Im Frühjahr 1952 erlebte Wien einen veritablen Theaterskandal. In nahezu allen österreichischen Zeitungen wurde auf einen Schauspieler eingedroschen, der es gewagt hatte, auf dem Höhepunkt eines meteoritenhaften Aufstiegs zum Bühnenstar seinen Vertrag mit dem Burgtheater zu lösen, um sich ganz seiner ebenfalls steil ansteigenden Karriere als Leinwandstar zu verschreiben. Der Entschluss wurde als Fahnenflucht aus den hehren Hallen der Kunst, als Desertion in die Niederungen der wertlosen Unterhaltungsindustrie gebrandmarkt.

Die Aufregung war groß, das Kesseltreiben lautstark. Der Kritikerpapst Hans Weigel hielt in einem "Offenen Brief an einen Schauspieler" in den "Salzburger Nachrichten" dem namentlich nicht genannten Burg-Abtrünnigen eine Standpauke, die in
ihrer moralischen Anmaßung und künstlerischen Einseitigkeit bemerkenswert ist: "Niemand verübelt es einem Mitmenschen, wenn er die Gelegenheit zum Geldverdienen wahrnimmt", schrieb Weigel gönnerhaft, nur um dann den Schauspieler frontal anzugreifen: "Sie sollen Ihre Villa und Ihr Auto haben, Sie sollen essen, trinken und reisen, soviel Sie wollen, Sie müssen auch, ich weiß es, grausam hohe Steuern zahlen, und in diesem Fall stehe ich sogar durchaus auf Seiten der Finanzämter. Doch dies alles rechtfertigt nicht, was Sie mit sich und Ihren Gaben anfangen . . . Wenn das Theater in seiner Substanz bedroht ist, wenn die vielbesprochene Theaterkrise auch eine Krise der großen schauspielerischen Potenz ist, sind Sie mitschuldig, ja: Sie, lieber Freund!"

Der Volksschauspieler

Ganz Österreich wusste, wer da an den Pranger der öffentlichen Meinung gestellt wurde. Just nach seinem fulminanten Uraufführungserfolg in der Titelrolle von Carl Zuckmayers "Herbert Engelmann" (nach Gerhart Hauptmann) im März 1952 hatte es der österreichische Schauspielerstar Otto Wilhelm Fischer gewagt, seinen Rückzug aus dem Burgtheater bekanntzugegeben. Sein Entschluss, sich fortan nur mehr dem Film zu widmen, wurde ausschließlich der Gier nach dem schnöden Mammon zugeschrieben. O. W. Fischers eigene, oft wiederholte Stellungnahme wurde verächtlich überhört. Sie lautete emphatisch: "Film, das ist das große Volkstheater unserer Zeit!"

Aus dem Volkstheater, dem für ein breites Publikum spielenden künstlerischen Ensemble, kam der noch junge O. W. Fischer wirklich: Der Sohn eines Juristen und späteren Hofrats aus Klosterneuburg hatte, nach einer fulminant kurzen Ausbildungszeit am Max Reinhardt Seminar und ebenso kurzem Eleven-Dasein am Theater in der Josefstadt, sehr rasch auf der Bühne des Deutschen Volkstheaters in Wien erstes Aufsehen als junger Heldendarsteller, als klassischer Liebhaber sowie als wienerisch-beherzter Nestroy-Spieler erregt.

Das Haus wurde seit dem "Anschluss" von dem deutschen Theaterfachmann Walter Bruno Iltz geleitet. Unter der Regie dieses geschickt zwischen Anpassung und Widerstand pendelnden Direktors überzeugte O. W. Fischer 1942 vor allem in der Charakterrolle des "Demetrius" von Hebbel. Einen künstlerischen Durchbruch hatte er bereits im Jänner 1941 im Rahmen einer "Grillparzer-Woche der Stadt Wien" als Herzog Otto von Meran in einer Festaufführung von "Ein treuer Diener seines Herrn" errungen und später in der Rolle des Zaren Alexander in "Spiel mit dem Feuer", einer Komödie rund um den Wiener Kongress, bestätigt. Über Iltz sagte Fischer später, er sei "die sichere Burg demokratischen Freigeistes" gewesen.

Im Deutschen Volkstheater hatte O. W. Fischer neben Darstellergrößen wie Judith Holzmeister, Dorothea Neff, der jungen Inge Konradi oder Curd Jürgens zu den Stützen des Ensembles gehört. Als Burgschauspieler vermochte er ab 1946 das Wiener Publikum im Sturm zu erobern. Herausragend waren unter anderem seine Darstellungen des "Anatol" in Schnitzlers "Frage an das Schicksal" (1946), Shakespeares "Julius Caesar" (1949), des Saint-Just in "Dantons Tod" von Büchner (1947) und des Prinzen in Lessings "Emilia Galotti" (1951).

Von früh an wirkte O. W. Fischer an Spielfilmen für das Kino mit. Als 21-Jähriger war er 1936 neben Werner Krauß, Hortense Raky und Hans Moser in Willi Forsts legendärem Melodram "Burgtheater" zu sehen. Es folgten weitere eher harmlose Filmrollen. Sehr zweifelhaft war indes seine Beteiligung an "Wien 1910", einem ab 1941 unter der Regie von E. W. Emo gedrehten Film über die letzten Tage im Leben des Wiener Bürgermeisters Karl Lueger ("Darstellung der Persönlichkeit des großdeutschen Vorkämpfers Dr. Lueger" nannten es die Nazis). In diesem üblen Propagandastreifen spielte Fischer den Sohn eines Börsenmaklers, Vertreters jener "Volksschädlinge", als die hier neben den Juden auch die Sozialdemokraten verunglimpft wurden. Der von Fischer verkörperte Student versetzt dem "Juden Victor Adler" im Wiener Gemeinderat empört eine Ohrfeige. Gleichwohl wurde der Film 1943 als "zu volkstümlich" für die "Ostmark" verboten. Jedenfalls waren die Nazis dem aufstrebenden Filmschauspieler Fischer gewogen und nahmen ihn in das Verzeichnis der Unersetzlichen auf, das sie als Liste der "Gottbegnadeten" führten.