Bergrettungseinsätze müssen regelmäßig geübt werden - hier ein Flugtraining am Tau mit Hund. - © Foto: Maren Krings
Bergrettungseinsätze müssen regelmäßig geübt werden - hier ein Flugtraining am Tau mit Hund. - © Foto: Maren Krings

"Jetzt ist schon wieder was passiert." Der Satz, mit dem Wolf Haas seine Brenner-Krimis zu eröffnen pflegte, könnte auch am Beginn eines Einsatzberichtes der Bergrettung stehen. Denn es passiert dauernd etwas im Gebirge. In Österreich kommen jährlich rund 300 Menschen bei Alpinunfällen ums Leben; viele davon sind Wanderer, die entweder aus Erschöpfung einem Herz-Kreislauf-Versagen erliegen oder stolpern, ausgleiten und abstürzen. Bergunerfahrene Touristen? Nicht nur. Zwei Drittel dieser traurigen Statistik sind Österreicher.

Aber es muss nicht gleich das Schlimmste passieren, im Hochgebirge kann auch ein zuerst harmlos erscheinendes Missgeschick schnell ins Bedrohliche kippen: ein verstauchter Fuß oder sonst eine Verletzung, die den Abstieg vom Berg oder zur nächsten Schutzhütte verunmöglicht. Bei einbrechender Dunkelheit sieht man drunten im Tal die blinkenden Lichter der Zivilisation und ist dennoch hilflos der Wildnis ausgesetzt.

Dass der Hubschrauber bei Dunkelheit oder Schlechtwetter nicht fliegen kann, daran denken viele Menschen in ihrer Vollkaskomentalität nicht. Aber zum Glück gibt es Teams der Bergrettung. Diese freiwilligen, gut ausgebildeten Einsatzkräfte absolvieren u.a. Such- und Lawineneinsätze, Liftevakuierungen, Canyoningbergungen und arbeiten sich bei Bergunfällen in teils sehr schwierigem Gelände oft über Stunden zum Unfallort vor. Sie leisten Erste Hilfe und sorgen - wenn möglich - für einen Abtransport ins Tal, oder bleiben die Nacht über als Betreuer bei den Verletzten, bis am nächsten Morgen ein Hubschrauberflug möglich ist.

Patriarchale Strukturen

Eine Knochenarbeit, die in vielfacher Hinsicht Top-Leistungen erfordert: bergsteigerisch, skifahrerisch, konditionell, psychologisch, medizinisch. Nichts für eine Frau, meinten früher viele "gestandene Mannsbilder" und machten - wohl auch aus Angst vor Konkurrenz - mit hanebüchenen Argumenten die Reihen dicht: Frauen seien zu empfindlich, zu schwach, könnten kein Blut sehen und gefährdeten den männlichen Kameradschaftsgeist. Vielleicht war bei manchem altvorderen Sturkopf auch ein wenig Aberglaube dabei: Berge mit weiblichen Namen galten früher als besonders gefährlich.

Es hat lange gedauert, bis die patriarchalen Strukturen im Alpenverein und bei der Bergrettung aufgebrochen wurden und die Männer den Frauen einen Platz in ihren Seilschaften überließen. Obwohl sich Frauen längst schon als ausgebildete Berg- und Skiführerinnen etabliert hatten, war es in Tirol, einem Zentrum der Bergrettungsentwicklung, erst am 23. März 2001 soweit. An diesem Tag sprachen sich bei einer Abstimmung die (allesamt männlichen) Teilnehmer 88 gegen 19 Stimmen für die Aufnahme von Frauen aus. In den anderen Bundesländern waren sie seit Ende der 1990er Jahre bei Einsätzen dabei. Aufnahme heißt wohlgemerkt nicht einfach Aufnahme, sondern die Möglichkeit, nach einer vor allem sportlich äußerst fordernden Leistungsüberprüfung (vorwiegend Klettern und Skifahren) Mitglied einer Bergrettungsortsstelle zu werden.

Derzeit gibt es bundesweit rund 600 Frauen bei insgesamt rund 11.000 Bergrettungs-Mitgliedern. Obwohl es nach wie vor ein paar Gestrige gibt, die am Stammtisch wettern, Frauen gehörten an den Herd, sind die meisten Bergretter heute aufgeschlossen gegenüber Kameradinnen und zollen bereitwillig Respekt. So hört man öfters bei einer Anwärterprüfung: "Mensch, des Madl isch sauguat!" Und viele Ortsstellenleiter bestätigen, dass sich die Aufnahme von Frauen äußerst positiv auf die gemeinsame Arbeit und die Disziplin in der Gruppe auswirkt.

Es versteht sich, dass Frauen keinen Sonderstatus genießen, die schweren Rucksäcke selber tragen und die geforderten Leistungen bringen müssen, wobei bei beiden Geschlechtern die Talente unterschiedlich verteilt sind. Regina Poberschnigg, geb. 1963, aus Ehrwald in Tirol: "Auch wir haben unsere starken und schwachen Seiten, genau wie die Männer. Manche sind richtige Konditions-Viecher und klettern wie die Gämsen, andere sind medizinisch besser auf Zack, psychologisch versiert oder können gut organisieren. Ich kann sportlich gut mithalten mit den Männern, habe eine starke Ausdauerkondition und schaffe auch einen 30 Stunden-Marsch, aber ein schneller Bergauf-Sprint überfordert mich manchmal. Da muss ich aufpassen, dass ich nicht kollabiere. Für diesen Fall hab ich immer ein Tuch mit, das ich mir vors Gesicht binde. Muss ja nicht jeder sehen, dass ich blau anlaufe."

Gegen Alpinmachos


Regina hatte Ende der 1990er Jahre Dampf gemacht, damit auch in Tirol Frauen zur Bergrettung dürfen und war eine der ersten Frauen, die alle Prüfungen absolvierte. In ihrem Bergrettungsteam war sie sofort akzeptiert, aber durch ihre medialen Auftritte zog sie sich die Gegnerschaft mancher Alpinmachos zu. So weigerte sich ein Hüttenwirt, ihr bei einem Bergrettungskurs Essen und Getränke zu servieren. Er begrüßte sie mit den Worten: "Ah, du bisch des, de den Scheiß anzettelt hat!"

Mittlerweile ist Regina nicht nur Bergretterin, sondern auch ausgebildete Notfallsanitäterin und Flugretterin. Wenn sie bei einem Flugrettungseinsatz mit einer Notärztin am Seil zu einem Verletzten transportiert wird und die beiden Frauen den Helm abnehmen, werden sie - insofern der Patient überhaupt noch fähig ist, zu reden - oft gefragt, ob sie sicher seien, dass sie das können. "Dann sagen wir immer, wir probieren es halt einmal."