"Ich erinnere mich, dass ein Junge beim Spielen im Loquaipark fragte: ‚Bist du narrisch?‘ Als ich mich zu Hause erkundigte, zeigten sich meine Eltern belustigt, dass ich ‚arisch‘ mit ‚närrisch‘ verwechselt hatte. Der Vorfall blieb fast unbemerkt, bis einige Wochen später mehrere grimmig dreinblickende SA-Vollstrecker, von selbstgerechter Wut getrieben, in die winzige Enklave eindrangen und ‚Juden raus!‘ schrien. In Panik rannten meine Großmutter und ich zusammen mit anderen Frauen und Kindern zum nächsten Ausgang, während alle anderen stehen blieben, um unsere überstürzte Flucht zu beobachten."

In der Rückschau beschreibt der amerikanische Schriftsteller Walter Abish dieses schikanöse Erlebnis als einschneidende Wende in seinem Leben. Bis zum na-tionalsozialistischen Einmarsch im März 1938 verlebt der damals siebenjährige Knabe eine unbeschwerte Kindheit in Wien. Doch die massiven antisemitischen Ausschreitungen nach Österreichs "Anschluss" an Hitler-Deutschland veranlassen die Familie zur baldigen Ausreise. In seiner 2004 erschienen Autobiografie "Double Vision" markiert jene Episode im Park den Zeitpunkt, an dem Abish die vertraute Welt von einem Augenblick auf den anderen fremd geworden ist.

In die Emigration

Walter Abish wird am 24. Dezember 1931 als einziger Sohn eines assimilierten jüdischen Ehepaares in Wien geboren. Seine ersten Lebensjahre verbringt er im Kreise seiner fürsorglichen Eltern im sechsten Wiener Gemeindebezirk. Während sein Vater einen Parfümerieladen in der Zollergasse betreibt, begleitet er die Mutter zum Einkaufen in die Mariahilfer Straße. Nach der Arisierung ihrer Wohnung in der Königseggasse beschließt die Familie, im Dezember 1938 über Italien nach Nizza zu flüchten. Aber Emigration bedeutet auch Fremdsein. Während der Sohn sich in der französischen Grundschule als Le Boche (eine diffamierende Benennung für Deutsche) bezeichnen lassen muss, wird der Vater zeitweilig in einem Lager für feindliche Ausländer inhaftiert.

Zwischen 1940 und 1948 prägt die kulturelle und sprachliche Fremdheit als Europäer in China Abishs persönliche Erfahrungen: Als letzter visumsfreier Zufluchtsort für europäische Juden bietet Shanghai ihm und seinen Eltern Schutz vor Vertreibung und Verfolgung. Der Heranwachsende besucht eine britische Privatschule und kommt mit den chinesischen Bewohnern, den japanischen Besatzern und den amerikanischen Befreiern in Kontakt. Kurz vor der Machtübernahme der chinesischen Kommunisten flieht die Familie nach Israel, wo Abish den Militärdienst und ein Architekturstudium absolviert.

Die Autoren der amerikanischen Postmoderne beeinflussen Abishs schriftstellerische Entwicklung maßgeblich. Bereits in Tel Aviv zu Beginn der 1950er Jahre verfasst er erste literarische Arbeiten in englischer Sprache. Als er mit seiner Ehefrau, der Bildhauerin und Fotografin Cecile Gelb, nach New York zieht und 1960 die amerikanische Staatsbürgerschaft annimmt, gewinnen postmoderne Themen und Techniken in seinem Schreiben an Bedeutung. Im Verlauf der 1960er Jahre wird sein Interesse an den strukturierenden Funktionen semiotischer Ordnungssysteme und an komplexen Analogiebildungen zwischen Text und Topografie ebenso sichtbar wie seine Strategien der narrativen Offenheit und der fiktionalen Verfremdung.

Auf Deutsch ist aktuell kein Buch von Walter Abish lieferbar. 
- © New Directions

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Die 1970er Jahre erweisen sich als eine außerordentlich schöpferische Zeit. Neben seiner beruflichen Tätigkeit als Stadtplaner gelingt es Abish 1970, den Gedichtband "Duel Site" im Kunstverlag Tibor de Nagy und die Kurzgeschichte "Frank’s Birthday" im Literaturjournal "Confrontation" zu veröffentlichen. In Folge werden mehrere Erzähltexte in den Magazinen "Fiction", "Extensions", "TriQuarterly" und "Paris Review" abgedruckt. 1975 wird seine erste Prosasammlung "Minds Meet" ("Quer durch das große Nichts") und 1977 seine zweite, "In the Future Perfect" ("Das ist kein Unfall"), von New Directions verlegt. In denselben Jahren erscheinen weitere Beiträge in den "Statements"-Anthologien des avantgardistischen Fiction Collective.

Als Meilenstein dieser produktiven Schaffensperiode gilt die Veröffentlichung von "Alphabetical Africa" ("Alphabetisches Afrika") 1974. Der experimentelle Roman gehorcht einem leipogrammatischen Gestaltungsprinzip: Im ersten Kapitel beginnen alle Wörter mit A, im zweiten mit A oder B, im dritten mit A, B oder C und so weiter. Nach 26 Kapiteln kehrt sich die Reihenfolge um, sodass das letzte Kapitel wieder nur Wörter mit A umfasst. Was sich oberflächlich als befremdliches Sprachspiel darstellt, enthüllt sich bei aufmerksamer Lektüre als selbstreflexive Studie zur verbalen Konstituierung mentaler Afrikabilder.

Verdrängte Shoah

Abishs kreative Leistungen gehen mit literarischen Auszeichnungen und akademischen Anstellungen einher. 1972 erhält er einen Förderpreis des New Jersey State Council for the Arts, 1974 einen Anerkennungspreis der Rose Isabel Williams Foundation und 1977 einen Würdigungspreis der Ingram Merrill Foundation. 1975 unterrichtet er erstmals an der State University in New York. Zwei Jahre später wird er zum Writer-in-Residence am Wheaton College und zum Gastprofessor an der State University in Buffalo ernannt. Nach der Zuerkennung eines National Endowment for the Arts-Stipendiums lehrt er als Dozent für kreatives Schreiben von 1979 bis 1988 an der Columbia University.

Am Höhepunkt seiner schriftstellerischen Karriere erscheint das Hauptwerk "How German Is It" ("Wie deutsch ist es"). Der 1980 vorgelegte Roman entfaltet ein verstörendes Panorama von Nachkriegsdeutschland zur Zeit des Wirtschaftswunders im Spannungsfeld zwischen individueller Entfremdung und kollektiver Verdrängung. Im Mittelpunkt der Handlung steht der grüblerische Schriftsteller Ulrich Hargenau, der den schrecklichen Vorkommnissen der jüngeren Vergangenheit in seinem Heimatland nachspürt.

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Die auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Durst errichtete Planstadt Brumholdstein - sie ist nach einem bekannten Philosophen mit früheren NS-Sympathien benannt - steht symptomatisch für die Geschichtsvergessenheit der Westdeutschen. Als ein heftiger Wolkenbruch ein stinkendes Massengrab zutagetreten lässt, stellt der Protagonist die Frage nach der Herkunft der namenlosen Toten. Statt einer gesicherten Antwort sieht er sich mit den unangenehmen Erinnerungen der Bewohner an die regelmäßigen Deportationen jüdischer Häftlinge im Dritten Reich konfrontiert:

"Das einzige Anzeichen von Leben in den vorüberfahrenden Zügen war ein Vogelscheuchengesicht, das manchmal in der winzigen Luke eines Güterwagens wie gerahmt sichtbar wurde. Ein Gesicht, dessen Augen sich an den Stationsvorsteher oder an sonst jemanden hefteten, und so für einen winzigen Moment einen Augenkontakt herstellten. Ab und zu sah man den Mund eines Vogelscheuchengesichts, das einem Mann oder einer Frau gehörte, ein Wort oder mehrere Worte formen. Es konnte ‚Wo?‘ oder ‚Wann?‘ oder ‚Warum?‘ geheißen haben. Manche in Dämling behaupteten, dass tausend und abertausend Menschen nach Durst verladen würden. Was sie da wohl machten, rätselten alle. Arbeiten die für die I.G. Farben? Wer weiß? Lieber nicht fragen. Lieber die Nase raushalten."

Die außergewöhnlich positive Rezeption seines Holocaust-Romans wird von einer Reihe besonderer Erfolge und Ehrungen begleitet. 1981 erhält Abish den PEN/Faulkner Award for Fiction, ein Guggenheim-Stipendium und einen CAPS-Förderpreis. Zwischen 1981 und 1983 engagiert er sich als Mitherausgeber von "Conjunctions" und als Berater des New York State Council on the Arts. Von 1982 bis 1988 fungiert er als Vorstandsmitglied des PEN American Center. 1985 wird er als Gastprofessor an die Yale University und 1986 an die Brown University berufen. Nach einem zweiten National Endowment for the Arts-Stipendiums wird ihm 1987 eine Unterstützung der John D. MacArthur Foundation gewährt.

In den 1990er Jahren entwickelt Abish neue Darstellungsformen. 1990 legt er die experimentelle Prosasammlung "99: The New Meaning" ("99: Der neue Sinn") vor. Die enthaltenen Arbeiten beruhen auf einem synthetischen Kompositionsverfahren, das Wörter aus Werken anderer Autoren zu neuen Textfragmenten montiert. 1993 wird sein dritter Roman, "Eclipse Fever" ("Sonnenfieber"), veröffentlicht. Darin wird ein mexikanischer Literaturkritiker in die windigen Geschäfte eines amerikanischen Bauunternehmers verwickelt. Was auf den ersten Blick als Thriller mit exotischem Setting erscheint, erweist sich bei eingehender Betrachtung als metafiktionales Werk, das durch ironische Verfremdung die kulturellen Unterschiede zwischen latein- und angloamerikanischer Welt freilegt.

Von 1990 bis 1993 ist der Schriftsteller als Mitglied des Verwaltungsrats der New York Foundation of the Arts tätig. 1991 ehrt ihn die American Academy of Arts and Letters mit der Verleihung des renommierten Award of Merit Medal in the Novel. Im folgenden Jahr erhält er ein Stipendium aus dem Lila-Wallace-Reader’s-Digest-Fund. 1996 wird er mit dem Ehrendoktorat der State University of New York gewürdigt und zwei Jahre später in die American Academy of Arts und Sciences aufgenommen.

Doppelte Sicht

Nach der Jahrtausendwende widmet sich Abish der Aufarbeitung des eigenen Lebens. Entstanden ist eine erzählerisch anspruchsvolle Autobiografie, deren Titel nicht nur auf seine langjährige Sehbehinderung - sie zwingt ihn zum Tragen einer Augenklappe -, sondern auch auf die zwei Strukturebenen von "Double Vision" verweist. Kapitel zur Kindheit in Wien, Jugend in Shanghai und Reifung in Israel wechseln sich mit Kapiteln über eine in den frühen 1980er Jahren unternommenen Lesereise durch Deutschland und Österreich ab. Daraus entsteht ein ungewöhnlich plastisches Selbstporträt, dessen Abschnitte sich wechselseitig kommentieren - so auch die Passage über Abishs Besuch in Wien:

"Mit Hilfe einer großen Faltkarte erreichte ich endlich die Esterhazygasse. Momente später ertappte ich mich dabei, als ich eindringlich auf das Gebäude an der Ecke zur Königseggasse starrte. Obwohl das Haus in jeder Hinsicht dem Hause glich, in dem ich die ersten Jahre meines Lebens verbracht hatte, war es auf eine unbestimmbare Weise fremd. Sorgfältig betrachtete ich es und durchsuchte meine Erinnerungen, wenn auch nur, um eine Einzelheit aus meiner Vergangenheit herauszufiltern, die diese lang hinausgezögerte Rückkehr erhellen könnte. Schließlich ging ich, leicht verunsichert und unfähig, eine starke Reaktion zu fühlen, davon."

Mit diesem retro- und introspektiven Text endet die Karriere des verbalen Verfremdungskünstlers Walter Abish. Sein literarisch innovatives Werk lässt den einst aus Wien emigrierten Schriftsteller zu einem führenden Vertreter der amerikanischen Postmoderne werden. Am 28. Mai 2022 ist er im Mount-Sinai-Beth-Israel-Krankenhaus von Manhattan verstorben.