Seit Wochen fragt man mich, die Wilhelm-Busch-Biografin, nach "Max und Moritz". Schließlich feiern die frechen Streiche in diesem Jahr ihren 150. Geburtstag. Aber warum fragt man mich jetzt? Nun ja, in gewisser Weise ist das ganze Jahr 1865 ein Max-und-Moritz-Jahr, denn damals stellten Wilhelm Busch und sein Verlag die Bildergeschichte fertig. Außerdem will ja jeder immer der Erste sein, der eine Gedenknachricht bringt. So antwortete ich mir selbst.

Stutzig wurde ich allerdings, als ich dringend zu einem Interview geladen wurde. In dem entsprechenden Artikel war zu lesen, "Max und Moritz" sei am 4. April 1865 veröffentlicht worden. Doch hatte Busch zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal die Zeichnungen auf die Druckstöcke übertragen.

Woher stammte die Information? In der ersten Zeile des Wikipedia-Artikels zu "Max und Moritz" stand bis vor kurzem: "am 4. April 1865 erstveröffentlicht". Ein völlig aus der Luft gegriffenes Datum - mehr als ein halbes Jahr zu früh. Auch im viel benutzten Deutschen Rundfunkarchiv fand man es so unter "Jahrestage". Wer hat da von wem abgeschrieben?

So etwas kommt vermutlich öfter vor. Aber in diesem Fall zogen die paar Zahlen einen Rattenschwanz an Folgen hinterher. Für das falsche Jubeldatum 4. April 2015 sind Vorträge angekündigt und Feierlichkeiten, Firmen und Verlage werben damit, unzählige Zeitungen, Fernseh- und Radiosender werden unisono berichten: "Heute vor 150 Jahren erschien Max und Moritz."

Das weltweite Netz ist voll von dieser Falschinformation. Ob es die Macher von Kalenderseiten sind, Museumsleute oder Website-Betreiber: Keiner stellte das Datum in Frage. Dabei steht weiter unten in demselben Wikipedia-Artikel: "Im August 1865 zeichnete Wilhelm Busch . . . die Geschichte auf die Holzdruckstöcke und im Oktober 1865 kam die Bildergeschichte . . . heraus."

Genau: Der Erscheinungszeitraum ist Ende Oktober 1865. Der Wilhelm-Busch-Experte Hans Ries hat in seiner historisch-kritischen Ausgabe die Publikationsgeschichte in allen Details ausgeführt und dieses Datum mit etlichen Nachweisen abgesichert.

Am 8. März 2015 wurde der Fehler im Wikipedia-Artikel korrigiert. Zu spät: Die Maschinerie der Meldungen und Artikel, "pünktlich" zum falschen Datum 4. 4. 2015, ist längst angelaufen. Irgendwie verfolgt mich seit einigen Tagen die Vision eines feixenden Wilhelm Busch.

Gudrun Schury lebt als Autorin, Literaturwissenschafterin und Dozentin in Bamberg. Sie ist Autorin des Buchs "Ich wollt, ich wär ein Eskimo. Das Leben des Wilhelm Busch" und Herausgeberin von "Wilhelm Busch: 100 Gedichte".