Warum sammelt man wertlose Gegenstände? - © Michaela Bruckmüller
Warum sammelt man wertlose Gegenstände? - © Michaela Bruckmüller

Diese Hose braucht Luise Glaser (Name von der Red. geändert) ganz sicher nicht. Es ist schon paradox: Ausgerechnet ein Messie bekommt noch etwas geschenkt. Luise Glasers Nachbarin am Naschmarkt hat es zu gut gemeint. Den wahren Grund für die Flohmarktaktivitäten der Standnachbarin kennt sie nicht. Sichtlich hin- und hergerissen packt diese die brombeerfarbene Schnürlsamthose, die ihr wohl passen würde, zu den anderen Dingen, die sie verkauft.

Über Geschenke kann sich die ehemalige Kindergärtnerin schon lange nicht mehr freuen. Glaser, 61, ist Pensionistin und seit wenigen Monaten Verkäuferin am Naschmarkt in Wien. Sie ist Messie und weiß, dass sie sich mit jedem weiteren Stück ein wenig mehr die Luft zum Atmen nimmt. Deshalb auch die Idee mit dem Flohmarkt. "Wenn ich sehe, dass jemand mit einem meiner Ohrringe oder einem Kuscheltier eine Freude hat, kann ich mich leichter davon trennen."

Fließende Grenzen


Glaser ist kein Einzelfall. Geschätzte 30.000 Menschen in Österreich leiden darunter, zu viele Dinge zu haben. Der Grat zwischen Messie- und Nicht-Messie ist schmal. "Das geht schleichend", weiß Elisabeth Vykoukal, Psychoanalytikerin und Messie-Expertin an der Wiener Sigmund Freud Privatuniversität (SFU). Sie beschäftigt sich seit über zehn Jahren mit der speziellen Patienten-Gruppe. "Ich würde jemanden als Messie bezeichnen, wenn seine Wohnung nicht mehr funktional ist", erklärt die Therapeutin. Konkret ist damit die Erfüllung von Grundbedürfnissen gemeint: sich reinigen, sich versorgen, aber auch es sich gemütlich machen. Reißerische Mediendarstellungen von zugemüllten Wohnungen haben in den seltensten Fällen damit zu tun.

"Ich würde jemanden als Messie bezeichnen, wenn seine Wohnung nicht mehr funktional ist", sagt die Psychologin Elisabeth Vykoukal.
"Ich würde jemanden als Messie bezeichnen, wenn seine Wohnung nicht mehr funktional ist", sagt die Psychologin Elisabeth Vykoukal.

Wer die engagierte Psychoanalytikerin über "ihre" Messies reden hört, spürt schnell die Sympathie, die sie für ihre Klienten hegt und auch die Vorsicht beim Umgang mit der Diagnose. "Was Messies in extremer Form ausleben, kennen wir im Prinzip alle von uns selbst, denn wer kämpft nicht von Zeit zu Zeit mit seiner überbordenden Büchersammlung oder der großen Taschenfülle im Kleiderschrank?", fragt Vykoukal.

Die Therapeutin plaudert dabei gerne aus dem eigenen Leben. Als ihr Partner vor kurzer Zeit zu ihr gezogen sei, habe sie erst bemerkt, welche Menge an Büchern sie im Laufe ihres Lebens angehäuft habe. In gewisser Weise ist es wohl ein komplett normales Altersphänomen, sich die Wohnung voll zu räumen, denn wer mistet schon konsequent jedes Jahr aus? Hinzu kommt, dass Menschen zeitlebens ihr Potential ausloten wollen. "Ich müsste mir eigentlich keine Kleider mehr kaufen, meine Schränke sind voll", so Vykoukal, "aber ich tue es eben, weil ich natürlich immer wieder Neues ausprobieren möchte, zum Beispiel: Wer bin ich denn in Pink?"

Doch während Vykoukal - zwar mühsam aber doch - die eigenen Bücherberge reduzieren konnte, um dem Partner in der Wohnung Platz zu machen, gelingt Messies genau dieser Schritt nicht mehr. Auch Glaser kennt das. Als ihre Gemeindewohnung im 5. Wiener Bezirk vor vielen Jahren saniert werden sollte, mietet sie sich ein privates Geschäftslager in unmittelbarer Nähe an, um ihren Besitz auszulagern. Die Sanierung kommt nicht, das Lager bleibt . . . und wird immer voller. An Ausmisten ist bald nicht mehr zu denken, die eigene Wohnung muss als Stauraum herhalten. 2012 zeigt sie der Nachbar an, da er den vollgeräumten Balkon für eine Brandgefahr hält; die erste Abmahnung von "Wiener Wohnen" flattert ins Haus. Mehr durch Zufall stößt Glaser auf der Suche nach Hilfe auf die Messie-Selbsthilfegruppe der SFU.

Begonnen hat das Sammeln jedoch bereits viel früher. Als junge Kindergärtnerin in Ausbildung braucht Glaser zum Bau einer Trommel Kondensmilchdosen und einen Autoschlauch. Glasers Vater besorgt damals nicht einen Schlauch, sondern gleich 10. Man ist glücklich, nicht nur die Kinder, sondern auch die Kolleginnen mit Material versorgen zu können. Was nicht gebraucht wird, wandert in die Sammel-Ecke. Aus der Ecke wird langsam ein Zimmer, aus dem Zimmer die Wohnung. Knöpfe, Klopapierrollen, Wollreste. "Ich habe selbst gesammelt und wurde auch immer gut versorgt", sagt Glaser im Rückblick. "Während die anderen Kindergärtnerinnen nach einer Zeit aufhörten, Wollreste zu sammeln, ging es bei mir immer weiter. Ich konnte nicht nein sagen."

Was Glaser beschreibt, erleben viele Menschen, die sich als Messies bezeichnen. Lieber alles selber haben, als einen anderen darum zu bitten, vorsorgen und sich ein Lager anlegen, um in schlechten Zeiten autark zu sein, und zugreifen bei Dingen, die nichts kosten. Würde ein Weltkrieg ausbrechen, viele der zwanghaften Sammler könnten problemlos eine lange Zeit auf sich selbst gestellt überleben.

Angst vor Mangel


Der Salzburger Psychologe und Psychotherapeut Rüdiger Opelt hat aus diesem Umstand eine Theorie gebildet. Als aufsuchender Therapeut stieß er vor 30 Jahren zum ersten Mal in Sozialsiedlungen auf das Messie-Phänomen. Heute taucht es in seiner Praxis immer wieder als Begleiterscheinung anderer psychischer Erkrankungen auf. Opelt ist überzeugt, dass es sich um keinen Zufall handelt, dass die Besitzsucht vor allem in der Generation 40+ um sich greift. "Der materielle Absturz vieler Familien während und nach dem Weltkrieg hat zu einer kollektiven materiellen Gier geführt", resümiert er. Wer den Mangel in der Kindheit dermaßen massiv erlebte, wird im Alter umso mehr dagegen ankämpfen - und zuweilen übers Ziel schießen.