Was klein ist, mausgroß nur, und manchmal mausgrau, wird gern grob unterschätzt. Wenn sich also manche Betrachter bei einem Buch mit Fotografien von Modellautos (im Maßstab 1:43), die vor Fotografien von architektonischen Meilensteinen platziert sind, fragen, was das in einem Feuilleton zu suchen hat, darf das nicht verwundern. Warum also, außer aus rein nostalgischen Gründen, sollte man sich Zeit für Walter Pangerls "Car Stills. Kleine Autos in großer Pose" nehmen? Für ein Buch, in dem Modelle von Autos, die in Zeiten des "Wirtschaftswunders" gefahren wurden - darunter manche Exoten, aber auch alltägliche Autos, wie der Volkswagen "Käfer" -, abgebildet sind?

Darauf findet man spontan vermutlich keine vernünftige Antwort. Aber dann blättert man, liest die sympathisch klingende Einleitung des Fotografen und Sammlers, den man sich fortan als kultivierten Gentleman im Pensionsalter vorstellen darf, dazu die aufschlussreichen Begleittexte von drei Kulturjournalisten (darunter Andrea Traxler und Hermann Schlösser, die auch fürs "extra" tätig sind), und ist bald, ob man es will oder nicht, fasziniert.

- © Anton Pustet Verlag
© Anton Pustet Verlag

Und dies nicht bloß deshalb, weil die kleinen Autos so meisterlich fotografiert sind, dass sie mit dem Hintergrund scheinbar zu einer realistisch wirkenden Einheit verschmelzen. Und auch nicht deshalb, weil die meist nur zehn Zentimeter großen Modelle dem Original oft so erstaunlich detailgetreu nachgebildet sind, dass man selbst beim genauen Hinsehen dieser optischen Täuschung erliegt. Sondern vor allem darum, weil es Walter Pangerl mit Witz und dramaturgischem Geschick versteht, Irritation zu erzeugen, unterschwellig ständig Erwartungen zu wecken - die in erster Instanz dann regelmäßig enttäuscht werden - und so zunehmend Neugier und schließlich echte Spannung zu generieren.

Warum ist ausgerechnet dieses Auto abgebildet? Warum nicht nur ein, zwei, drei, sondern gleich vier Mal? Und warum ist genau zwischen dem dritten und vierten Bild dieses Autos - das beim berühmtesten italienischen Straßenrennen, der zwischen 1927 und 1957 ausgetragenen Mille Miglia, einmal gewonnen hat - ein anderes Auto abgebildet, das erst viel später, in den frühen 70er Jahren, gebaut wurde? (Und, schließlich, warum - und diese Frage ist nicht nur sportlich interessant - ist das vom Fotografen ausgewählte Siegerauto ausgerechnet ein deutsches Fabrikat, ein BMW? Und kein Alfa Romeo, kein Ferrari, kein Lancia und auch kein OM, also keines der meist in Italien gebauten Siegerautos der Mille Miglia?)

Spätestens wenn man ratlos vor derlei kniffligen Frage steht, ahnt man, dass Walter Pangerl nicht nur ein Fotograf, sondern auch ein raffinierter Erzähler ist und absichtsvoll eine herausfordernde Lektüre vorgelegt hat. Und wer das nicht als Abschreckung, sondern als Ansporn begreift, um nicht nur den Autos, sondern auch scheinbaren Nebensächlichkeiten wie Straßennamen konzentrierte Aufmerksamkeit zu widmen, wird am Ende vielleicht mit erhellenden Erkenntnissen beglückt.

Es ist freilich keineswegs sicher, ob es all die Fragen, die sich scheinbar ähnlich schnell wie eine Hydra vermehren, sobald man endlich eine von ihnen gelöst glaubt, überhaupt gibt: "Es könnte ja sein, dass sich im Kofferraum der dunklen Limousine, die da im hellen Sonnenlicht vor der klaren Architektur eines nach Bauhausprinzipien geplanten Hauses parkt, ...Es könnte aber auch ganz, ganz anders sein."

Tatra T601 Monte Carlo (1951, 1:43), Hotel Jardin des Plantes, Paris. 
- © Walter Pangerl

Tatra T601 Monte Carlo (1951, 1:43), Hotel Jardin des Plantes, Paris.

- © Walter Pangerl

Mit dieser Einsicht, die alles in der Schwebe lässt, beendet Walter Titz seinen erhellenden Essay zu Walter Pangerls Bildern. Vom "Kino im Kopf" ist darin die Rede, von "suggestiven Standbildern aus nie gedrehten Filmen", von Parallelen zwischen der Geschichte des Kinos und jener des Autos. Vermutlich nicht zufällig ist also eines der Autos, die Walter Pangerl ins Rampenlicht rückt, und das mit leuchtenden Scheinwerfern, ein Ford Vedette. Vedette, ein französisches Wort, bedeutet nämlich Filmstar. Ob in diesem - in Frankreich gebauten - Ford jemals Filmstars über die Leinwand fuhren? Und wenn ja, welche? Das verschweigt Walter Pangerl. Und seine Unbestimmtheit, die der Phantasie Tür und Tor öffnet, ist programmatisch.

Auch bei den beiden Bildern des Sunbeam Alpine, Baujahr 1953, findet sich kein Hinweis, dass mit einem solchen sportlichen Zweisitzer 1955 Cary Grant über die kurvigen Bergstraßen oberhalb von Monte Carlo chauffiert wurde. Das war in Alfred Hitchcocks "Über den Dächern von Nizza". Und die selbstbewusste junge Dame, die das Lenkrad sehr lässig in der Hand hielt und das Gaspedal fest durchgedrückt hat, war Grace Kelly. Verfolgt wurde sie damals, bei ihrer aus dem Helikopter gefilmten Fahrt, von einem Citroën Traction Avant, dem typischen Auto der französischen Polizei (aber auch der französischen Unterwelt). Geradezu selbstverständlich also, dass sich Bilder eines Citroën Traction Avant auch in diesem Buch finden - und dies, wohl nicht zufällig, in unmittelbarer Nähe des Sunbeam.

Typisch für Pangerl ist aber auch, dass sich sein Werk, so wie eine von Cary Grant gespielte Figur in einem anderen Hitchcock-Film, "Der unsichtbare Dritte", jeder verlässlichen Festlegung entzieht. Denn alle Anspielungen auf bestimmte Filme, Gedichte und Geschichten sind nur eine Seite eines facettenreichen Ganzen, eines alle Genres sprengenden "Glasperlenspiels", dessen gesamte Bedeutung - wenn es denn eine gibt - letztendlich unklar bleibt. Sicher ist jeweils nur, was schwarz auf weiß zu sehen ist. Und das, was - potentiell nicht minder von Bedeutung - ausgespart wurde.

Lancia Fulvia 2c (1964, 1:43), Schlossgarten Schönbrunn, Wien. 
- © Walter Pangerl

Lancia Fulvia 2c (1964, 1:43), Schlossgarten Schönbrunn, Wien.

- © Walter Pangerl

Wobei bei Pangerl, wie so vieles, prima vista auch die simple Unterscheidung zwischen dem, was zu sehen ist und was nicht, nicht leichtfällt. Auf einer Serie von Bildern eines Peugeot, der über die Champs-Élysées fährt, verschwindet zum Beispiel der Eiffelturm, ohne dass es dafür eine Erklärung gibt. Walter Pangerls augenzwinkernde, eigenwillige Bilder erschließen gerade solcher - scheinbarer - Rätsel wegen aufregend kurvige Wege zu großen Fragen des Zusammenspiels von Sehen und Sein.