Es war eine "edle musikalische Gemeinde, die sich hier am Grabe Beethoven’s versammelt hatte". Die Grabrede hielt Joseph Lewinsky, seines Zeichens "Wirklicher Hofschauspieler"; verfasst wurde sie von Hofrath Joseph Ritter v. Weilen, Direktor der Schauspielschule am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien und Präsident des Schriftstellerverbands Concordia. Zumindest bis zum heutigen Tag sollte sich der damals ausgesprochene Wunsch bewahrheiten:

" . . . hier (heute: Zentralfriedhof: Gruppe 32 A, Nummer 29) möge künftig, was irdisch ist von Ludwig van Beethoven, die letzte Ruhestätte finden, umgeben von Tausenden und aber Tausenden, die, als sie noch auf Erden gewandelt, seinen Namen voll Ehrfurcht genannt und die seligsten und erhebendsten Stunden ihres Lebens seinen Schöpfungen verdankten."

Schuberts Begräbnis, dessen Grab wiederum an der Seite Beethovens (Zentralfriedhof: Gruppe 32 A, Nummer 28) war, folgte drei Monate später, am Sonntag den 23. September 1888, bei prachtvollem Wetter. Es war nicht minder prunkvoll. Mit den Worten "Feierlich ernst und imposant" beginnt die "Presse" am nächsten Tag einen Artikel über die "Wiederbestattung der Gebeine Franz Schuberts".

Ein riesiger Chor

Abermals kam der achtspännige große Galaglaswagen zum Einsatz. Die Route war ident. Vor der Votivkirche warteten rund 1200 Sänger, deren Ansammlung - folgt man den damaligen Schilderungen - ein eindrucksvolles Bild geboten haben muss: "Diese rangirten sich nach Stimmgattungen. Der Conduct hielt längs der Ringstraße. Dem Componisten und Dirigenten des ‚Schubertbundes‘, Franz Mair, wurde die Ehre zu Theil, den Gesammtchor zu dirigiren. Der tausendstimmige Sang brauste mächtig hinaus." Mit einem Wort, ein Event, über den man noch lange sprach.

Die zahlreichen Exhumierungen in den letzten Dekaden des 19. Jahrhunderts wurden zum Anlass genommen, um den Zustand der jeweiligen Leichen wissenschaftlich zu untersuchen. Das Interesse galt neben einer Gesamtbeurteilung vor allem der Vermessung des Schädels (Kraniometrie), um - im Sinne der Schädellehre (Kraniologie) - Rückschlüsse auf den Menschen ziehen zu können.

Zu Schuberts Exhumierung am 22. September 1888 war nur wenigen Auserwählten Zutritt gewährt worden. Die Verwesung war bereits stark vorgeschritten. Den Schädel Schuberts bezeichnete der untersuchende Anatom, Professor Carl Toldt, als klein, "das Gesicht im Verhältniß zur Stirne sehr entwickelt, die Stellung der Kiefer als eine orthognate [=parallel zueinander]." (Die Presse, 23. September 1888). Das Kranium wurde fotografiert und im Detail (51 Messungen) untersucht.

Bei der Exhumierung Beethovens am 22. Juni 1888 galt das spezielle Augenmerk der Wissenschafter dem Kopf des Künstlers.

Beethovens Schädel

Zunächst muss man aber wissen, dass im Oktober 1863 auf Betreiben des "Musikvereins-Comités" Schubert und Beethoven bereits ein erstes Mal exhumiert worden waren, um "Gypsmodelle" von deren Schädeln zu machen. Dem Untersuchungsbericht der damaligen Anatomen ist zu entnehmen, dass ein Stück der Kalotte "mitten heraus [. . .] aus der Scheitelgegend" verloren gegangen war und dass das bei der Obduktion im Todesjahr 1827 entnommene Felsenbein fehlte. Die Exhumierung im Zuge der Überführung auf den Zentralfriedhof nutzte man, um zu klären, ob und inwieweit der Abguss von 1863 wissenschaftlich verwertbar, bzw. glaubwürdig war, zumal "dessen Genauigkeit und Verwendbarkeit zur Feststellung der Schädelform Beethoven’s" - so Toldt - "von mehreren Seiten angezweifelt worden ist."

Man ging 1888 auch der Frage nach, ob die Schädelnähte Beethovens frühzeitig verwachsen waren, was 1863 nicht beachtet worden war. Dies konnte 1888 definitiv verneint werden. Im Zuge der Untersuchungen tauchten Meldungen auf, dass zwei Zähne Beethovens verschwunden seien. Toldt gab dem Magistratsdirektor zu Protokoll, dass jede "Entnahme eines Bestandtheiles der Leiche" ausgeschlossen sei.

Natürlich folgte auch im Oktober 1863 eine würdevolle Bestattung der beiden Musiker. Die Einsegnung nahm Pater Hermann Schubert, Prediger des Stiftes Schotten und jüngster Stiefbruder des Komponisten, vor. Beim gemeinsamen 1863er Begräbnis trug der Wiener Männergesangsverein Choräle von Beethoven und Schubert vor.

So bekommen die eingangs zitierten Worte von Schubert und Beethoven "Nicht einmal im Grab läßt man uns Ruhe" eine tiefere Bedeutung, denn schon nach der Exhumierung von 1863 "wussten" sie, was auf sie zukam.