Gehen wir weiter zurück in der an Kuriosa reichen Geschichte der Straßenumbenennungen, so landen wir zunächst bei der Revolution von 1848, die den Wienern über Nacht eine Barrikadenstraße, einen Constitutionsplatz, eine Studentenstraße und eine Versöhnungsstraße beschert hat. Bis heute erhalten geblieben sind die an die sogenannten März-Gefallenen erinnernde Märzstraße und der Achtundvierzigerplatz, während der Freiheitsplatz im Heurigenvorort Stammersdorf eine spätere Kreation ist: gewidmet dem Gedenken an die Ausrufung der Republik anno 1918.

Einen wahren Boom an Umbenennungen löste das Großprojekt des Ringstraßenbaues aus: Namen aus dem alten Wien, die inzwischen an Strahlkraft verloren haben, werden durch Persönlichkeiten höheren (und bleibenderen) Ranges ersetzt. So mutiert die Krebsgasse zur Marc-Aurel-Straße, die Untere Bäckerstraße zur Sonnenfelsgasse.

In den 1920er und frühen 1930er Jahren - insbesondere als Folge der Februarkämpfe - kommen eine Reihe sozialdemokratischer Arbeiterführer als "Straßenpaten" zum Zuge, und eine förmliche Umwälzung setzt nach 1945 ein, als es gilt, die Namen der diversen Nazigrößen aus dem Stadtbild zu tilgen: Der Rathausplatz löst den Adolf-Hitler-Platz ab, Gauleiter Josef Bürckel muss Bundespräsident Karl Renner weichen (wobei der nunmehrige Dr.-Karl-Renner-Ring in seiner Geschichte - von Franzensring über Ring des 12. November bis zu Dr.-Ignaz--Seipel-Ring und Parlamentsring - nicht weniger als fünf Mal seinen Namen wechselt).

Bei der 1955 erfolgenden Umwandlung der Kernstock- in die Tauschinsky-Gasse verbleibt man innerhalb der "Branche": Dem "braunen" Barden Ottokar Kernstock folgt der "rote" Publizist Hippolyt Tauschinsky. Schon 1920 wird aus der Großen Zufahrtsstraße die Straße des Ersten Mai, und Kaiser Franz Josephs Kriegstreiber Conrad von Hötzendorf wird 1949 zugunsten des Reichsratsabgeordneten Josef Schlesinger eliminiert.

Lueger und Renner

Im Zuge der durch die Waldheim-Affäre der 1980er Jahre ausgelösten verstärkten Aufarbeitung des österreichischen NS-Erbes kommt es nicht nur zur Rehabilitierung etlicher 1938 aus ihrer Heimat vertriebener jüdischer Persönlichkeiten, sondern auch zu einer heftig geführten Diskussion über die Frage, ob es zulässig sei, an der Ehrung eines erklärten Antisemiten wie des Bürgermeisters Karl Lueger festzuhalten - mit dem Ergebnis, dass der Dr.-Karl-Lueger-Ring 2012 tatsächlich in Universitätsring umbenannt wird. Bis dato gescheitert sind die "Retourkutschen" der Gegenseite, doch auch den "Anschluss"-Sympathisanten Karl Renner und den Euthanasie-Befürworter Julius Tandler an den Pranger zu stellen.

Weitere "Kandidaten" für eventuelle "Verbannung" aus dem Wiener Straßennetz sind der Autokonstrukteur Ferdinand Porsche, dem sein NSDAP-Parteibuch und der Totenkopfring der SS vorgehalten werden, der Radsport-Profi Ferry Dusika, der von der Arisierung jüdischer Geschäfte profitierte, und die Schriftstellerin Maria Grengg, die vor lauter Hitler-Kult ihr Geburtsdatum gefälscht hatte, nur um im selben Jahr wie der "Führer" auf die Welt gekommen zu sein. Erst spät wurden die NS-Verstrickungen der Theaterwissenschafterin Margret Dietrich enthüllt - ihr Name ist inzwischen aus dem Straßenverzeichnis getilgt. Im Hinblick auf den Austragungsort des Song Contest 2015, die Wiener Stadthalle, geriet schließlich auch deren Erbauer, Architekt Roland Rainer, in die Diskussion: Sei es der Weltöffentlichkeit gegenüber zu verantworten, dass die Großveranstaltung an einem Ort (Roland-Rainer-Platz 1) stattfinde, der an die biologistisch-rassistische Diktion des einstigen NS-Günstlings erinnere?

Über alle Kritik erhaben ist der Beschluss des Wiener Gemeinderats vom 23. November 1982, das Verbindungsstück zwischen Siebeckstraße und Prandaugasse im Herzen von Kagran in Straße der Menschenrechte umzubenennen. Ich denke, das ist eine UNO-Stadt wie Wien sich und der Welt schuldig. Breiter Zustimmung gewiss ist auch der Plan der Bezirksvertretung Wien-Margareten, den Hauptwegen des Naschmarkts in Hinkunft Namen zu geben - und zwar die wirklich vorzüglich passenden Namen Sopherl, Minerl, Reserl und Mariedl.

Ein anderes Kapitel ist die Gedenkkultur rund um die alliierten Besatzungsmächte nach dem Zweiten Weltkrieg. Erst nach dem Abzug der letzten Sowjetsoldaten im Oktober 1955 kann sich der Stalinplatz wieder in den altehrwürdigen Schwarzenbergplatz zurückverwandeln, und die "zur Erinnerung an die Befreiung Wiens vom Hitler-Faschismus" installierte Straße der Roten Armee wird in Industriestraße umbenannt.

Zum Schluss noch ein Wort zu einer neueren Zeiterscheinung, die durchaus auch bei Straßenumbenennungen eine Rolle spielen könnte. Ich spreche von der wegen ihrer zahlreichen, oft ans Lächerliche grenzenden Auswüchse heftig umstrittenen "political correctness". Bevor allzu eifrige Hitzköpfe auf die Idee kommen könnten, vielleicht auch die Negerlegasse im Bezirk Leopoldstadt in Frage zu stellen, sei vorsorglich angemerkt, dass es sich bei diesem herzig anmutenden Namensgeber nicht - wie etwa im Falle der Kleinen Mohrengasse - um einen juvenilen Vertreter der "schwarzen Rasse", sondern um den garantiert "weißhäutigen" Handelsmann Wilhelm Negerle handelt, der mit der Errichtung der ersten Häuser in dem betreffenden Grätzel in die Wiener Lokalgeschichte eingegangen ist.

Dietmar Grieser, geboren 1934, lebt als Schriftsteller und literarischer Reporter in Wien. Der Text hier ist ein gekürzter Auszug aus seinem neuesten Buch: "Wege, die man nicht vergisst. Entdeckungen und Erinnerungen" - soeben im Wiener Amalthea Verlag erschienen (277 Seiten, 24,95 Euro).