"Der Skilehrer der Skilehrer": Hans Zehetmayer (1927-2016) - © privat
"Der Skilehrer der Skilehrer": Hans Zehetmayer (1927-2016) - © privat

Die Tante aus Wien hat dem Buben aus dem Triestingtal eine Freude machen wollen und ihn ins Kino eingeladen. "Sonne über dem Arlberg" alias "Der weiße Rausch", Arnold Fancks legendärer Ski-Film, hat im kleinen Hans den Enthusiasmus für die Wunder des Schneeschuhs geweckt. Später, am Schulskikurs in den Nockbergen, entwickelte sich erstmals die Neugierde für das "Wie". Damit war bei Hans Zehetmayer die Spur für eine Laufbahn in der Sportpädagogik gelegt.

An berühmten Skipädagogen mangelt es in der früheren Geschichte von Öster-Ski-reich wahrlich nicht. Von Zdarsky und Bilgeri über Hannes Schneider bis Stefan Kruckenhauser, von der Alpinen Ski-Fahrtechnik über die Arlbergtechnik bis zum Wedeln - die heimischen Skilehren waren besonders in der Nachkriegszeit identitätsstiftend und zugleich ein Export-Schlager.

Im Wiener Exil

Dort, wo Skilauf als österreichische Marke entwickelt wurde, in der staatlichen Ausbildung zum Berufsskilehrer am Arlberg, wurde es für den "Zecherl" aus Wien nach vielen Jahren Lehrtätigkeit und trotz der Freiheit der Berge zu eng. Er stand ebenso konsequent zum natürlichen Kurvenfahren wie er die vorherrschende Methoditis kritisierte. So wurde ihm die venia legendi in der Meisterklasse kurzerhand entzogen.

Anfänglich hat ihn das natürlich gewurmt, zumal die Entscheidung nicht zuletzt auch eine sportpolitische war. Lange hat der agile "Skiprofessor" allerdings nicht gehadert und seine eigentliche Aufgabe an der Bundesanstalt für Leibeserziehung, als Vorstand der Ausbildung von Vereins- und Schulskilehrern, im Wiener Exil als Herausforderung erkannt.

Sein Wirken an der Basis der österreichischen Skipädagogik hat Hans Zehetmayer zwar längst nicht die Popularität eines Skipapstes beschert. Die Aufmerksamkeit der breiten Öffentlichkeit war und ist schließlich vorwiegend auf das Alpine-Ski-Wirtschaftswunder und rot-weiß-rote Rennerfolge gerichtet. Und wenn es gut läuft, stellt sich die Frage nach den Erfolgskomponenten naturgemäß eher selten.

Einen entscheidenden Beitrag zum Erfolg sollte man sich dennoch vor Augen führen. Ihn leisten die unzähligen Helfer und Vermittler - früher Lehrwarte, jetzt Instruktoren - auf Vereinsebene im Breitensport. Sie legen einen bedeutenden Grundstein für eine konstante Positiv-Bilanz an der Weltspitze, denn ohne sie wäre die Begeisterung für den Rennsport um vieles geringer. Und Hans Zehetmayer, über Jahrzehnte hinweg für ihre Ausbildung zuständig, hat ordentlich für die Verbreitung des "Skivirus" gesorgt.

Sein Ansatz, den er unzähligen Menschen mit auf den Weg in Vereine und Schulen gegeben hat, ist ein Fundament, auf dem viel Ruhm aufgebaut werden konnte. Er wollte und konnte angehende Pädagogen in eindrucksvoller Weise von den Vorzügen der dynamischen Skitechnik gegenüber dem Arlberger "Schönskilauf" überzeugen.

"Der Prüfstein einer Skitechnik ist ihre Anwendbarkeit, besonders unter den harten und vielfältigen Bedingungen des Wettkampfs. Der Prüfstein einer Skitechnik ist aber auch ihre Anwendbarkeit im Skiunterricht. Die Skitechnik der Rennläufer und der Kinder dient uns in der österreichischen Skilehrwarteausbildung als grundlegendes Bewegungsmuster des Erlernen des Kurvenfahrens mit Ski", schrieb Hans Zehetmayer 1985.

Ski- & Klavier-Swing

Auch die Zehetmayersche Unterrichtsmethode zeugte von einer natürlichen Herangehensweise. Sie war - auch nach heutigen Maßstäben - schon vor Jahrzehnten progressiv: Statt Frontalunterricht gab es Dialog, statt langatmigen Vorträgen kurzweiligen Swing - am Ski und als Draufgabe oft auch am Klavier.

Neben aller Lockerheit suchte der "Skilehrer der Skilehrer" nach Fakten und Belegen für seinen Standpunkt im bewegungswissenschaftlichen Diskurs. Ein Gedankenaustausch, der auf nationaler und internationaler Ebene geführt wurde und sich stets von großem gegenseitigem Respekt mit Granden wie etwa Stefan Kruckenhauser oder George Twardokens (USA) auszeichnete.

Der Quer- und Freidenker Zehetmayer fand einen Weg, seine plausiblen Erkenntnisse auf eindrucksvolle Weise zu vermitteln. Die "Wiener Skimodelle", von Raimund Sobotka und Helmut Gottschlich erdacht und von Hans Zehetmayer selbst weiter entwickelt, konnten seine Thesen klar veranschaulichen. Diese einfachen mechanischen Modelle - Ski mit einem Aufbau, der lediglich Knie- und Hüftgelenke simuliert - können auf einer schiefen Ebene selbsttätig exakte Kurven fahren. Selbst die schärfsten Kritiker aus den österreichischen Ski-Institutionen konnten gegenüber den Naturgesetzen der Ski-Physik keine Gegenargumente liefern.

International gefragt

Apropos österreichische Ski-Instutionen: Man könnte jetzt passend "Markus" und die entsprechende Bibelstelle zitieren. Aber Hans hat es nicht so mit der Bibel gehabt - und als Prophet sah er sich schon gar nicht. So war er den Verbänden im eigenen Land nie gram, wenn sie ohne ihn tagten. Er war sowieso andernorts gefragt: auf zahlreichen internationalen Kongressen als Vortragender und in Workshops. Noch im vergangenen Winter 2016 war er als "Skilehrer" und Referent für "SPORTS Deutschland" im Schnee-Einsatz.