"In Breslau muss man immer nach oben schauen", sagt Luisa und weist auf die abwechslungsreiche Dachlandschaft der Giebel und Spitzdächer, die sich in luftiger Höhe rund um den Rynek zieht. "Ring" hieß der riesige, fast quadratische Platz im Zentrum des heutigen Wroclaw in deutscher Zeit ganz schlicht, und tatsächlich umschließen die vier Seiten des Rynek als breite Gassen den Gebäudekern im Inneren wie ein viereckiger Ring.

"Schau, da oben sieht man den goldenen Becher", sagt die junge Medizinstudentin mit Blick auf ein kleines goldenes Gefäß, das hoch oben auf einer Dachkante zu sehen ist. Nach ihm ist die südliche Gasse des Ringes benannt, die Goldene-Becher-Seite. Im Mittelalter so angelegt, dass die umliegenden Straßen nur an ihn heranführen, keine ihn aber überquert, stellt der Ring seit rund 800 Jahren eine verkehrsfreie weite Fläche bereit, auf der die Geschäfte des einst weltbedeutenden Handelsplatzes Breslau stattfinden konnten.

Da war im 18. Jahrhundert der riesige Wollmarkt mit einem "Getümmel, welches das Messgetümmel in Leipzig fast erreicht", wie es in einem historischen Zitat über die Wochen des Wollmarktes heißt, wenn zwei Wochen lang Wolle gewogen, ausgestellt und angeboten wurde. Aber auch zu anderen Zeiten hatten die Tuchmacher, die Eisenkrämer, die Schuster, die Bäcker und andere Lebensmittelverkäufer hier ihre Buden. Die Bedeutung Breslaus, wo sich die Handelswege aus Ost und West kreuzten und sich auf dem Ring die Welt gleichsam verdichtete, spiegelt sich bis heute in den imposanten Dimensionen des Platzes.

Koexistenz der Kirchen

International ist Breslau geblieben: "Es gibt hier mehr als 140.000 Studierende", nennt Luisa eine Zahl, die gewaltig erscheint, nicht nur wenn man sie der Zahl der Einwohner Breslaus insgesamt, knapp 650.000, entgegenhält. Die meisten ausländischen Studierenden kämen aus Deutschland, sagt Luisa, viele aber auch "aus Skandinavien, Indien ..." - "... oder Kanada", ergänzt ihr Kommilitone und Freund Orhan Veli, der wie Luisa vor fünf Jahren zum Medizinstudium aus Berlin kam.

Beide haben sich so gut eingelebt in der niederschlesischen Metropole mit ihrer architektonisch erlesenen Altstadt, dem reichen Kulturangebot und nicht zuletzt den vielen Orten zum Ausgehen, dass sie nie ernsthaft einen Wechsel an eine deutsche Universität erwogen haben. "Das Medizinstudium hat hier zu Recht einen sehr guten Ruf", sagt Orhan Veli.

Inzwischen sind wir von der Goldenen-Becher-Seite in die Grüne-Röhr-Seite des Ringes eingebogen. An dieser Ecke der inneren Ring-Bebauung liegt das "Ratusz", wie es heute auf Polnisch heißt; ein trotz seiner Größe zierlich und verspielt wirkender Bau, an dem seit dem späten 13. Jahrhundert über 250 Jahre gebaut, verändert, hinzugefügt wurde. Oder, um eine Stimme aus dem alten Preußen zu zitieren: "Das Rathaus ist ein altes gotisches Gebäude mit einer unsäglichen Menge aus Schnörkeln und aus Steinen gehauenen Figuren." Im Foyer stehen einige der zahllosen bedeutenden Töchter und Söhne der Stadt auf Stelen, darunter Gerhart Hauptmann, Edith Stein, Dietrich Bonhoeffer oder Max Born - eine Liste, die man fast endlos verlängern könnte.

Spaziergang zum Breslauer Dom. 
- © Conrad

Spaziergang zum Breslauer Dom.

- © Conrad

Die Stadt selbst, ihre nach dem Krieg wiederaufgebaute Architektur, ist wie ein Buch, in dem neben den polnischen auch Kapitel deutscher Geistes-, Kultur- und Religionsgeschichte nachzulesen sind, so reichhaltig, dass es schwer zu entscheiden ist, wohin man sich zuerst wendet. In Richtung Norden, zur Oder? Dort drängen sich hinter winzigen Inseln im Fluss auf der Dominsel die katholischen und evangelischen Kirchen noch viel dichter zusammen als im Rest der Stadt, und man könnte an ihnen die bewegte Geschichte eines konfessionellen Wettstreits nachzeichnen. Wobei es in Breslau nicht wie anderswo zum großen Bilderstreit kam, sondern die Koexistenz der beiden großen Kirchen in den nachreformatorischen Jahrhunderten "immer wieder als vorbildlich beschrieben wurde", wie die Breslauer Stadtforscherin Roswitha Schieb feststellt.

Das Stadtbild Breslaus selbst erzählt im Wesentlichen von der preußischen Zeit nach 1740, die streng klassizistische Formensprache spiegelt "Aufklärung und religiöse Toleranz" ebenso wie "Nationalismus und Militarismus", der in Standbildern und am großen Exerzierplatz nachzuvollziehen ist.

Im Inneren der Synagoge zum Weißen Storch. 
- © Conrad

Im Inneren der Synagoge zum Weißen Storch.

- © Conrad

Sich weiter in der inneren Altstadt aufzuhalten, bedeutet, einen roten Faden aufzunehmen, der sich als verstörend gewalttätige Spur durch die Geschichte auch dieser Stadt zieht: Breslaus jüdisches Leben. Folgt man der Verlängerung der Grüne-Röhr-Seite, gelangt man in die alte Schweidnitzer Straße - heute Swidnicka - und von dort in die Wallgasse, die die innere Stadt umschließt. Schöne geschwungene Gassen, niedrige Häuser, kleine Läden: "Hier im jüdischen Viertel sind die schönsten Cafés und Restaurants der Stadt", wissen Luisa und Orhan Veli. Wenige Minuten später steht man vor der einzigen erhaltenen und in jüngster Zeit wieder aufgebauten "Weißer Storch"-Synagoge.

Eine Dauerausstellung auf der Empore folgt der jüdischen Bevölkerung Breslaus durch die Jahrhunderte und macht deutlich, dass Gesetze und Pogrome es bis auf wenige Ausnahmezeiten immer verhindert haben, dass jüdische Menschen über Generationen hinweg in Ruhe in Breslau Fuß fassen konnten.

Zucker statt Zyankali

Eine dieser guten Zeiten war das späte 19. und frühe 20. Jahrhundert, als die Breslauer Alfons und Edith Lasker jung waren und mit ihren in den frühen 1920er Jahren geborenen drei Töchtern in der Kaiser-Wilhelm-Straße ein bildungsbürgerlich ambitioniertes Leben führten: Sonntags durfte nur Französisch gesprochen werden, und keines der Kinder durfte "einfach so" ohne Buch oder Musikinstrument herumsitzen.

Wie andere Breslauer ihrer Zeit spazierten die Laskers sonntags in den Botanischen Garten hinter der Dominsel, und die musikalisch besonders begabte Tochter Anita wurde, als für ein jüdisches Kind kein Cellolehrer in Breslau mehr gefunden werden konnte, 13-jährig für Monate nach Berlin geschickt, bis die Reichspogromnacht auch dem ein Ende setzte. Vielleicht war es die Verinnerlichung dieser kulturellen Blütejahre, vielleicht war es das Eiserne Kreuz, mit dem er im Ersten Weltkrieg ausgezeichnet worden war - Alfons Lasker wollte einfach nicht glauben, dass der "Spuk" des von den Nazis in Riesenschritten legalisierten Terrors gegenüber der jüdischen Bevölkerung nicht bald ein Ende haben würde. 1938 war es zu spät für die Ausreise, sie bekamen keine Visa, die Verzweiflung der Familie wuchs, und dann wurden Alfons und Edith nach Auschwitz deportiert. Anita und Renate, die beiden jüngeren Töchter der Familie, blieben 16- und 17-jährig in Breslau zurück, zu Zwangsarbeit verpflichtet. Dann war alles für die Flucht nach Paris vorbereitet, ehe die Gestapo sie am Bahnhof hinderte, den Zug zu besteigen.

Der Weg, den die jungen Mädchen in Begleitung der Gestapo gehen mussten, ist mühelos nachzuvollziehen: Dort, wo die Schweidnitzer die frühere Gartenstraße kreuzt, hatten sich die Schwestern verständigt, dass dies der Zeitpunkt wäre, um jene Zyankali-Kapseln zu schlucken, die sie bei sich trugen. Aber ein Freund hatte, ohne es ihnen zu sagen, das Zyankali in den Kapseln gegen Zucker eingetauscht.

Heute steht an dieser Ecke ein Denkmal, das den Namen "Denkmal des Anonymen Passanten" trägt. Es zeigt Figuren von sieben Menschen: Frauen, Männer und Kinder, eher ärmlich gekleidet, die langsam im Boden versinken. Die vordersten sind schon bis zur Brust im Asphalt verschwunden, die hinteren noch ganz draußen. Dann überquert man die Swidnicka und findet das Ganze auf der anderen Seite fortgesetzt: Die gleichen sieben Menschen tauchen hier aus der Erde wieder auf, in der sie verborgen waren.

Anita Lasker-Wallfisch im Jahr 2007. 
- © PumpingRudi, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Anita Lasker-Wallfisch im Jahr 2007.

- © PumpingRudi, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Anita und Renate Lasker blieben am Leben, sie wurden von der Gestapo zum Verhör geschleppt, in einen bis heute furchterregend aussehenden riesigen Gebäudeklotz von 1929, dessen tiefes Dunkelrot fast schwarz wirkt. Die Lasker-Töchter überlebten Auschwitz und Bergen-Belsen und verließen Deutschland für immer. "In Wroclaw gibt es keinen Augenschein des alten Breslau mehr, diese Stadt ist verschwunden", sagt die heute 96-jährige Anita Lasker-Wallfisch, die als Cellistin das English Chamber Orchestra mitgegründet hat und als Musikerin durch die Welt gereist war, bevor sie in den 1990er Jahren erstmals wieder deutschen Boden betrat und irgendwann auch ihre Heimatstadt wieder aufsuchte.

Folgt man dem Stadtgraben weiter um die Stadt herum, kommt man zur alten Liebigshöhe, einem kleinen Park mit großer Freitreppe und Kolonnaden, deren einstige Pracht nur noch schwach zu erahnen ist. Dorthin gingen sie "an Abenden, an denen Vater besonders vergnügt war", erinnert sich der Emigrant Günther Anders wehmutsvoll, "um dann, auf der Terrasse sitzend, etwas für uns ganz Ungewöhnliches zu tun ... Fruchteis zu essen. Dazu kam freilich, dass die Liebigshöhe der einzige Platz auf der Welt war, auf dem Musik pausenlos vor sich ging, absolut pausenlos - ich glaube nicht, je einen Augenblick dort erlebt zu haben, der nicht vom Pilgerchor, dem Hochzeitsmarsch oder der Aida-Ouvertüre ausgefüllt gewesen wäre.

Die Breslauer Liebigshöhe. 
- © Conrad

Die Breslauer Liebigshöhe.

- © Conrad

Und schließlich kam dazu, dass man von der Liebigshöhe aus an klaren Herbsttagen am Horizont die Silhouette des Riesengebirges ausmachen konnte. Dass diese Silhouette von Breslau aus gesehen werden konnte, das ging, so schien mir, nicht mit rechten Dingen zu, das war der Einbruch des Übersinnlichen in den Alltag, den zu erhoffen oder zu genießen man eigentlich gar kein Anrecht hatte."

Viele Zeitschichten

Und dann stürzt man zurück ins Heute. An mehreren "Zabkas" (spät geöffneten Mini-Supermärkten) vorbei geht es zurück in ein Restaurant im jüdischen Viertel, um wunderbare Pierogi mit Kraut zu essen, und danach auf dem Rynek, zwischen Büchern und Spiegeln, den Tag in der Bar "Literatka" zu beschließen.

Vorher aber, bevor es vollends dunkel ist, noch ein letzter Blick in die Höhe, wie ihn Luisa ja von Anfang an empfohlen hatte: Wo heute, mitten auf der Grüne-Röhr-Seite, in einem prächtigen Eckhaus das Kaufhaus "Feniks" logiert, befand sich in deutscher Zeit das bekannte "Barasch". Vor hundert Jahren war das Dach von einem großen blaugolden schimmernden Globus gekrönt gewesen. Der hatte, wie der Schriftsteller Wolf Kampmann schrieb, "einst die Weltläufigkeit der schlesischen Metropole symbolisiert. Wie eine böse Vorahnung auf das Kommende war die Weltkugel bereits 1929 vom Blitz zerstört worden."

Und nun ist es für heute Zeit, den Blick zu senken. Ins Nachtleben jener Stadt einzutauchen, in der es, egal wo man ist, gar nicht möglich ist, nicht ständig in vielen Zeitschichten zugleich unterwegs zu sein.