Emile Zuckerkandl entstammt einer der bekanntesten jüdischen Familien Wiens. Seine Großmutter Berta Zuckerkandl-Szeps ging als legendäre Journalistin und Salonière in die Geschichte ein. Ihr Sohn Fritz, Emiles Vater, war Biochemiker und Philosoph. Seine Mutter Gertrude - Tochter des Psychoanalytikers Wilhelm Stekel - war Malerin.

"Großmama Berta ist die fabelhafteste Frau, die ich kenne." So beschreibt der 14-jährige Emile seine Großmutter in einem seiner Tagebücher. Diese sind von 1931 bis 1945/46 vollständig erhalten und geben einen Einblick in die Bildungsgeschichte eines Kindes aus großbürgerlich-jüdischer Familie im Wien der 1930er Jahre. Die Familie lebte zunächst bei Fritz’ Mutter Berta Zuckerkandl in der Oppolzergasse Nr. 6 in der Wiener Innenstadt. 1929 bezog sie eine Villa auf dem Gelände des Sanatoriums "Westend" in Purkersdorf.

Emile erlebte eine sehr schöne Kindheit, die er in seinen Tagebüchern festhielt. Er berichtet über Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke, über Auslandsreisen, Ausflüge, festliche Anlässe, Krankheiten und über Ereignisse aus dem Kultur- und Zeitgeschehen. Es gab ein eigenes Familienauto - den sogenannten "Sanatoriums Wagen" - und viele Opern-, Theater- und Kinobesuche, vor allem im Lichtspieltheater der Gemeinde Purkersdorf.

Beim Lesen von Emiles Aufzeichnungen aus seinen Jugendjahren erkennt man, wie reif, verantwortungsbewusst, bescheiden, gewissenhaft und respektvoll er gegenüber seinen Mitmenschen war. Wie ein roter Faden ziehen sich seine positiven Charaktereigenschaften bis ins hohe Alter durch sein Leben.

Zuneigung und Achtung

Für Emile nimmt seine "Großmama" eine zentrale Rolle in seinen Tagebüchern und so auch in seinem Leben ein. Er liebt, bewundert und respektiert sie sehr. Und Berta ist stolz auf ihren "Bubi". Blättert man in der Sammlung von Emiles Kleinkinder- und Jugendfotos, so ist man fasziniert von dem aufgeweckten, klugen Bürschchen. Aber auch die Fotos des Heranwachsenden mit seiner Großmutter dokumentieren die gegenseitige Zuneigung und Achtung. Berta besucht mit ihrem Enkel die Wiener Staatsoper, das Burgtheater, Konzerte und andere kulturelle Veranstaltungen. Sie weckt durch ihre Kontakte in die Welt der Kunst und Literatur auch die Sammelleidenschaft ihres Enkels.

Neben Größen des damaligen kulturellen Lebens wie Max Reinhardt, Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal oder Gustav Klimt ist auch der heranwachsende Emile regelmäßiger, vermutlich jüngster Gast in Berta Zuckerkandls Salon in der Oppolzergasse 6. Bei einem Empfang, den Berta Zuckerkandl zu Ehren des französischen Politikers und Mathematikers Paul Painlevé im Oktober 1932 gab, kam Emile auf die Idee, eine Sammlung von Autogrammen der Gäste anzulegen. Painlevé hinterließ, wie viele andere, seine Unterschrift in einem der drei überlieferten Autografenbücher. Als begeisterter Konzertbesucher, der selbst Klavier spielte und komponierte, freute sich Emile zu Weihnachten 1935 besonders über ein Autogramm Arturo Toscaninis. Emiles Tagebücher enthalten nicht nur Autogrammkarten, Papiere, Fotografien und Korrespondenzen, sondern beschreiben auch die Leistungen seiner Großmutter als Übersetzerin.

Emile Zuckerkandl mit seiner Großmutter Berta. 
- © ÖNB Wien: LIT 424/L19

Emile Zuckerkandl mit seiner Großmutter Berta.

- © ÖNB Wien: LIT 424/L19

Emile war neun Jahre alt, als seine Jugendzeit von der politischen Entwicklung, insbesondere dem wachsenden Antisemitismus, überschattet wurde. Er spürte die Gefahr eines sozialen Abstiegs seiner Familie. Bereits im Juli 1934, als Zwölfjähriger, schreibt er verwundert über die Vielzahl und den Wert der Geschenke, die er zu seinem zwölften Geburtstag im Jahr 1934 bekommen hat. Denn in der Tat wurde es für die Familie Zuckerkandl zunehmend schwieriger, den gehobenen Lebensstil aufrechtzuerhalten. In Emiles Tagebüchern schlägt sich dies in Notizen über Geldsorgen oder in Klagen über die "Purkersdorfer Verhältnisse" nieder.

Den Sommer 1936 verbrachte Emile in Salzburg und dokumentierte interessiert und kunstsinnig im Band V seiner Tagebücher das "herrliche Salzburg" mit vielen Ansichtskarten und einer Panoramakarte. In diesem Sommer äußert sich der 14-Jährige erstmals zum politischen Klima: "... Es genügt, daß ich sage, daß ich Jude bin. Und das ist ein schweres Schicksal. Was soll in einer Zeit des ausgearteten Nationalismus und Antisemitismus, in einer Zeit des Sieges der faschistischen Diktatur, in einer Zeit der Mißachtung jedes edlen Sinnes, jeder wahren Kunst, jeder geistigen Arbeit, [...] was soll in einer solchen Zeit aus uns werden?"

Auch der Bürgerkrieg in Spanien beunruhigte ihn: "Dort töten sich die Menschen gegenseitig mit Vergnügen und kämpfen um ihre fanatischen Anschauungen, auf die sie sich selbst sehr viel einbilden. Die Masse ist eben immer blöd."Und bereits 1936 wird dem Heranwachsenden klar: "Das Leben ist ein Kampf. Aber ich finde es ist viel unnötiger Kampf dabei; Ich meine den Krieg. Vielleicht werden die Menschen später so gescheit sein, keinen Krieg mehr zu machen . . ."

Der Weg ins Exil

Der März 1938 ist im Leben der Familie Zuckerkandl ein Wendepunkt. Auch in Emiles Tagebuch spiegelt sich diese Zäsur wider, und zwar in Form einer Lücke. Als die SA in der Purkersdorfer Villa eine Hausdurchsuchung durchführte, bat Gertrude Zuckerkandl ihren Sohn, jene Seiten aus seinem Tagebuch zu verbrennen, auf denen er über die Zeit des sogenannten "Anschlusses" geschrieben hatte. Gemeinsam mit seiner Großmutter floh Emile Zuckerkandl am Ende des Monats mit zwei kleinen Koffern aus Österreich nach Frankreich.

Im Frühjahr 1940, als die deutsche West-Offensive begann, war die Familie Zuckerkandl relativ zerstreut. Berta und Schwiegertochter Gertrude hielten sich in Paris auf. Sohn Fritz, ab 1938 französischer Staatsbürger, war als Soldat in Bourges stationiert, Emile befand sich in Südfrankreich, in der Vendée. Es gelang Gertrude Zuckerkandl, mit Sohn Emile von Bayonne nach Lissabon auf einem Bananendampfer auszureisen. Die Flucht endete in Marokko, wo der sprachgewandte Emile in Casablanca seine Matura mit Auszeichnung bestand, wie ein begeistertes Telegramm an seine Großmutter beweist. "Et c’est incroyable, incroyable ..."

Berta kam zunächst nach Bourges, wo sich die Kompanie, der ihr Sohn angehörte, gerade in Auflösung befand. Mutter und Sohn gelang die Flucht nur getrennt - doch schließlich schafften es alle vier, also auch Emile und seine Mutter, nach Nordafrika. In Algier waren sie wieder vereint. Dort erfüllt Berta die dringende Bitte ihres geliebten Enkels und verfasst für ihn einen Bericht über ihre Flucht. Sie verwendet zwei Notizhefte und Emilie klebt sie in sein großformatiges Marokko-Tagebuch ein, das am 23. Juli 1940 in Casablanca seinen Anfang nimmt.

Wissenschaftskarriere

Schwer erschöpft von den Strapazen der Flucht, aber dennoch arbeitsfreudig, nahm die 76-jährige Berta Zuckerkandl in Algier ihre journalistische Tätigkeit wieder auf und arbeitete an ihrem Erinnerungsband über den vormaligen französischen Präsidenten. 1944 erschien der Band in Algier. Nebenbei diktierte Berta Emile, auf sein Drängen hin, ihre Lebenserinnerungen, die 25 Jahre später in gekürzter Fassung unter dem Titel "Österreich intim. Erinnerungen 1892 bis 1942" erschienen.

1944 landeten die Alliierten in Nordafrika. Emile und seine Mutter fanden Arbeit im Dienst der amerikanischen Besatzungstruppen - sie als Porträtistin, er als Pianist. Berta Zuckerkandl starb 1945 im Alter von 81 Jahren in Paris. Fritz und Gertrude Zuckerkandl gerieten nach 1945 in finanzielle Bedrängnis. Bertas Wiener Wohnung war geplündert worden, das Sanatorium und die Villa in Purkersdorf waren für immer verloren. Die von Josef Hoffmann und Kolo Moser entworfenen Möbel waren in den Wirren der letzten Kriegstage 1945 geraubt worden. Emile hatte daher kaum Unterstützung von seiner Familie zu erwarten. Doch sein Kapital waren die gute Erziehung, sein Wissensdrang, seine Sprachgewandtheit und hervorragende Bildung. Der junge Mann fiel somit auf. Emile bekam nach dem Krieg, durch die Vermittlung Albert Einsteins, ein Stipendium und konnte 1947 in den USA, im Alter von 25 Jahren, das Studium der Physiologie an der Universität Illinois abschließen. Sein Doktorat in Biologie erwarb er an der Sorbonne.

1950 heiratete Emile. Seine Frau Jane war ebenfalls als Wissenschafterin tätig. Beide arbeiteten im französischen Meereslabor Roscoff in der Bretagne. Zu dieser Zeit war der amerikanische Chemiker Linus Pauling (1901-1994) gerade in Paris und ein Treffen mit Emil kam zustande. 1959 ging Emile nach Pasadena in Kalifornien an das sogenannte Caltech (California Institute of Technology). Eine private Spitzenuniversität, auf der er 1962, gemeinsam mit dem zweifachen Nobelpreisträger Linus Pauling, beim Studium des Hämoglobins das Konzept der "Molekularen Uhr" entwickelte.

Ein Mann leiser Töne

Mitte der 1960er Jahre wechselte Emile Zuckerkandl an das Centre National de la Recherche Scientifique in Montpellier, wo er ein Forschungszentrum für Molekularbiologie gründete und leitete. Unterstützt wurde er von seiner Ehefrau. 1971 gründete er die Zeitschrift "Journal of Molecular Evolution". 1977 kehrte der damals 55-Jährige nach Kalifornien zurück und war bis 1992 Präsident des Linus Pauling Institute.

Emile Zuckerkandl war ein Mann der leisen Töne, nie nachtragend, stets respektvoll seinen Kollegen gegenüber. Mit feiner Selbstironie und Bescheidenheit beschrieb er am 11. Juli 1996 in einem Interview mit Professor Gregory Morgan seine Zusammenarbeit mit Linus Pauling und anderen Wissenschaftern. Dieses Interview ist sehr aufschlussreich, insbesondere für Biochemiker. Es zeigt aber auch Höhen und Tiefen der beiden Wissenschafter Pauling und Zuckerkandl, die von Neidern umgeben waren. Emile wurde mitunter übergangen oder bei Vorträgen nach hinten gereiht. "Molekulare Evolution" wurde als "dumme Sache bezeichnet (...) Die Menschen waren einfach noch nicht reif für die molekulare Evolution", bemerkte er gegenüber seinem Interviewer Professor Morgan.

Zuletzt lebte Emile Zuckerkandl mit seiner Frau Jane in Palo Alto, wo er am 9. November 2013 verstarb. In seiner seit Jahrzehnten leer stehenden Wohnung in Montpellier wurden, nach Hinweisen der Provenienz-Forscherin Ruth Pleyer, weitere wertvolle Materialien zu Berta Zuckerkandl entdeckt. Diese konnten im Jahr 2016 von der Österreichischen Nationalbibliothek erworben werden.