Zwei Unsterbliche des französischen Kinos wären heuer 90 Jahre alt geworden: François Truffaut, der Poet der Nouvelle Vague, am 6. Februar und Louis Malle, ihr Praktiker, jetzt am 30. Oktober. Beide sind viel zu früh verstorben, Truffaut mit 52, Malle mit 63 Jahren.

Wie Truffaut hat uns Louis Malle Meisterwerke der Filmkunst geschenkt, die sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben. Kein Film von Louis Malle gleicht einem anderen Film von Louis Malle. Er beherrschte alle Genres, alle Sujets. Im Unterschied zu seinen späteren Kollegen der Nouvelle Vague - denen er unheimlich war aufgrund seiner großbürgerlichen Herkunft aus einer nordfranzösischen Zuckerdynastie und seiner finanziellen Unabhängigkeit - kam er nicht aus der Filmkritik, nicht von den "Cahiers du cinéma", sondern aus der Praxis des Filmemachens.

Mit 13 Jahren erklärt er seiner Familie, dass er Filme herstellen wolle statt Zucker, was ihm Schläge seiner über alles geliebten Mutter eingetragen, seinen Entschluss aber wiederum bestärkt hat. Er bricht die Filmhochschule ab, als Jacques-Yves Cousteau, der Unterwasserfilmer, einen Assistenten und Kameramann sucht. Fast vier Jahre lang arbeitet er mit Cousteau, der ihm alles Technische beibringt. Für "Le monde du silence - Die schweigende Welt", den damals sensationellen Film über das Leben in der Tiefe der Meere, gab es 1956 die Palme d’Or und ein Jahr später den Oscar.

Ein Schlüsselwerk

Malle verlässt Cousteau erst nach dem tödlichen Unfall eines Kollegen, bei dem er selbst eine schwere Trommelfellverletzung erleidet. Er beschließt, Spielfilme zu drehen, findet einen zweitklassigen Roman noir und eine erstklassige Schauspielerin der Comédie française, die aber kaum jemand kennt, und es geschieht ein Filmwunder: Jeanne Moreau und Louis Malle drehen 1957 zusammen "L’ascenseur pour l’échafaud" (Fahrstuhl zum Schafott) und landen einen Welterfolg.

Der Film ist die Geschichte einer wechselseitigen Entdeckung, für beide ist er der Durchbruch. Die routinierte Jeanne Moreau hat Malle alles beigebracht, was er beim Filmen von Fischen nicht hatte lernen können. Ihrer magnetischen Leinwandpräsenz, diesem Gesicht mit dem wehen Mund und den undurchdringlichen Augen, dieser betörend-rauchigen Stimme wird sich fortan niemand mehr entziehen können.

Jeanne Moreau im Jahr 1958. 
- © Mario De Biasi (1923–2013) / Public domain / via Wikimedia Commons

Jeanne Moreau im Jahr 1958.

- © Mario De Biasi (1923–2013) / Public domain / via Wikimedia Commons

Der Film, der von Einsamkeit, der Unmöglichkeit des Glücks und der unerbittlichen Logik des Zufalls erzählt, wird zum Schlüsselwerk der Nouvelle Vague, Jeanne Moreau zu deren Ikone und zur Muse ihrer besten Regisseure. Ein futuristisch anmutendes Paris voller amerikanischer Zutaten, wie man es noch nie gesehen hat, und der betörende Soundtrack von Miles Davis mit seinen coolen und lasziven Trompetensoli lassen den Film zu einem Ereignis werden: Jazz statt Valse Musette, neongrelle Nachtcafés statt Moulin-Rouge-Kitsch.

Jeanne Moreaus Irrweg durch Paris auf der Suche nach dem Geliebten, der den perfekten Mord ausführen sollte und im Fahrstuhl feststeckt, wird zu einer Parabel über die Unmöglichkeit der Liebe, ein Film noir im Gewand des Existenzialismus voller beengenden Bildkadrierungen durch Gitter und Schächte.

Privat allerdings ist die Liebe doch möglich, und die beiden, nunmehr Weltstars, werden ein dream team und drehen 1958 gleich den nächsten Kultfilm zusammen: "Les Amants" (Die Liebenden), bei dem allerdings ihre Liebe zerbricht, weil Malle die für die späten 50er Jahre ungewöhnlich freizügigen Liebesszenen - die er ja selbst entworfen hat - als Mann und Liebender nicht erträgt, sie als Verrat empfindet.

Trotzdem bleiben die beiden einander verbunden und drehen noch zwei Filme zusammen: 1963 "Le feu follet" (Irrlicht), einen hermetisch-melancholischen Film über einen Selbstmörder, und die herrlich frivole Komödie "Viva Maria!" (1965), eine Westernparodie mit Brigitte Bardot an der Seite Jeanne Moreaus. Viel Frou-Frou und Revolutionsoperette, ein wenig démodé heute, aber immer noch ein Juwel.

Sein Talent für die Komödie hat Malle schon 1960 mit der hinreißenden "Zazie dans le métro" nach dem Roman von Raymond Queneau bewiesen, mit vielen Zitaten aus der Filmgeschichte, Verfolgungsjagden durch Paris und Kletterei am Eiffelturm, insgesamt ein amüsantes Spiel voller Anarchie und Übertreibung in rasantem Tempo.

Daneben hat er immer wieder auch Dokumentarfilme gedreht: 1961 einen Kurzfilm über die Tour de France, 1968/69 "Calcutta" und "L’Inde fantôme", seine großen Reisereportagen über Indien. Danach kommt erstmals seine Kindheit zu ihm zurück. 1970/71 entsteht mit "Le souffle au cœur" (Herzflimmern) ein heiter charmantes Gesellschafts- und Familienporträt mit autofiktionalen Zügen: Im Alter von zwölf Jahren war bei ihm selbst Herzflimmern festgestellt worden.

Malles persönliche Lieblingsfilme sind die deutlich weniger erfolgreichen, neben "Irrlicht" ist es "Le voleur" (Der Dieb) von 1966, mit einem gegen den Strich besetzten Jean-Paul Belmondo. Diesen Schlüsselfilm bezeichnet Malle als "absolute Metapher für meine Beziehung zu meiner Arbeit und zu meiner Herkunft": Der Gentlemandieb, der längst nicht mehr stehlen müsste, macht einfach weiter. In einem Interview sagt Malle: "Ich bin ein Filmemacher, weil ich nicht den Mut habe, ein Dieb zu sein. Ich stehle die Imagination der Leute. Ich fühle mich dieser Person sehr nahe."

Politisch brisant

Eine andere Person, der sich Malle sehr nahe fühlt, ist der Bauernjunge Pierre Braise, den er als Idealbesetzung für "Lacombe Lucien" (1974) findet und der ihm in seiner Einsamkeit und dem brennenden Wunsch, dazuzugehören, bei aller Verschiedenheit der sozialen Herkunft innerlich sehr verwandt ist. Er habe von diesem Jungen alles gelernt, was den familiären Hintergrund, die Gefühle und das Verhalten des jungen Kollaborateurs angehe, so Malle.

Nach drei Drehtagen wollte Braise, der noch nie einen Film gesehen hatte, allerdings nach Hause: Es gefiel ihm nicht, wie die Crew ihn herumkommandierte, weil er erst 17 war. Malle wies die Crew an, ihn so zu behandeln, als sei er Alain Delon.

Der junge Schauspieler Pierre Blaise (1955-1975). 
- © André Cros / CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0) / via Wikimedia Commons

Der junge Schauspieler Pierre Blaise (1955-1975).

- © André Cros / CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0) / via Wikimedia Commons

Malles Film über die Endphase von Résistance und Kollaboration, bei dessen Szenario ihm der Autor Patrick Modiano geholfen hat - ein Spezialist der Grauzonen, was ihm 2014 den Nobelpreis eingebracht hat -, löst 30 Jahre nach Vichy eine Auseinandersetzung der französischen Öffentlichkeit mit dem Thema Kollaboration aus. Malle sieht sich einer Kritikerfront von rechts bis links gegenüber. Die Auseinandersetzung geht dabei weit über Filmkritik hinaus und stößt eine lange verdrängte gesellschaftliche Debatte an, wovon 300 Zeitungsartikel allein im Jahr 1974 Zeugnis ablegen.

Über seine politisch brisante Thematik hinaus besticht der Film durch die überzeugenden Laienschauspieler, neben der wunderbaren Therese Giehse, dem schwedischen Theaterschauspieler Holger Löwenadler und der noch unbekannten Aurore Clément, die Malle entdeckt hat. Daneben spielt die hinreißende Musik von Django Reinhardt eine wichtige Rolle. Pierre Braise stirbt ein Jahr später bei einem Autounfall. Das Auto hatte er von seiner Gage gekauft.

Malle allerdings ist der ewigen Kritik an seinem Film müde. Er macht, was er immer wieder machen wird: Von den eigenen Bildern ausgelaugt, sucht er neue Räume, wagt den Sprung über den Atlantik und setzt sich dort als einer der wenigen Europäer durch. Er findet Amerika "als Lebenstheater" interessanter als Frankreich, ist neugierig, hat Erfolg und dreht nach "Pretty Baby" (1978), "Atlantic City" (1980), "My Dinner with André" (1981) und nach "Crackers" (1983) mit "Alamo Bay" (1985) eine perfekte Auswanderergeschichte, findet eine Metapher für dieses Land und in der Schauspielerin Candice Bergen die Frau fürs Leben.

Nach zehn Jahren braucht er erneut andere Bilder, kehrt nach Frankreich zurück und dreht einen Film über eine lange verdrängte Kindheitsepisode: In dem Jesuitenstift, in dem er mit zwölf Jahren während der deutschen Besetzung untergebracht war und sich mit einem von den Patres versteckten jüdischen Jungen angefreundet hatte, war eines Morgens der Gestapo-Offizier Müller aufgetaucht und hatte nach einem Hans Kippelstein gefahndet. Unwillkürlich hatte Julien alias Louis Malle sich nach seinem Freund Jean Bonnet umgedreht ...

Eine Gedenktafel zur Erinnerung an die Ermordeten, deren Andenken in den Film einfloss. 
- © Inhiber / CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) / via Wikimedia Commons

Eine Gedenktafel zur Erinnerung an die Ermordeten, deren Andenken in den Film einfloss.

- © Inhiber / CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) / via Wikimedia Commons

Ein Leben lang hat Louis Malle diese Szene verfolgt, haben ihn die Schuldgefühle nicht losgelassen. Dem Thema Verrat hat er sich in "Lacombe Lucien" schon angenähert, jetzt aber fühlt er sich mit der Distanz der Jahre der Erinnerungs- und Trauerarbeit gewachsen, die ihm diese Szene auferlegt. Es gelingt ihm, seinen berührendsten Film überhaupt zu drehen: "Au revoir, les enfants" (Auf Wiedersehen, Kinder; 1987), mit zwei ungewöhnlichen Kinderdarstellern. Der Verräter, Joseph, ist eine Art Reprise von Lucien Lacombe, ein behinderter Bauernsohn, der in der Küche des Internats arbeitet und sich von den begüterten Schülern und den Patres nicht ernst genommen fühlt.

Am Ende des Films erklärt Malles Stimme aus dem Off, dass Pater Jean in Auschwitz und sein Freund Jean mit zwei weiteren versteckten Jungen in Mauthausen ermordet worden sind. Wenn wir anfangs gesagt haben, kein Film von Louis Malle gleiche einem anderen, so verbindet diese beiden Filme das unsichtbare Band persönlicher Schuld und der Wunsch, sich ihr zu stellen.

Illusionen zerrinnen

Als er nach einem erneuten Indienaufenthalt wieder nach Frankreich zurückkommt, wird gerade überall 20 Jahre "Mai 68" gefeiert, und Louis Malle macht uns aus diesem Anlass ein wunderbar heiter-ironisches Geschenk: Ein hinreißender Michel Piccoli wird als "Milou en mai" (Eine Komödie im Mai) zum Mittelpunkt einer Familienkomödie rund um eine Beerdigung und eine Revolution, die beide nicht richtig vorankommen. Das Ganze ist eine Art Testament Malles: Alle Illusionen von freier Liebe, gemeinsamem Leben, Landkommune und la fantaisie au pouvoir werden noch einmal beschworen, um bald wieder zu zerrinnen ...

Diese melancholische, romantisch versponnene Komödie voller Sprachwitz ist vielleicht sein eigentlicher Abschied, berührender und auch passender als das kühl-elegante Beziehungsdrama "Damage" (Verhängnis) von 1992. Sein allerletzter Film von 1994, "Vanya on 42nd Street" (Wanja auf der 42. Straße), wird eine Hommage an das Theater und seine Schauspieler.

Malles persönlicher pursuit of happiness - so auch der Titel seines Dokumentarfilms von 1987 - endet viel zu früh am 23. November 1995 in Los Angeles.