Kritische Distanz

Zunftbücher oder die Verlassenschaftsakten der Bezirksgerichte in den Landesarchiven können weiterhelfen. "Auch wenn Kirchenbücher von allen Quellen die verlässlichsten sind - als Ahnenforscher muss man immer sehr kritisch bleiben", sagt Amon.

Während nunmehr eine wachsende Anzahl von Matrikenbüchern digitalisiert ist, musste man früher jedes Buch persönlich in Augenschein nehmen, und das kostete Zeit und Geld, "aber auch jede Menge Telefonate, oftmals Bitten und Betteln, und auch so manche Bonbonniere", wie Melitta Riegler erzählt, die in jede einzelne Pfarre gefahren ist. Und das waren knapp 150, denn ihre Vorfahren sind viel herumgezogen.

So wie die von Otto Amon. Einer seiner Vorfahren stammte sogar aus Venedig, es handelte sich um einen Gondoliere. Olivio Francesco war von Theodor Graf Sinzendorf Ende des 17. Jahrhunderts nach Hagenberg geholt worden. Im Zuge der sich nähernden Türkengefahr wurden im Weinviertel die Burgen aufgerüstet, Schloss Hagenberg mit einem Burggraben samt See versehen. "Graf Sinzendorf dürfte in Venedig von den Gondeln sehr beeindruckt gewesen sein", sagt Amon, "jedenfalls ließ er einen See aufstauen und aus Venedig drei Gondeln samt Gondoliere kommen." Selbst Kaiser Leopold I. war um 1700 dort zu Besuch. Francescos Sohn, ebenfalls Gondoliere, wurde sogar an den Fürsten Liechtenstein verborgt. Noch heute erinnert beim Schloss eine Tafel an diese Geschichte.

Wie war Amon auf den Gondoliere gestoßen? - Einer seiner Vorfahren, ein Schustersohn aus Hagenberg, hatte in eine Landwirtschaft eingeheiratet, doch seine Frau, die Bäuerin, starb bald darauf. Bei dessen zweiter Frau handelte es sich um Rosalia Olifi - die Enkelin eines gewissen Francesco Olivi, die, so wie er, aus Hagenberg kam. "Rosalias Großvater hieß eigentlich Olivio Francesco - er war der besagte Gondoliere -, aber der Pfarrer hat Vor- und Nachnamen vertauscht, und diesen dann auch noch falsch geschrieben", erklärt Amon.

Kunst der Recherche

Manchmal ist Hilfe von außen unerlässlich - vor allem, wenn das Forschungsgebiet ein sehr weites ist. So wie das von Melitta Riegler, das sich auf Niederösterreich, Südmähren, die Slowakei, aber auch das Elsass erstreckt. Bei ihren Auslandsausflügen bekam sie Unterstützung von Mormonen, die schon vor Jahrzehnten viele Quellen auf Mikrofiche verfilmt hatten und bis heute in der Ahnenforschung führend sind. "Ich habe Kontakt mit der Leiterin des Tempels in der Wiener Böcklinstraße aufgenommen", erzählt Melitta Riegler. Die Besuche in Tschechien, die sich für sie alleine sehr mühsam gestaltet hatten, verliefen mit der professionellen Unterstützung der Mormonen nahezu reibungslos.

Ausflüge wie diese sind mittlerweile die Ausnahme. Wer heute Ahnenforschung betreibt, muss nicht mehr jede Pfarre persönlich aufsuchen, sondern kann die Recherche über das Internet betreiben. Geschichte - allen voran die eigene - wird damit für jedermann zugänglich. Als Otto Amon 2013 von der Online-Verfügbarkeit der Kirchenbücher erfuhr, wuchs die Zahl seiner Vorfahren - einschließlich der Nebenlinien - binnen Kurzem auf über 1900 an.

Amon bestreitet nicht, stolz darauf zu sein, dass seine Ahnentafel bereits zwölf Generationen zurückreicht. Doch Ahnenforschung ist für ihn weit mehr als ein Detektivspiel mit Ortsnamen und Jahreszahlen: "Ahnenforschung ist das Aufarbeiten von Schicksalen, die zu unserer Existenz führen. Das hat etwas ungemein Tröstliches, wenn wir uns als Teil eines riesigen, größeren Ganzen begreifen können. Es gäbe mich nicht, wenn es den venezianischen Gondoliere um 1685 nicht nach Hagenberg verschlagen hätte, denn ich bin das genetische Produkt all dieser vorangegangenen Einzelschicksale."