Nichts als Pilger, soweit das Auge reicht. Links von mir, rechts von mir, vorne, hinten, oben und unten. Dazwischen Fahrradrikschas, Pferdekutschen und hupende Motorräder mit drei, vier und auch fünf Passagieren darauf. Ein hoher, quietschender Ton, der anhält. Tuuuuuut.

Ich bin umzingelt. Sie alle stürmen in irgendeiner Form zum Tempel von Bariyarpur, um dem Puja beizuwohnen, einem hinduistischen Ritual zu Ehren Gottes. Angeblich sind es zwei Millionen Menschen, die sich über die steinig-staubigen Pisten mühen, vielleicht auch drei oder doch nur eine. Wer weiß das schon? Passantenzähler gibt es in diesem nepalesischen Nest keine. Und außerdem, wie genau sieht eine Million Menschen aus an einem Ort, der normalerweise rund 11.000 Seelen beherbergt? Das wären rund zwanzig mittelgroße Fußballstadien voll. Tuuuuuuut.

Blutige Bilanz des Opferfests: rund 30.000 geköpfte Wasserbüffel . . . - © Zinggl
Blutige Bilanz des Opferfests: rund 30.000 geköpfte Wasserbüffel . . . - © Zinggl

Jeder schleppt irgendetwas: Koffer, Reissäcke, Kleinkinder. So mancher schultert eine Ziege, zieht einen Wasserbüffel an der Leine oder trägt einen Vogelkäfig auf dem Kopf, voll gepfercht mit Tauben. Trotz der anstrengenden und strapaziösen Anreise spiegeln sich in den Gesichtern der Menschen Vorfreude und Euphorie. Die Tiere hingegen sehen alles andere als glücklich drein. Ob sie ihr Schicksal bereits erahnen? Tuuuuuut.

Eigentlich ist Bariyarpur ein harmloses Plätzchen. Schmucklos und einfach. Ein Dorf wie jedes andere im südlichen Nepal. Mal gibt es Strom, dann wieder nicht. Kilometerweite Nassreisfelder machen die Gegend zur Kornkammer des zweitärmsten Landes Asiens, wenngleich davon bis auf ein paar vertrocknete, gold-grüne Halme nichts zu sehen ist. Die Ernte ist vorbei, das Stroh wird geschnitten, um es in den kalten Nächten zu verheizen. Da und dort steht eine Lehmhütte, dazwischen Senfkornfelder, Salbäume und Krähen. Im Fünfjahresrhythmus aber verwandelt sich Bariyarpur in einen Hexenkessel. Die Zutaten: Millionen hinduistischer Pilger aus Nepal und den angrenzenden indischen Bundesstaaten. Abertausende Wasserbüffel, Schweine, Ziegen, Hühner und Tauben. Und eine Göttin namens Gadhimai. Es ist das größte Blutopfer-Schlachtfest der Welt.

Kämpft gegen das Gemetzel: Manoj Gautam. - © Zinggl
Kämpft gegen das Gemetzel: Manoj Gautam. - © Zinggl

Im Rausch der Betelnuss, des Kautabaks oder im Blutrausch, jedenfalls wie ferngesteuert, bewegt sich der Menschenfluss im Schneckentempo vorwärts, trägt mich Zentimeter für Zentimeter mit, wie einen Surfer auf einer Welle. Das Kollektiv erlaubt kein eigenes Tempo, Handeln oder Denken. Ein Drängeln, ein Drücken, ein Schubsen, ein Stoßen. Hier ein Ellbogen, da eine Schulter. Und natürlich: Tuuuuuuuut.

Dazwischen verkommen ein paar Leprakranke am Boden, wenngleich manche bösen Zungen behaupten, dass ihre Wunden nicht echt seien. Arme Teufel sind sie dennoch. Mit Stockschlägen sorgt die nepalesische Polizei für Zucht und Ordnung - für volle zehn Sekunden. Danach regiert wieder das Chaos. Über dem 30 Quadratkilometer großen Areal hängt eine Duftwolke, die sich aus Fäkalien, verbranntem Müll, Abgasen, Weihrauch und Staub zusammensetzt. Da helfen auch die Schutzmasken und vielen bunten Tücher um Münder und Nasen nicht. Dazu noch ein Geräuschpegel, der die Dezibel im Trommelfell hämmern lässt. Neben den Hupen und Fahrradklingeln dringen aus den Lautsprechern abwechselnd Gebetssalven, Hindi-Filmschlager und das Geplärre von verlorengegangenen Knirpsen. Einhundert Kinder pro Stunde sollen es in dem unentrinnbaren Gewirr sein. Alles bewegt sich in Trance - gemeinsam. Da ist er wieder, der kollektive Wahnsinn.

Nur einer passt nicht ins Bild. Wie ein meditierender Sadhu sitzt Manoj Gautam abgesondert und still vor dem Tempel - im Hungerstreik. Olivgrüne Kapuzenjacke, getrimmter Vollbart, Designerbrille. Als kleiner Junge bewunderte er Jane Goodall, später lernte er sie persönlich kennen, heute leitet Manoj das Jane-Goodall-Institut in Nepals Hauptstadt Kathmandu, ist Tierschützer und Präsident des Vereins "Animal Welfare Network Nepal". Um ihn herum eine Handvoll Gleichgesinnter, unter anderem ein regional bekanntes Gesicht: Swami Agnivesh, ehemaliger Bildungsminister Indiens und Sozialaktivist.

Viele Drohanrufe

Beim letzten Gadhimai vor fünf Jahren nahm sich Manoj felsenfest vor, das diesjährige Festival blutfrei über die Bühne gehen zu lassen. Vergebens, soviel vorweg. Aber einen Teilerfolg könnte der schlaksige Jüngling feiern, wenn er wollte. Tut er aber nicht, denn Manoj ist bescheiden. Die indischen Behörden haben den Export von möglichen Schlachttieren nach Nepal verboten und die Grenzen überwacht - dank Manojs Kampagne. Der illegalen Überquerung zum Trotz sind dadurch diesmal rund zehn Mal weniger Tiere betroffen als bei der Messe fünf Jahre zuvor. Dass er sich mit seinem Engagement sowohl in Indien als auch in Nepal viele Feinde gemacht hat, ist dem 29-jährigen Nepalesen bewusst. Die vielen Drohanrufe erinnern ihn jeden Tag daran.

"Sie können auch mich töten, sage ich immer. Aber dann kommt halt ein anderer an meine Stelle", ist Manoj überzeugt. Sein Englisch ist ebenso perfekt wie sein Auftreten. "Gemeinsam sind wir stark." Dazu musste es aber erst einmal kommen. Vor fünf Jahren war Manoj der Einzige, der an ein schlachtfreies Gadhimai geglaubt hat. "Alle haben mich als Verrückten abgestempelt. Und heute haben wir Anhänger auf der ganzen Welt." Freundlich, aber bestimmt rufen die Pilger Manoj etwas zu: "Ihr könnt protestieren, so viel ihr wollt. Gadhimai wird immer weiter existieren. Das ist unsere Kultur!" Manoj lächelt höflich: "Gadhimai schon, aber mit dem Blutopfer ist Schluss."