Das Dorf Deutsch-Mokra ist heute noch beinahe jenes von damals, mit seinen gemütlichen Schindelhäuschen . . . - © Heilingsetzer
Das Dorf Deutsch-Mokra ist heute noch beinahe jenes von damals, mit seinen gemütlichen Schindelhäuschen . . . - © Heilingsetzer

Das Tereswatal ist durch die Straßenverhältnisse in der Westukraine eine halbe Welt von Mukatschewo entfernt. Von den Deutschen Munkatsch genannt, war diese Stadt das Zentrum der von ihnen bewohnten Gebiete der sogenannten Karpatoukraine. Als wir in der Ortschaft Königsfeld ankommen, ist es stockdunkel. Nicht eine Menschenseele begegnet uns unter dem lichtlosen Himmel, zu hören ist nichts außer dem Bellen eines einsam trottenden Hundes.

Aufbruch im Trauntal

James Cook war gerade von seiner zweiten Weltumseglung heimgekehrt, als die Holzfachleute im Salzkammergut ihre Koffer packten, um auf vier Siebnerinnen, langen hölzernen Zillen, auf denen gewöhnlich Hallstätter Salz von Gmunden über die Traun zur Donau gebracht wurde, in eine ferne Welt zu reisen.

Der umsichtige k. k. Waldmeister Johann Georg Imeldis, der sich mit seiner Frau und den beiden Kindern auf den Weg gemacht hatte, sammelte Anfang Oktober des Jahres 1775 die Auswanderer aus dem oberen Trauntal in Ischl und führte sie traunabwärts nach Langbath, wo der Fluss in den Traunsee mündet. Dort erhielt die Auswandererschar noch einmal Zuwachs, um am Abend des 3. Oktober als großer Menschenzug Gmunden zu erreichen.

Die Holzknechte hatten zuvor einige Begünstigungen ausgehandelt, wie man sie auch im Dienst der Gmundner Salinenverwaltung genoss: neben der Ansiedlung an einem gemeinsamen Ort etwa einen besoldeten Arzt, einen Schulmeister, einen Pfarrer sowie eine Hebamme, einen festgelegten Wochenlohn, die unentgeltliche Bereitstellung von Baumaterial für ihre zu errichtenden Häuser, die später in ihr Erbeigentum übergehen sollten, eine Steuerbefreiung und gewisse Sozialleistungen.

Elisabeth Kais aus Königsfeld spricht so, wie man vor 250 Jahren im Salzkammergut gesprochen hat. - © Heilingsetzer
Elisabeth Kais aus Königsfeld spricht so, wie man vor 250 Jahren im Salzkammergut gesprochen hat. - © Heilingsetzer

Vor der Abreise wurden auf dem Salinenamt in Gmunden die "Bedingnisse", die endgültigen Ansiedlungsbedingungen schriftlich festgelegt, von sechs Holzknechten unterfertigt und schließlich den Auswanderern mit auf den Weg gegeben. Bei ihnen handelte es sich um Katholiken, die freiwillig, auch wegen der misslichen wirtschaftlichen Lage zu Hause, ans andere Ende der Donaumonarchie aufbrachen.

Als die Schiffe am 6. Oktober in Gmunden ablegten, waren 224 Passagiere an Bord, vor allem Forstarbeiter, aber auch Handwerker, die die Lebensbedürfnisse der Forstleute und ihrer Familien sichern sollten. Nach vier Tagen passierten die Schiffe Wien, am 16. Oktober erreichten sie Pest, von wo es im Wagen weiterging.

Am 9. November trafen die Auswanderer, 34 Tage nach der Abfahrt, im ungarischen Komitat der Marmarosch ein. Sie bewegten sich zunächst hinauf im Tal der Tereswa, benannt nach der Kaiserin Maria Theresia, dann am Fluss Mokranka entlang an ihr Reiseziel, einem Ruthenenweiler, der damals aus 16 einfachen Hütten bestand. Mitten in den Urwäldern der gebirgigen Gegend hart an der Grenze zu Galizien wurde hier ein neues Dorf angelegt, das man Deutsch-Mokra nannte. Es muss ein harter Menschenschlag gewesen sein, der alle Unannehmlichkeiten auf sich nahm.

Holz für die Salinen

Die oberösterreichischen Kolonisten hatten den Auftrag, durch systematische Abholzung und spätere Aufforstung der umliegenden Waldungen den enormen Bedarf an Holz bereitzustellen, den der schon unter Kaiser Karl VI. in der etwas südlich gelegenen Theiß-ebene begonnene und in der Regierungszeit seiner Tochter Maria Theresia intensivierte Salzbergbau sowohl hinsichtlich der Gewinnung des weißen Goldes, eines einträglichen Monopols des Staates, als auch dessen Transports auf Flößen verursachte. Dazu schwemmten die Holzknechte das geschlägerte Langholz über die Gebirgsflüsse zur Theiß hinunter, was durch die ausgeklügelte Schleusetechnik mithilfe von Klausen und künstlichem Hochwasser auch in wasserarmen Jahren geschehen konnte.

Dörfliche Idylle in einer schwierigen Umwelt. - © Heilingsetzer
Dörfliche Idylle in einer schwierigen Umwelt. - © Heilingsetzer

Der Waldreichtum machte aus Deutsch-Mokra schon um 1800 ein stattliches Dorf, der Kinderreichtum der Einwanderer es alsbald notwendig, eine Tochtersiedlung anzulegen. Ein wenig unterhalb der Stelle, wo die Quellflüsse Mokrjanka und Brusturjanka zusammenfließen, um sich zur Tereswa zu vereinigen, wurde im Jahr 1815 von den Kindern und Kindeskindern der Einwanderer aus dem Salzkammergut die Ortschaft Königsfeld gegründet, heute meist Ust-Tschorna genannt.

Nur ein schmales Himmelsfenster sieht man in diesem abgelegenen Tal, in dem die Winter lange dauern. Es hat seit Wochen nicht geregnet, die schweren Lastfuhren, die tagsüber und auch nachts mit teilweise illegal geschlägerten Langhölzern auf den Ladeflächen vom rücksichtlos ausgeräumten Wald herunterkommen, wirbeln den Staub auf.

In den weltentschwundenen Waldkarpaten sind die Verhältnisse schwer, wie überall fernab von Kiew. Die Straßen und manche Häuser verwahrlosen, die Arbeitslosigkeit ist eklatant. Das Tereswatal wird auch von keiner Müllabfuhr befahren.

"Nasse Gegend"

Die Schotterpiste hinauf nach Russisch-Mokra (Ruska-Mokra) und Deutsch-Mokra (Komsomolsk) im einsamen Tal der Mokrjanka ist nach mehreren Sintfluten nur noch mit Geländefahrzeugen im Schritttempo zu bewältigen. "Vor den Waldkarpaten kehren selbst die Vögel um", besagt ein polnisches Sprichwort, und noch mehr gelten diese Worte hier oben, wo es feucht ist wie im Regenwald, denn Mokra heißt "nasse Gegend". Der Ort wird seinem Namen gerecht.