In qualvoller Langsamkeit wächst der Knochen des Beines Millimeter für Millimeter. - © Evelyn Dragan
In qualvoller Langsamkeit wächst der Knochen des Beines Millimeter für Millimeter. - © Evelyn Dragan

Bevor alles beginnt, der Traum sich endlich der Wirklichkeit nähert, braucht er eine Lüge. Einen Tag und eine Nacht ist er unterwegs. Beruflich. Für seine Frau. Es soll jetzt keine Fragen mehr geben, die sie ihm stellen könnte, wenn sie von seinem Vorhaben wüsste. Nichts soll es mehr ins Wanken bringen. Fünfzehn Jahre hat er darauf hinstudiert, hinpromoviert, hingearbeitet, hingespart. Auf diese OP. Fünfzehn Jahre hat das Wissen darum, dass er irgendwann diese OP wird machen lassen, sobald er das Geld dafür zusammen hat, die Dämonen in seinem Kopf besänftigt, in besten Fällen, an manchen Tagen, zum Schweigen gebracht.

Tatsächlich ist Marcel D., Mitte Dreißig, nicht beruflich unterwegs, nimmt einen Tag Urlaub, fährt stattdessen zu Dr. Betz, den sie in den Foren, die er besuchte, King Betz nennen, Betzi oder den Besten, den es gibt auf der Welt.

Marcel D. sitzt im Auto, das Radio läuft, Musik, Nachrichten, Musik, vier Stunden Fahrt, A81, A8, A65, asphaltierte Monotonie. Als er ankommt, Diakonieklinikum, achtgeschossig am Rande von Neunkirchen, einer schlichten Stadt im Osten des Saarlandes, fühlt er Erleichterung. Er nimmt die Treppe, schlank und trainiert schon immer, bis hinauf in den fünften Stock, den Dr. Betz angemietet hat für seine Räumlichkeiten. Auf der Eingangstür aus Glas in weißer Schrift und Großbuchstaben: BETZ-INSTITUTE. REACH NEW HEIGHTS.

Erfahrener Beinverlängerer: der Arzt Augustin Betz. - © Evelyn Dragan
Erfahrener Beinverlängerer: der Arzt Augustin Betz. - © Evelyn Dragan

Zu klein

Sie kommen aus der ganzen Welt. Zu drei Vierteln Männer, die alle derselbe Wunsch eint: größer zu werden, weil sie sich zu klein fühlen, um glücklich zu sein oder zumindest zufrieden. Zu klein, um erfolgreich zu sein oder für den Erfolg respektiert zu werden. Zu klein, um Beschützer zu sein. Genau die richtige Größe haben, um übersehen zu werden. Oder alles zusammen. Die meisten Männer, die ihren Weg zu Dr. Betz suchen, sind zwischen 1,58 Meter und 1,74 Meter groß.

Marcel D. misst 1,69 Meter, als er zum Erstgespräch mit Prof. Dr. Dr. Betz ankommt. Augustin Betz, ein Mann von 65 Jahren, der seit 1994 Menschen verlängert, sehnige Arme, lichtes, weißes Haar, blaue Augen, 1,79 Meter groß, begrüßt Marcel D. mit festem Händedruck. Mit der Linken klopft er dazu leicht auf den Oberarm des Patienten. Stets spricht er ruhig und mit dem weichen, singenden Dialekt des Saarlandes. Alles von ihm klingt wie gesprochenes Zunicken, wie ein Stoßdämpfer für harte Wahrheiten. Wie jene, dass man nach einer Verlängerung zunächst einmal große Schmerzen zu erwarten hat.

Schön, dass wir uns jetzt mal persönlich sehen. Ihre Frau weiß nicht, dass Sie hier sind? Kein Problem. Das kenne ich. Aber Sie sollten sie irgendwann einweihen. In Betz’ Büro stehen neben dem Schreibtisch Podeste, fünf Zentimeter hoch, acht, zehn. Marcel D. solle sich jetzt bitte mal, ohne die Schuhe mit der dicken Sohle, auf jenes stellen, das sein Ziel ist. Er stellt sich auf die acht Zentimeter. Wie fühlt es sich an? Gut. Sehr gut. Ein Gefühl, das er nur von Fotos kennt, bei denen er sich immer auf die Zehenspitzen stellt.

Es begann bei Marcel D. mit dem Ende der Pubertät. Da wurde ihm bewusst, dass er nicht mehr weiter wächst. Immer hatte er bis dahin gehofft, dass es noch einen Schub geben würde, der ihn nach oben bringt. Aber er blieb der Kleine, der er immer war. Kleiner als seine Schulkameraden. Kleiner als seine kleine Schwester. Besonders schlimm, sagt Marcel D., war die Tatsache, dass ich mich innerlich nicht so klein gefühlt habe wie ich äußerlich war.

Ich war kein schüchterner Junge, den man ständig gehänselt und verprügelt hat. Hatte Freunde. Konnte mich immer behaupten, mit Worten und auch mit Fäusten. Auch die Mädchen hatten eigentlich selten ein Problem mit meiner Größe. Aber ich mit ihrer. Bis heute hätte ich nie mit einer zusammen sein können, die größer gewesen wäre als ich. Seine Figur hat man ja in der eigenen Hand. Aber Größe kann man nicht beeinflussen. Das führte zu einem Krieg in mir, der immer schlimmer wurde.

Harter Eingriff

Sie müssen sich auf eine schwere Zeit einstellen, sagt Dr. Betz, wenn Sie sich dafür entscheiden. Das ist der härteste Eingriff, den es in der plastischen Chirurgie gibt. Aber ich habe das schon über zweitausendmal gemacht in den letzten zweiundzwanzig Jahren. Sie können sich darauf verlassen, dass wir hier unser Handwerk verstehen. Nur, bitte, tun Sie mir den Gefallen und hören Sie nicht auf bei fünf Zentimetern. Ziehen Sie es durch bis zu Ihrer Wunschgröße. Auch wenn Sie aufhören möchten. Sie werden es bereuen, diese Qual auf sich genommen zu haben und mittendrin dann aufzugeben. Nein, nein, keine Sorge. Marcel D. lächelt. Ich zieh das durch. Das ist schließlich mein großer Lebenstraum. Das ist gut, sagt Dr. Betz. Wir hatten ja besprochen, dass Sie sich noch mit Patienten unterhalten können, die die OP schon hinter sich haben. Meine Assistentin würde sie Ihnen vorstellen, wenn das okay ist. Und wir sehen uns dann vielleicht bald wieder.

Als Marcel D. aus dem Büro ist, sagt Dr. Betz: Mit meinem Skalpell kann ich psychische Probleme vielleicht manchmal besser lösen als ein Psychologe. Denn meine Patienten leiden ja sehr unter ihrer geringen Größe. Das Leben ist anstrengender, wenn man klein ist. Vor allem für Männer.