Eine Reise in das iranisch-pakistanische Grenzgebiet ist für Iraner des Nordens wie eine Fahrt in ein anderes Land. Die Bewohner der Teilprovinzen Sistan und Belutschistan führen ein weitgehend unsichtbares Leben in der öffentlichen Wahrnehmung der iranischen Gesellschaft, die außerhalb dieser Provinz lebt. Journalisten und westliche Ausländer durften lange Zeit nicht in diese Grenzregion reisen. Die Bewegungsfreiheit war eingeschränkt und es gab massive Sicherheits- und Personenkontrollen, wiederholt wurden ausländische Staatsangehörige in der Region festgehalten und längeren Verhören unterzogen.

Aber warum werden diese Provinz und seine Bevölkerung bis heute von der iranischen Mehrheitsgesellschaft ignoriert?

Zum einen sind die iranischen Medien staatlich kontrolliert, inhaltlich zensuriert und schiitisch ausgerichtet. Zum anderen lebt die schiitische Mehrheit im Iran zu 90 Prozent im Norden, im Westen, im Osten und in der Mitte des Landes, aber nicht im Süden. Im Südosten, genauer gesagt in der Provinz Sistan und Belutschistan, leben hingegen Sunniten als religiöse Minderheit. Die einheimischen Belutschen werden gleich auf zweifache Weise systematisch benachteiligt: Auf der einen Seite gelten sie als ethnische Gruppe mit einer eigenständigen Sprachkultur, und auf der anderen Seite bilden sie als Sunniten eine religiöse Minderheit in einem Land, in dem Herrschaft und Macht schiitisch begründet sind.

Schiiten & Sunniten

Das Narrativ von der Spaltung zwischen Schiiten und Sunniten prägt das religiöse Selbstverständnis des Iran: Nach dem Tod des Religionsgründers Mohammed im Jahr 632 beherrschte ein Streitthema die Debatten der religiösen Eliten: Wer sollte Nachfolger des Propheten werden? Die Schiiten forderten nach dem Tode Mohammeds, dass nur ein Verwandter des Propheten sein Nachfolger sein dürfe, nämlich sein Schwiegersohn Ali Ibn Abi Talib. Dieser wurde 656 tatsächlich zum Kalifen gewählt. Die Sunniten hingegen wählten den Schwiegervater Mohammeds, Abu Bakr, zum ersten geistigen Führer der islamischen Gemeinde und ernannten ihn zum Kalifen.

Wüste bei Tang, mit einem lokalen Guide. 
- © Ramón Reichert

Wüste bei Tang, mit einem lokalen Guide.

- © Ramón Reichert

Dieser religiöse Nachfolgestreit aus dem 7. Jahrhundert hat sich bis heute als wirksamer Vorwand für die Benachteiligung sozialer Gruppen im schiitisch geprägten Iran erhalten - und diese soziale Diskriminierung ist innenpolitisch manifest geworden. Daher habe ich mich entschieden, durch Belutschistan zu reisen, um die sozialen und politischen Auswirkungen dieses Feindbilds, die bis in das 7. Jahrhundert reichen und bis heute von den iranischen Staatsmedien belebt werden, vor Ort zu erkunden.

In Teheran, wo ich am Airport Mehrabad das Flugzeug nach Chabahar besteige, blühen Ende April noch die Kirschbäume und auf den umliegenden Bergen gibt es noch zahlreiche Schneefelder. Zwei Stunden lang fliegen wir bei wolkenlosem Himmel über die große Salzwüste Dasht-e Kavir und kleinere Steinwüsten und landen an der Westküste der Bucht von Chabahar. Es herrscht tropisches Klima, Sandstürme wechseln mit wolkenlosem Himmel.

Chabahar liegt bereits an den Ausläufern des Indischen Ozeans und ist nur etwas mehr als 50 Kilometer von der iranisch-pakistanischen Küstengrenze entfernt. Wie in der nahe gelegenen pakistanischen Provinz Belutschistan sind die Einwohner der Stadt überwiegend ethnische Belutschen, welche die Belutschi-Sprache sprechen.

Die Stadt- und Siedlungsgeschichte der Region um Chabahar ist militärstrategisch und kolonialgeschichtlich geprägt. Mit einer Flotte vom Persischen Golf kommend, war Portugal unter Admiral Afonso de Albuquerque das erste Kolonialreich, das die Kontrolle über die Region um Chabahar erlangte. Die Portugiesen blieben bis Anfang des 17. Jahrhunderts. Fünf Kilometer nördlich von Chabahar sind Überreste der portugiesischen Burg Tis zu besichtigen. Die Burg wurde während der Seldschuken-Dynastie aus Backstein, Stein und Gips gebaut. Stilgeschichtlich verweist seine Architektur auf die Bauweise der Safawiden und der Qajar. Auf den gemauerten Minaretten der Burg befinden sich einige Inschriften in kufischer und arabischer Schrift.

1839 erlangten die Briten die Kontrolle über einen Teil der Belutsch-Region im heutigen Pakistan, indem sie die Streitkräfte von Mehrab Khan Baluch, dem damaligen Herrscher des Belutsch-Staates, besiegten. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts teilten das britische und das persische Reich Belutschistan in Einflusssphären auf. 1928 wurde West-Belutschistan von Reza Shah Pahlavi gewaltsam annektiert und bildet bis heute die iranische Provinz Sistan und Belutschistan. In zahlreichen Gesprächen haben mir Belutschen erzählt, dass sie sich im Iran nicht aufgehoben fühlen und dass ihre Provinz mit der Teilung des indischen Subkontinents in Indien und Pakistan am Ende der britischen Herrschaft 1947 zwangsweise in den neuen Staat Pakistan eingegliedert worden sei.

Perser & Nicht-Perser

Zahlreiche Studien haben bereits vor der Islamischen Revolution 1979 auf die sozioökonomische Ungleichheit zwischen persischen und nicht-persischen Gemeinschaften hingewiesen. Die politische Zentralisierung, die Vorherrschaft der persischen Sprache und Kultur und ein städtisch geprägtes Wirtschaftswachstum der frühen Industrialisierung trugen viel zur Entwicklung der innerethnischen Ungleichheit in der frühen Phase der iranischen Modernisierung bei. Die neuen theokratischen Herrscher des Iran verstärkten Pahlavis Politik gegenüber den Belutschen, indem sie die sunnitischen Belutschen als Bedrohung für ihre schiitische Revolution ansahen.

Das moderne Chabahar entsteht als Folge der gesellschaftlichen Modernisierung unter der Herrschaft von Mohammad Reza Pahlavi, als um das Jahr 1970 große Hafenprojekte begonnen wurden. Militär- und Marineeinheiten haben mit Unterstützung westlicher Ingenieur-, Bau- und Logistikunternehmen wie Brown & Root einen Marine- und Luftwaffenstützpunkt errichtet, um den Iran als dominierende Macht im Indischen Ozean abzusichern. In der Folge haben sich, zur Versorgung der Armeeangehörigen, Händler und ihre Familien angesiedelt. Heute sind diese Stützpunkte verlassen. Die Region hat eine wichtige Einnahmequelle verloren.

Im iranisch-pakistanischen Grenzgebiet. 
- © Ramón Reichert

Im iranisch-pakistanischen Grenzgebiet.

- © Ramón Reichert

Der Name Chabahar geht aus dem Belutschi-Dialekt hervor: chahar bedeutet "vier" und bahar bedeutet "Frühling" und bezeichnet einen Ort, an dem alle vier Jahreszeiten dem Frühling ähneln. Sein Hafen hat eine große logistische Bedeutung, da er für die Binnenländer Zentralasiens - Afghanistan, Usbekistan, Turkmenistan, Tadschikistan, Kirgisistan und Kasachstan - das Tor zu internationalen Gewässern darstellt.

Zusätzlich besteht in Chabahar eine Freihandelszone, die Aserbaidschan und Nordeuropa mit Afghanistan und Indien verbindet. Diese Verbindung ist wesentlich kürzer als der Seeweg durch den Suezkanal und durch die Straße von Gibraltar. Chabahar ist Irans einziger Überseehafen. Indien, das eng mit dem Iran kooperiert, hat seit 2016 500 Millionen US-Dollar in den Ausbau des Hafens investiert: Chabahar soll zum größten Containerhafen der Region werden und den gefährlichen Landweg nach Pakistan ersetzen.

Der Warenverkehr über das Meer ist für die iranische Ökonomie von existenzieller Bedeutung: 85 Prozent des iranischen Außenhandels werden über den Seeweg abgewickelt. Trotz der enormen Wichtigkeit des internationalen Seehandels für die Region fließt das Geld nicht dorthin, wo man es dringend benötigt: in die Lebensmittelsicherheit und die Bekämpfung der Unterernährung, in den Wohnungsbau und die Bewältigung der Obdachlosigkeit, in den Ausbau von Trinkwasseranlagen und die Versorgung mit sauberem Trinkwasser, in den Bildungssektor und die Errichtung von Schulen und Ausbildungsstätten.

In Konarak an der Küste. 
- © Ramón Reichert

In Konarak an der Küste.

- © Ramón Reichert

In den meisten der 5.000 Dörfer der Provinz Sistan und Belutschistan gibt es unzureichende Kommunikationsmittel - man schätzt, dass über 90 Prozent der ländlichen Bevölkerung keine Telefonverbindung und keinen Zugang zum Internet haben, was die Kommunikation in Notfällen unmöglich macht.

Sistan und Belutschistan ist eine der ärmsten und am stärksten benachteiligten Provinzen im Iran. Laut Amnesty International und Human Rights Watch haben die beiden Gebiete die schlechtesten Indikatoren des Iran für Lebenserwartung, Alphabetisierung von Erwachsenen, Einschulung in die Grundschule, Zugang zu verbesserter Wasserversorgung und sanitären Einrichtungen. Die Provinz hat das niedrigste Pro-Kopf-Einkommen im Iran, wobei Schätzungen zufolge fast 80 Prozent der Belutschen unterhalb der Armutsgrenze leben.

Auf der Reise durch die Dörfer zum angrenzenden Pakistan zeigt sich, dass Belutschistan als ein Spiegel der iranischen Gesellschaftsverhältnisse gesehen werden kann: Die vom Zentralstaat forcierte Diskriminierung der mehrheitlich sunnitischen Belutschen führt zwangsweise zu einer sozial legitimierten Kriminalität, die selbst eine unmittelbare Folge von sozialem Ausschluss und Gewalterfahrung ist.

Identität & Kontrolle

An den geopolitischen Rändern des Iran zeigt sich die vielfältige und zerbrechliche Seite kollektiver Identität, die zentral und von oben nach unten verordnet wird. Die Staatsreligion des Iran ist der schiitische Islam und die Mehrheit seiner Bevölkerung ist ethnisch persisch. Doch der Iran ist ein multiethnisches Land: Hier leben Minderheiten unterschiedlicher ethnischer, religiöser und sprachlicher Herkunft. Nur knapp 50 Prozent der 85 Millionen im Iran lebenden Menschen sind ethnische Perser oder persischsprachige Kulturen wie jene der Bachtiaren oder der Hazara. Die andere Hälfte besteht aus Aserbaidschanern, Armeniern, Kurden, Araber, Belutschen, Lords, Azeri, Turkmenen, Quashqai und vielen anderen mehr, die Dialekte oder andere Sprachen sprechen.

Die Reise durch Belutschistan wirkte für mich wie eine Fahrt in ein ungeliebtes Land. Doch Belutschistan ist auch ein weites Land, in dem sich soziale Kontrolle in der Unendlichkeit der Wüsten verlieren kann; endlose Straßen, die sich im Horizont verlieren, ein weitgehend menschenleeres Gebiet, in dem religiöse Unterdrückung und soziale Ausgrenzung ungreifbar weit entfernt scheint.