Sprechen kann er nicht mehr. Nur die Augen funkeln fiebrig, böse Blicke durchbohren Dore, seine Lebensgefährtin. Dann, gegen 21 Uhr, kommt das Ende. Kurz zuvor hatte Friedrich Ritter noch seine Abschiedsworte zu Papier gebracht: "Ich verfluche dich im letzten Augenblick!"

Das Liebespaar Dore Strauch und Friedrich Ritter bei der Anreise nach Floreana. - © privat (Nachlass Dore Strauch), Repro: Michael Ossenkopp
Das Liebespaar Dore Strauch und Friedrich Ritter bei der Anreise nach Floreana. - © privat (Nachlass Dore Strauch), Repro: Michael Ossenkopp

Die Tragödie am Äquator hatte ihren Anfang im Berlin der Zwanziger Jahre genommen, in Ritters Praxis in der Schöneberger Kalckreuthstraße. Der 1886 in Wollbach bei Lörrach geborene Arzt und Spezialist für psychosomatische Störungen traf auf die 15 Jahre jüngere, verheiratete Lehrerin Dore Körwin. Ihren Gatten empfand dieser als spießig. Und auch Ritter fühlte sich in einer unglücklichen Ehe gefangen.

Dore himmelte Friedrich Ritter, das blond gelockte, stämmige Multitalent, geradezu an - er hatte auch Zahnmedizin und diverse Naturwissenschaften studiert. Sein Streben galt jedoch der Weiterentwicklung eines eigenen philosophischen Systems, in dem Zeit, Raum, sowie "die Kausalität und ihre innere Beziehung" eine tragende Rolle spielten, angereichert mit Versatzstücken von Nietzsche und Laotse sowie einer Prise Kapitalismuskritik und Rassismus. Zudem war Dr. Ritter eitel, er glaubte, Goethes "Faust" wie aus dem Gesicht geschnitten zu sein.

Zivilisationsflucht

Das Liebesleben der beiden Paare war selbst für Berliner Verhältnisse nicht alltäglich, insbesondere als sie eine schlichte Lösung für ihr Problem fanden: Partnertausch. Dore ließ sich wieder mit ihrem Mädchennamen Strauch anreden und begeisterte sich für Ritters Vorhaben, der Zivilisation, die ihm "nichts Neues, nichts Wissenswertes mehr bot", zu entsagen. Am 2. Juli 1929 stachen sie in See. Ritter hatte sich zuvor sämtliche Zähne ziehen lassen und stattdessen ein klobiges Gebiss aus Metall gebastelt.

Die beiden entschieden sich für die 173 Quadratkilometer große Galapagosinsel Floreana, ein nun menschenleeres Eiland aus Vulkangestein mit einer Süßwasserquelle, das zuvor von Piraten, Walfängern und als Strafkolonie genutzt worden war. Charles Darwin war 1835 auf dem rund 100 Kilometer westlich der Küste Ekuadors gelegenen Archipel zu seinem bahnbrechenden Werk "Über die Entstehung der Arten durch natürliche Auslese" inspiriert worden.

Am Morgen des 17. September 1929 schreibt Ritter in sein Tagebuch: "Floreana liegt vor uns, seine drei höchsten Berge, 500 bis 600 Meter hoch, sind in Wolken gehüllt."

Die beiden zimmern sich eine grobe Laube, nennen sie "Frido", den Garten des Friedens, und leben von Früchten, Eiern und selbst Angebautem. Gern nehmen sie Geschenke von gelegentlich anlegenden Yachten entgegen. Berliner Zeitungen berichten ironisch über die Zivilisationsflüchtlinge, die "nackt, wie Gott sie schuf" herumtollten. Ein Gassenhauer machte die Runde: "Die Sonne brennt auf Mensch und Tier. Links die Palmen, rechts der Ozean, in der Mitte, da sind wir."

Im August 1932 treffen neue Siedler ein: das Kölner Ehepaar Margret und Heinz Wittmer mit dem 13-jährigen Sohn Harry. Sie wollten der Wirtschaftskrise entfliehen und suchten Luftveränderung für den lungenkranken Jungen. Die realistischen Rheinländer einerseits - Wittmer war Sekretär des Oberbürgermeisters seiner Heimatstadt, Konrad Adenauer gewesen - und die esoterisch angehauchten Berliner Robinsons mochten sich nicht.

1933 kam Wittmer-Sohn Rolf als erster auf Floreana beurkundeter Mensch zur Welt. 1937 folgte Tochter Ingeborg-Floreanita.

Nur zwei Monate nach Ankunft der Neulinge verwandelt sich die Insel allerdings in einem wahren Höllenort. Eine vierköpfige Gruppe unter Führung der herrschsüchtigen Wienerin Eloise Wagner de Bousquet, die sich als leibhaftige Baronin ausgibt, entert das Eiland. Auf der Flucht vor Gläubigern hatte sie sich aus dem Pariser Nachtleben ins Abenteuer Floreana gestürzt. Sie beabsichtigt, ein Luxushotel zu errichten.

Die Nymphomanin tritt stets leicht bekleidet und schwer bewaffnet auf - mit Peitsche und Pistole -, und fordert von den Insulanern Gehorsam. Im Schlepptau hat sie drei Liebhaber: einen Ekuadorianer, der sich allerdings bei erster Gelegenheit absetzt, ferner ihren vorgeblich Angetrauten Robert Philippson aus Berlin - und den jungen Dresdener Rudolf Lorenz. Während Philippson und Lorenz schuften, veranstaltet die Baronin Schießübungen und ernennt sich schließlich zur Kaiserin. Als solche "beschlagnahmt" sie für die Siedler bestimmte Waren, fischt deren Sendungen aus der Posttonne und liest ungeniert fremde Briefe.

Nun sind auch New Yorker Zeitungen auf das tolle Treiben am Ende der Welt aufmerksam geworden, Scharen von Journalisten gehen an Land. Das ist gut für die geschäftlichen Interessen der Baronin, die sich nun auch als Spionin und Tänzerin, gleichsam als Reinkarnation von Mata Hari ausgibt.

Despotische Baronin

Es ist schlecht für die Wittmers, die ungestört arbeiten wollen, und auch für das Strauch-Ritter-Paar, dessen Zuneigung sich inzwischen abgekühlt hat. Der Arzt macht kein Hehl aus seinem Hass gegen die Baronin. Sie würdigt seine Philosophie herab, an der er Tag für Tag arbeitet. "Grausames Karma", findet Ritter.