"Die Geschichte der Freiheit ist die Geschichte des Widerspruchs." Zu dieser Einsicht gelangte einst Woodrow Wilson, jener US-Präsident, in dessen Amtszeit der Erste Weltkrieg tobte. Wilsons nobler Versuch, mit dem Völkerbund von 1920 dauerhaften Frieden in Europa und der Welt herzustellen, scheiterte. Aus dem "Großen Krieg" ging der Kontinent ideologisch zersplittert hervor. Dem Faschismus in Teilen Europas stand die kommunistische Sowjetdiktatur gegenüber.

1945 war zwar der Faschismus besiegt, aber die ideologische Spaltung Europas blieb. Auf einer Strecke von 8500 Kilometern, von der Barentsee bis zum Schwarzen Meer, verschwand der Osten Europas hinter einer Grenze aus Stacheldraht, Sprengfallen, Wachtürmen und Hochspannungszäunen. Ein großer Teil davon grenzte an Niederösterreich. Zwischen der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik (ČSSR) und Österreichs größtem Bundesland entstand ein tödlicher Abschnitt des Eisernen Vorhangs. Rund 730 Menschen ließen an dieser Grenze ihr Leben.

"Samtene Revolution"


Am 24. November 1989 erreichte die Wende als einen der letzten Ostblock-Staaten auch die Tschechoslowakei. Den Protestbewegungen gelang das, was zuvor schon in Ungarn, der DDR und Polen erreicht wurde. Die "Samtene Revolution", wie man die Wende in der Tschechoslowakei später nennen sollte, hatte gesiegt, die kommunistischen Machthaber mussten abdanken. Zum ersten Grenzübertritt tschechoslowakischer Bürger sollte es im Dezember bei Hainburg an der Donau kommen. Fünf Jahre zuvor hatte das verschlafene Städtchen an der Grenze zur Slowakei in einem anderen Zusammenhang historische Bedeutung erlangt. Die Hainburger Au-Besetzung markierte einen Wendepunkt der österreichischen Zivilgesellschaft. Nun sollte die tschechoslowakische Bevölkerung in der Grenzstadt ein Zeichen setzen.

Der überraschende Friedensmarsch traf Hainburg völlig unvorbereitet und blieb medial wie politisch weitgehend unbeachtet. Nur an eine Person waren die slowakischen Organisatoren im Vorfeld herangetreten: Den damals 27-jährigen Hainburger, Thomas Häringer. In einem Café in Hainburg erzählt Häringer, wie es zu dem Ereignis kam: "Mein Vater war Kommunist. Mit ihm reiste ich noch vor der Wende nach Prag. Und offenbar dürfte ich mich dort etwas zu kritisch geäußert haben, weil mich der Geheimdienst gar nicht mehr auslassen wollte. Über Umwege wurde aber auch die slowakische Bürgerbewegung auf mich aufmerksam. Und im November 1989 ist man dann an mich herangetreten."

Häringer traf sich mit Wortführern der Bewegung "Öffentlichkeit gegen Gewalt", darunter Jan Budaj, eine Ikone der Samtenen Revolution, und Milan Kňačko, Schauspieler und späterer Kulturminister der Slowakei. Die Aktivisten offenbarten dem jungen Hainburger ihr Vorhaben, nach einer Demonstration in Bratislava bis nach Hainburg gehen zu wollen, um an der "Thebener Überfuhr" am Donauufer eine Kundgebung zu veranstalten. Häringer sprach also beim Bürgermeister vor, der ihn, den "Kommunisten-Bua", überraschenderweise ernst nahm - etwas, das Häringer dem Bürgermeister bis heute hoch anrechnet. "Beim nächsten Treffen waren dann schon Leute von den Ministerien und vom Militär dabei", sagt Häringer. Der zeitgeschichtlichen Dimension sei man sich aber nicht ganz bewusst gewesen, meint er weiter. "Es ging eher darum, nur ja keinen diplomatischen Skandal zuzulassen."

Hartnäckig hält sich in Hainburg das Gerücht, dass am besagten Tag hunderte Jagdkommando-Soldaten des Bundesheeres im Grenzbereich in Bereitschaft gewesen wären. Bis zuletzt wusste man nämlich auf westlicher Seite nicht, wie die Grenzsoldaten auf den Marsch reagieren würden. Als es am 10. Dezember so weit war, blickten die Hainburger aus sicherer Entfernung mit Ferngläsern auf die Grenze. Doch alles blieb ruhig, es fiel kein Schuss.

Herz aus Stacheldraht


Auch Erna Frank, Hainburgs Stadthistorikerin, erinnert sich an jenen sonnigen Dezembertag, als die Slowaken die Grenze überschritten: "Wir standen bereit, um sie traditionell mit Salz und Brot zu begrüßen. Ich habe noch das Bild eines alten Mannes vor mir, der mir weinend in die Arme fiel". Ein paar Paletten Mineralwasser, ein provisorisches WC im Auwald und einen Traktoranhänger für die Tonanlage - mehr hatten die Hainburger Gastgeber zunächst nicht anzubieten. Die Stadt hatte mit ein paar hundert Teilnehmern gerechnet, doch dann waren es plötzlich tausende. Laut Häringers späteren Schätzungen müssten es zwischen 50 und 70.000 gewesen sein.

Am Abend schifften Slowaken ein drei Meter hohes Herz aus Stacheldraht ans Hainburger Ufer, um es als Denkmal aufzustellen. Auf slowakischer Seite steht noch immer ein solches Symbol. "Bei uns hat es das Hochwasser unter sich begraben", ärgert sich Häringer. Für Erna Frank hat dieses Versinken des Herzens aber eine schöne Symbolik: "Das steht jetzt eben für eine überwundene Zeit. Und außerdem ist es ja immer noch irgendwo."