelalterlichen Kathedrale St. Michael gelegt. Diese war bei dem verheerenden Angriff der Deutschen Luftwaffe auf Coventry in der Nacht vom 14. auf den 15. November 1940 nahezu vollständig zerstört worden; lediglich der Turm und ein Teil der Außenmauern blieben erhalten.

"Coventrierung"

Die Bombardierung der Industriestadt mit dem mittelalterlichen Stadtkern wurde mit derartiger Intensität vollzogen, dass die Nazis den Begriff der "Coventrierung" als verbales Leitmotiv für ihre kontinuierliche Zerstörungswut einsetzten, die nur wenige Jahre später auf sie selbst zurückfallen sollte. In dieser Nacht waren etwa 500 Tonnen Spreng- und mehr als 30.000 Brandbomben über der Stadt niedergegangen. Die britische Wochenschau berichtete nach dem Bombardement: "Die Stadt Coventry trauert um die Opfer der Luftangriffe, nahezu tausend Menschen nehmen am Trauergottesdienst teil."

Die Intention des Pazifisten Britten hinsichtlich der Solisten-Besetzung seines Requiems war vorrangig eine politisch-symbiotische. Durch eine russische Sopranistin, einen englischen Tenor und einen deutschen Bariton sollte eine musikalische Gemeinsamkeit einstiger wie gegenwärtiger Gegner evoziert werden. Den Tenorpart übernahm Brittens Lebenspartner Peter Pears, Brittens Wunschsopranistin sollte in der Person Galina Vishnevskajas die Sowjetunion repräsentieren. Ihre Mitwirkung an Brittens Friedensprojekt wurde jedoch vom Obersten Sowjet im letzten Moment untersagt. Daraufhin sprang eine Bekannte des Komponisten, die irische Sopranistin Heather Harper, die knapp davor die Helena in Brittens "A Midsummernight’s Dream" an Covent Garden gesungen hatte, kurzfristig ein, und so stand der Uraufführung des "War Requiem", das der Komponist als "eines meiner wichtigsten Werke" bezeichnete, nichts mehr im Weg.

Das vom obersten Sowjet an Frau Vishnevskaja erteilte Verbot hatte seine Ursache vor allem in der von Britten gewünschten Mitwirkung eines deutschen Baritons, der für die sowjetischen Machthaber paradigmatisch den ehemaligen Feind verkörperte. Dass Fischer-Dieskau von der Werk-Konzeption an Brittens Wunsch-Bariton sein sollte, belegt ein Brief vom 16. Februar 1961 an den Sänger: "Verehrter Herr Fischer-Dieskau, Bitte verzeihen Sie, dass ich einem so vielbeschäftigten Mann wie Ihnen schreibe - Sie können sicher sein, dass ich, wenn ich nicht so entschlossen wäre, Sie nicht belästigen würde. (...) Ich wurde gebeten, für dieses uns alle bewegende Ereignis ein Werk zu schreiben. (...) Peter Pears hat zugesagt, den Tenorpart zu singen, und mit großer Kühnheit möchte ich Sie fragen, ob Sie den Bariton übernehmen." Am Ende des Briefes sind Grüße von Pears beigefügt, der mit Fischer-Dieskau bereits einen Monat zuvor in London zu Aufnahmen der Bachschen "Matthäuspassion" unter Otto Klemperer zusammengetroffen war.

Der Bariton antwortet umgehend: Nach seinem Bekenntnis, ein Bewunderer Brittens zu sein, schreibt er: "Selbstverständlich wäre es eine große Ehre für mich, in der geplanten Aufführung des Werkes aufzuscheinen." Ob ihm dieser fragliche Zeitraum zur freien Verfügung stünde, könne er zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Britten möge bei seiner britischen Agentur nachfragen.

Leidvolle Hörner

Die Dramaturgie des Werkes ist so logisch wie bestechend: Den klassischen Text des "Requiem aeternam" sowie der mittelalterlichen "Dies Irae"-Sequenz des Thomas von Celano, die bereits Michael Haydn, Mozart und Verdi als Vorlage gedient hatten, teilt Britten dem Solo-Sopran sowie dem Chor zu. Tenor und Bariton wiederum haben ausschließlich Texte des englischen Dichters Wilfred Owen zu singen, der zehn Tage vor Beendigung des Ersten Weltkriegs in der Schlacht an der Sambre gefallen war.

Dessen Wortbilder treten mittels der beiden "Soldaten" in einen kommentierenden Kontrast zu dem lateinischen Text. So lässt Britten etwa das "Dies Irae" mit einem Hornsignal beginnen, das seinerseits von Trompete und Posaune weitergeführt wird. Die darauffolgende, vom Chor getragene Donnersequenz über den Zorn Gottes leitet er über in Owens Worte von Hörnern, welche die Abendluft in Trauer versetzten.

Ihnen antworteten weitere Hörner, die leidvoll anzuhören waren: "Bugles sang, saddening the evening air; And bugles answered, sorrowful to hear." Dass Britten das "Dies Irae" mit dem Horn beginnen lässt, verdichtet die Beziehung zwischen dem englischen und dem lateinischen Text, zumal in der Celano-Sequenz auch die "tuba", die himmlische Trompete, Erwähnung findet.

Da von der Uraufführung ein Audio-Mitschnitt angefertigt wurde, kann Fischer-Dieskaus erstmalige und einmalige Interpretation dieser Stelle nachgehört werden. Während in jüngerer Zeit sich Bariton-Solisten oftmals in perfektem Belcanto-Gesang gefallen, legt Fischer-Dieskau eine Fahlheit in diese Stelle, die den Duktus der Owenschen Hörner auf eine höhere Ebene zu heben vermag.

Es ist wohl nicht nur als Schmeichelei anzusehen, wenn Britten in einem Brief an den Sänger, geschrieben eineinhalb Monate nach dem Ereignis, beim Hören des erwähnten Mitschnitts den "wundervollen Gesang" hervorhebt - "hearing your wonderful singing on a recording of that rather wild performance" - und seine eigene Betroffenheit speziell heraushebt: "I was again deeply attached by your great art." Denn Fischer-Dieskau habe die Intention des Werks verstanden - "... by your complete understanding of what I was trying to say in that work."

Für die im Jänner des folgenden Jahres entstandene Studio-Einspielung erlangte Galina Vishnevskaja die Gnade des Obersten Sowjets und so die Erlaubnis zur Mitwirkung am Projekt. Den Ausschlag dafür dürfte ein Brief Brittens an die sowjetische Kulturministerin Ekaterina Furtseva gegeben haben, worin er bekennt, das "War Requiem" "with Galina Vishnevskaja in mind" geschrieben zu haben.

"Ben" und "Dieter"

Diese Studio-Einspielung mit ansonsten identischer Besetzung zeigt einen wesentlich "konzertanter" agierenden Fischer-Dieskau, dem die Bögen zwar außerordentlich klangvoll geraten, der aber dafür die Gebrochenheit der Uraufführung, von welcher der Komponist in seinem Brief an den Sänger so beeindruckt gewesen war, nicht im selben Maß erreicht.

Die Zusammenarbeit zwischen Britten und Fischer-Dieskau erfuhr bereits nach der Uraufführung, noch vor der Studio-Aufnahme des "War Requiem", weitere Intensivierung. Der Sänger sandte Aufnahmen seines Ensembles, welchem auch seine Gattin, die Cellistin Irmgard Poppen, angehörte, nach Aldeburgh. Brittens Plan, speziell für dieses Ensemble zu komponieren, wurde durchkreuzt, da "Irmel" im folgenden Jahr an der Geburt ihres dritten Sohnes Manuel verstarb. "Ben" hielt jedoch sein Versprechen: Er schrieb für seinen Freund - "My dear Dieter" - einen Liederzyklus nach Gedichten und Aphorismen des englischen Romantikers William Blake. Diese als op. 74 veröffentlichten "Songs and Proverbs of William Blake" wurden von Fischer-Dieskau und Britten gemeinsam beim Aldeburgh-Festival 1965 zur Uraufführung gebracht.

Bei der Zusammenarbeit der beiden Herren traten auch Werke anderer Komponisten in den Fokus. So wurde beim Aldeburgh-Festival 1972 Robert Schumanns "Szenen aus Goethes Faust" aufgeführt, die im folgenden September in Snape Maltings, der ehemaligen Mälzerei und 1967 eingeweihten Konzerthalle, aufgenommen wurden. "Dear Dieter" gab den Faust dort zum ersten Mal. In seiner literarischen "Fährtensuche" "Zeit eines Lebens" schreibt der Sänger: "Dank Benjamin Brittens Initiative fanden die Schumannschen Schöpfungen wieder Eingang ins Repertoire und verhalfen mir zu häufigen Interpretationserlebnissen." Im Jahr darauf nahm Fischer-Dieskau diese Rolle unter Pierre Boulez auf Schallplatte auf, weitere acht Jahre später unter Bernhard Klee.

Ein von "Dieter" erbetener "King Lear" kam nicht zustande. Aus gesundheitlichen Gründen musste der Komponist, der sich in den 60er Jahren mit dem Gedanken beschäftigt hatte, diesen Stoff, vor dem Giuseppe Verdi kapituliert hatte, zu vertonen, ebenfalls davon Abstand nehmen. Schließlich sollte der deutsche Komponist Aribert Reimann nach Brittens Tod, ebenfalls auf Anregung Fischer-Dieskaus, diesen Stoff musikalisch umsetzen.

"Wolke der Depression"

"Ben" und "Dieter" waren für die Einweihung der Kathedrale von Coventry zusammengekommen. Sie sollten beim Aldeburgh-Festival 1972 zum letzten Mal gemeinsam auftreten. Abgesehen vom Schumann-Faust gaben die beiden Herren am 8. Juni einen Liederabend, an welchem der Blake-Zyklus sowie zehn Lieder Franz Schuberts geboten wurden.

Fischer-Dieskau merkt dazu an: "Mehrfach gastierte ich in Aldeburgh und fühlte mich in der Gesellschaft von Benjamin Britten und Peter Pears wohl, auch wenn bei Britten schon eine gewisse Erschöpfung und pianistisches Nachlassen infolge seines Herzleidens spürbar war. Nach ersten Planungen für einen gemeinsamen Liederabend fuhr ich in einer ‚Wolke der Depression‘ ab, weil sich herausgestellt hatte, dass wohl kein vollständiges gemeinsames Programm inklusive zweier Schubert-Gruppen zustande kommen würde..."

Doch schließlich gab Britten dem Drängen des Freundes nach - ein Mitschnitt der Schubert-Lieder zeigt, trotz kleiner pianistischer Ungenauigkeiten, dass diese Entscheidung richtig gewesen war. Seinen letzten Liederabend im Rahmen der Schubertiade Schwarzenberg/Feldkirch am 20. Juni 1992 widmete Dietrich Fischer-Dieskau ausschließlich dem Liedschaffen Franz Schuberts. Dass in diesem Programm drei Lieder aus dem seinerzeitigen Aldeburgh-Liederabend erklangen - "Der Strom", "Der Wanderer", "Fischerweise" -, mag beim Schubert’schen Oeuvre von über 600 Liedern vielleicht doch nicht ganz dem Zufall geschuldet sein.