Puppenärztin im Einsatz: Ermelinda Francisco bei der Erstversorgung eines lädierten Patienten. - © Zinggl
Puppenärztin im Einsatz: Ermelinda Francisco bei der Erstversorgung eines lädierten Patienten. - © Zinggl

Einst, als Lissabon noch ein kleines Küstenstädtchen war, wo jeder jeden kannte, ging man an den Markttagen zu Dona Carlota, wenn Puppen etwas fehlte. Die alte Dame saß vor einem Stand mit Kräutern und verkaufte eigenhändig hergestellte Stoffpuppen. Zudem fragten Kinder aus der Umgebung bei ihr um Rat und Tat für kaputtgegangene Spielsachen - und bald schon wurde Dona Carlota als Lissabons erste Puppenärztin stadtbekannt. 1830 eröffnete die Puppenheilerin schließlich ihre eigene Klinik am Praça da Figueira, Nummer 7.

Familienmission

Daraus entwickelte sich ein Familienbetrieb, der mehrere Generationen lang weitergegeben wurde, bis keine eigenen Nachkommen mehr vorhanden waren. Also vermachte Dona Carlotas Familie das Spital an ihre Nachbarn und Freunde: die Großeltern von Manuela Cutileira. Seit 25 Jahren trägt die pensionierte Volksschullehrerin mittlerweile selbst die Verantwortung als Geschäftsführerin bzw. Krankenhausdirektorin. Das ist ihre Mission, keine Profession. "Eine Familienmission", sagt Dona Cutileira, "meine Tochter Catarina wird das Spital irgendwann hoffentlich weiterführen. Wir machen das nicht als Arbeit, sondern für die Menschen."

Etwas gruselig: Puppenköpfe liegen in Vitrinen und Kommoden . . . - © Zinggl
Etwas gruselig: Puppenköpfe liegen in Vitrinen und Kommoden . . . - © Zinggl

Sanft streicht sie mit der Hand über die Papierbeine ihrer Patientinnen. "Meine Kinder", sagt sie und lächelt zufrieden. Dann notiert sie ein paar Zeilen auf ein Etikett und bindet dieses an die Puppenfüße. "Die Krankenakte", sagt sie. Diese Beziehung ist eine sonderbare, wenngleich sehr liebevolle, denn die Zuneigung und Liebe, die Dona Cutileira diesen leblosen Körpern entgegenbringt, verrät bereits, dass es sich hierbei um kein normales Geschäft handelt.

Das Lissabonner Puppenspital ist eines jener alten Etablissements, die die Stadt zu jenem pittoresken Schmuckkästchen machen, für das es weltweit geschätzt wird. Traditionsläden boomen in Lissabon nicht, sie überlebten lediglich und wurden mit Hilfe von Mäzenen, Sozialunternehmern, Tourismusbehörden und zahlreichen Besuchern revitalisiert.

Mitunter verfolgen sie seit Jahrhunderten ein einziges Kunsthandwerk, bearbeiten und verkaufen ein spezielles Nischenprodukt. In Lissabon gibt es davon eine ganze Reihe: Feinbäckereien, Geschäfte die ausschließlich Konserven, Kaffee, Kerzen, Handschuhe, Sauerkirschlikör oder Messingbeschläge anbieten - und eben das Puppenspital.

Seit knapp zweihundert Jahren werden in diesem Gebäude die zerbrochenen Kindheitserinnerungen von Puppenliebhabern repariert, oder geheilt, wie man hier sagt. Ob die Sehnsucht nach alten Dingen etwas mit Portugals Saudade, der bekannten stadteigenen Melancholie, zu tun hat?

Puppenärztinnen

"Es geht darum, die Seelen wieder zu beleben", sagt Dona Cu-
tileira. Sorgsam packt sie die Puppen zurück in die Schuhschachtel und steigt über eine knarrende Holztreppe von der "Notaufnahme" im Erdgeschoß in das eigentliche Spital, einen Stock höher.

Dort, in einem geräumigen Atelier, sitzt Ermelinda Francisco an einem Arbeitstisch, voll mit kleinen Behältern, in denen sich Werkzeuge und Materialien tummeln: Garne, Stricke, Maschen, Knöpfe und Glitter. Die ehemalige Schneiderin ist eine von Dona Cutileiras sechs treuen Mitarbeiterinnen und zupft als Puppenärztin gerade an einer Patientin herum. Es sieht nach einer Armtransplantation aus. Kurz besprechen die beiden Damen den Fall der zwei neuen Schuhschachtelpuppen, ehe die Krankenhausdirektorin sich wieder zu Wort meldet. "Das ist weder Quantenphysik, noch ein Geheimnis", sagt sie. "Jeder, der etwas im Kopf hat, kann das lernen und machen." "Sofern man noch einen Kopf hat", denke ich. "Mit ein bisschen Vorstellungsvermögen und Geduld klappt das schon", setzt Dona Cutileira fort.

Diese Dame als humorlos zu bezeichnen, wäre übertrieben und respektlos, aber zugegeben, sie ist nur schwer zu erheitern. Dafür ist sie routiniert und hoch professionell. Als sie meine Schwäche der portugiesischen Sprache erkennt, wechselt sie sofort in fließendes Französisch über und erzählt mir jene Geschichten, die sie schon hunderte Male zuvor erzählt hat. Journalisten aus aller Welt betraten in den vergangenen 25 Jahren ihren Laden, um ein Interview mit der "eisernen Puppenlady" zu bekommen. Wie Trophäen hängen Zeitungsartikel in dutzenden Sprachen an den Wänden.

Stellagen als Betten

Mit einer Engelsgeduld führt sie mich durch das Labyrinth im ersten Stock, das früher einmal eine Schule war. Die eine Hälfte der ehemaligen Klassenzimmer dient heute als das eigentliche Spital. Hier werden abgerissene Wimpern wieder eingesetzt, eingedrückte Augen zurechtgerückt, zertrümmerte Köpfe ausgewechselt, Hände angenäht, gebrochene Gliedmaßen ausgetauscht, zerbrochene Gesichter geklebt.

Schnipseln, schneidern, stecken, malen, kleben, knüpfen. Es gibt kaum etwas, was die Puppenärztinnen nicht wieder hinbekommen. "Am schwierigsten zu reparieren sind die deutschen Cellu-
loid-Puppen", sagt Puppenärztin Ermelinda Francisco. "Da müssen wir die oft sehr teuren Ersatzteile bestellen, denn das Material ist nach einiger Zeit so fragil, dass man es nicht mehr reparieren kann."