Der Verdächtige hatte etliche Vorstrafen wegen verschiedener Einbrüche und Diebstähle, die aber nicht unbedingt eine Neigung zu einem Blutverbrechen zu erkennen gaben. Zwei Fälle aus seiner Vergangenheit ließen allerdings aufhorchen: Als Siebzehnjähriger hatte Weinwurm 1947 in einer Schule mit einer Pistole ein Mädchen zwingen wollen, sich zu entkleiden. Da das Mädchen um Hilfe rief, flüchtete er, konnte aber noch im Gebäude angehalten und verhaftet werden. Leider versäumte die Polizei damals eine Eintragung in der Kartei der Sexualattentäter. Der Gerichtsgutachter sprach von einer "psychopathischen Persönlichkeit an der Grenze einer Psychose".

Divergierende Urteile


Da kein Anhaltspunkt für eine Unzurechnungsfähigkeit zur Tatzeit vorlag, wurde er zwar wegen Erpressung schuldig gesprochen, aber keine Strafe verhängt, was nach dem österreichischen Jugendgerichtsgesetz möglich ist.

Etwa zwei Jahre später setzte Weinwurm einer Frau in Raubabsicht eine Papierschere an die Brust. Weinwurm wurde verhaftet und wieder ohne erkennungsdienstliche Behandlung der Staatsanwaltschaft zur Anzeige gebracht. Diesmal fiel das psychiatrische Gutachten anders aus. Der Täter wurde als Geisteskranker qualifiziert, somit war ein Strafausschließungsgrund gegeben. Das Verfahren wurde eingestellt und die Einweisung in die Heil- und Pflegeanstalt am Steinhof verfügt.

Nach knapp einem Jahr wurde Weinwurm nicht mehr als anstaltsbedürftig befunden und wieder entlassen. Zum nächsten Strafverfahren wegen 82 nachgewiesener Einschleichdiebstähle kam es im Jahre 1953. Im Gutachten des Psychiaters gab es seiner Meinung nach keinen Anhaltspunkt, eine Geisteskrankheit anzunehmen, im Gegensatz zum Gutachten im vorangegangenen Verfahren. Das Gericht verurteilte Weinwurm zu vier Jahren schwerem Kerker, die er allerdings nicht zur Gänze verbüßen musste. Der Fall ist ein Musterbeispiel dafür, wie widersprüchlich psychia-trische Gutachten sein können.

Bei der Einvernahme entwickelten die Beamten die Taktik, mit keinem Wort den Opernmord zu erwähnen. Weinwurm wurde nur aufgefordert, über die Tage nach der Entlassung aus dem Arbeitshaus zu erzählen. Als die Rede auf den 12. März kam, verrieten die Beamten mit keiner Geste, dass die Aussage des Mordverdächtigen von größtem Interesse sein würde. Weinwurm bot für diesen Tag völlig unaufgefordert ein Alibi an. Er sei von Wien nach Salzburg gefahren und weiter nach Deutschland und von dort erst im April zurückgekommen.

Brüchiges Alibi


War das ein perfektes Alibi? Wenn Weinwurm am Vormittag oder Nachmittag nach Salzburg gefahren ist, war er nicht um 17 Uhr in Wien und kann somit nicht der Mörder sein. Er erzählte aber auch, dass er nach seiner Ankunft in Salzburg keinen Grenzübertrittsschein nach Deutschland mehr bekommen habe, woraus hervorging, dass er seine Reise weder am Vormittag noch am Nachmittag angetreten hatte. Tatsächlich ist er erst um 2O Uhr in Wien abgefahren, war also von daher dringend tatverdächtig. Er merkte, dass sein Spiel verloren war und legte vor einem bestimmten Kriminalbeamten, zu dem er Vertrauen gefasst hatte, ein umfassendes Geständnis ab. Er gestand die drei Messerattentate und das Gabelattentat auf die Pensionistin, deren Mut es zu verdanken war, dass der Täter gefasst werden konnte. Schließlich gab er auch den grauenerregenden Opernmord zu. Als Motiv gab er "abgrundtiefen Frauenhass" an.

Vom 6. bis 10. April 1964 fand vor einem Geschworenengericht der Prozess statt. Als psychiatrische Gutachter fungierten Ralph Jech und der Jahre später wegen seiner politischen Vergangenheit äußerst umstrittene Primar Heinrich Groß. Beide kamen zu dem Ergebnis, dass Weinwurm strafrechtlich voll verantwortlich sei. Ein markanter Satz aus dem Gutachten lautete: "Gestört ist nicht sein Gehirn, sondern sein Charakter".

Am 10. April 1964 wurde das Urteil gefällt: Lebenslanger Kerker, verschärft durch hartes Lager und einen Fasttag monatlich, sowie Dunkelhaft an den Tagen der Verbrechen. Nach 24-stündiger Bedenkzeit gab Weinwurm eine Rechtsmittelverzichtserklärung ab und wurde in die Justizanstalt Stein überstellt, wo er 1966 einen Selbstmordversuch beging. Im Anschluss ist es still geworden um ihn. Er starb im Jahr 2004 und war jahrelang der längsteinsitzende Straftäter Österreichs.

Otto Hausmann, geboren 1935, ist Rechts- und Staatswissenschafter und lebt als Universitätsbediensteter i. R. in Wien.